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taz-Panter-Preis: Elisabeth Ngari und "Women in Exile"

Der taz-Panter-Preis ist ein Preis für Menschen, die sich mit großem persönlichen Einsatz für andere stark machen und mutig Missstände aufdecken. Menschen, die uneigennützig und hartnäckig für eine bessere Welt kämpfen, ohne viel Aufhebens um ihr Engagement zu machen. Mit dem Preis möchte „die tageszeitung“ (taz) die Arbeit all dieser Engagierten würdigen und sie ins Licht der Öffentlichkeit rücken.

 

Das Naturkostmagazin Schrot&Korn ist Medienpartner des taz-Panther-Preises. Wir stellen in den kommenden Wochen die sechs Nominierten vor; heute die erste: Elisabeth Ngari und ihre "Women in Exile" (s.u.).

 

Neben den individuellen „Helden und Heldinnen des Alltags“ richtet der taz-Panther-Preis die Scheinwerfer der Anerkennung von nun an auch auf die Kollektive, die Vernetzten, die Aktivisten, die Teil sind einer Bewegung für den gesellschaftlichen Wandel. Sie setzen sich ebenso mutig für andere ein, sind kreativ, innovativ, entwickeln neue Ideen und Konzepte gesellschaftlicher Teilhabe, und vor allem sind sie viele.

 

Neben Einzelpersonen sucht die taz-Panter-Stiftung deshalb auch Heldinnen und Helden, die sich in Vereinen, Interessengemeinschaften und Aktionsbündnissen organisieren, sozusagen Banden bilden, um unsere Welt ein bisschen besser zu machen.

 

Seit 2005 verleiht taz.die tageszeitung den taz-Panter-Preis, seit 2009 unter dem Dach der taz Panter Stiftung. Jedes Jahr werden zwei taz Panter Preise vergeben. Der erste wird von einer Jury, die sich aus taz-Redakteurinnen, -Redakteuren und Prominenten zusammensetzt, der zweite von unseren Leserinnen und Lesern vergeben. Die Preise sind mit jeweils 5.000 Euro dotiert und werden von der taz-Panter-Stiftung finanziert. Die Kandidatensuche für den taz-Panter-Preis startet jeweils im Frühjahr. Nähere Informationen finden Sie in den Teilnahmebedingungen bzw. zeitnah auch in der gedruckten Ausgabe der taz.

 

Ich bin eine Kämpferin

 

Elisabeth Ngari und ihre "Women in Exile" engagieren sich für Frauen, die als Flüchtlinge nach Deutschland kamen. "Als ich in Deutschland ankam, war ich so enttäuscht", sagt Elisabeth Ngari. Die gebürtige Kenianerin ist 56 Jahre alt und eine der Gründerinnen von "Women in Exile", einer Initiative von Flüchtlingsfrauen, die sich 2002 in Brandenburg zusammengeschlossen haben, um für ihre Rechte kämpfen.

 

Frau Ngari kam 1996 als alleinerziehende Mutter mit ihren zwei Töchtern nach Deutschland und wurde sofort in ein Flüchtlingsheim gesteckt. "Dort haben die Probleme richtig angefangen", sagt sie. Keinerlei Privatsphäre, Küche und Bad waren mit vielen zu teilen - und sexuelle Belästigung dauerhaft. "Am Anfang denkt man sich noch, ich werde ja nicht lange hier sein. Vielleicht bekommt man eine Wohnung oder auch eine Arbeit. Am Anfang ist man noch voller Hoffnung." Elisabeth Ngari lebte am Ende fünf Jahre in Prenzlau. Ihre Aufenthaltsgenehmigung erhielt sie nicht durch das Asylverfahren, sondern weil sie einen Deutschen geheiratet hatte.

 

"Lager" nennen die Flüchtlingsfrauen von "Women in Exile" ihre Asylunterkünfte - und sie fordern deren Abschaffung. Dass die Bedingungen in den Heimen so schlecht waren, war der Grund, die "Brandenburger Flüchtlingsinitiative" zu begründen. Gemeinsam begannen sie, auch gegen das Gutscheinsystem zu kämpfen. "Wir forderten damals schon die Schließung von Heimen. Wir kämpften gegen die Residenzpflicht und das Arbeitsaufnahmeverbot", erzählt Frau Ngari.

 

Ein echtes Forum für frauenspezifische Themen

 

Auf die Frage, warum es notwendig gewesen sei, eine Gruppe für die speziellen Probleme von Flüchtlingsfrauen zu gründen, erklärt Frau Ngari, dass es bei den üblichen Flüchtlingsgruppen kein echtes Forum für frauenspezifische Themen gegeben habe. "Die Frauen wurden sexuell belästigt. Es gab auch Vergewaltigungen in einigen Heimen. All das sind Dinge, die dort einfach nicht angesprochen wurden in den Flüchtlingsgruppen", erzählt Frau Ngari. Immer wieder haben Frauen die Erfahrung der doppelten Diskriminierung gemacht. Durch die "rassistischen Gesetze" für Asylbewerber und als Frauen.

 

"Weil wir auch selber Opfer waren, wussten wir, worunter die Frauen litten", sagt sie. "Und obwohl auch die Männer unter dieser oft Jahre dauernden Situation leiden, ohne Beschäftigung, wartend auf die Asylentscheidung, haben wir als Frauen andere Probleme." Außerdem würden frauenspezifischen Problemen in geschlechtergemischten Flüchtlingsorganisationen wenig Platz eingeräumt. Und das sind Organisationen, die von Männern dominiert würden; die wiederum ihre Themen für wichtiger halten.

