Frauenquote in der Bio-Branche: Über dem Durchschnitt - Schrot und Korn

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Frauenquote in der Bio-Branche: Über dem Durchschnitt

FRAUEN In der Bio-Branche gibt es viele Frauen ganz oben. Geht es also auch ohne Quote? // Uta Gensichen

Selbst heute noch, im Jahr 2016, können sich Frauen in der Schule und im Studium bemühen, wie sie möchten: Aus ihnen werden nur selten Chefinnen. Denn obwohl Mädchen mit den besseren Zeugnisnoten glänzen und die besseren Abschlüsse machen, stoßen sie irgendwann an die berühmte gläserne Decke. Frauen ab 30 – das heißt leider viel zu oft immer noch Karriereknick und befristeter Teilzeitjob.

Die Geschlechterquote der Bundesregierung soll diese Situation ändern. Seit Januar 2016 sind etwa 100 börsennotierte Konzerne verpflichtet, ihre Aufsichtsräte zu 30 Prozent mit Frauen zu besetzen. Gelingt das nicht, müssen die betreffenden Stühle leer bleiben. Außerdem sollen sich weitere 3500 Unternehmen eine freiwillige Quote in den obersten Führungsebenen setzen.

Dabei könnte alles so einfach sein. Die Bio-Branche macht es vor. Schon immer hatte die Bio-Bewegung einen gesamtgesellschaftlichen Blick. Ökologisch zu leben, hieß Ende der 1970er- Jahre auch, für alternative Lebensmodelle offen zu sein und tradierte Muster infrage zu stellen. Die Frauenbewegung und die Bio-Community gingen deshalb Hand in Hand.

Und das wirkt bis heute nach: Der Bundesverband Naturkost Naturwaren (BNN) hat unter seinen Mitgliedern untersucht, wie viele Hersteller, Groß- und Einzelhändler von Frauen geführt werden. Demnach werden rund 40 Prozent der befragten Unternehmen von Frauen geleitet oder mitgeleitet. „Gemessen am Bundesdurchschnitt“, sagt BNN-Sprecher Hilmar Hilger, sei das „ein beeindruckendes Ergebnis, auf das unsere Unternehmen zu Recht selbstbewusst verweisen können.“

In der Landwirtschaft sprechen die Zahlen eine andere Sprache. So werden EU-weit durchschnittlich 26 Prozent der ökologischen Agrarbetriebe von Frauen geleitet. Deutschland gehört mit rund elf Prozent dabei allerdings zu den Schlusslichtern. Was die Statistik der Europäischen Kommission aber nicht verrät, ist, dass es sich bei den landwirtschaftlichen Betrieben in der Regel um Familienbetriebe handelt. Und die werden meist partnerschaftlich geführt oder aber sind ohne das Zubrot und die Erledigung der Familienarbeit durch die Frau kaum denkbar.

Die Bio-Bäuerin

Stephanie Strotdrees (Foto: Philipp Ledényi)
„Großer Gestaltungsspielraum“: Stephanie Strotdrees ist mit Leib
und Seele Bäuerin – und fünffache Mutter.

„Von den Höfen nicht wegzudenken“

Name: Stephanie Strotdrees
Alter: 47 Jahre
Tätig als: Bio-Bäuerin, fünffache Mutter und Vizepräsidentin des Bioland Verbandes

Was lieben Sie besonders an Ihrer Arbeit? 

Auch nach 30 Jahren ist es eine Erfüllung, diese Arbeit in und mit der Natur, mit der Familie und einem guten Team zu machen. 

Haben Sie es je bedauert, eine Frau zu sein?  

Frauen sind von den Höfen nicht wegzudenken. Wir haben einen großen Gestaltungsspielraum zwischen der Familie und dem Hof als Lebensraum und Betrieb.

Sie wären jetzt nicht da, wo Sie sind, wenn …

... ich nicht wunderbare Eltern hätte, die mich immer unterstützt haben und meinen Mann, mit dem ich in allen Bereichen kooperiere. Natürlich gehörten auch das Arbeiten gegen Widerstände, wirtschaftliche Engpässe und die hohe
Arbeitsbelastung dazu. Das schafft auch frau nur mit einer Menge Mut, Begeisterung und Zähigkeit.

Brauchen wir eine Frauenquote?

Ich glaube, eine Quote kann dafür sensibilisieren, dass Frauen anteilig in Jobs, Führungspositionen und Gremien vertreten sind.

