Schlemmerreise durch Europa - Schrot und Korn

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Schlemmerreise durch Europa

Inselhopping in der Ägäis, Badeurlaub an der Algarve, Bummeln auf der Champs-Élysées oder große Oper in Verona – alle sind woanders, nur wir nicht. // Sabine Kumm

-> Rezepte

SommerpicknickAuto kaputt, Urlaub verschoben – da hocken wir nun, von der großen Reisewelle auf den Balkon gespült, und pflegen unser Fernweh via Internet. „Die wahren Abenteuer sind im Kopf …“, sang André Heller in den Achtzigern. Wir machen einfach „Topf“ daraus und streifen der Computermaus die kulinarischen Siebenmeilenstiefel über. Ein Klick, und wir landen in Griechenland: Hier schreibt die orthodoxe Kirche zehn fleischlose Fastenwochen im Jahr vor – kein Wunder, dass es so tolle Gemüse- rezepte gibt. Als Erstes probieren wir „Kolokithokeftédes“ – Frikadellen aus Zucchini mit Käse, Kräutern und Olivenöl – wetten, die brutzeln schneller als man sie aussprechen kann!

„Der Imam fiel in Ohnmacht“

Ein kleiner Mausrutsch nach rechts über die Ägäis, und schon warten die türkischen „Melitzanes Imam Bayildi“, mit Tomatensoße überbackene Auberginen mit Zwiebeln und Knoblauch. „Imam Bayildi“ – das heißt „Der Imam fiel in Ohnmacht“, angeblich vor Entzücken über dieses genial einfache, leckere Gericht, das sich im Ofen fast von allein macht. Jetzt noch kurz mit dem Cursor am Schwarzen Meer vorbei und schauen, was der Nachbar Bulgarien zu bieten hat: „Sneschanka Salata“ – das heißt „Schneewittchen-Salat“. Gurken, Walnüsse und der Joghurt mit dem berühmten „Lactobacillus bulgaricus“ – das essen die Bulgaren am liebsten zu Gegrilltem. Wenn man sie fragt, ob ihnen das schmeckt, schütteln sie den Kopf, und man wundert sich. Bis man erfährt, dass Bulgaren damit „Ja“ meinen. Wenn sie nicken, heißt das „Nein“. Wie in Österreich, dem Land der süßen Nockerl, Knödel, Schmarrn und Strudel. Eigentlich sagt man „Nein“, kann dann aber doch nicht widerstehen. Die Maus zieht an der Donau entlang bis in die Wachau, wo rund 100 000 Aprikosenbäume wachsen. Eine Augenweide! Und wir bekommen so richtig Lust auf Marillenknödel, mit Zimtzucker bestreut und mit geschmolzener Butter übergossen. Kalorien? Was soll’s, wir sind im Urlaub. Dazu gehört auch ein Sekunden- Abstecher nach Italien. „Carciofi al tegame alla romana“ steht auf dem Speiseplan: mit Brot, Knoblauch, Oliven und Minze gefüllte Artischocken. Schon Goethe liebte die stacheligen Riesenknospen, die Römer genossen sie als Heilpflanze bei Verdauungsproblemen. Und die vulkanische Erde rund um Rom soll ihnen ein besonders delikates Aroma verleihen. Weiter flitzt unser Pfeil nach Westen, bis zur Atlantikküste. Die portugiesische Brotsuppe „Açorda à alentejana“ ist eigentlich eine Resteverwertung für altbackenes Brot. Das wandert mit Zwiebeln, Knoblauch, Chili und einem kräftigen Schuss Olivenöl in die Pfanne, bevor es in der Gemüsebrühe Auferstehung feiert – ehemals ein Armeleuteessen, heute Landküche vom Feinsten!

