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Primeur - jung, leicht und fruchtig

Jedes Jahr am 15.November reibt sich mancher Weinkäufer die Augen. Die deutschen Winzer sind noch bei der Weinlese, da steht schon der Primeur aus Südfrankreich in den Läden. Wie das möglich ist?

Nun, der Primeur wird meist aus früh reifenden Sorten gekeltert - Lesezeit ist etwa Anfang September. Zur Beschleunigung trägt dann die alkoholische Gärung bei relativ hoher Temperatur (30 Grad) bei. Die anschließende malolaktische Gärung, bei der die etwas spitze Apfelsäure in die mildere Milchsäure umgewandelt wird, kann dann bei ähnlicher Wärme in kaum mehr als einer Woche erfolgen, so daß der Wein im Grunde Ende September fertig ist. Bleibt nur, ihn durch Kühlung und Filtration zu klären - und ab in die Flasche.
Doch das eigentliche Geheimnis des Primeur steckt woanders. Wer schon einmal beim Winzer einen roten Jungwein aus dem Faß probiert hat, weiß, daß solch ein Tropfen meist ziemlich rauh und ungehobelt daherkommt. Nicht so der Primeur. Der ist in der Regel so fruchtig und süffig, daß eigentlich nur die Farbe an einen Rotwein erinnert. Denn der Primeur hat viel weniger von den Gerbstoffen, die aus der Haut der Trauben stammen und den eigentlichen Unterschied zwischen einem "Weißen" und einem "Roten" ausmachen.
Die Erklärung für das Besondere am Primeur ist somit ganz einfach. Bei diesem Wein werden die "Schalen" der Trauben nur kurze Zeit mitvergoren. Dann wird die Maische gepreßt, und von da an gärt der Most ohne die Schalen, so wie beim Weißwein oder beim Rosé. Der Primeur ist im Grunde ein Mittelding zwischen Rot- und Roséwein - und genauso schmeckt er auch.
Die Primeur-Idee stammt ursprünglich aus dem Anbaugebiet Beaujolais. Der Wein von dort hat sowieso schon einen sehr fruchtigen Charakter und dezenten Gerbstoff, so daß der Weg zum Primeur nicht so weit war. In den 50er Jahren breitete sich die Primeur-Mode in Frankreich aus, in den 70er Jahren schwappte die Welle auch nach Deutschland. Ende der 80er Jahre floß bereits mehr als die Hälfte der gesamten Beaujolais-Produktion in den Primeur. Inzwischen sind diese Mengen aber wieder rückläufig.

Dazu frische Walnüsse oder Kastanien

Denn es gibt auch kritische Stimmen. Sie stoßen sich an der Schnelligkeit, mit der der Primeur produziert wird. Nach Ansicht einiger Weinexperten werden zu große Mengen für den Primeur "verschenkt" - gerade aus hochwertigen Anbaugebieten. Würde man diesen Tropfen mehr Zeit geben, so die Argumentation, könnte man sehr gute "alte" Weine produzieren.
Wie dem auch sei, mittlerweile kommen die Primeurs auch aus Italien und Deutschland. In den Anbaugebieten werden sie übrigens - der Jahreszeit entsprechend - mit frischen Walnüssen oder gerösteten Kastanien genossen.
Und wenn es kälter wird, ist der Primeur auch nicht zu schade für einen Glühwein. Im Gegenteil, dafür gibt es kaum eine bessere Grundlage: Man läßt den "Roten" mit einer Zimtstange, zwei Nelken und einer Scheibe Zitrone ein paar Minuten lang ziehen, erhitzt aber nicht zu stark. Wenn der Wein zu dampfen anfängt - Herd abstellen. Grundsätzlich eignet sich der Primeur wegen seiner Gerbstoffarmut auch gut zum Kochen.
Jedoch muß der junge Tropfen keineswegs sofort getrunken werden. Ein guter Primeur paßt auch in den nächsten Sommer - zu einem Essen auf der Terrasse oder im Garten. Dabei bietet er sich vor allem als Alternative zum Rosé an: etwa zu Ratatouille, Paella, Auberginen, Paprika oder Nudelge- richten.

Aus Italien kommt der Novello

Auch Biowinzer setzen auf den jungen Wein. In den meisten Naturkostläden findet man Ende Oktober/Anfang November den südfranzösischen Primeur, der immer ein Landwein ist (Vin de Pays). Es gibt dort inzwischen eine ganze Reihe von ökologisch arbeitenden Betrieben, die Primeur erzeugen.
Mitte November findet man mit etwas Glück auch einen italienischen "Novello". Er wird ganz ähnlich wie der Primeur erzeugt und schmeckt wie ein leichter, fruchtiger Chianti. Ab Ende November ist dann auch der Beaujolais in seiner Primeur-Variante zu haben. Und weil es sich bei ökologischen Primeur-Weinen um solide Tropfen handelt, kann man einige Flaschen getrost bis zum nächsten Sommer aufheben.

Wolfram Römmelt (seit 1985 Hobbywinzer an der Bergstraße)

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