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Aikido

Angriff ist die beste Verteidigung. Dieses Prinzip, das für so manche Kampfsportart gilt, ist dem Aikido völlig fremd. Zwar zählt die japanische Kunst der Selbstverteidigung zu den asiatischen Kampfsportarten.
01.09.2000
Angriff ist die beste Verteidigung. Dieses Prinzip, das für so manche Kampfsportart gilt, ist dem Aikido völlig fremd. Zwar zählt die japanische Kunst der Selbstverteidigung zu den asiatischen Kampfsportarten.

Kampf ohne Sieger

Angriff ist die beste Verteidigung. Dieses Prinzip, das für so manche Kampfsportart gilt, ist dem Aikido völlig fremd. Zwar zählt die japanische Kunst der Selbstverteidigung zu den asiatischen Kampfsportarten. Doch die fließenden, harmonischen Bewegungen des Aikido unterscheiden sich sowohl im körperlichen Ausdruck wie in den geistigen Grundlagen von Karate, Judo oder Tai Chi.

er „harmonische Weg der geistigen Kraft“, wie Aikido übersetzt werden kann, ist von seiner Philosophie her defensiv. Das Wesen des Aikido beruht auf einem disziplinierten Willen als lenkender Kraft (Ki). Sie ermöglicht es, Gedanken und Handlungen in Harmonie (Ai) zu koordinieren. Um diesen Weg (Do) zu erleichtern, werden - ähnlich wie bei den Zen-Praktiken - Körperhaltungen und innere Einstellungen trainiert. Dies spiegelt sich in den Bewegungen. Sie sind eher weich und basieren auf spiralförmigen Techniken. Ein weiteres Indiz für den friedlichen Charakter der Kampfkunst: ihr Ziel ist Aikido nicht nur körperliche Ertüchtigung, sondern darüber hinaus die geistige Weiterentwicklung.

Der geistige Zweck der Übungen: die Harmonie in sich selbst finden

Begründet wurde Aikido Anfang des 20. Jahrhunderts von dem Japaner Morihei Ueshiba (1883 - 1969). Er entstammte einer Samurai-Familie und wurde so erzogen, wie es sich für einen japanischen Ritter geziemte: im Geiste des Buddhismus und nach den Regeln des Bushido, des Ehrenkodex der Samurai.

Als junger Mann begann Ueshiba, sich intensiv mit den Kampf- und Selbstverteidigungskünsten des Budo, des „Wegs des Ritters“, zu beschäftigen. Unter anderem mit verschiedenen Stilrichtungen des Jiu-Jitsu, mit Speerfechten und Schwertkampf. Auslöser für dieses Interesse war - so wird überliefert -, dass Ueshiba einmal untätig mit ansehen musste, wie sein Vater von einigen Männern verprügelt wurde. Daraufhin beschloss der Sohn, seinen Körper so zu trainieren, dass er alle Gegner besiegen könne.

1918 kam Ueshiba in Kontakt mit der Omotokyo-Religion, deren Grundsatz von menschlicher Güte, Liebe und Toleranz ihn faszinierte und prägte. Er begann zu meditieren und sich mit dem Holzschwert zu üben, um dabei die Antwort auf die Frage zu finden, die ihn seit langem beschäftigte: Was ist das eigentliche Wesen des Budo?

Die Erleuchtung kam ihm ein Jahr später während einer Auseinandersetzung, wie sein Sohn Kisshomaru Ueshiba berichtet: Das wahre Budo hieß für den „Meister“ fortan nicht, den Gegner durch Gewalt zu schlagen oder die Welt durch Waffengewalt zu zerstören. Es bestand für ihn vielmehr darin, einen universellen Geist der Liebe zu entwickeln, den Frieden in der Welt zu erhalten und allem zur natürlichen Reife zu verhelfen.

Das Prinzip jeder wertvollen Kampf- und Kriegskunst war für Ueshiba deshalb die schützende Liebe und die Verantwortung für alle Lebewesen. Ausgehend von dieser Erkenntnis begann er nun, die Techniken des Aikido zu entwickeln. Dabei verwendete er Elemente des Jiu-Jitsu und des japanischen Stock- und Schwertkampfes.

Typisch für Aikido sind die kreisrunden oder spiralförmigen Techniken, mit denen der Verteidiger die Angriffsenergie des Gegners aufnimmt, sie für sich nutzbar macht und verstärkt auf den Angreifer zurückführt. Das Bewegungsprinzip, bei dem der Verteidiger dazu aus der Aktionslinie des Angreifers heraustritt, heißt „Tenkan“. Ein anderes Bewegungsprinzip, bei dem der Verteidiger geradlinig in den Aktionskreis des Gegners eintritt und dessen Angriffskraft aufnimmt, bevor sie sich ganz entwi-

ckelt hat, heißt „Irimi“. Aus den Bewegungsprinzipien ergeben sich die verschiedenen Wurftechniken. Mit Hebel- und Haltegriffen wird der Angreifer anschließend kontrolliert.

