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Leben

Bademode jenseits Größe 40

Bikinis aus alten Fischernetzen? Junge Start-ups machen das. Doch können sie auch jenseits Kleidergröße 40? – Ein Selbsttest.

25.06.2020 vonGabriele Augenstein

Bikinis aus alten Fischernetzen? Junge Start-ups machen das. Doch können sie auch jenseits Kleidergröße 40? – Ein Selbsttest.

Kennt ihr Celeste Barber? Die australische Komikerin und Mutter hat sieben Millionen Fans auf Instagram und stellt dort die Selbstinszenierungen weiblicher Promis nach – mit viel Humor und wahrem Heldinnenmut fürs Unperfekte. Ihre Videobotschafen sind Parodien auf die weibliche Perfektion, schreiend komisch und sehr befreiend. Denn wer bitte schön von uns, ist denn perfekt? Ich jedenfalls nicht. Dennoch stelle ich mir fast jeden Sommer die leidige Frage: Gibt es einen Bikini, der mir steht? Dieses Jahr möchte ich, dass eines der jungen Start-ups der Bademode-Szene mir diese Frage positiv beantwortet. Denn mittlerweile gibt es wirklich viele Hersteller, die nachhaltige Badeanzüge und Bikins produzieren. Viele verwenden eine Faser namens Econyl, die aus alten Fischernetzen, Plastikflaschen oder Teppichresten recycelt wird. Der Hersteller Inaska etwa sagt: „Durch die Verwendung der Faser Econyl werden je 10.000 Tonnen Rohstoff 70.000 Tonnen Fässer Rohöl gespart. Das bedeutet eine Einsparung von 57.100 Tonnen CO₂-Emissionen. Der Treibhauseffekt gegenüber herkömmlichen Nylon ist somit bis zu 80 Prozent geringer.“ Kurz gesagt: besser fürs Klima.

Nachhaltige Herstellung von Bademode

Viele dieser Firmen produzieren in Deutschland oder im europäischen Ausland und achten auf hohe Sozialstandards. Die Firma Bleed etwa sagt: „Von der Materialgewinnung bis zur Konfektion findet alles in europäischer Produktion statt. Hohe soziale und ökologische Standards werden streng kontrolliert, eine nachhaltige Ausrichtung aller beteiligten Unternehmen ist selbstverständlich.“ Und Frija Omina produziert „Fair Fashion on Demand“: Um Überschüsse zu vermeiden, beginnen sie mit dem Schneiden und Nähen erst, wenn die Bestellung eingegangen ist. Einige Hersteller spenden einen Teil ihrer Einnahmen zusätzlich zum Schutz der Meere. All das gefällt mir und ich klicke mich auf der Suche nach einem Bikini für meine durchtrainierten 40 plus – Lebensjahre und Kleidergröße – durch die diversen Onlineshops der Anbieter.

Nette Modelle, schlank, rank, jung. Leider passt fast alles, was ich sehe, nicht so recht zu mir und meinen Formen, das sehe ich auf den ersten Blick. Schließlich sammelt frau im Laufe der Jahre in der rauen Welt der Umkleidekabinen Erfahrung. Damit Sie keine falschen Schlüsse ziehen: Dass meine Bikinifigur nicht werbeblitzlichtmäßig makellos ist, ist ganz okay, nicht weiter schlimm, höchstens etwas unschmeichelhaft fürs Ego. Und zum Glück habe ich schon vor Jahren den wunderbaren Dokumentarfilm „Embrace“ gesehen, der sich mit dem Schönheitsideal der Frau in der westlichen Welt auseinandersetzt. Das hat mich deutlich gnädiger gemacht, war eine Superwaffe gegen vernichtend-kritische Blicke. Vielleicht gerade deshalb sind meine Ansprüche bei Bademode einigermaßen hoch. Sind die Kurven nicht perfekt, ist das eine Sache. Aber die Hüllen sollen stimmen. Ein Bikini muss sitzen. Da darf nichts rutschen, quetschen oder quellen. Einmal gut verpacken, bitte! Das muss doch möglich sein.

Und lassen Sie uns über Körbchengröße sprechen! Natürlich können A oder B über den Hals gehalten werden – ich finde auch, dass Neckholder-Oberteile wirklich hübsch aussehen. Aber spätestens ab Körbchengröße C geht das nicht mehr. Derart gut ausgestattet wäre die vergleichsweise zarte Halswirbelsäule einfach überlastet mit dem Gewicht. Da sind Rückenschmerzen garantiert. Ein Oberteil muss einfach anders geschnitten sein. Hilft nichts, mehr Rundung braucht mehr Schneiderkunst. Wo bitteschön sind die nachhaltigen Bademodehersteller, die das drauf haben?

Ausgediehnte Fischernetze liefern den Rohstoff für nachhaltige Bademode.

Beim Bikini zählt jeder Millimeter

Just in dem Moment blinkt eine Nachricht in meinen E-Mail-Eingang: „Nachhaltige Bademode für starke Frauen“ – ich jubiliere! Und lese, dass die Firma Ipanii sich darauf spezialisiert hat, Bademode zu kreieren für Frauen mit und ohne Brust, also auch für Frauen, die eine Brust-Amputation hatten. Die Modelle sehen richtig gut aus. Ich bin ganz happy, hier fündig zu werden. Schließlich ist ein Bikini nicht irgendein Kleidungsstück, sondern dasjenige, mit dem wenigsten Stoff, mit dem wir uns in der Öffentlichkeit bewegen. Und bei so wenig Stoff, zählt einfach jedes winzige Detail, jeder Millimeter hat Funktion, ist nicht beliebig, sondern entscheidet, ob wir uns wohl fühlen oder halb nackt. Zum Glück finde ich noch einen weiteren Hersteller, dessen Webauftritt Kompetenz für weibliche Formen vermuten lässt: die Firma Inaska. In ihrem Online-Shop geben sie in einer Tabelle Zentimeterumfänge und Konfektionsgrößen von Brust, Unterbrust, Hüfte und Po an. Da nehme ich mal meine Maße und stelle fest: Voll in der Norm, wie schön! Außerdem empfiehlt Inaska ab Körbchengröße C das „Wild Top“ mit Band unter der Brust. Das lässt mich hoffen!

Ich bestelle bei beiden Firmen und warte gespannt, aber nicht allzu hoffnungsvoll auf die Päckchen. Normalerweise bestelle ich Kleidung nicht online, sehe das eher kritisch, nicht zuletzt wegen der sinnlosen Retouren. Aber heute will ich mal nicht so sein! Nach ein paar Tagen kommen sie. Und ausgepackt: Wer hätte das gedacht, dass sich Teppichreste und alte Fischernetze so wunderbar glatt und weich anfühlen! Es lebe das Recycling! Farben und Muster gefallen mir, die Verarbeitung ist sehr solide, alles sauber genäht. Doch ob die Dinger passen? – Ja, sieht gut aus! Den Bikini behalte ich. Und wäre ich noch etwas mutiger, hätte ich zum Beweis fürs Foto gepost. Hab ich aber nicht. Eindeutig mehr Mumm hat da: Celeste Barber.

Einige Hersteller nachhaltiger Bademode:

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