Die Netzwerkerin

Elke Röder (Foto: Privat)
(Foto: Privat)

„Das ist jeden Tag eine herausfordernde Aufgabe“

Name: Elke Röder
Alter: 57 Jahre
Tätig als: Geschäftsführerin des Bundesverbands Naturkost Naturwaren (BNN) 

Was lieben Sie besonders an Ihrer Arbeit?

Hm, ich liebe meinen Mann oder die Kinder oder die Natur. Daher interpretiere ich die Frage als Frage nach meiner Motivation. Und was mich an meiner Arbeit motiviert, ist, dass die Naturkostunternehmen eine, unter öko-sozialen Kriterien betrachtete, zukunftsfähige Lebensmittelwirtschaft aufbauen wollen. Der beste Ausgangspunkt dafür ist ganz klar die biologische Landwirtschaft. Das ist täglich eine herausfordernde Aufgabe. Dadurch werde ich aber auch ständig angeregt, mich persönlich weiterzuentwickeln. 

Haben Sie es je bedauert, eine Frau zu sein? 

Nein.  

Sie wären jetzt nicht da, wo Sie sind, wenn …

… ich mich nicht um die Stelle beworben hätte.  

Brauchen wir eine Frauenquote?  

Wenn es irgendwann zum männlichen Lebensentwurf gehört, Zeit für Familie und Kinder zu haben, dann gewinnen Frauen Zeit für eine herausfordernde Berufstätigkeit. Diese Selbstverständlichkeit haben wir noch nicht erreicht, daher brauchen wir für die gesellschaftlich notwendige Übergangszeit eine Frauenquote, mindestens für die Leitungsverantwortung in Großunternehmen. Sicher werden die kompetenten Frauen „drüberstehen“, wenn sie als „Quotenfrauen“ gelten.

Die Gründerinnen

Katharina Staudacher (Fotos: Henning Scheffen)
(Fotos: Henning Scheffen)

„So einen Spagat schafft man nur als Frau“

Name: Katharina Staudacher (l.)
Alter: 35 Jahre
Tätig als: Leitet mit Verena Ballhaus-Riegler (r.) seit 2010 den Nussriegel-Hersteller foodloose

Was lieben Sie besonders an Ihrer Arbeit?

Die Abwechslung! Jeder Tag ist anders und an jedem Tag stehen wir wieder vor neuen Herausforderungen, mit denen wir vorher nichts zu tun hatten. Die Lernkurve ist auch nach fünf Jahren immer noch sehr hoch. 

Haben Sie es je bedauert, eine Frau zu sein? 

Nie! Es ist toll, eine Frau zu sein. Beide Aufgaben, Mutter von zwei Kindern und Geschäftsführerin, bereichern mein Leben unglaublich. So einen Spagat schafft man meistens nur als Frau. Wir sind eben doch multi-tasking-fähiger.

Sie wären jetzt nicht da, wo Sie sind, wenn …

... ich nicht die volle Unterstützung meiner Familie hätte. Meine Eltern haben unglaublich viel zum Erfolg von foodloose beigetragen. Mein Mann hält mir den Rücken frei und versteht, dass ich oft mit foodloose sehr eingespannt bin.

Brauchen wir eine Frauenquote?

Nein. Aber es muss ein Umdenken stattfinden. Die Gesellschaft muss das Teilzeitmodell und flexiblere Arbeitszeiten mehr tolerieren, damit auch Frauen mit Kindern Karriere machen können.

Die Unternehmerin

Judith Moog (Foto: Privat)
(Foto: Privat)

„Als Unternehmerin kann ich etwas tun“

Name: Judith Moog
Alter: 47 Jahre
Tätig als: Inhaberin der Bio Planète Ölmühle Moog GmbH und Bio-Landwirtin

Was lieben Sie besonders an Ihrer Arbeit? 

Dass das, was ich tue, mich zutiefst erfüllt, mich fordert und mir Spaß macht. Und die Arbeit mit den Menschen, mit meinem Team.

Haben Sie es je bedauert, eine Frau zu sein?  

Nein, wieso?  

Sie wären jetzt nicht da, wo Sie sind, wenn …

... ich nicht so überzeugt von dem wäre, was ich tue. Mein Vater hat einen mutigen Schritt gewagt, als er vor über 30 Jahren nach Frankreich ging und mit dem Abenteuer „Öko-Landbau“ begann. Als ich 21 Jahre alt war, verstarb er leider. Ich wollte damals Entwicklungshelferin werden und musste mich entscheiden. Ich habe mich für seine „Domaine de la Planète“ entschieden und die Ölmühle Stück für Stück aufgebaut.

Brauchen wir eine Frauenquote? 

