Jeden Tag eine gute Entscheidung. Für eine bessere Welt. Für uns alle.
Essen

Jetzt Tomaten kaufen?

Da greifen wir das ganze Jahr gerne zu. Aber gut ist das nicht. Woher die Tomaten in unseren Läden jetzt kommen und wie sie angebaut werden, lest ihr hier.

05.04.2020 vonLeo Frühschütz

Den schönsten Namen haben ihr die Österreicher gegeben. Paradeiser heißt die Tomate dort – die Frucht aus dem Paradies: saftig, säuerlich-süß im Geschmack, unbeschreiblich aromatisch und verführerisch schön. Weil sie so lecker sind, essen die Deutschen das ganze Jahr über Tomaten, insgesamt 27 Kilogramm pro Kopf. Davon ein Drittel als frische Früchte, die es längst zu jeder Jahreszeit gibt, selbst im tiefsten Winter. Doch woher kommen Tomaten dann? Und was für einen ökologischen und sozialen Rucksack bringen sie als Gepäck mit?

Woher kommen Tomaten im Winter?

In der kalten Jahreshälfte kommen die meisten Tomaten aus Südspanien. Sie werden dort vor allem in der Provinz Almeria unter Folien angebaut, zu günstigeren Preisen, als das Gärtner in Deutschland je könnten. Der Preisunterschied lässt sich leicht erklären: viel Sonne, niedrige Löhne.

Arbeitsbedingungen in Spanien

Die südspanischen Gemüseanbauer stützen sich auf billige Arbeitsmigranten aus Rumänien und Westafrika. Die Arbeitsbedingungen sind zwar gesetzlich geregelt, doch eingehalten werden sie oft nicht. „Die Arbeiter haben dann einen Vertrag, etwa über 30 Stunden die Woche, arbeiten tatsächlich aber doppelt so viel fürs gleiche Geld“, beschreibt Christian Kaufmann ein häufiges Vorgehen. Kaufmann ist Geschäftsführer von Schramm Naturkost. Das Unternehmen gehört mehreren regionalen Bio-Großhändlern und versorgt diese mit Obst und Gemüse, insbesondere aus Spanien und Frankreich.

Bei Bio-Erzeugern sieht er die Gefahr solcher Lohndrückerei als geringer an, da die Betriebe und Strukturen überschaubarer seien und besser kontrolliert würden. Doch auch hier gab es immer wieder Skandalmeldungen.

Schramm Naturkost lässt deshalb seine Hauptlieferanten von Ecovalia zertifizieren, einer spanischen Kontrollstelle, die sich auf Sozial- und Umweltstandards spezialisiert hat. „Deren Kontrolleure schauen sich nicht nur die Papiere und die Kontoauszüge genau an, sondern sie interviewen auch die Mitarbeiter, ohne dass jemand vom Unternehmen dabei ist“, beschreibt Christian Kaufmann die Arbeit von Ecovalia.

Große Beanstandungen gab es bisher kaum. Das liege auch daran, dass Schramm Naturkost seine Lieferanten einzeln aussuche und mit eigenen Fachleuten in Spanien vertreten sei, erklärt Kaufmann: „Wir kennen die Betriebe und wissen, woher unser Obst und Gemüse kommen.“ Vergleichbare Kontrollen wie bei Schramm Naturkost gibt es auch vom Bio-Anbauverband Naturland.

Zahlen & Fakten rund um Tomaten

  • Die Tomate stammt aus Süd- und Mittelamerika und kam im 16. Jahrhundert nach Europa, zuerst als Zierpflanze. Erst im 18. Jahrhundert setzte sie sich auch als Nahrungsmittel durch.
  • Heute werden weltweit rund 180 Millionen Tonnen Tomaten geerntet, ein Drittel davon in China. Die EU kommt auf 18 Millionen Tonnen, zwei Drittel davon entfallen auf Spanien und Italien. Deutsche Anbauer hatten 2018 lediglich 103 000 Tonnen geerntet. Davon war jede zehnte Tomate bio.
  • Der geringen Tomaten-Ernte in Deutschland steht ein Verbrauch von rund zwei Millionen Tonnen Tomaten gegenüber. Die meisten konventionellen Importe kommen aus den Niederlanden, bei Bio liegt Spanien vorne.

