Die Entdeckung der Langsamkeit - Schrot und Korn

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Die Entdeckung der Langsamkeit

Schmauen (© Plainpicture)
Hhm, das schmeckt! Wer jeden Bissen genießt, isst
automatisch langsamer. (© plainpicture/Briljans )

ERNÄHRUNG Langsam essen spricht die Sinne an und schützt vor zu viel Gewicht. // von Barbara Hofmann

Ups, der Bissen war zu groß, schnell noch einen Schluck Wasser hinterher, damit das Essen besser rutscht, einmal kurz Luft holen, den angefangenen Satz zu Ende bringen und dann den nächsten Happen mit der Gabel rein in den Mund. Schnellesser erledigen ihre Nahrungsaufnahme meist nebenbei, während eines Telefonats, im Auto zwischen zwei Terminen oder abends, während der Krimi im Fernsehen läuft. Hinsetzen, sich Zeit nehmen und genießen, das empfehlen Ernährungswissenschaftler und Feinschmecker. Nur wer langsam isst und dabei gründlich kaut, hat ein intensives Geschmackserlebnis.

Zutaten herausschmecken

Essen beschränkt sich nicht auf die Zufuhr von Energie und Nährstoffen. „Essen soll auch entspannen und am bes‑
ten alle Sinne ansprechen: Augen, Nase, Gaumen, Ohren und Tastsinn“, sagt Silke Restemeyer. Die Ernährungswissenschaftlerin der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt, ganz bewusst zu essen und dabei auch den Duft der Speisen zu genießen. „Achten Sie einmal auf die einzelnen Geschmackskomponenten und versuchen Sie, die Zutaten herauszuschmecken.“ Wer zu schnell isst, merkt häufig nicht, was er isst. „Wird das Essen durch häufiges Kauen zerkleinert, können sich Aromastoffe in Verbindung mit dem Speichel besser verteilen und man nimmt den Geschmack intensiver wahr“, so Dr. Martin Hofmeister, Ernährungswissenschaftler der Verbraucherzentrale Bayern. Langsam essen ist auch gut für die Figur und beugt Übergewicht vor. Der Grund dafür: das Sättigungsgefühl setzt erst 15 bis 20 Minuten nach Beginn der Nahrungsaufnahme ein. Zu diesem Zeitpunkt sind viele Menschen mit dem Essen schon fertig. „Schnellesser spüren nicht, ob sie bereits satt sind und essen oft mehr als notwendig“, so Hofmeister.

Trotz der zahlreichen Vorteile langsamen Essens, liegt es im Trend, sich wenig Zeit dafür zu nehmen. Stattdessen wird die Nahrung hastig und mit großen Bissen nebenbei hinuntergeschlungen. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass 11 bis 13 Jahre alte Schulkinder für ihr Mittagessen lediglich sechs bis sieben Minuten benötigen. „In dem Wort Mahlzeit ist der Begriff Zeit enthalten. Man sollte sich daher für das Mahl Zeit nehmen und das Essen zermahlen und nicht verschlingen“, so Hofmeister.

Langsameres Essverhalten lässt sich üben. Der Ernährungswissenschaftler empfiehlt,  sich mindestens 20 Minuten Zeit für eine Mahlzeit zu nehmen. Wer sich dabei an einen gedeckten Tisch setzt und Messer, Gabel und Löffel oder sogar Stäbchen benutzt, senkt das Ess-Tempo. Wichtig ist, kleine Bissen zu essen und diese mindestens zehnmal zu kauen. Erst wenn der Mund leer ist, sollte man einen weiteren Bissen essen.  Vor und während dem Essen wird empfohlen, ein Glas Wasser zu trinken. Beim Essen sollte man sich nicht ablenken lassen. Wer zum Beispiel dabei  liest, Fernsehen schaut oder am Computer spielt, isst schneller.

Nicht hastig verschlingen

Eine Variante des langsamen Essens und Genießens ist das „Schmauen“, eine Wortschöpfung, aus „schmecken“ und „kauen“, die von dem Schauspieler und Autor Jürgen Schilling kreiert wurde. „Wenn wir unsere Nahrung hastig verschlingen, können wir nicht achtsam sein, spüren nicht, dass die Nahrung unseren Gaumen berührt: Wir spüren nicht, dass wir leben“, mit diesen Worten wirbt auch Schilling für den langsamen Genuss. Beim Schmauen wird ein kleiner Bissen in den Mund genommen und ein paar Sekunden auf der Zunge liegen gelassen bevor er in kleinen Portionen gekaut und geschmeckt wird, bis er verflüssigt ist.

Ob man jetzt langsam isst oder schmaut. Sich für das Essen Zeit zu lassen, ist in jedem Fall gesünder. Denken Sie daran und essen Sie am nächsten Sonntagabend Ihr Abendbrot, bevor der „Tatort“ anfängt.

Weniger Tempo, mehr Genuss

Bereits im 18. Jahrhundert schrieb der Arzt Christian A. Struve (1767-1807): „Man esse langsam, verschlucke die Speisen nicht zu gierig … durch das Kauen werden die Speisen umso verdaulicher.“

Ernährungsreformer: Kauen, kauen, kauen

Horace Fletcher (1849-1919) war ein US-amerikanischer Geschäftsmann und selbsternannter Ernährungsreformer, der schon vor 100 Jahren das gründliche Kauen propagierte.

„Die Natur wird diejenigen bestrafen, die nicht gründlich kauen“, warnte er seine Zeitgenossen. Da er sich mit großem Nachdruck für die Vorverdauung der Nahrung durch Kauen einsetzte, wurde er auch „The Great Masticator“ (Das große Mahlwerk) genannt. Fletcher, der stark übergewichtig war, soll mit seiner Kaumethode, die als „Fletcherism“ bekannt wurde, erfolgreich abgenommen haben.

Horace Fletcher begann im Alter von 40 Jahren damit, jeden Bissen sorgfältig zu kauen und einzuspeicheln. Selbst Flüssigkeiten sollten „gekaut“ und eingespeichelt werden. Seine Anhänger kauten ihr Essen bis zu einhundert Mal in der
Minute, bis es komplett verflüssigt war, bevor sie es hinunterschluckten. Er empfahl außerdem, auf ballaststoffreiche Lebensmittel zu verzichten, da diese sich durch Kauen nicht vollständig verflüssigen ließen.

In dem Artikel „Achtsam essen“ wirbt die Autorin Anke von Platen für ein Essen mit Bauchgefühl, Herz und Verstand.

Erschienen in Ausgabe 05/2015
Rubrik: Ernährung

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