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Reicht regional für alle?

Kann sich Deutschland mit regionalen Lebensmitteln selbst versorgen, wenn der Welthandel zusammenbricht? Im Prinzip ja, aber unser Speiseplan sähe anders aus: Dann gäbe es jeden Tag Kartoffeln, Kohl und Fleisch mit Zucker.

28.07.2020 vonLeo Frühschütz

Grenzen geschlossen, Flugverkehr eingestellt, Regale leer gekauft. Durch die Corona-Pandemie war plötzlich Realität, was bisher höchstens als Endzeitfilm über die Leinwand flimmerte. Zwar entspannte sich die Versorgungslage schnell und so gut wie alles ist wieder zu haben, wenn auch manchmal zu höheren Preisen. Doch der Schreck bleibt. Was wäre wenn? Könnten wir uns in Deutschland durch regionale Produkte selbst versorgen oder würden die Lebensmittel knapp?

So viel vorab: Wir müssten nicht verhungern, sondern hätten reichlich Fleisch, Milch und Kartoffeln zu essen und Zuckriges zum Nachtisch. Für Vegetarier und Veganer dagegen schaut es schlecht aus. Frisches Obst und Gemüse würde zur Mangelware und deshalb vermutlich ziemlich teuer. Das kann man aus den Statistiken des Bundesamtes für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) über den sogenannten Selbstversorgungsgrad ablesen. Der liegt für Kartoffeln bei 138 Prozent, bei Gemüse dagegen nur bei 35 Prozent und für Obst noch niedriger. Doch wie kommen solche Zahlen eigentlich zustande?

Wie man den Selbstversorgungsgrad berechnet

Im Prinzip ist es ein einfacher Dreisatz: Man nehme die in Deutschland im Wirtschaftsjahr 2018/19 erzeugte Menge, etwa an Äpfeln. Das waren laut BLE 1 119 000 Tonnen. Diese Zahl wird durch die Menge an verbrauchten Äpfeln – frisch und verarbeitet – von 2 319 000 Tonnen geteilt. Das ergibt 0,48, also einen Selbstversorgungsgrad von 48 Prozent. Die anderen 52 Prozent wurden importiert, aus dem nahen Südtirol ebenso wie aus Neuseeland. Dieser Selbstversorgungsgrad schwankt jedes Jahr. Je nachdem wie die Apfelernte ausfällt, waren es auch schon 32 oder 60 Prozent.

Damit liegen die Äpfel beim Obst in Sachen Selbstversorgung an der Spitze, gefolgt von Pflaumen, Erdbeeren und Johannisbeeren. Schon bei Birnen und Kirschen sinkt der Eigenanteil auf 20 Prozent. Aprikosen, Pfirsiche und Zitrusfrüchte sowie alle Trockenfrüchte kommen komplett aus dem Ausland, Bananen und Ananas sowieso. Fazit: Nur ein Fünftel der Obstmenge, die wir verzehren, wächst auch bei uns. Für Bio gilt das im Prinzip ebenso, auch wenn der Selbstversorgungsgrad bei Äpfeln 2018/19 bei 80 Prozent lag.

Obst und Gemüse reichen nicht aus

Beim Gemüse können wir Deutschen uns zumindest bei Weiß- und Rotkohl selbst versorgen, bei Sellerie reicht es fast und bei Lauch, Möhren, Kopfsalat und Blumenkohl kommen jeweils 70 Prozent von deutschen Betrieben. Bei den Zwiebeln wächst mehr als die Hälfte bei uns und ansonsten helfen die Niederlande und Spanien aus. Doch im Frühjahr, wenn die Lager leer werden und die neuen Zwiebeln noch wachsen müssen, kommt der Ersatz aus Ägypten oder Neuseeland. Was den Gemüse-Versorgungsgrad nach unten reißt, sind Fruchtgemüse wie Tomaten, Zucchini und Paprika, die fast komplett importiert werden. Gerade mal vier Prozent aller gegessenen Tomaten werden auch hier angebaut, die anderen kommen aus Italien, Spanien und den Niederlanden zu uns. Doch mit 2,2 Millionen Tonnen jährlich machen Tomaten gut ein Viertel des deutschen Gemüseverzehrs aus. Bio steht beim Fruchtgemüse etwas besser da, weil in den vergangenen Jahren mehrere große Bio-Gewächshäuser gebaut wurden. Dennoch kommt der Großteil an Tomaten und Co. aus dem Ausland.

Die Selbstversorgung bei Obst und Gemüse war schon vor dreißig Jahren niedrig und hat sich seither bei Gemüse noch verringert. Gründe dafür gibt es mehrere: Der Freilandanbau ist durch das Wetter beschränkt und nicht jedes Erzeugnis lässt sich über Monate lagern. Das Gefühl für Saisonalität ist außerdem vielen Verbrauchern verloren gegangen. Schließlich gibt es im Laden immer alles zu (fast) jeder Zeit. Doch kommen diese Produkte dann eben aus Ländern mit viel Sonne wie Spanien oder Ägypten oder gleich vom anderen Ende der Welt, wo Sommer ist, wenn es bei uns schneit. Auch der Preis spielt eine Rolle: Arbeiter in Polen oder auf dem Balkan ernten Äpfel, Zwetschgen und Beeren viel billiger als deutsche Betriebe. Ein Großteil des Obstes für die Verarbeitung kommt tiefgefroren von dort, bio und konventionell.

