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„Veränderung ist bereits im Gange“

Herr von Lüpke, jeden Tag aufs Neue warnen Experten vor den gravierenden ökologischen und sozialen Folgen, wenn der Mensch jetzt nicht umschwenkt. Und doch scheint es, als würde er sich nicht wirklich davon beeindrucken lassen ...

Ich denke, der Schein trügt. Es gibt weltweit Initiativen im zweistelligen Millionenbereich, die wie ein globales Immun-system lokal auf solche Fehlentwicklungen reagieren. Wir nehmen sie nur nicht wahr.

Warum nicht?

Zum einen wissen die Initiativen meist selbst nicht, zu welch großen Bewegungen sie mittlerweile gehören. Sie unterschätzen ihre Bedeutung. Zum anderen wird unsere Aufmerksamkeit durch die gängigen Medien von ihnen weggelenkt. Schlagen Sie eine x-beliebige Zeitung auf: Darin geht es zumeist nur um die großen Katastrophen: Klimakrise, Atomunfall, Ölpest, Wassermangel. Mein guter Freund Hans-Peter Dürr, der vor zwei Monaten gestorben ist, hat einmal treffend gesagt: „Ein wachsender Wald macht weniger Krach als ein fallender Baum. Lasst uns auf den wachsenden Wald lauschen.“

Sie arbeiten vornehmlich fürs Radio, hören Sie genauer hin?

Ich versuche es, schon aus Selbstschutz. Wenn ich immer nur auf die Kloake schaue, auf Zerstörung und Verzweiflung, dann brenne ich aus. Meinen Zuhörern geht es ähnlich, das merke ich immer wieder. Sie wollen nicht nur hören, dass unser System, das uns so viel Wohlstand gebracht hat, im Sterben liegt. Sie wollen aufgezeigt bekommen, was danach kommt, welche alternativen Lebens- und Zukunftsentwürfe es bereits gibt.
Insofern müssen Journalisten heute Sterbebegleiter für ein abgewirtschaftetes System sein und zugleich Geburtshelfer für eine neue Kultur.

Würden Sie sich als Optimist bezeichnen?

Der norwegische Philosoph Arne Naess hat mir erzählt: „Fürs 21. Jahrhundert bin ich Pessimist, fürs 22. Jahrhundert Optimist.“ Diese Aussage hat sich mir fest eingeprägt. Weil sie uns herausnimmt aus der Sichtweise: „Wir retten innerhalb einer Legislaturperiode die Welt.“ Wenn wir über Zukunft sprechen, geht es nicht um unsere Zukunft, auch nicht um die unserer Kinder und Enkelkinder. Sondern um die Zukunft unserer Ur-Ur-Enkel. Das muss uns klar werden. Veränderung braucht Zeit, weil politischem Wandel immer ein langwieriger, kultureller Wandel vorausgeht. Angela Merkel ist nicht plötzlich über Nacht Atomkraftgegnerin geworden. Sondern sie hatte nach der Katastrophe von Fukushima keine andere Wahl, als sich dem Wandel der Werte, der sich über 30 Jahre entwickelt hat, anzuschließen. Das Entsetzen, die Ablehnung war zu groß geworden, um politisch einfach weiter zu machen wie bisher. Ähnlich ist es mit der veganen Ernährung. Früher als kränkelnde Körnerfresser verschrien, sind Veganer heute in der Mitte der Gesellschaft angekommen und es macht sich das Gefühl breit, dass Fleisch essen – zumindest in diesen gigantischen Mengen – moralisch nicht mehr vertretbar ist.

Der alternative Nobelpreisträger Nicanor Perlas hat einmal den Umwandlungsprozess hin zu einer globalen Zivilgesellschaft mit der Transformation einer Raupe verglichen ...  

... ja, das ist ein sehr schönes Bild.

Können Sie uns diesen Prozess erklären?

Wenn sich eine Raupe in einen Schmetterling verpuppt, tauchen in seinem Körper sogenannte Imago-Zellen auf, Schmetterlingszellen, die im alten Raupen-Körper bereits die Zukunft vorausnehmen. Die erste Generation dieser Zellen wird vom Immunsystem der Raupe als Fremdkörper angegriffen und vernichtet. Die zweite Generation wird ebenfalls attackiert, doch sie hat bereits gelernt, die Immunzellen der schwächelnden Raupe so zu infizieren, dass sie selber Imago-Zellen hervorbringen. Irgendwann schließen sich die isolierten Imago-Zellen zu Cluster zusammen, die sich wiederum über Zellstraßen vernetzen. Dann kommt der Moment, in dem diese vielen Zukunftszellen und Zukunftscluster kapieren: Wir sind gar keine Raupe mehr, wir sind schon längst etwas anderes! Von dem Augenblick an geht es rasend schnell.

