Anzeige

Anzeige

Soja erobert die Welt

Soja Trocknung (© dpa picture alliance/Chen Gang)
So geht's schneller: Chinesische Bauern trocknen die Sojabohnen. (© dpa picture alliance/Chen Gang)

ERNÄHRUNG Die kleine, weiß-gelbe Hülsenfrucht hat viel zu bieten. Deshalb steckt sie mittlerweile fast überall drin. Doch Soja ist nicht gleich Soja. // Leo Frühschütz

Sie steckt im Veggi-Schnitzel, in der Schokolade, in der Fertigsuppe – und sie füllt den Futtertrog von Schweinen, Rindern und Hühnern. Soja hat unsere Küchen und Ställe erobert. Nichts scheint mehr ohne die Hülsenfrucht aus China und Amerika zu gehen. Wie ist es dazu gekommen? Es ist die Geschichte von Tofu und Margarine, von Monokulturen, Glyphosat und Bio-Visionen.

Klaus Gaiser begegnete der Bohne 1979. Damals studierte der Geschäftsführer der Bio-Firma Topas Japanologie und Sinologie und hatte ein Stipendium für ein Auslandssemester in Japan bekommen. „Die japanische Lebensmittelverarbeitung hat mich brennend interessiert und ich bekam die Gelegenheit, einem Tofu-Meister über die Schulter zu schauen“, erzählt Klaus Gaiser. Das hat er gerne getan und dabei viel gelernt. Die Arbeit begann um drei Uhr morgens. „Denn um sieben Uhr kamen die japanischen Hausfrauen in den Laden, um frischen Tofu fürs Frühstück zu kaufen, so wie bei uns die Brötchen vom Bäcker.“ Zurück in Tübingen begann er zusammen mit einem Freund selber Tofu zu produzieren. „Das war Knochenarbeit. Alles wurde per Hand geschöpft und zum Schluss schichteten wir zum Pressen schwere Kunstmarmorplatten auf den Tofu.“

Ohne Bio kein Tofu

Klaus Gaiser war damals nicht der Einzige, der Tofu machte. Anfang der 80er-Jahre entdeckte die deutsche Bio-Szene die vielseitig verwendbare Bohne: pflanzlich, cholesterinfrei, leicht verdauliche Proteine und dazu ein Hauch von Exotik. Lange Zeit war Tofu gleichbedeutend mit Bio. Und noch heute gibt es nirgends eine so breite Auswahl an Tofu und anderen Sojaprodukten wie in Bio-Läden.

Die Wertschätzung als Lebensmittel besonders für die vegetarische oder vegane Küche verdankt die Bohne ihren Inhaltsstoffen: Sie enthält rund 20 Prozent Fett und bis zu 40 Prozent Eiweiß, dessen Zusammensetzung mit der von tierischem Protein vergleichbar ist. Auch Folsäure, B-Vitamine und Vitamin E sind in relevanten Mengen vorhanden. Dazu kommen noch Kalium, Magnesium, Phosphor und Eisen sowie verschiedene sekundäre Pflanzenstoffe. Mehrere Studien zeigen, dass der Verzehr von Soja-Lebensmitteln sich positiv auf den Cholesterinspiegel und auf das Risiko von Herz-Kreislauferkrankungen auswirkt. Umstritten ist, ob die Isoflavone in der Bohne mit ihrer östrogenähnlichen Wirkung Brustkrebs vorbeugen. Manche Menschen fürchten auch, dass zu viel Soja die männliche Fruchtbarkeit beeinträchtigt oder bei Mädchen zu einer frühen Pubertät führt. Aus Japan, wo weitaus mehr Soja verzehrt wird als in Europa, sind solche negativen Wirkungen nicht bekannt.

Auf den Tisch kommt die Bohne nicht nur in verschiedensten Tofu-Zubereitungen: Es gibt Sojamilch, Sojasahne und Sojajoghurt, Desserts aus Soja oder Sojageschnetzeltes als Hackfleischersatz. Die Bohne kann man unreif geerntet garen, das heißt dann Edamame. Sie lässt sich aber auch keimen, zu Mehl oder Flocken verarbeiten oder mit Schoko überziehen. Und man kann die Bohne fermentieren. So entstehen Sojasoße, Miso oder Tempeh. Auch das gerne als Emulgator verwendete Lecithin wird überwiegend aus Sojabohnen hergestellt.