Wasserverbrauch beim Tomatenanbau

Neben den Arbeitsbedingungen ist die Wasserversorgung das zweite große Thema in Südspanien. Viel Sonne heißt auch wenig Regen. Mit dem Gemüseanbau hat der Wasserverbrauch drastisch zugenommen. Der Grundwasserspiegel sinkt dramatisch, die Zahl der illegal gebohrten Bewässerungsbrunnen geht in die Zigtausende. „Unsere Qualitätssicherung prüft bei den Betrieben, ob sie Genehmigungen für ihre Brunnen haben und wie der Wasserbedarf verringert werden kann“, sagt Christian Kaufmann. Auch Naturland macht Vorgaben für die Wasserversorgung. Arbeitsbedingungen und Wasserverbrauch sind auch bei süditalienischen Tomaten die wesentlichen Probleme. Früchte aus Italien stehen bei den Bio-Importen an zweiter Stelle nach Spanien.

Ein Großteil der Tomaten kommt aus Gewächshäusern.

Gewächshausheizung kostet Energie

Besser schneiden Tomaten aus Almeria oder Sizilien bei der Klimabilanz ab, denn sie brauchen keine Heizung. „Die Klimaauswirkungen der Gewächshausheizung in den kalten Monaten fallen viel mehr ins Gewicht als die Transporte aus den untersuchten Ländern“, heißt es in einer Studie der Hochschule Zürich.

Klimatechnisch gesehen sind Tomaten aus den Niederlanden oder aus Deutschland im Februar also keine Alternative zu spanischen. Deshalb spielen sie im Bio-Laden in der kalten Jahreszeit keine Rolle.

Gewächshäuser werden auch im Frühling geheizt

Doch auch die ersten niederländischen und deutschen Tomaten, die Anfang April beziehungsweise ab Anfang Mai in die Bio-Läden kommen, haben vorher ordentlich Energie verbraucht. Denn die Pflanzen für diese frühe Ernte kommen Ende Januar in den Boden und brauchen es dann warm.

Zuvor mussten die Gärtner schon das Anzuchthaus beheizen, um aus den Samen die jungen Tomatenpflanzen zu ziehen. Das erlauben auch die Richtlinien der Bio-Verbände wie Bioland und Naturland. Denn ansonsten könnten deren Bio-Gärtner Tomaten nur in unbeheizten Folientunneln anbauen, was erst ein paar Monate später möglich ist. Klimatechnisch wäre das, wie alle Öko-Bilanzen zeigen, die günstigste Lösung.

Saison für unbeheizte Tomaten

Unter unbeheizten Folientunneln angebaute deutsche Tomaten gibt es von Mitte Juli bis Mitte September – allerdings nur in geringen Mengen, weil der Anbau nicht so rentabel ist.

Tomaten aus beheizten Gewächshäusern kann Norbert Schick, der beim norddeutschen Bio-Großhändler Grell Naturkost den Obst- und Gemüseinkauf leitet, ab April aus Mitteleuropa und ab Mai aus Schleswig-Holstein anbieten. „Die deutschen Tomaten reichen uns inzwischen bis Ende September, ohne dass wir etwas importieren müssen“, sagt er. Kurze Transportwege und regionaler Anbau rechtfertigen für ihn die Heizung im Gewächshaus, zumal sie in den Sommermonaten kaum benötigt wird. Erst im November muss der Einkäufer wieder ganz auf spanische Tomaten setzen.

Bio-Gewächshäuser im großen Stil

In den vergangenen Jahren sind am Bodensee und in Norddeutschland einige mehrere Hektar große Bio-Gewächshäuser entstanden, in denen nach den Standards von Bioland oder Naturland Tomaten, Gurken und Paprika gezogen werden. Beheizt werden sie meist mit der Abwärme bestehender Biogasanlagen. Damit sind diese Anlagen weitaus klimaverträglicher als Gewächshäuser, die mit Öl oder Gas beheizt werden.

Auch Norbert Schick bekommt Strauchtomaten von einem dieser Unternehmen, dem Bioland-Betrieb Westhof. „Es braucht auch für die Versorgung des Bio-Fachhandels solche großen Strukturen“, sagt er. Daneben kauft er bei mehreren mittelgroßen Bio-Gärtnern ein, die Tomaten ohne Heizung unter Folie oder im Glashaus anbauen. „Und in der Hauptsaison beliefern uns kleinere Bio-Gärtner mit ihren Besonderheiten und runden das Angebot ab.“

11 Prozent der Bio-Tomaten kommen aus Deutschland

So wie Schick setzen auch andere Naturkostgroßhändler in der Saison komplett oder zu großen Teilen auf deutsche Tomaten. Insgesamt liegt der Anteil deutscher Bio-Tomaten am gesamten Verzehr bei elf Prozent, wie die Agrarmarkt Informations-Gesellschaft (AMI) mitteilte. Bei konventionellen Tomaten ist die Quote noch geringer. Hier kommen Gewächshaustomaten den Sommer über vor allem aus den Niederlanden.

