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Umwelt

Umweltschutz im Unternehmen

Rauchende Schlote und verdreckte Flüsse - das Feindbild der frühen Umweltbewegung war klar umrissen: die Wirtschaft. Heute sorgen Filter für reinere Luft, in Deutschlands Gewässern tummeln sich wieder Fische, und die Firmen werben mit ihrem Ökoengagement.
01.10.1996
Rauchende Schlote und verdreckte Flüsse - das Feindbild der frühen Umweltbewegung war klar umrissen: die Wirtschaft. Heute sorgen Filter für reinere Luft, in Deutschlands Gewässern tummeln sich wieder Fische, und die Firmen werben mit ihrem Ökoengagement.

Zwischen PR und Engagement

Rauchende Schlote und verdreckte Flüsse - das Feindbild der frühen Umweltbewegung war klar umrissen: die Wirtschaft. Heute sorgen Filter für reinere Luft, in Deutschlands Gewässern tummeln sich wieder Fische, und die Firmen werben mit ihrem Ökoengagement. Haben sich die ehemaligen Umweltteufel zu Umweltengeln gemausert?

Vorschriften über Vorschriften, jammerten die deutschen Unternehmen, als die Schadstoffrückhalte-Politiker der 80er Jahre sie mit Verordnungen und Genehmigungsverfahren konfrontierten. Die Umweltauflagen seien ein Klotz am Bein; Deutschland gerate international ins Hintertreffen; Arbeitsplätze würden gefährdet. Diese Prophezeiungen in Kombination mit der wirtschaftlichen Rezession der 90er Jahre ließen die Umweltpolitik schließlich ins Stocken geraten. Während das Produzierende Gewerbe 1988 noch acht Milliarden Mark in den Umweltschutz investierte, waren es 1992 1,8 Milliarden weniger.

Forderung in Rio: Kurswechsel hin zu ehrlichen Preisen

Der Erdgipfel von Rio de Janeiro brachte wieder neuen Schwung in das unternehmerische Umweltdenken. Im Auftrag der Konferenz entwickelte der Schweizer Industrielle Stephan Schmidheiny Ideen für ein zukunftsfähiges Wirtschaften. "Kurswechsel" lautete sein Kommando und zwar hin zu Preisen, "die die ökologische Wahrheit sagen": Produkte, die die Umwelt stark belasten, müssen teurer sein als solche, die ressourcenschonend hergestellt, transportiert und entsorgt werden. Davon sind wir derzeit noch weit entfernt, doch einige Steuerungsmechanismen greifen allmählich. Beispiel: die EG-Öko-Audit *-Verordnung.

Den betrieblichen Umweltschutz zu verbessern, so lautet das Ziel des Regelwerks, das im Brüsseler Behördenjargon "Verordnung (EWG) Nr. 1836/93 des Rates vom 29. Juni 1993 über die freiwillige Beteiligung gewerblicher Unternehmen an einem Gemeinschaftssystem für das Umweltmanagement und die Umweltbetriebsprüfung" heißt. Seit 1995 gilt es in jedem EU-Mitgliedsstaat. Die Unternehmen können - auf freiwilliger Basis - für ihre einzelnen Produktionsstandorte ein Umweltmanagement- und -kontrollsystem einrichten. Unabhängige Umweltgutachter überprüfen das System und vergeben das Zertifikat mit den zwölf Euro-Sternen. Da der Europarat erreichen wollte, daß die Betriebe ihre Umweltschutz-Maßnahmen kontinuierlich verbessern, muß der Öko-Check spätestens nach drei Jahren wiederholt werden. Dann zeigt sich, was das Umweltmanagement der Firma in der Zwischenzeit geleistet hat.

Ganz billig ist die Zertifizierung nicht: Zwischen 25.000 und 85.000 Mark kann ein Audit kosten. Eine Hürde, vor der vor allem kleine und mittlere Unternehmen trotz staatlicher Zuschüsse momentan noch zurückschrecken. Mario Schmidt vom ifeu-Institut für Energie- und Umweltforschung in Heidelberg geht aber davon aus, daß sobald "die Großen mitmachen, eine Lawine losgetreten wird". Und die Großen wollen mitmachen: 98 der 100 größten Unternehmen planen laut einer ZEIT-Umfrage ein Öko-Audit. Beim Deutschen Industrie- und Handelstag schätzt man, daß bis zum Jahresende bereits 500 betriebliche Standorte in Deutschland überprüft sein werden. Die Bundesrepublik ist damit europaweit am eifrigsten in Sachen Öko-Audit. In der Biobranche haben sich laut Bundesverband Naturkost Naturwaren (BNN) Hersteller bislang vier Firmen begutachten lassen: Auro, Hofpfisterei, Lammsbräu und Märkisches Landbrot.

Als es darum ging, die EG-Verordnung in Deutschland umzusetzen, rangelten Wirtschaft, Umweltschützer und Staat um Zulassung und Kontrolle der Umweltgutachter. Mit deren Glaubwürdigkeit steht und fällt das Öko-Audit. Schließlich arbeitet der Gutachter im Auftrag des Firmenchefs und ist damit wirtschaftlich von demjenigen abhängig, den er überprüfen soll.

