Interview

Karin Hanczewski: „Konsequenz ist nicht alles“

Die Schauspielerin Karin Hanczewski über den Wunsch, nachhaltig zu leben, ihren Weg zur Vegetarierin und die Initiative #ActOut.

Manfred Loosen
Manfred Loosen

Mit ihrem Lasten-E-Bike fährt Karin Hanczewski am Café Freudberg in Berlin-Kreuzberg vor. Bei Bio-Tee und -Rhabarberschorle reden wir zuerst über „normalen“ und „unnormalen“ Konsum.

Sie sagen, Sie leben nachhaltig. Was bedeutet das?

Ich versuche, bewusst zu konsumieren. Zum Beispiel kaufe ich so gut wie kein Gemüse oder Obst mehr, das in Plastik verpackt ist. Und ich versuche, regionale Produkte zu kaufen. Ich habe ein Lastenrad, das ich hauptsätzlich nutze, um mich in Berlin fortzubewegen. Und wenn mir mal was kaputt geht, kaufe ich mir das nicht sofort neu, sondern gucke, ob man es reparieren kann. Wenn zum Beispiel das Handy wirklich nicht mehr zu retten ist, dann kaufe ich mir kein neues, sondern ein gebrauchtes. Ehrlich gesagt: Meistens bekomme ich eins von Freunden, das sie irgendwo zuhause rumliegen haben …

Was ist mit der Mode?

Klamotten kaufe ich mir eher selten … und auch schon mal Second-hand. Ich merke, dass sich bei mir in Sachen Konsum eine ganze Menge verändert hat im Vergleich zu früher. Damals war ich gedankenloser, ich habe konsumiert, ohne viel nachzudenken. Heute gucke ich zum Beispiel bewusst darauf, woher das Produkt kommt. Ich frage mich: Was macht mein Konsumverhalten mit der Welt? Deshalb kaufe ich auch seit sehr vielen Jahren keine Fleischprodukte mehr im Supermarkt.

Ihr Vegetariertum ist aber in Ihrer Familie nicht unbedingt auf Gegenliebe gestoßen ...


Ich komme aus einer polnischen Familie (lacht), ich weiß nicht, ob Sie wissen, was da hauptsächlich auf dem Speiseplan steht ... das ist Fleisch! Als Kind und Jugendliche habe ich gerne Fleisch gegessen: Ich kannte es nicht anders. Heute bin ich eigentlich Pescetarierin. Auch wenn es sehr selten vorkommt, esse ich manchmal ein Stück Fisch.

Über Karin Hanczewski

Karin-Hanczewski

Karin Hanczewski wurde vor 40 Jahren in Berlin geboren. Nach ihrer Schauspiel-Ausbildung am Europäischen Theaterinstitut Berlin war sie an Theatern und im Film aktiv. Seit 2016 spielt sie beim Mitteldeutschen Rundfunk in der Fernsehreihe Tatort die Dresdner Oberkommissarin Karin Gorniak. Im Februar 2021 initiierte Karin Hanczewski die Initiative #ActOut mit: 185 Schauspieler*innen outeten sich als lesbisch, schwul, bi, trans*, queer, inter und non-binär. Ziel: Mehr Akzeptanz in Branche und Gesellschaft für queere Menschen und Themen in Filmen.

Wann haben Sie aufgehört, Fleisch zu essen? Und warum?

In meiner Jugend. Es ging und geht mir tatsächlich in erster Linie ums Tierwohl. Massentierhaltung wollte ich auf gar keinen Fall unterstützen. Vor Jahren habe ich einmal in einer Tatort-Reiniger-Folge eine Veganerin gespielt. Zur Vorbereitung habe ich den Dokumentarfilm „Earthlings“ zum Thema Tierhaltung gesehen ...

Wenn man den gesehen hat, isst man in der Regel erst mal kein Fleisch mehr.

Seitdem versuche ich, mich hauptsächlich vegan zu ernähren, aber ich kann nicht sagen, dass ich Veganerin bin. Ich kaufe noch ab und zu Käse und wie gesagt ab und zu auch mal ein Stück Fisch.