Mit seinen eher weichen, fließenden und harmonischen Bewegungen unterscheidet sich Aikido deutlich von anderen Kampfsportarten. So hat z.B. beim Karate jede Bewegung einen klar definierten Anfangs- und einen Endpunkt, was die Bewegungen hart wirken lässt. So mancher hat schon von einer anderen Budo-Sportart zum Aikido gewechselt, weil seine Gelenke unter diesen harten Bewegungen litten.

Obwohl Würfe, Fallschule, Hebel- und Haltegriffe im Aikido wie in allen Kampfsportarten regelmäßig trainiert werden müssen, seien es nicht die reinen Techniken, die Aikido ausmachen, sagt Stefan Zöllner, Aikido-Lehrer in einem Verein in Leverkusen: „Aikido benutzt Techniken, um Prinzipien zu verdeutlichen. Prinzipien des Aikido sind z.B. das Ausweichen oder das direkte Eintreten, also Tenkan und Irimi, die Kontrolle des Gleichgewichts oder das Umlenken der Angriffsenergie. Alles, was dem folgt, ist Aikido.“ Deswegen sind verschiedene Ausrichtungen dieser Kampfkunst möglich. Das „einzig richtige Aikido“ gebe es nicht, so Zöllner.

Auch Ueshiba hat seine Methode im Laufe der Zeit weiter entwickelt und verschiedene Schwerpunkte gesetzt. So hat er in einer seiner Lehr- und Trainingsstätten ein waffenloses Aikido unterrichtet, in der anderen seinen Schülern zusätzlich Waffentechniken vermittelt. Der sich daraus ergebende Streit unter den Schülern, ob Waffen nun dazu gehören oder ob Aikido waffenfrei sein sollte, ist bis heute nicht gelöst. Einer der deutschen Aikido-Fachverbände beispielsweise räumt den Waffentechniken einen nur geringen Stellenwert ein. Vereine anderer deutscher Verbände trainieren sie regelmäßig vor dem Hintergrund, dass sich Aikido von den Schwerttechniken ableitet. ‘

‘ Ueshiba hat seine Methode auch nie schriftlich festgelegt. Erst seine Schüler begannen, Lehrbücher zu schreiben. Diskussionen über die richtige Methode sind also vorprogrammiert. Zugleich erhalten sie diese Kampfkunst lebendig.

Auch im Alltag nützlich:Den Konflikt lösen, bevor ersich voll entfaltet hat –

Über das Wesentliche ist man sich allerdings weltweit einig: So kann der Verteidiger nur reagieren, denn die Techniken sind rein defensiv ausgerichtet. Dazu muss er abwarten, bis der richtige Zeitpunkt zum Handeln gekommen ist. Wichtig sind deshalb neben dem reinen Techniktraining Übungen, mit denen man lernt, den eigenen Körper zu zentrieren, sein Gleichgewicht zu finden oder die Atemkraft zu entwickeln.

Das defensive Prinzip des Aikido setzt bei den Aikidoka, wie die Ausübenden genannt werden, eine Einstellung voraus, die nicht auf Konfrontation, Konflikt oder Wettkampf aus ist. Ziel ist nicht, den Gegner zu besiegen oder gar zu vernichten, denn daraus ergäbe sich nur weitere Aggression. Ziel ist, die Gegnerschaft aufzuheben und gemeinsam zu beenden, „was im Gegensatz begann“, wie es Rolf Brand in seinem Buch „Aikido“ formuliert. Brand, Ehrenpräsident des Deutschen Aikido-Bundes, bezeichnet Aikido auch als Methode des „Führens durch Ergänzung“.

Im Mittelpunkt von Aikido steht deshalb die Lehre von der Urkraft Ki. Erst wer Ki verinnerlicht hat, ist in der Lage, die aggressive Kraft des Angreifers zu lenken und den Konflikt zu lösen, bevor er sich voll entfaltet hat - eine ideale Strategie, um auch Konflikte im Alltag anzugehen. Selbstverteidigung bekommt so einen ganz neuen Aspekt.