Saisonale Tomaten aus der Region haben neben kurzen Transportwegen und fairen Arbeitsbedingungen noch einen Vorteil: den Geschmack. Unter Wintersonne gereifte Tomaten sind längst nicht so lecker wie hiesige Tomaten im August. Wobei sich beim Thema Geschmack generell einiges getan hat: „Der Anspruch an den Geschmack ist gewachsen, da arbeiten die Züchter intensiv daran“, hat Norbert Schick festgestellt. „Das Problem ist, mehr Geschmack steht immer im Widerspruch zur Lagerfähigkeit.“

Die Verbraucher seien feste Tomaten gewöhnt, geschmackvolle Sorten wie Rebelion dagegen seien etwas weicher und würden, kurz testgedrückt, im Regal liegen gelassen. „Dabei ist diese Weichheit ein Qualitätsmerkmal.“ Das gelte auch für alte und samenfeste, also nachbaufähige, Sorten wie Ochsenherzen.

Woher kommen Tomaten aus Glas und Tube?

Mit sonnengereiften Tomaten werben Hersteller, die Tomaten direkt nach der Ernte zu Passata, Soßen oder Tomatenmark verarbeiten. Solche Produkte machen zwei Drittel unseres Tomatenverbrauchs aus. Die Früchte dafür wachsen nicht in Gewächshäusern, sondern in Ländern mit optimalen klimatischen Bedingungen auf dem Feld. Sie werden nur einmal geerntet, maschinell oder per Hand, wenn die meisten Tomaten rot sind. Die unreifen Früchte bleiben auf dem Acker oder werden vor der Verarbeitung aussortiert.

Die Bio-Tomaten für Passata & Co. wachsen in Italien und werden auch dort verarbeitet. „Wir arbeiten mit Bio-Landwirten in der Toscana und in Latium zusammen, die ihre Ernte an zwei 100-prozentige Bio-Verarbeiter liefern“, berichtet Helga Mang, die bei Rapunzel Einkauf und Rohstoffhandel leitet. So wie Rapunzel wissen auch andere Naturkosthersteller, wo ihre Tomaten wachsen.

Verarbeitete konventionelle Tomaten kommen häufig aus China.

China verarbeitet die meisten Tomaten

Das ist nicht selbstverständlich. Denn der wichtigste Hersteller verarbeiteter konventioneller Tomaten ist China. Der französische Autor Jean-Baptiste Malet hat in seiner Dokumentation „Das Tomatenimperium“ den Anbau dort beschrieben. Wanderarbeiter, die auf den Feldern im Akkord die Tomaten ernten, für einen Euro die Stunde. In Staatsbetrieben werden die Tomaten verarbeitet, nach Italien verschifft, dort abgefüllt oder eingedost und als italienische Produkte verkauft. „Nestlé, Unilever, alle internationalen Marken vertrauen uns“, lässt Malet einen chinesischen Tomatenverarbeiter sagen.

Mit den chinesischen Billig-Preisen müssen konventionelle italienische Landwirte konkurrieren, die Verarbeitungstomaten anbauen. Wozu das führt, zeigte eine Reportage des Bayerischen Rundfunks (BR). Dessen Reporter haben herausgefunden, dass im süditalienischen Apulien rund 30 000 afrikanische Migranten illegal auf den Feldern arbeiten. Sie erhalten höchstens 20 Euro am Tag, für zehn bis zwölf Stunden Arbeit, und müssen davon noch Mittelsmänner bezahlen. Das Geschäft sei in vielen Fällen in der Hand von Mafia-Clans, berichtete der BR – und erklärte, wie es kommt, dass eine Dose konventionelle Tomaten schon für 39 Cent zu haben ist.

Mehr zum Thema

  • In der ZDF-Mediathek gibt es den Dokumentarfilm „Rotes Gold – die Geheimnisse der Tomatenindustrie“
  • Malet, Jean-Baptiste: Das Tomatenimperium – Ein Lieblingsprodukt erklärt den globalen Kapitalismus. Verlag Eichborn 2018, 288 Seiten, 18 Euro
  • Hendriks, Annemieke: Tomaten – Die wahre Identität unseres Frischgemüses. Bebra Verlag 2017, 288 Seiten, 18 Euro

Kommentare

Schlagwörter

Das könnte Sie auch interessieren

Ähnliche Beiträge