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Kolumne: Vom Sirren, Knirschen und Knacken der Bäume

Fred Grimm
Fred Grimm Autor von „Shopping hilft
die Welt verbessern“, schreibt hier
über gute grüne Vorsätze – und das,
was dazwischenkommt.
(© Rebecca Hoppe)

Eigentlich geht es jetzt, im Februar, ja beinahe schon wieder. Die Tage werden länger, die Sonne scheint heller – wenn sie denn mag.

Und doch versetzt mich der Blick aus unserem Fenster jeden Morgen in eine gewisse Melancholie, die immer stärker wird: Mir fehlen die Bäume. Natürlich, sie sind ja noch da, aber eben lange schon so nackt und kahl, als würden sie frieren; so ohne Grün und ohne Blätterrauschen. Lediglich ein paar leere, traurige Nester warten zwischen den Zweigen auf Vögel. Ganz still ist es geworden.

Dachte ich bislang jedenfalls. Aber ich hatte ja keine Ahnung. Denn mittlerweile scheint es unter Wissenschaftlern keinen Zweifel mehr daran zu geben, dass Pflanzen miteinander kommunizieren. Sirrend, knirschend, knackend – eine ganze Sinfonie von Tönen komme den Experten zufolge da zum Einsatz. Geübte Forscher können das sogar hören oder mit den entsprechenden Geräten hörbar machen. Die Frage lautet nun eigentlich nur noch, was die Pflanzen der Welt zu sagen haben.

Vor Kurzem hat die Wochenzeitung „Die Zeit“ ein paar besonders eindrucksvolle Leistungen aufgelistet, die unsere Flora zu bieten hat: Demnach warnen Bohnenpflanzen ihre Verwandtschaft in der Nähe, wenn sie von Blattläusen befallen werden. Junge Getreidepflanzen weisen einander auf Wasserquellen hin. Wilde Tabakpflanzen in der Wüste schreien sogar um Hilfe, wenn feindliche Raupen nahen, und locken damit deren Fressfeinde – Wanzen und Wespen – an, die sich herzlich für die kleine Mahlzeit bedanken. Sogar der Sozialismus funktioniert unter der Erde wesentlich besser als auf ihr. Ian Baldwin, Direktor für Chemische Ökologie am Max-Planck-Institut in Jena, beobachtete Pilznetzwerke, die sich gegenseitig freigiebig mit wertvollen Nährstoffen versorgen, selbst wenn nur eine kleine Kolonie den Stoff verabreicht bekommen hatte. Ist eben doch besser, wenn alle etwas vom Reichtum haben.

Nichts Neues für Topfpflanzenfreunde

Der großen Gemeinde deutscher Topfpflanzenfreunde erzähle ich hier wahrscheinlich sowieso nichts Neues. Denn viele dieser sanften Begießer reden ja selbst ständig freundlich auf ihre heimischen Geranien, Stiefmütterchen oder Edel-Lieschen ein. Manche verwöhnen sie sogar mit Musik von Mozart, Vivaldi oder Marvin Gaye. Aber ob die auch antworten? Vielleicht ist das ja das große Geheimnis der Topfpflanzeneltern, dass ihnen im Gegenzug die bunten Schönheiten seit Jahren die wunderbarsten Geschichten erzählen – und sie verraten es nur deshalb nicht weiter, weil sie dann jeder für komplett irre halten würde.

Während ich diese Zeilen tippe, weht eine kalte Brise durch die geöffnete Balkontür. Es ist Sonntagmorgen, noch sehr früh. Der kahle Baum unter unserem Fenster scheint eigentlich ganz still zu stehen. Aber, halt! Ich glaube, ich höre was.

Erschienen in Ausgabe 02/2015
Rubrik: Leben&Umwelt

Kommentare

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Lini

Richtig gut! Also erstens der interessante Artikel, zweitens die angenehme und auch witzige Schreibart und drittens der Kommentar in Bezug auf die Veganer ;)

waltraud

Für überzeugte Veganer ist dieser Artikel der Supergau. Wovon sollen die sich in Zukunft ernähren?