Wie effektiv aber ist Aikido, wenn es um Selbstverteidigung im handgreiflichen Sinne geht? Wenn ich auf der Straße angegriffen werde und mich wehren muss? Die Antwort von Jörg Bernsdorf vom Aikido-Dojo ShoShin in Nürnberg fällt zurückhaltend aus. „Aikido ist eine sehr wirkungsvolle Art der Selbstverteidigung, aber es ist kein System von bestimmten Techniken gegen bestimmte Angriffe - erst recht keines, das sich innerhalb von ein paar Monaten erlernen ließe.“ Ähnlich sieht es Stefan Zöllner: Nach anderthalb Jahren Karate sei man in puncto Selbstverteidigung sicherlich besser gestellt als nach derselben Zeit Aikido. Schließlich sei Selbstverteidigung nicht das Ziel, sondern „integraler Bestandteil des Aikido.“ Was das genau heißt? Das muss jeder für sich selbst ausprobieren, schließlich will Aikido nicht studiert, sondern „begriffen“ werden.

Dagmar Wolf


Adressen und Internet

  • www.aikido.de
    (Website mit ausführlichen, verbandsunabhängigen Informationen inklusive vieler Links)
  • Deutscher Aikido-Bund e.V.
    Dr. Barbara Oettinger (Präsidentin)
    Stuttgarter Str. 32, 73547 Lorch
    praesident@aikido-bund.de
    Homepage: www.aikido-bund.de
  • Aikikai Deutschland - Fachverband für Aikido e.V. Geschäftstelle
    Friedhofstr. 1, 94234 Viechtach
    Homepage: www.aikikai.de
  • Freie Deutsche Aikidovereinigung
    Oliver Schröter/Geschäftsstelle
    Rothenberger Str. 17, 67731 Otterbach

Buch-Tipps:

  • André Protin:
    Aikido. Die Kampfkunst ohne Gewalt: ein Weg der Selbstfindung und Lebensführung.
    Kösel-Verlag, ISBN 3-466-34092-6, DM 39,80
  • André Kraus, Winfried Wagner:
    Aikido. Die elegante Bewegungskunst.
    Sportverlag Berlin, ISBN 3-328-00824-1, DM 29,80
  • Rolf Brand: Aikido. Lehren und Techniken des harmonischen Weges.
    Falken-Verlag, ISBN 3-8068-2120-8, DM 24,80
  • Wolfgang Weinmann:
    Das Kampfsport Lexikon von Aikido bis Zen.
    Verlag Weinmann, ISBN 3-87892-044-X, DM 26,80
  • Kisshomaru Ueshiba: Der Geist des Aikido.
    Werner Kristkeitz Verlag,
    ISBN 3-921508-37-1, DM 28,-

Kleines Lexikon der Kampfkunst

Arnis - philippinische Kunst des Stockfechtens zur Selbstverteidigung

Budo - Oberbegriff für die japanischen Kampf- und Kriegskünste

Jiu-Jitsu - traditionsreiches japanisches Selbstverteidigungs-System, das die Kampftechniken der Samurai ergänzte, 1905 in Deutschland eingeführt

Judo - Ende des 19. Jahrhunderts von dem Japaner Jogoro Kano entwickelte Zweikampfsportart, seit 1964 olympische Disziplin

Ju-Jutsu - 1969 in Deutschland zusammengestelltes Selbstverteidigungs-System, basiert auf Techniken des Judo, Karate, Aikido und des Boxens

Karate - Anfang des 20. Jahrhunderts in Japan entwickelte Kampsportart mit Fuß- und Schlagtechniken, die auf alten chinesischen und japanischen Kampfpraktiken und Übungen zur Körperertüchtigung basiert, seit 1970 Weltmeisterschaften

Kendo - japanische Stock- und Schwertfechtkunst, als sportlicher Zweikampf moderne Weiterentwicklung des kriegerischen Schwertkampfes

Kung-Fu - in Europa verwendete Bezeichnung für die chinesischen Kampfkünste und Übungen zur Körperertüchtigung, in China „Wushu“, Kriegskunst, genannt

Kyudo - japanische Kunst des Bogenschießens, ursprünglich eine Kriegskunst, heute als „Kampf gegen sich selbst“ verstanden, der innere Ruhe und Ausgeglichenheit erfordert

Qigong - chinesische (Atem-)Übungen, um die innere Kraft und Gesundheit zu fördern

Taekwondo - koreanische Kampfsportart mit Hand- und Fußtechniken, die Sportler tragen Kopfschutz und Schutzweste

Tai-Chi(-chuan) - „Schattenboxen“, alte chinesische Kampfkunst, die schon im Mittelalter den Schwerpunkt Gesundheitserhaltung beinhaltete, der heute im Vordergrund steht

Zen - Versenkung und Meditation, die zur Erleuchtung im buddhistischen Sinne führen soll

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