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Bienen können es nicht riechen

Thomas Radetzki (© Tobias Gerber)
Thomas Radetzki ist Bio-Imker und Vorstand der Bienenstiftung Aurelia. (© Tobias Gerber)

GLYPHOSAT Das Pestizid wurde nun auch in Honig gefunden. Die Quelle ist offensichtlich. Die Lösung auch, sagt der Imker Thomas Radetzki. // Stephan Börnecke

Herr Radetzki, Glyphosat im Bier, im Brot und nun im Honig. Was musste ein Kollege von Ihnen in Brandenburg entdecken?

Der Imker Klaus Aßmann hat seinen Honig auf eigene Initiative untersuchen lassen, weil er nicht glauben konnte, dass die ständigen Anwendungen des Herbizids Glyphosat in der Nachbarschaft seiner Bienen spurlos an seinem Honig vorübergehen. Das Ergebnis war, dass der nach einer EU-Verordnung geltende Grenzwert von 0,05 Milligramm Glyphosat je Kilogramm um das 100-Fache überschritten war. Mehr als 5 Milligramm waren das. Der Imker hat sich schließlich an uns, an die Aurelia-Stiftung, gewendet. Wir haben seinen Honig mit modernster Analysetechnik nachuntersuchen lassen und kamen zu einem noch weit schlimmeren Resultat. Denn der Grenzwert wurde tatsächlich um das 200-Fache überschritten.

Sie haben daraufhin auch Honig aus anderen Bundesländern untersuchen lassen – aus Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Baden-Württemberg. Wie sieht es dort aus?

Auch dort haben wir immer Glyphosat gefunden. Etwa die Hälfte der Proben lag knapp unter dem Grenzwert. Damit läuft heute jeder Imker ständig Gefahr, dass er sich mit dem Verkauf seines Honigs strafbar macht, weil der Honig wegen der Glyphosat-Belastung nicht verkehrsfähig sein könnte.

Wie kommt denn das Glyphosat in den Honig?

Das ist Folge der modernen Landwirtschaft. Bauern spritzen Glyphosat etwa zur Vorerntebehandlung, sie bewirken damit eine gleichmäßige Abreife des Getreides und können bei hoher Unkrautdichte die Feuchtigkeit im Korn senken. Dieses Verfahren wurde zwar inzwischen eingeschränkt, findet aber immer noch statt. Oder sie spritzen blühende Zwischenfrüchte wie etwa Senf ab. Im Sommer brauchen die Bienen Wasser zum Kühlen und nehmen in beiden Fällen die Spritzbrühe mit Glyphosat direkt auf, denn Glyphosat ist geruchs- und geschmacksneutral. Anders sind die hohen Gehalte nicht erklärbar.

Wird Honig eigentlich von den Behörden auf Glyphosat untersucht?

Die Behörden erheben diese Daten bisher nicht von sich aus. Mehr als 15 Jahre nach Einführung von Glyphosat wissen die zuständigen Behörden wie etwa das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Verbraucherschutz (BLV) nicht, was tatsächlich los ist. Die sammeln die Daten der Lebensmittelüberwachungsämter. Doch es existiert gerade eine Handvoll Daten über Glyphosat in Honig.

Kann ich als Verbraucher auf Bio-Honig ausweichen?

Auch Bio-Honig kann belastet sein. Bienen fliegen bis zu fünf Kilometer weit in jede Himmelsrichtung, da kann immer irgendwo ein Acker dazwischen sein, der gespritzt ist. Wir stehen vor einem strukturellen Problem: Die Agrarproduktion wird ständig intensiviert. Das aber geht auf Kosten der Bio-Bauern und Imker, die in derselben Gemarkung tätig sind.

Dieser Konflikt war mehrfach Gegenstand von Klagen der Imker vor den Gerichten.

Stimmt, auch bei der Verunreinigung von Honig durch gentechnisch veränderten Pollen haben Richter geurteilt, dass wir Imker dem Gentech-Anbau ausweichen sollen. Aber wohin? Inzwischen hat die Aurelia-Stiftung eine Stellungnahme der EU-Kommission erhalten, in der vorgeschlagen wird, problematische Glyphosat-Belastungen im Honig zu verhindern, indem Bienen nicht an behandelte Felder gestellt werden. Solche Gedanken zeugen von jeglichem Verlust an Realitätsbezug.

Was fordert die Aurelia-Stiftung?

Zum Schutz von Imkern und Verbrauchern verlangen wir ein Anwendungsverbot von Glyphosat in blühenden Pflanzenbeständen. Also zum Beispiel, wenn die Kornblume im Acker blüht. Nur so kann man das Problem in den Griff bekommen.

Glyphosat ist nur ein Pestizid unter vielen. Wie sieht es mit Rückständen anderer Pestizide aus?