Pilze aus Pariser Katakomben

Von der sonnigen Atlantikküste in die gruseligen Schatten der Großstadtkatakomben. 300 Kilometer unterirdische Stollen und Steinbrüche haben die Pariser vorzuweisen – sie waren im 17. Jahrhundert ideal für die Zucht des „Champignon de Paris“ – und wenig später für die Einlagerung von sechs Millionen Gebeinen, die auf den Friedhöfen keinen Platz mehr fanden. Die Champignons werden inzwischen außerhalb der Stadt gezüchtet, die Gebeine lassen sich noch heute besichtigen. Zur Stärkung gibt es „Tartelettes aux Champignons“ aus gezüchteten und wilden Pilzen, fein abgeschmeckt mit Sahne, Sherry und Schnittlauch. Mint Fizz für die Seefahrer Noch ein kleiner Sprung über den Kanal, ins hochsommerliche London. Mit einem gepflegten „Mint Fizz“ aus Pfefferminze, Ingwer und Zitrusfrüchten verwandelt sich unser Balkon in die Terrasse eines englischen Herrenhauses. Wir schlürfen die Quintessenz von Großbritanniens einstiger Größe auf Eis: mit der Minze machten die Seefahrer früher ihr Trinkwasser länger haltbar, der Ingwer half gegen Übelkeit und Skorbut. So hielt die englische Marine länger durch als jede andere. Und eroberte ein Weltreich. Die Sonne versinkt im Häusermeer, das Radio meldet Staus auf der A 8 und erzählt von streikendem Flugpersonal und verspäteten Zügen. Wir füllen die Gläser nach und zwinkern uns zu. Eigentlich ist es gar nicht so schlecht zu Hause.

Zum Reisen gehört …

… Geduld, Mut, guter Humor, Vergessenheit aller häuslichen Sorgen und dass man sich durch widrige Zufälle, Schwierigkeiten, böses Wetter, schlechte Kost und dergleichen nicht niederschlagen lässt. 

Adolph Freiherr von Knigge (1752 – 1796)

Goldnuggets statt Heidelbeeren

Hört man die folgende Geschichte, könnte man fast glauben, dass einer der gutmütigen skandinavischen Waldtrolle seine Hände dabei im Spiel hatte:

Schweden gewährt seinen Pilz- und Beerensammlern freien Zugang zur Natur, um sich im Sommer mit Pfifferlingen und Beeren einzudecken. Als die Freundinnen Siv Wiik und Harriet Svensson, beide im Pensionsalter, im August 2007 ihre Körbe nahmen, wollten sie nur Heidelbeeren sammeln gehen. Doch ihr Lieblingsplatz war schon abgeerntet. Die Amateurschürferinnen, die schon seit 40 Jahren gemeinsam Mineralien für Schmuck suchten, beschlossen also, nach Steinen zu graben. Dass sich schon ihr erster Fund als riesiger Goldnugget entpuppte, ließ sie den Verlust der Heidelbeeren dann doch verschmerzen. Aber mehr noch: Experten bestätigten, dass Siv und Harriet auf die reichste schwedische Goldader seit Menschengedenken gestoßen waren. Da man sich in Schweden für wenig Geld die Rechte an solchen Funden sichern kann, haben die Freundinnen nun millionenschwere Verträge über die Nutzung des Vorkommens. „Wir machen weiter, solange die eine von uns die andere im Rollstuhl schieben kann“, erzählen die beiden später. Heidelbeeren pflücken sie immer noch.

Göttliches Inselhopping

Europa verdankt seinen Namen einem liebestollen Reiserekord. Zeus, der Herrscher der griechischen Götter, verliebte sich in die phönizische Prinzessin Europa und beschloss, sie zu entführen. Natürlich inkognito, als weißer Stier, damit seine Gattin Hera ihm nicht auf die Schliche kommen konnte. Versteckt in einer Kuhherde, näherte er sich dem Mädchen, das neugierig auf seinen Rücken stieg. Der Stier galoppierte zum Mittelmeer und schwamm mit ihr bis nach Kreta. Dort zeugte er mit der Schönen drei Söhne und machte sie zur Königin von Kreta. Der neue Kontinent wurde nach seinem Seitensprung „Europa“ genannt.

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