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Gentechnik light

Basteleien an Zellkernen müssen nicht immer deklariert werden. Und das Ergebnis landet dann auf unseren Tellern. // Leo Frühschütz

Brokkoli (Foto:Ben)

Auch mancher Bio-Brokkoli wurde mit Hilfe der Cytoplastenfusion gezüchtet. Man sieht es ihm nicht an und drauf steht es nur selten. (Foto: Ben)

Würden Sie Brokkoli kaufen, auf dem steht „Hergestellt mit Hilfe der Cytoplastenfusion“? Womöglich nicht, denn das Wort klingt ziemlich unheimlich, zumindestens in Verbindung mit Essen. Ist es auch. Deswegen steht es auf keinem Brokkoli, obwohl dieser oft mit Hilfe dieser Cyto-plastenfusion gezüchtet wurde – auch mancher Bio-Brokkoli.

Bei der Cytoplastenfusion wird eine intakte Zelle mit einer zweiten, ausgehöhlten Zelle verschmolzen, die nur noch das Erbgut für eine bestimmte Eigenschaft enthält. Dadurch lässt sich in eine Pflanze eine artfremde Eigenschaft im Labor einkreuzen. Mit dieser Methode haben große Züchtungsunternehmen vor allem in Kohlgewächse und Chicorée eine Eigenschaft eingekreuzt, die natürlicherweise bei japanischem Rettich oder Sonnenblumen vorkommt, die männliche Pollensterilität.

Den Züchtern erleichtern diese sogenannten CMS-Hybride die Arbeit. Denn beim Herstellen von Hybridsaatgut dürfen sich die beiden Elternlinien nicht selbst befruchten. Der Züchter muss deshalb bei einer Linie die Staubbeutel entfernen – mit Pinzette und Schere. Das aufwendige Prozedere entfällt bei CMS-Hybriden, weil die Pollen der Pflanze unfruchtbar sind. Moderne ertragreiche Sorten bei Kohlgewächsen sind inzwischen sehr häufig CMS-Hybriden.

Verstoß gegen Prinzipien

„Diese Technik ist so weit von den natürlichen Vorgängen der Kreuzung entfernt, dass sie als unvereinbar mit den Prinzipien des ökologischen Landbaus angesehen wird“, lautet das Statement des deutschen Bio-Dachverbands BÖLW zur Cytoplastenfusion. Anbauverbände wie Bioland, Naturland oder Demeter haben ihren Gärtnern verboten, Saatgut von CMS-Hybriden einzusetzen. Auch der weltweite Bio-Dachverband IFOAM lehnt diese Züchtungstechnik ab. Die EU-Öko-Verordnung allerdings erlaubt sie. Denn dort ist nur ausgeschlossen, was die EU als Gentechnik definiert, und die Cytoplastenfusion gehört nicht dazu.

So können EU-Bio-Gärtner mit ertragreichen CMS-Hybriden billiger produzieren und anbieten als ein Verbands-Gärtner, der mit alten Hybriden oder gar samenfesten Sorten arbeitet. Die EU-Öko-Verordnung müsse CMS-Hybriden ausschließen, fordert der BÖLW. Darüber hinaus sollten CMS-Sorten – auch konventionelle – verpflichtend gekennzeichnet werden. Weil das bisher freiwillig kaum jemand macht, bleibt den Verbrauchern nur eines: kritisch nachfragen, Verbandsware kaufen und zu ausgewiesenen samenfesten Sorten greifen. Die gibt es vor allem in Bio-Läden.

Förderung nötig

Um Alternativen zu CMS-Hybriden zu finden ist eine verstärkte Forschung im ökologischen Landbau nötig. Dies hat sich der Verein Kultursaat zur Aufgabe gemacht. In einem aktuellen Projekt beispielsweise sollen neue samenfeste Brokkolisorten entwickelt werden, die den Anforderungen des ökologischen Erwerbsanbaus entsprechen. Weitere Infos und Spenden unter www.kultursaat.org oder bei der Zukunftsstiftung Landwirtschaft: www.zs-l.de

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