Heute engagieren Sie sich sogar für die Tierrechtsorganisation Peta.

Ja, solche Organisationen sind sehr wichtig: Wenn uns das Tierleid nicht immer wieder präsent ist, dann bekommen wir so einen großen Abstand zu der Wurst oder dem Fleisch, das wir kaufen: Wir denken nicht mehr daran, dass dafür ein Tier gestorben ist – und schon gar nicht, auf welche Weise. Aber sobald man einen Bericht sieht oder Peta etwas über leidende Tiere postet, dann bricht einem das Herz. Und wenn man dann noch weiß, was der Fleischkonsum noch dazu mit der Natur macht, mit dem Klima, dann bestärkt einen das immer wieder, kein Fleisch zu essen.

Aber die meisten Menschen essen halt noch täglich Fleisch ...

Ich glaube nicht, dass wir jeden Tag Fleisch essen müssen, morgens, mittags, abends. Im Gegenteil: Wir wissen doch eigentlich alle, dass Fleischprodukte aus Massentierhaltung wahnsinnig ungesund sind: Man pumpt sich freiwillig mit Antibiotika und Stresshormonen voll. Dabei gibt es so viele wunderbare vegetarische und vegane Rezepte.

Diskutieren Sie diese Themen mit Ihrer Familie?

Manchmal. Und dann kommt das Thema eher von meiner Familie: Meine Familie macht sich nämlich Sorgen um mich, hat Angst, dass ich ohne Fleisch nicht ausreichend Nährstoffe bekomme (lacht). Ich bin die Einzige in meiner Familie, die da so rausfällt und kein Fleisch isst … vielleicht müsste ich sie mal zwingen, Dokus wie „Earthlings“ zu gucken.

„Jede und jeder sollte so viel tun wie er oder sie kann.“

Karin Hanczewski

Und in Ihrem Freundeskreis?

Ich merke, dass sich das Bewusstsein in meinem Freundeskreis mehr und mehr verändert. Ich habe mehrere Freunde, die sich vegetarisch ernähren, manche sogar vegan. Manchmal auch nur für eine bestimmte Phase, aber insgesamt merke ich, dass unter meinen Freunden sehr wenig Fleisch gegessen wird. Es gibt aber Menschen, die von einem eine 100 prozentige Konsequenz fordern. Da sagt dann schon mal jemand: „Aber Du trägst ja noch Lederschuhe!“ Solche Argumente verstehe ich, finde sie aber trotzdem eher schwierig, weil sie die kleinen, richtigen Entscheidungen, die jemand trifft, negieren: Es geht nicht darum, zu 100 Prozent konsequent zu sein! Es geht darum, dass jeder so viel tut, wie er kann.

Lassen Sie uns noch über #ActOut sprechen. Anfang 2021 haben Sie diese Initiative ins Leben gerufen, die mehr Akzeptanz und Anerkennung für queere Menschen in der Film-, Fernseh-, Theaterbranche fordert. Wie erfolgreich war das?

Als wir die Initiative #ActOut vor mehr als einem Jahr gestartet haben, waren wir 185; jetzt sind wir schon fast 300. Seit dem hat sich einiges verändert innerhalb der Branche – und auch außerhalb waren sehr viele Menschen dankbar für diesen Schritt. Wir haben mit einem Tabu gebrochen. Es gibt jetzt eine größere Selbstverständlichkeit darüber, dass Diversität Teil unserer Gesellschaft ist und auch repräsentiert werden will.

Was hat sich konkret verbessert?

Ich glaube, es fällt nicht mehr so leicht, in einer Redaktionsbesprechung zu sagen: „Der ist aber zu schwul, den können wir nicht besetzen!“ Früher ist das recht oft passiert. Es gibt seit Kurzem vermehrt Castingaufrufe, in denen queere Rollen vergeben werden. Und es werden in Filmen endlich auch andere Geschichten erzählt: Früher wurden Homosexualität- und Transsexualität immer als ein Problem dargestellt. Das ändert sich langsam. Ich glaube, es gibt insgesamt eine Sehnsucht nach Vielfalt und neuen Geschichten.

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