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Alternatives Schlachten auf dem Uria-Hof

Seit Jahrzehnten kämpft ein Landwirt darum, seine Rinder direkt auf der Weide schlachten zu dürfen. Die Tiere haben so deutlich weniger Stress als auf dem Schlachthof.

29.12.2020 vonMarkus Wanzeck

Seit Jahrzehnten kämpft ein Landwirt darum, seine Rinder direkt auf der Weide schlachten zu dürfen. Die Tiere haben so deutlich weniger Stress als auf dem Schlachthof.

Der Uria-Hof der Landwirte Ernst Hermann Maier und seiner Tochter Annette in Balingen-Ostdorf, eingebettet in die geschwungene Hügellandschaft der Schwäbischen Alb, ist anders als fast alle anderen Haltungsbetriebe in Deutschland. Das wird einem schnell klar, wenn man sich mit den Maiers unterhält, in einem Zimmer des Hofs, von dessen Wänden präparierte Rinderköpfe auf einen herniederblicken – einige ihrer dahingeschiedenen Uria-Tiere.

Darum sind die Uria-Rinder glückliche Tiere

Die Maiers zählen zu den Bio-Pionieren. Aber Bio allein geht ihnen nicht weit genug. Ihre Rinder bekommen nur Gras und Heu zu fressen. Kein Bulle wird kastriert, kein Kuhhorn mit einem Brennstab entfernt. Kälber werden nicht von den Mutterkühen getrennt. Auf mehr als 80 Hektar Weideland leben die Rinder im Großfamilienverbund. Auf diese Weise ist eine in Europa bislang einzigartige, weitgehend autonome Herde von knapp 300 Tieren herangewachsen. Tierärztliche Betreuung? Entfällt fast völlig. Geburten? Klappen meist komplikations- und assistenzlos auf der Weide. Die Tiere finden Geborgenheit und soziale Bindung in der Herde.

So lässt's sich leben: Mütterkühe und Kälber faulenzen auf der Weide.

„Das ist ein richtiges Rindervolk“, sagt Ernst Hermann Maier. „Anders kann man es nicht nennen.“ Besonders die Bindung zwischen den Mutterkühen und ihren weiblichen Nachkommen sei eng, sagt Annette Maier, die den Hof inzwischen führt: „So bilden sich Kleinfamilien, die die Herde stabil machen. Man sieht auch Freundschaften zwischen Rindern, die im gleichen Monat geboren wurden. Das hält sich ein ganzes Leben lang.“

So kamen die Uria-Rinder zu ihrem Namen

Vor fast vier Jahrzehnten begannen die Maiers mit der Freilandhaltung. Aus der Not heraus. Im Herbst 1983 wurde Ernst Hermann Maiers Vater krank, fiel auf dem Hof aus. Um das Arbeitspensum – Fütterung von Hand, Ausmisten mit der Schubkarre – zu reduzieren, entschied die Familie kurzerhand, die Tiere auch im Winter auf der Weide zu lassen. Sie bemerkten, wie gut das den Tieren tat, und beschlossen: Die bleiben draußen. Sie tauften sie „Uria-Rinder“, als Hommage an den Ur, jenen wildlebenden Auerochsen, der vor Jahrhunderten ausgerottet wurde. Den Tieren ging es gut, doch die Maiers hatten viel Ärger, denn es folgten jahrzehntelange Bürokratieschlachten, die den Uria-Hof zu einem europaweiten Vorkämpfer für Nutztierwohl machen sollten. Die erste zettelten die Maiers an, weil sie ihre Rinder direkt auf der Weide schießen und in der hofeigenen Metzgerei verarbeiten wollten, statt sie in den Schlachthof zu karren.

Alternativ Schlachten: Mit Weideschuss und mobiler Schlachtbox

Schlachthöfe, sagt Ernst Hermann Maier, „sind die Hölle“. Die Auseinandersetzung begann Ende der 80er-Jahre und endete im Jahr 2000, als das Verwaltungsgericht Baden-Württemberg das Schießen von Rindern, die ganzjährig auf der Weide leben, endlich erlaubte. Während der gerichtlichen Auseinandersetzung vervielfachte sich die Größe der Herde wegen des faktischen Schlachtverbots – auf der Weide schießen war den Maiers nicht erlaubt und der Schlachthof kam für sie nicht in Frage – von 40 auf mehr als 200 Tiere. Um die Behörden zu überzeugen, erfand Ernst Hermann Maier 1995 eine „mobile Schlachtbox“, mit der man Rinder nach dem Betäubungsschuss direkt auf der Weide ausbluten lassen kann, und begann, sie zu vermarkten. Im selben Jahr wurde der Uria e.V. gegründet, ein gemeinnütziger Tierschutzverein mit inzwischen um die 1400 Mitgliedern, ohne dessen Unterstützung es dem Uria-Hof, so sagt Maier, „furchtbar dreckig“ ginge. Trotzdem hatten sich bis zur Jahrtausendwende nicht nur die Rinder, sondern auch seine Schulden rasant vermehrt. Auf rund zwei Millionen D-Mark. Kaum Einnahmen. Viele Ausgaben, für Tierfutter und Anwaltshonorare. 2000 schließlich, als die Maiers den Prozess gewonnen hatten, wurde die Weidetötung deutschlandweit legalisiert. 2001 legte Ernst Hermann Maier die Jägerprüfung ab, seitdem schießt er selbst. Ungefähr zwei Rinder pro Woche.