 

Im Jahr 2002 hat sie mit anderen "Women in Exile" gegründet. Elisabeth Ngari sagt: "Wir kämpfen natürlich auch zusammen mit anderen Gruppen gegen diskriminierende Gesetze, nur eben aus Frauenperspektive." Sie sehen sich als eine der wenigen Schnittstellen zwischen Frauen- und Flüchtlingsbewegung.

 

"Women in Exile" spricht mit Frauen in den Heimen, dokumentiert ihre Beschwerden und vertritt Fraueninteressen auch in den Heimen. Neben Demonstrationen und anderen Aktionen, um Öffentlichkeit und EntscheidungsträgerInnen mit den Anliegen geflüchteter Frauen zu konfrontieren, organisieren sie Workshops und Seminare in Heimen über Frauenrechte. Am naheliegendsten vielleicht ist dies: darüber zu informieren, was man tun kann, wenn jemandem die Abschiebung droht.

 

Die 24-jährige Fatuma aus Somalia etwa ist erst seit März in Deutschland. Seit zwei Monaten macht sie bei "Women in Exile" mit. Ihr droht die Abschiebung nach dem Dublin-III-Abkommen. Es bedeutet, dass sie jederzeit nach Italien abgeschoben werden kann. Dort würde sie auf der Straße leben müssen. Aber Fatuma ist bereit, für ihre Rechte zu kämpfen. "Sie ist unser Nachwuchs", sagt Frau Ngari stolz.

 

Die meisten der Flüchtlingsfrauen würden sich davor fürchten, die Heime zu verlassen. Diese Unsicherheit darüber, was sie dürfen und was nicht, treibe die meisten Flüchtlingsfrauen in eine Isolation. "Und das Wichtigste ist es doch, aus dieser Isolation der Heime herauszukommen", sagt Frau Ngari. "Vernetzt euch!", rät sie den Flüchtlingsfrauen.

 

Seit Anfang 2011 läuft ihre Kampagne "Keine Lager für Flüchtlingsfrauen und Kinder! Alle Lager abschaffen!". Auf ihrer Webseite kann man sich die Flyer dazu anschauen: Sie informieren Flüchtlinge über ihre konkreten Rechte in den Heimen. Zum Beispiel zu dem, was die Heimleitung ihnen zumuten darf und was nicht. "Wir glauben daran, dass die Menschen ihre Rechte kennen sollten", sagt die Kenianerin. Und auch wenn sich die Bedingungen in den Heimen inzwischen verbessert hätten, erklärt sie, wären es immer noch keine Orte, an denen man leben möchte.

 

Kraft und Energie, sich für andere einzusetzen

 

Damarice ist auch aus Kenia und seit vier Jahren bei "Women in Exile" engagiert. Die 40-Jährige kam 2009 nach Deutschland und hat inzwischen eine Aufenthaltsgenehmigung. Viele der Frauen hören auf, aktiv zu werden, wenn sich ihr Status ändert. Andere Dinge werden plötzlich wichtig - Damarice aber kämpft weiter. Elisabeth Ngari ist die Einzige bei "Women in Exile", die von Anfang an bis jetzt dabei ist. Auf die Frage, wie sie, lange in prekären Lebensumständen, neben der Organisation ihres Alltags mit Gutscheinen, im Flüchtlingsheim, mit Arbeitsverbot, mit der Angst vor Abschiebung und mit anderen Schwierigkeiten noch die Kraft und Energie gefunden habe, sich auch für andere zu engagieren, antwortet sie: "Ich bin eine Kämpferin."

 

Ein Sommer auf dem Floß von Nürnberg nach Berlin

 

Noch bevor sie nach Deutschland kam, habe sie schon für Frauenrechte gestritten. Nicht besonders öffentlich, aber sie sei jemand, die ihre Rechte wahrnehmen möchte. "Meine Kraft kommt auch über das Entsetzen, dass so etwas in einem so entwickelten Land wie Deutschland passieren kann", sagt sie. Sie haben damals "Women in Exile" gegründet, weil sie nicht wollten, dass andere Frauen dasselbe durchmachen müssten wie sie. "Und daran glaube ich, und deshalb mache ich immer noch diese Arbeit. Ich möchte, dass die Frauen und die Kinder, die nach mir kommen, ein besseres Leben haben können, als ich mit meinen Kindern damals hatte. Deshalb kämpfe ich weiter, so dass sich die Bedingungen für Frauen verbessern können."

 

Diesen Sommer ist eine Art schwimmende Demonstration geplant: "Women in Exile" will mit anderen Flüchtlingsfrauen auf Flößen über Flüsse und Kanäle von Nürnberg bis Berlin reisen, um so für ihre Anliegen zu werben. Sie wollen diese Reise auch dazu nutzen, erklärt Frau Ngari, sich mit anderen Flüchtlingsorganisationen zu vernetzen und mit Flüchtlingsfrauen in ganz Deutschland zu sprechen.

 

Seit 2013 haben sie begonnen, ein bundesweites Netz aufzubauen. "Je besser das gelingt", erklärt sie "desto besser ist das für uns, es macht unseren Kampf viel stärker." Elisabeth Ngari wünscht sich eine Gesellschaft ohne Diskriminierung, eine Gesellschaft, wo alle gleich sind unabhängig davon, wo man herkommt. "Schafft Diskriminierung ab!", fordert sie. Und sagt: "Flüchtlingsfrauen, werdet laut!" (Der Text zu Elisabeth Ngari und "Women in Exile" stammt von Mareike Barmeyer.)

Foto: © Anja Weber

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