Comeback der Kochkiste - Schrot und Korn

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Comeback der Kochkiste

Kochkiste
Wieder aktuell: Energie sparen mit der Kochkiste © picture-alliance/akg

 

KÜCHE Was tut Reisbrei im Bett? Kocht Gulasch von alleine? Omas heißer Tipp: die Kochkiste. Spart Zeit, Energie und schont Vitamine. Tilda Telemann

Alle wollen Energie sparen. Das weckt ein altes Küchengerät aus seinem Dornröschenschlaf: die Kochkiste. Diese hatte durch die Industrialisierung ab Mitte des 19. Jahrhunderts in Europa eine Hochphase erlebt. In den Fabriken arbeiteten immer mehr Frauen, die gleichzeitig den Haushalt führen mussten. Um Zeit und Energie zu sparen und eine warme Mahlzeit auf den Tisch stellen zu können, packten die Arbeiterinnen morgens das Essen für abends in die Kochkiste.


Eine zeitgemäße Variante der Kochkiste ist der Kochsack. © Pötschick&Trunk Collaboration

Ökologisch, praktisch, effizient

Kochen mit der Kochkiste

Das Prinzip der Kochkiste ist ganz einfach: Zunächst wie gewohnt auf der Herdplatte beginnen: z.B. Zwiebel in Öl anbraten, übrige Zutaten hinzufügen, einmal aufkochen. Dann: Topf mit Deckel gut verschließen, in die Kochkiste oder unter das Federbett packen. Mit der Restwärme garen die Speisen fertig.

Garzeiten: Gemüse wie Kohl, Möhren und Kartoffeln sind in circa 45 Minuten gar. Reis und Hülsenfrüchte brauchen etwa eine Stunde. Gulasch gart etwa 1,5 Stunden, ein Braten braucht circa drei Stunden.

Die Kochkiste hält Speisen über Stunden warm. Je nach Gericht lassen sich circa 30 Prozent Energie sparen im Vergleich
mit dem traditionellen Kochen auf dem Herd.

Vitamine und Aromen bleiben besser erhalten, da die Gartemperatur niedriger ist als beim Kochen auf dem Herd.

Beim Kochen in der Kiste kann nichts anbrennen.

Kochkiste oder Kochsack eignen sich zum Kühlen und Warmhalten von Speisen. Der Kochsack transportiert außerdem super ein Picknick in den Park.

Dabei ist das Prinzip der Kochkiste denkbar einfach. Ihr Geheimnis ist die gute Isolierung. Zunächst werden die Speisen auf dem Herd aufgekocht. Dann kommt der heiße Topf mit Deckel in die Kochkiste. Die Dämmung rundherum hält die Hitze des Topfs, mit der die Gerichte schonend fertig garen. Wichtig ist, dass nirgendwo Hitze entweicht, deshalb muss die Kochkiste nicht nur am Boden und seitlich, sondern auch von oben mit ­Stroh, Wolle, Daunen oder anderen Materialien gedämmt sein. Das spart Energie, ob Holz, ob Kohle oder Strom, und viele Vitamine und Aromen bleiben wegen der niedrigeren Temperatur erhalten. Anbrennen kann nichts, die Kiste hält das Essen über Stunden warm.

Oma kochte Reisbrei unterm Plumeau

Wer keine Kiste hat, kann wie Oma einfach das eigene Bett zweckentfremden. So machte sie ihren Reisbrei: Auf dem Herd kochte sie Milch und Reis einmal kurz auf. Dann stellt sie den Topf mit Deckel unters Plumeau, wie sie ihr Federbett nannte, auf dem die spitzenbesetzte Tagesdecke lag. Nach einer knappen Stunde war der Reisbrei fertig: locker und fein – ohne Umrühren, Anbrennen oder Anhängen am Topfboden. Selbst wenn sie den Topf mehrere Stunden lang unter der Decke ließ, verkochte nichts. Denn die Temperatur bleibt unter dem Kochpunkt. Das erhält wertvolle Inhalts- und Nährstoffe. Omas Reisbrei unterm Plumeau gelingt immer und klebt nicht!