Wir finden im Grunde das gesamte Spektrum der Pestizide im Honig, glücklicherweise meist in extrem geringen Spuren, die erst durch moderne Analytik nachweisbar werden. Weniger entscheidend ist, wie viel wir von dem einen oder anderen Wirkstoff nachweisen. Sondern wie wirkt der Cocktail auf die Bienen und auch auf uns Menschen. Der Organismus ist einer chronischen Vergiftung durch viele Pestizide ausgesetzt und muss sich ständig entgiften.

Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) hat kürzlich in Honig Rückstände des Neonikotinoids Thiacloprid gefunden, einem Nervengift.

Das ist ein Problem mit Raps. Die Bienen sind wie verrückt auf die gelben Felder. Dort aber wird Thiacloprid etwa gegen den Rapsglanzkäfer eingesetzt. Weil die Belastung mit Thiacloprid im Honig nicht zu vermeiden ist, wird jetzt auf EU-Ebene der Grenzwert für Rückstände im Honig vervierfacht. Dem hat sich das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit in einer vorläufigen Regelung angeschlossen. Je nach Bedarf gibt es immer wieder solche Anpassungen, um die konventionelle Produktion nicht zu gefährden.

Was ist die Konsequenz?

Die Folge kann nicht sein, keinen Honig mehr zu essen oder zu sagen, Bio ist genauso schlecht. Wir müssen den Bio-Anbau deutlich ausweiten, um die schleichende Vergiftung zu stoppen. Das ist unsere Forderung an die Bundesregierung, es geht darum die ökologische Landwirtschaft entschieden zu fördern.

Macht es denn in dieser Lage überhaupt noch Spaß, Imker zu sein?

Aber ja! Man muss auch die Relation sehen. Wenn ich mit dem Auto nach Stuttgart hineinfahre, atme ich große Mengen an Umweltschadstoffen ein. Wenn ich dagegen einen Löffel Honig esse, was fällt da mehr ins Gewicht? Da stehen der therapeutische Nutzen und der Genuss in keinem Verhältnis zum Schaden angesichts der kleinen Menge Honig, die wir zu uns nehmen. Wir dürfen uns die Freude an den Bienen und am Honig nicht verderben lassen. Wir müssen aber der Wirklichkeit der industriellen Agrarproduktion und den destruktiven Folgen für unsere Gesellschaft ins Auge sehen und zivilgesellschaftlich aktiv sein. Wenn es der Biene gut geht, geht es uns allen gut. Deshalb ist das Motto unserer Aurelia-Stiftung: „Es lebe die Biene!“

Infos über die Bienenstiftung: www.aurelia-stiftung.de

Erschienen in Ausgabe 11/2016
Rubrik: Ernährung

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Hans Christian Berchtold

Ich bin sowas von sauer auf die Politiker, weil sie nur im Sinne der Chemiewirtschaft handelt. Sie sind den Lobbyisten aber sowas von unterlegen. Es ist denen doch sch.....egal wie es den Menschen geht. Hauptsache ist die Parteispenden fließen.
Außerdem wird in der Landwirtschaft selten geprüft, was da abgeht. Genau wie Gülleskandal, der unser aller Trinkwasser vergiftet. Ich kann nur hoffen, dass sich diese Unmöglichkeiten bei der nächsten Regierungswahl endlich ändert.

Roberta

Erst 2015 haben österreichische Wissenschaftler in einer Studie festgestellt, wie massiv Glyphosat das Verhalten von Bienen beeinflusst:

https://www.mellifera.de/ueber-uns/presse/mitteilungen/glyphosat-beeintraechtigt-das-orientierungsverhalten-der-bienen.html


Zahlreiche internationale Studien haben ebenfalls bewiesen, wie gefährlich Glyphosat für die Honigbiene ist:


http://gmwatch.org/index.php/news/archive/2014/15710-new-study-shows-honeybees-harmed-by-herbicide-used-on-gmo-crops

7 weitere wissenschaftliche Studien die belegen, wie Glyphosat die Honigbiene schädigt, kann man hier im Kapitel „Honey Bee“ nachlesen:

http://www.gmofreeusa.org/research/glyphosate/glyphosate-studies/

Auch in einer ZDF WISO Sendung wurde der Einfluss von Glyphosat auf Honigbienen und die Honigproduktion untersucht. Hier wird auch gesagt, dass zwar jedes Jahr 5 Mio Lebensmittel auf landwirtschaftliche Pestizide untersucht werden, aber nur 1.200 davon auf Glyphosat obwohl Roundup und Co auf 40% der Ackerflächen – also von 100.000 Landwirten – eingesetzt wird, wie hier ab Minute 4:20 erklärt wird:

http://www.zdf.de/wiso/glyphosat-im-honig-44206590.html

Daher gefährdet Glyphosat massiv unser gesamtes Wirtschafts- und Ökosystem, denn ohne gesunde Bienen kippt der gesamte biologische Kreislauf.