Von China nach Europa – eine Reise mit Hindernissen

Wegen ihrer Nährstoffe zählten die Chinesen Soja neben Reis, Weizen, Gerste und Hirse zu den fünf heiligen Pflanzen. Vermutlich wurde sie in China schon vor 5 000 Jahren gegessen. Von dort verbreiteten Händler, Soldaten und buddhistische Missionare die Bohne in weiten Teilen Asiens – und auch das Wissen um ihre Verarbeitung.

Doch davon wollten die Europäer nichts wissen, als im 18. Jahrhundert Forschungsreisende wie der Deutsche Engelbert Kaempfer voller Begeisterung über Soja berichteten. Die Bohne verbrachte die nächsten 150 Jahre als exotische Pflanze in botanischen Gärten. Lediglich Sojasoße importierten die Engländer und verarbeiteten sie zur Worcestersoße. Der österreichische Pflanzenbau-Professor Friedrich Haberlandt begann 1875 mit groß angelegten Anbauversuchen, die allerdings nach seinem Tod trotz guter Ergebnisse eingestellt wurden. Haberlandt lobte Soja als ideale Ergänzung zur stärkehaltigen Kartoffel.

Der Anfang: Soja als Butterersatz

Bei uns kam Soja zuerst in Form von Margarine auf den Tisch. Das war Anfang des 20. Jahrhunderts. Durch die Erfindung der Öl-Raffination in diesen Jahren konnte der Butterersatz günstig hergestellt werden und der Bedarf an Ölsaaten stieg. Britische und später auch deutsche Ölmühlen importierten Sojabohnen aus der chinesischen Mandschurei und pressten daraus Öl. Der übrig gebliebene eiweißreiche Presskuchen, der Sojaschrot, wurde zu Mehl, Milch oder Würze verarbeitet und vermarktet. Nach dem Ersten Weltkrieg boomte die Verarbeitung von Sojabohnen in Deutschland. Durch die Abtrennung von Lecithin aus dem Öl konnten die Ölmühlen ein weiteres wertvolles Sojaprodukt vermarkten. 1931 importierte Deutschland bereits mehr als eine Million Tonnen Sojabohnen. Die Nazis verlagerten im Zuge ihrer Autarkiebestrebungen den Sojaanbau in das befreundete Rumänien. Sie brauchten das nährstoffreiche Mehl als Proviant für die Wehrmacht. Nach dem Krieg stiegen die Ölmühlen bald wieder in die Soja-Verarbeitung ein. Seit dieser Zeit nahm auch die Nachfrage nach Sojaschrot als preiswertes Eiweißfutter für Schweine, Rinder und Geflügel stetig zu. 2015 importierte Deutschland 3,7 Millionen Tonnen Sojabohnen und 2,9 Millionen Tonnen Sojaschrot.

Dammbruch mit Folgen: Soja als Tierfutter

Nur der kleinste Teil davon kommt noch aus China. Heute ist Amerika das Land der Bohne. In den USA begannen Farmer in den 30er-Jahren mit dem Anbau und wurden bald zu den wichtigsten Sojaexporteuren. Ab den 70er-Jahren explodierte der Sojaanbau in Südamerika. Die USA, Brasilien und Argentinien sind die wichtigsten Sojalieferanten Deutschlands und der EU. Allein für die an deutsche Schweine, Hühner und Rinder verfütterten Mengen an Sojaschrot werden über zwei Millionen Hektar Land in Übersee benötigt, hat die Umweltorganisation WWF berechnet. Ganz Mecklenburg-Vorpommern wäre ein Soja-Feld – würden die Bohnen hier angebaut.

Doch das Soja für die Tiere wird in riesigen Monokulturen anderswo angebaut – mit dramatischen Folgen für Menschen und Umwelt, insbesondere in Lateinamerika (siehe Interview links). Die meisten dieser Bohnen sind gentechnisch manipuliert, sodass sie resistent gegen das Herbizid Glyphosat sind. Das Spritzmittel tötet alles Grün außer den Bohnen ab und wird deshalb in großen Mengen eingesetzt. Von Flugzeugen aus versprüht, regnet es auf die Menschen nieder, die rund um die Felder leben, belastet ihr Wasser und zerstört ihre Gesundheit. Die argentinische Ärzteorganisation Medicos de pueblos fumigados dokumentiert seit mehr als zehn Jahren die Gesundheitssituation in den ‚eingenebelten Dörfern’. „Wir haben deutlich mehr Fälle von Krebserkrankungen, Fruchtbarkeitsstörungen bis hin zu Missbildungen sowie Entwicklungsstörungen bei Kindern (Autismus) festgestellt“, heißt es in einem aktuellen Bericht der Ärzte.