Als Kompromiß wurde die Deutsche Akkreditierungs- und Zulassungsgesellschaft für Umweltgutachter (DAU) gegründet. Einzig von ihren Prüfern als geeignet erachtete Umweltgutachter gelten als zugelassen. Von den ersten 100 Prüflingen konnte nur jeder zweite unter den strengen Augen der Prüfungskommission - Experten aus Umweltschutz, Industrie und Gewerkschaften - bestehen. Neben Zuverlässigkeit und Unabhängigkeit wird von den künftigen Umweltgutachtern umfangreiches Fachwissen verlangt. Die Richtlinien für die Prüfungen erläßt der Umweltgutachterausschuß erlassen, der beim Bundesumweltministerium eingerichtet wurde. Darin haben die Umweltverbände drei von 25 Stimmen. Der Naturschutzbund Deutschland (NABU) beispielsweise wird durch Helmut Nieder vertreten, der gleichzeitig Mit-Geschäftsführer der Naturfarbenfirma Auro ist - und in dieser Funktion Umweltgutachter mit einer Auditierung beauftragen kann. Solche Interessensüberschneidungen, die keine Ausnahme sind, werden von Kritikern der Audit-Verordnung argwöhnisch beäugt.

Öko-Audit-Firmen müssen keine grünen Engel sein

Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) bemängelt, daß mit dem EU-Zertifikat der Eindruck hervorgerufen werde, "die so ausgezeichneten Betriebe hätten umweltpolitische Pionierleistungen erbracht". Tatsächlich sage die erfolgreiche Teilnahme am Öko-Audit "wenig über die Umweltverträglichkeit der Unternehmenspolitik aus". Die Verordnung habe zum Teil "umweltschutzbezogene Selbstverständlichkeiten" festgelegt, beklagt der BUND enttäuscht. Die Audit-Sterne belegten in erster Linie, daß das Unternehmen fähig sei, mit bürokratischen Verfahren umzugehen.

Für das Image ist der Sternenkranz gewiß nicht von Nachteil. Allerdings ist es den Unternehmen verboten, auf ihren Produkten mit dem Umweltzertifikat zu werben. Doch der - erlaubte - Abdruck auf Briefbögen, Firmenschildern und Broschüren scheint beim Verbraucher gut anzukommen: Die Firma wirkt glaubwürdiger und erwirbt einen Vertrauensvorschuß - auch bei staatlichen Stellen und Behörden. Der Audit-Stempel gilt außerdem als zugkräftiges Argument für günstige Konditionen bei Versicherungen und Kreditinstituten.

Produktverantwortung: in Kreisläufen denken

Während die Teilnahme am Öko-Audit den Unternehmen freigestellt ist, sind die Regelungen des neuen Kreislaufwirtschafts- und Abfallgesetzes verpflichtend. Am 6. Oktober tritt es nach langen Debatten in Kraft. Abfälle müssen vermieden werden, so lautet das oberste Gebot des neuen Gesetzes. Erst wenn das nicht möglich ist, darf der Müll in die Verwertung wandern. Die Unternehmen sollen die Verantwortung für ihre Produkte übernehmen - und zwar "von der Wiege bis zur Bahre". Der Gesetzgeber will das mit Rücknahmeverordnungen erreichen. Derzeit gibt es eine solche Vorschrift lediglich für Verpackungen. Für Altpapier, Elektroschrott, Altautos sowie Batterien liegen erste Entwürfe vor.

Das Saar-Lor-Lux UmweltZentrum des Handwerks geht davon aus, daß das neue Kreislaufwirtschaftsgesetz "eine Reihe von Veränderungen bei Handwerksbetrieben mit sich bringen" wird. Unter anderem werden die Firmen verpflichtet, ab einer bestimmten Menge von Sonderabfällen ein betriebliches Abfallwirtschaftskonzept zu erstellen.

Auch vor der Einführung von Öko-Audit und Kreislaufwirtschaft haben sich Unternehmen schon im Umweltschutz engagiert, zum Beispiel indem sie betriebliche Ökobilanzen erstellen ließen. Darin werden - ähnlich wie in einer Geschäftsbilanz - sämtliche Stoff- und Energieströme erfaßt: was kommt in den Betrieb rein, was geht wieder hinaus (Input-Output-Analyse). Neben ökologischem Engagement sind es wirtschaftliche Vorteile, die den Firmenchefs solche Schritte schmackhaft machen. "Bei den bereits vorliegenden betrieblichen Ökobilanzen hat sich gezeigt, daß in der Regel mit relativ geringen finanziellen Mitteln erhebliche Einsparpotentiale zu verwirklichen sind", hat der Verband UnternehmensGrün beobachtet. Eines unter vielen Beispielen: die Hofpfisterei (siehe Kasten unten).

Ohne finanzielle Anreize wird der betriebliche Umweltschutz nicht vorankommen. Und sparen will nicht nur der Unternehmer - auch das Kaufverhalten des Endverbrauchers regelt sich stark über den Preis. Welches Produkt ist mit hoher und welches mit geringer Umweltbelastung hergestellt und in den Laden gelangt? Wenn sich diese Frage mit einem Blick auf das Preisetikett beantworten läßt, ist unsere Wirtschaft ein gutes Stück zukunftsfähiger geworden.

Christiane Schmitt

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