Bei Fleisch und Milch abhängig vom Export

Fleisch und Milch dagegen produzieren die deutschen Landwirte zunehmend im Überfluss und exportieren es in alle Welt. Das macht sie allerdings auch besonders krisenanfällig. Mit der Corona-Pandemie brachen die Milchexporte ein; der Milchpreis auf dem Weltmarkt fiel von Februar bis Ende April um ein Fünftel und erholt sich seither nur langsam. Der offizielle Selbstversorgungsgrad von 115 Prozent bei Milch verschleiert, dass die Hälfte der in Deutschland an Molkereien gelieferten konventionellen Milch in den Export geht, zumeist als Milchpulver. Für die üblichen Molkereiprodukte alleine bräuchten wir längst nicht so viele Milchkühe.

Die Erzeugerpreise für Bio-Milch blieben in der Krise stabil. „Der Bio-Milchmarkt ist ein weitgehend regionaler Markt“, erklärt Gerald Wehde von Bioland. Die Abhängigkeit von Großverbrauchern und Exporten sei gering. Die deutschen Bio-Bauern können die Nachfrage nach Milchprodukten ohnehin nicht decken. Im Wirtschaftsjahr 2018/19 kamen nach Angaben der Agrarmarkt-Informationsgesellschaft AMI 30 Prozent der Bio-Milch und 43 Prozent der Butter aus dem benachbarten Ausland, vor allem aus Dänemark und Österreich. Auch bei anderen Erzeugnissen wie Weizen oder Futtererbsen gibt es solche Lücken. Denn jahrelang stieg der Absatz von Bio-Lebensmitteln in Deutschland schneller als die Zahl der Bio-Höfe.

Viel Fleisch wird über die Grenzen gefahren

Auch beim Schweinefleisch ist der deutsche Bio-Markt noch auf Importe angewiesen, während die konventionellen Landwirte vom Export abhängen. Und das weit mehr, als es der Selbstversorgungsgrad von 120 Prozent ausdrückt. Jedes zweite geschlachtete konventionelle Mastschwein wird exportiert, gleichzeitig importieren wir reichlich Schweinefleisch etwa aus Dänemark oder Italien. Bei Rind und Geflügel liegt der Selbstversorgungsgrad leicht unter 100 Prozent, doch auch hier wird viel Fleisch über die Grenzen gefahren.

Die Deutschen verzehren jedes Jahr 60 Kilogramm Fleisch pro Kopf; eine Zahl, die trotz Vegantrend nur sehr langsam abnimmt. Diese Fleischeslust zusammen mit dem Verzehr von Milchprodukten und Eiern hat zur Folge, dass 60 Prozent des in Deutschland geernteten Getreides nicht auf unseren Tellern, sondern in den Futtertrögen landet. Weniger tierische Produkte zu essen, verbessert also nicht nur die Klimabilanz, sondern führt auch dazu, dass auf einem Teil der Äcker etwas anderes wachsen könnte als Viehfutter. Rüben und Zwiebeln zum Beispiel, um die Abhängigkeit von Importen zu verringern.

Große Strukturen sind krisenanfälliger

Die Pandemie hat auch gezeigt, dass große Strukturen krisenanfälliger sind als kleine, regionale. Große Obst- und Gemüsebetriebe, die hundert Saisonarbeiter beschäftigen, traf das teilweise Einreiseverbot für die Hilfskräfte härter als kleinere Höfe. Denn diese brauchten nur eine Handvoll Helfer, die sie leichter in ihrem Umfeld organisieren konnten. Corona-Ausbrüche legten mehrere große Schlachthöfe lahm, deren Betreiber billige bulgarische Subunternehmer in Wohnheimen zusammengepfercht hatten. Ganz abgesehen von den Gefahren für die Arbeiter kann das auch gefährlich für die Versorgung werden, denn in Deutschland schlachten drei große Konzerne 58 Prozent aller Schweine, verteilt auf gerade mal zwanzig große Schlachthöfe. Bei Rindern haben die drei einen Marktanteil von rund 40 Prozent. Ähnlich konzentriert sind andere Bereiche. Ein Dutzend Mühlen vermahlen 40 Prozent des gesamten Getreides in Deutschland. Die drei größten Molkereien verarbeiten ein Drittel der bundesweit erzeugten Milch. Fallen einzelne dieser Großbetriebe aus, bringt das ganze Versorgungsketten ins Wanken.

„Die Corona-Krise hat uns gezeigt, wie leicht komplizierte Wertschöpfungsketten reißen können und dass wir nachhaltigere Strukturen brauchen“, sagt Volker Krause, Geschäftsführer der Bohlsener Mühle: „Wir müssen hin zu einer regionalen und dezentralen Wirtschaftsweise, nicht nur bei Lebensmitteln.“ Für ihn bringen erfolgreiche regionale Betriebe neues Leben aufs Land. „Das können Kristallisationspunkte werden, die kulturelle, soziale und ökologische Veränderungen anstoßen.“

Mehr zum Thema

Klicktipp: Der Verein Fairbio macht sich für regionales, faires Bio stark.

Klicktipp: Die Initiative Neues Wirtschaftswunder ist eine zivilgesellschaftliche Allianz, die sich für eine sozial-ökologische Transformation einsetzt.

Zum Nachlesen: Die Zahlen und Statistiken des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft findet Ihr hier.

Buchtipp: Valentin Thurn u.a.: Genial lokal – So kommt die Ernährungswende in Bewegung. Oekom Verlag, 2018. 288 Seiten, 20 Euro.

Buchtipp: Gerhard Waldherr, Volker Krause, 1000 Mühlen braucht das Land. 9+1 Grundregeln für zukunftsfähiges Wirtschaften. Verlag Haufe, 2020. 310 Seiten, 24,95 Euro.

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