Die Herausforderung: Regionales Bio-Soja

Auch in einem Bio-Ei oder Bio-Schnitzel kann Soja stecken, dann allerdings Bio-Soja. Und die Bedeutung ist bei Weitem nicht so groß wie in der konventionellen Landwirtschaft. Rund 40 000 Tonnen gentechnikfreies Bio-Soja importieren die deutschen Bio-Betriebe pro Jahr. Ein Viertel davon stammt aus China und wird vor allem in EU-Bio-Betrieben verfüttert. Betriebe, die den Anbauverbänden wie Bioland, Demeter und Naturland angehören, beziehen ihre Bohnen aus Europa, wobei Rumänien das wichtigste Lieferland ist. Immer mehr Bio-Landwirte bauen Soja fürs Vieh inzwischen selbst an oder versuchen mit anderen Eiweißpflanzen wie Lupinen, Importe zu ersetzen.

Auch die Bohnen für Bio-Tofu wachsen immer häufiger in Deutschland und den Nachbarländern. Ausgesät werden dabei besonders eiweißreiche Sorten, die sich zudem gut verarbeiten lassen. Mit besonderem Engagement treibt der Hersteller Lifefood die Züchtung von Sojabohnen voran, die mit unserem feucht-kalten Klima zurechtkommen (siehe Artikel ab Seite 32). Denn am nachhaltigsten ist die Bio-Bohne von hier: regional, gentechnikfrei und ohne schädliche Pestizide wie Glyphosat.

 

Soja und die Gentechnik

83 Prozent der weltweit angebauten Sojabohnen sind gentechnisch verändert. In der EU ist der Anbau von Gentech-Soja derzeit verboten.

Sojafeld Monokultur (© plainpicture/Remsberg Inc)
Für konventionelles Tierfutter wird Soja in riesigen Monokulturen angebaut. (© plainpicture/Remsberg Inc)

Soja in Zahlen

China steht auf Soja, die EU auch

Weltweit wurden in der Saison 2015/16 rund 313 Millionen Tonnen Sojabohnen geerntet. Davon wuchs ein Drittel in den USA. 96 und 56 Millionen Tonnen steuerten Brasilien und Argentinien bei. China, Paraguay, Indien und Kanada sind die nächstgrößeren Produzenten.

Wichtigster Sojakäufer ist China, das seine Importe in den letzten 15 Jahren von 4 auf 71 Millionen Tonnen steigerte. An zweiter Stelle liegt die EU mit 34 Millionen Tonnen Bohnen und Schrot.

Vier Fünftel der weltweiten Sojaernte wird an Tiere verfüttert.

Soja

Nicht immer verträglich

Sojabohnen haben viel Gutes zu bieten: wertvolles Eiweiß, Vitamine und Mineralstoffe (siehe hier). Doch nicht alle Menschen vertragen die Hülsenfrucht. Die Eiweiße der Sojabohne können bei empfindlichen Menschen Allergien auslösen und müssen deshalb als Allergen deklariert werden. Betroffen sein können auch Menschen, die eigentlich auf Birkenpollen allergisch sind. Sogenannte Trypsin-Inhibitoren können die Verdauung stören. Das sind Pflanzenstoffe, die die Bohnen vor Fraßfeinden schützen sollen. Sie werden jedoch abgebaut, sobald man die Bohnen erhitzt.

Außerdem können Sojabohnen bei empfindlichen Menschen, wie andere Hülsenfrüchte auch, zu Blähungen führen.

Interview: „Mit Soja wächst die Kriminalität“

Wolfgang Manuel Simon (© Privat)

Wolfgang Manuel Simon aus Erdmannhausen/Landkreis Ludwigsburg engagiert sich seit über 20 Jahren im Verein Poema für die Erhaltung der Regenwälder in Amazonien. Im November 2015 war er als Vorsitzender des Vereins Gentechnikfreie Landkreise LB/Rems-Murr e.V. zusammen mit dem Vorsitzenden von Poema e.V. Gerd Rathgeb einen Monat vor Ort bei den Projektpartnern.

Werden in Brasilien immer noch Urwälder für Sojafelder gerodet?