Ohrmarken

Die Behörden wollen, dass jedes Rind jeweils eine Marke rechts und eine links in die Ohren gestanzt bekommt. Daruf sind Logo der ausgebenden Behörde, ein Ländercode, z.B. DE für Deutschland, sowie eine zehnstellige Ziffer und ein Strichcode, die den Haltungsbetrieb identifizieren. Landwirt Maier hat ein besseres System: Er markiert seine Tiere mit einem Microchip.

Warum Mikrochips besser sind als Ohrmarken

Die zweite große Schlacht führte der Uria-Hof gegen die, wie Ernst Hermann Maier sie nennt, „Scheißplastikohrmarken“. Vorgeschrieben ist, dass jedes Rind links und rechts eine gelbe Marke in die Ohren gestanzt bekommt. Die Behörden wollen so die Handelsströme der Fleischindustrie im Blick behalten und Tierseuchen wie BSE eindämmen. Gut gemeint, findet Maier. Doch der Landwirt ist überzeugt, einen besseren Platz für die Plastikplättchen gefunden zu haben. „Wir kaufen Ohrmarken für jedes Tier. Aber dann legen wir sie auf den Dachboden.“ Dort verursachen sie den Rindern keinen Schmerz und können auch nicht ausreißen, was zu Verstümmelungen und Infektionen führen kann. Die Maiers markieren ihre Tiere stattdessen per Mikrochip. Ein Transponder-Stäbchen, etwa ein Zentimeter lang, wird jedem Kalb nach der Geburt links neben den Schwanzansatz unter die Haut injiziert. Die darauf gespeicherten Informationen lassen sich aus ein paar Zentimetern Entfernung mit einem Funklesegerät abrufen. Wegen der Ohrmarkenweigerung ist der Uria-Hof seit Jahren von den EU-Agrarsubventionen, die bei vielen Landwirten ein Drittel oder mehr des Einkommens ausmachen, ausgeschlossen. Das Regierungspräsidium Tübingen, das in der Region über die Subventionen entscheidet, hat ihm schon mehrere 100.000 Euro an Förderung verwehrt. Doch die Maiers hielten Kurs: keine Ohrmarken.

Wie der Rechtsstreit um den Weideschuss gewonnen wurde

Dieser radikale Kurs führt die Landwirte nun geradewegs – in die Legalität. Wie schon das Schießen auf der Weide wird auch das Markieren der Rinder per Mikrochip statt Ohrmarken demnächst erlaubt. Am 21. April 2021 tritt die EU-Verordnung 2019/2035 in Kraft. Sie nimmt „Unternehmer geschlossener Betriebe“ wie den Uria-Hof, der seine Rinder selbst schlachtet, von der Ohrmarkenpflicht aus. Wieder haben die Maiers einen großen Kampf zu ihren Gunsten entschieden. Wieder haben sie teuer dafür bezahlen müssen. „Wir sind halt der Zeit ein bissle voraus“, sagt Ernst Hermann Maier gelassen. „Und dann kriegst du Prügel. Das ist so.“

Der lange Weg durch die Instanzen

Mit ihrem jahrzehntelang medial, politisch und gerichtlich geführten Kampf für das alternative Schlachten, die Weidetötung, sind die Landwirte vom Uria-Hof Wegbereiter für Nutztierhalter im In- und Ausland geworden. In Deutschland haben inzwischen Hunderte Höfe den Weideschuss übernommen. Im Juni 2020 hat auch der Bundesrat beschlossen, sich für eine Ausweitung der Schlachtung vor Ort einzusetzen, da „in vertrauter Umgebung und durch den Verzicht auf den Lebendtiertransport in die Schlachtbetriebe eine besonders tierschonende Schlachtung möglich ist, was sich zudem positiv auf die Fleischqualität auswirken kann“. In der Schweiz fand seit 2014 im Kanton Zürich ein Pilotprojekt für die Weidetötung von Rindern statt. Mit Erfolg: Seit 1. Juli 2020 ist sie in der ganzen Schweiz erlaubt.

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