Eine Quote löst die Probleme wohl nicht, wenn es um tatsächliche Gleichbehandlung geht. Ich finde es wichtig, Frauen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu erleichtern und den beruflichen Aufstieg zu ermöglichen. Als vierfache Mutter weiß ich um die Schwierigkeiten, aber als Unternehmerin kann ich etwas tun.

 

Die Großhändlerin

Nina Schritt (Foto: Privat)
(Foto: Privat)

„In Sitzungen oft als einzige Frau“

Name: Nina Schritt
Alter: 31 Jahre
Tätig als: Personalleiterin im elterlichen Unternehmen, dem Bio-Großhändler Kornkraft

Was lieben Sie besonders an Ihrer Arbeit?  

Dass es in der Bio-Branche nicht nur um Umsätze geht.  

Haben Sie es je bedauert, eine Frau zu sein?  

Manchmal schon. Nicht selten sitze ich in Sitzungen fast als einzige Frau und muss mich an männlichen Rollenbildern messen lassen.

Sie wären jetzt nicht da, wo Sie sind, wenn …

... meine Eltern nicht vor 35 Jahren Kornkraft gegründet hätten. Ich bin mit Naturkost und dem Betrieb aufgewachsen. 

Brauchen wir eine Frauenquote?  

Eher eine andere Unternehmenskultur. Wir müssen es Frauen ermöglichen, wieder einzusteigen, ohne dass die Karriere unterbrochen wird.

Mehr zum Thema

‣ www.genanet.de
Publikationen und Projekte rund um die Themen Gender, Umwelt und Nachhaltigkeit. 

‣ www.equalpayday.de
Seite zur Entgeltungleichheit. Der Equal Pay Day wird am 19. März erneut an den Wert von Frauenarbeit erinnern.  

‣ www.fembio.org
Mehr als nur die bessere Hälfte: Tausende Biographien von klugen und spannenden Frauen. 

 

Gleichstellungs-AtlasBundesministerium für Familie, 2. Atlas zur Gleichstellung von Frauen und Männern, 2013, kostenlos unter: www.bmfsfj.de

Erschienen in Ausgabe 03/2016
Rubrik: Ernährung

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Gudrun Schlett

Ich bin hoch erfreut, dass Sie in Ihrem Artikel "Über dem Durchschnitt" (Schrot und Korn 03/2016) die Leistungen einzelner Frauen würdigen.

Führungspositionen in Unternehmen oder auch in der Gesellschaft sind kein Selbstzweck: dass Frauen dort nicht ankommen, schadet der Gesellschaft und schadet den Unternehmen. Fähigkeiten bleiben ungenutzt.
Ich wünsche mir außerdem, dass es überall in unserer Kommunikation und auch in ihrer Zeitschrift eine Selbstverständlichkeit wird, alle Frauen in ihrem Sein und als handelnde Personen zu würdigen, anzusprechen und sichtbar zu machen. Frauen nicht anzusprechen, sie „mitzumeinen“ ist vordemokratisch. Es ist obendrein mit einer klaren Kommunikation nicht vereinbar, denn beispielsweise 1 Kundin und 2 Kunden sind nunmal nicht 3 Kunden.
Eine Anleitung zur geschlechtergerechten Sprache finden Sie in der Broschüre: "Sie und Er - Nur so ist es fair", zu finden im Internet unter

https://www.nuernberg.de/internet/frauenbeauftragte/veroeffentlichungen.html

Diese Broschüre kann auch direkt bei der Stadt Nürnberg, Frauenbeauftragte der Stadt Nürnberg, Fünferplatz 1, 90403 Nürnberg bezogen werden.
Herzlichen Dank!

Mit freundlichen Grüßen

Gudrun Schlett

Uwe H. Pfeifer

Bei allem Respekt vor den Leistungen der Frauen, aber erstens kann dies auch Männern gelingen. Ich bin alleinerziehend und habe nie einen Cent von der Kindesmutter erhalten! Also mußte ich auch Vollzeit arbeiten, Haushalt schmeißen, Kind erziehen und habe es auch als Mann geschafft.
Was mich aber an dem Artikel noch viel mehr ärgert, ist, dass Uta Gensichen ein Zitat voll verfälscht: "So einen Spagat schafft man nur als Frau“ und eben die Männerwelt so negativ darstellt. Da sage ich nur buh! Und habe daneben größten Respekt vor der eigentlichen Aussage: "So einen Spagat schafft man meistens nur als Frau“. Damit wird die Aussage wenigstens relativiert. Dabei gibt es noch keine sozialwissenschaftliche Untersuchungen zu den modernen Lebensformen der alleinerziehenden Frauen (die sicher in der Überzahl sind) und Männern (die es nun mal auch gibt). Aber immerhin...