Leider ja – die Sojafelder wandern sogar nach Norden Richtung Rio Amazonas ins Herz der Regenwälder. Die Vernichtung erfolgt weiterhin einem bewährten Schema: Erst kommen Erschließungsstraßen. Entlang dieser holen sich meist illegale Holzhändler die wertvollsten Bäume aus dem Wald. Das gerodete und verbrannte Land „teilen“ dann Großgrundbesitzer unter sich auf und machen zuerst Rinderweiden und später Sojafelder daraus.

Was bedeutet das für die Menschen vor Ort?

Die Folgen sind verheerend: abgebrannte Wälder und degradierte Flächen gigantischen Ausmaßes, Bedrohung der Lebensräume indigener Völker wie den Kaapors, der Mundurukus  und der traditionellen Fluss- und Waldbewohner, Verseuchung der Böden und aller Lebewesen durch Glyphosat von Monsanto/Bayer. Klimatische Krisen wie das Ausbleiben von Regenfällen, Trockenheit auf den Überschwemmungsinseln des Amazonas und seiner Nebenflüsse kommen hinzu. Um die Bewohner des Regenwaldes einzuschüchtern, engagieren Großgrundbesitzer „Pistoleros“. So kam es wenige Tage vor unserem Besuch bei den Kaapors zu gewalttätigen Angriffen von Holzräubern auf ihr Reservat. Gleiches haben wir erlebt im Raum um die Stadt Anapu an der Transamazonica. 

Wie kommt das Soja aus Brasilien zu uns?

An den Ufern des Amazonas bei Santarem und am Rio Tapajos bei Miritituba entstehen riesige Verladehäfen für gentechnisch veränderte Futtermittel für Europa. Mit dem Soja komme Prostitution und Kriminalität in unsere Kommunen, erzählte uns ein Umweltdezernent in Santarem. Die Infrastruktur für diese „Nabelschnur unseres Fleischkonsums“ benötigt viel Strom. Die Regierung plante am Rio Tapajos das größte Staudammprojekt Brasiliens. Wegen nationaler und internationaler Proteste legte die Regierung dieses vor Kurzem auf Eis. Ob das so bleibt, ist ungewiss. Denn neuer brasilianischer Landwirtschaftsminister wurde der „Soja-Baron“ Blairo Maggi. Sein Name steht für Regenwaldzerstörung und skrupelloses Vorgehen gegen Landlose und indigene Völker.

Ist das nicht zum Verzweifeln?

Das „Endspiel“ um die Zukunft der Regenwälder läuft – und deshalb müssen wir zu den Menschen aufblicken und uns mit denen verbünden, die diese Wälder schützen. Bei uns hier in Europa benötigen wir aber ein Umdenken bzgl. unseres Einkaufsverhaltens. Mein Motto lautet: „Der Magen muss mit dem Hirn verbunden werden.“ Risiken und Nebenwirkungen eines ungezügelten Fleischkonsums müssen endlich bewusst ins Auge gefasst werden. 

Literaturtipp: Claude Martin „Endspiel“, Oekom Verlag 2015
Weitere Infos: www.gentechnikfrei21.de, www.poema-deutschland.de

Mehr zum Thema

www.sojafoerderring.de
Der Verein macht sich für den Soja-Anbau in Deutschland stark, seit 1980.

www.1000gaerten.de
Züchtungsinitiative für heimische Sojabohnen.

www.donausoja.org
Der Verband fördert den Anbau gentechnikfreier Sojabohnen in den Ländern entlang der Donau.

www.eiweissforum.de
Initiative für nachhaltigere Eiweißfuttermittel.

www.soyinfocenter.com
Alles über die Sojabohne und ihre Geschichte – allerdings auf Englisch.

 

Drosihn, Bernd: Tofu - Vom skurrilen Kampf um ein unscheinbares WeltnahrungsmittelDrosihn, Bernd: Tofu - Vom skurrilen Kampf um ein unscheinbares Weltnahrungsmittel.
Ventil Verlag 2010, 160 Seiten, 12,90 Euro

Suchanek, Norbert: Der Soja-Wahn - Wie eine Bohne ins Zwielicht gerätSuchanek, Norbert: Der Soja-Wahn - Wie eine Bohne ins Zwielicht gerät.
Oekom Verlag 2012, 96 Seiten, E-Book, 6,99 Euro

Erschienen in Ausgabe 11/2016
Rubrik: Ernährung

Add a comment

Kommentar­bild via Gravatar

incl. 'http://'