Das geht mit allen Gerichten, die sonst stundenlang auf dem Herd oder in der Bratröhre vor sich hin köcheln. Sie werden einmal kurz aufgekocht. Dann stellt man den Topf mit Deckel in die wärmegedämmte Kochkiste, wo die Mahlzeit fertig gart. Das funktioniert mit Kartoffeln ebenso wie mit Hülsenfrüchten, mit Reis, Bulgur, Grünkern – und sogar mit dem Sonntagsbraten.

Eine Kochkiste lässt sich leicht selber bauen. Die einfachste Variante ist wie oben beschrieben das Bett. Die zweiteinfachste ein stabiler Versandkarton. Der wird großzügig mit Metallfolie ausgelegt, wie man sie im Verbandskasten fürs Auto findet. (Gibt es im Baumarkt für ein, zwei Euro.) Man kann auch eine Weinkiste mit Kissen, Stroh, Styropor oder Zeitungspapier so ausstopfen, dass ein Topf gut hineinpasst. Wichtig ist, dass von unten, seitlich und oben isoliert wird.

Wer nicht selber basteln will, kann einen Thermotopf mit passender Styroporbox kaufen. Oder einen Kochsack, der als Kühltasche oder Warmhaltebox auch unterwegs einen guten Job macht. Doch ganz egal, ob man selber baut, kauft oder sein Bett zweckentfremdet, das Prinzip Kochkiste senkt dauerhaft den Energieverbrauch in der Küche.

Um 1900 findet man in Kochbüchern gelegentlich eigene Kapitel zur Kochkiste oder Hinweise bei Rezepten wie: „Für die Kochkiste geeignet“. 1916 wurde sogar ein Patent für eine Fortentwicklung der Kochkiste erteilt: den „Koch-, Brat- und Backautomat Heinzelmännchen“, der mit heißen Steinen bestückt wurde, um zu schnelles Abkühlen zu verhindern. In einem Kriegskochbuch aus demselben Jahre steht zu lesen: „Es ist bekannt, dass bei sehr starkem Kochen die Speisen auch nicht eher gar werden als bei langsamem Fortkochen. Durch zu starkes Kochen und durch Überlaufen des Wassers verlieren die Speisen Nährstoffe und werden weniger schmackhaft.“ Das Kochbuch bietet die Lösung für das Problem: „Dies wird durch den Gebrauch einer Kochkiste verhindert.“

Bis in die Nachkriegszeit hat sich die Methode gehalten: 2008 erzählte die Schauspielerin Senta Berger in der „Zeit“ vom Lieblingsrezept ihrer Kindheit: Krautfleckerl, die die Mutter am Abend für den nächsten Tag vorbereitete: Die „kamen in einen Topf, der wurde mehrfach in Zeitungspapier eingeschlagen und unter zwei Bettdecken warmgestellt. Das war mein Mittagessen für den nächsten Tag, wenn ich von der Schule kam.“

Das Prinzip Kochkiste ist weltweit bekannt. In Russland wird zum Beispiel die Buchweizengrütze Gretschka so zubereitet. In der japanischen, in der jüdischen Sabbat-Küche und selbst bei den neuseeländischen Maori werden Verfahren eingesetzt, die an die Kochkiste erinnern.

Beim Wettstreit der umweltfreundlichsten Küchengeräte hat sich die gute, alte Kochkiste ganz sicher  einen vorderen Platz verdient: Denn Energie sparen geht mit ihr tatsächlich leicht. Probieren Sie es aus! Fangen Sie klein an mit Reis unter der Bettdecke.

Erschienen in Ausgabe 12/2018
Rubrik: Ernährung

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Ich habe mich über diesen Artikel gefreut, da ich mich
seit Jahren mit diesem Thema intensiv beschäftige.
Gerne möchte ich deshalb ergänzend zu dem Artikel darüber informieren, dass ich Kochkiste-Kochkurse, -Workshops, - Seminare und -Vorträge anbiete. Nächstes Jahr wird auch mein Ratgeber-Kochbuch „Die geniale Kochkiste“ im Hädecke-Verlag erscheinen.
Mit klimafreundlichen Grüßen
Irene Wild
www.die-geniale-kochkiste.de