Wenn wir dieses Bild in die Gegenwart übertragen – wo stehen wir im Moment?

Bereits in der Phase der Desintegration, in der die neuen Impulsgeber allmählich dabei sind, das alte System mit ihren Ideen zu infizieren. Ich merke das, wenn ich mich auf meinen Reisen mit ganz unterschiedlichen Menschen unterhalte. Da ist ein grundsätzlich tiefer Pessimismus und die Gewissheit: Wenn wir so weiter machen, rasen wir gegen die Wand. Die einen resignieren und sagen: Ich kann sowieso nichts machen. Die anderen geben sich einen Ruck und machen sich auf den Weg. Gehen mittags nicht zur Currybude, sondern zum veganen Imbiss. Kaufen sich keine Bohrmaschine, sondern leihen sich eine aus. Schmeißen ihren alten Computer nicht weg, sondern bringen ihn ins Repaircafé. Oder stellen selbst irgendetwas auf die Beine. Und merken dabei: Das Tun tut mir gut. In Europa soll es bereits 70 Millionen Menschen geben, die ihr Leben, ihre Werte bereits neu ausgerichtet haben.

Resignieren oder handeln – was macht den Unterschied aus?

Ich habe mit vielen alternativen Nobelpreisträgern gesprochen, bei allen war es ähnlich. Sie waren bereit, genau hinzusehen: Was geht kaputt? Und sie waren bereit, sich von dem, was sie sehen, berühren zu lassen. Denn erst aus dem Mitgefühl heraus entsteht die Kraft, die man zum Handeln braucht.

Haben Sie ein Beispiel?

Sehr schön ist beispielsweise die Geschichte über Medellín. Die Millionenstadt Kolumbiens war früher einer der gefährlichsten Orte. Bomben, Raubüberfälle, Vergewaltigungen, Entführungen waren an der Tagesordnung. Irgendwann haben drei Dichter angefangen öffentlich Liebesgedichte vorzulesen. Trotz Ausgangssperre, unter freiem Himmel, in einem Park. Statt der erwarteten 50 Zuhörer kamen beim ersten Mal 5000. Im Monat darauf 20 000. Dann 100 000, 200 000. Die Bewohner haben sich friedlich ihre Stadt zurückerobert. Heute ist Medellín nicht gewaltfrei, aber viel sicherer, das Poesiefestival ist eine Institution. Mich stimmen solche Geschichten – und davon gibt es viele – bei aller Skepsis hoffnungsfroh. Wir sollten sie nur auch erzählen.

 

Dr. Geseko von Lüpke Dr. Geseko von Lüpke ...

... arbeitet als freier Hörfunk-Journalist, Buchautor, Seminarleiter und Netzwerker. Er selbst bezeichnet sich als Zukunftsforscher. Weil er dort hingeht, wo Zukunft heute schon ausprobiert wird. Gesellschaftliche Veränderung setzt für von Lüpke die Bereitschaft zu persönlicher Veränderung voraus. Deswegen bietet er seit 14 Jahren „Visionssuchen“ an für Menschen, die ihre Werte und Lebensziele neu definieren wollen.

Für eine Rundfunkreportage über den Alternativen Nobelpreis-Träger Ibrahim Abouleish (Sekem-Projekt) wurde er mit dem Medienpreis Entwicklungspolitik und dem BIO-Journalistenpreis ausgezeichnet. Zuletzt sind von ihm die Bücher „Altes Wissen für eine neue Zeit“, „Politik des Herzens“, „Projekte der Hoffnung“ erschienen.
E-Mail: v.luepke@geseko.de, www.geseko.de

 


Autorin Heike Littger und Geseko von Lüpke

Autorin Heike Littger besuchte Geseko von Lüpke in Olching bei München, wo er zusammen mit seiner Partnerin und seiner jüngsten Tochter lebt.

Erschienen in Ausgabe 10/2014
Rubrik: Leben&Umwelt

Kommentare

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incl. 'http://'

Sehr richtig.

Klarheit für die nächsten Schritte sind genauso wichtig wie eine langfristige Sicht- Denk- und Handlungsweise.

Viele Grüsse aus dem Süden Münchens,

J. Bauer

Emmanuel Wolfram

Genau solche Menschen, solche Ideen, solche Worte, solche Taten...... brauchen wir - immer mehr.
Danke.

Guten Tag... ein durch und durch bemerkenswerter Artikel! Ich schätze auch den vor kurzem verstorbenen Wissenschaftler Prof. Hans-Peter Dürr sehr und las u.a. gerne die von ihm zitierten Worte: "Ein wachsender Wald macht weniger Krach als ein fallender Baum. Lasst uns auf den wachsenden Wald lauschen." Herzlichen Dank.

Robert Herschler

Ein Mut machender und zuversichtlich stimmender Artikel. Sehr empfehlenswert zu lesen!


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