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Kolumne: Supertrendiges Superfood für Superstreber

Fred Grimm (© Rebecca Hoppe)
Fred Grimm Autor von „Shopping hilft
die Welt verbessern“, schreibt hier
über gute grüne Vorsätze – und das,
was dazwischenkommt.
(© Rebecca Hoppe)

Baobab. Ba-o-bab. Bitte mal kurz nachsprechen, macht wirklich Spaß: Ba-oooo-babbb! Ein Superwort. Kommt auf die Liste möglicher Vornamen, falls werdende Eltern mal wieder um Rat fragen sollten. Genauso wie Matcha, Acai, Goji oder Quinoa. Ganz zu schweigen von Schisandra, Spirulina und Moringa. „Baobab Schisandra Grimm“ – das hätte doch was! Die meisten von Ihnen haben längst erraten, dass sich hinter diesen Supernamen supertrendiges „Superfood“ verbirgt. Also die Art Ernährung, die einen schlauer und schöner, leichter und lässiger machen soll. In Bio-Qualität. Zu Superpreisen natürlich. „90 Kapseln für 17,90 Euro“ kostet einen zum Beispiel die fantastische Heilkraft der Schisandra-Beere („sie soll das Gedächtnis, den Kreislauf, die Sinne und – bei Männern und bei Frauen – auch die Libido stärken“). Die „Bio Superfood Mischung ARBEITSTIER“ („mit koffeinhaltigem Guaraná, Hanfprotein und Maca“) wäre als pulverisierte Smoothie-Beigabe für Superstreber schon ab 9,95 Euro zu haben.

Einmal im Jahr darf man auf der BioFach, der internationalen Leitmesse für Bio-Lebensmittel, in die Zukunft schauen. Was 2785 Aussteller aus 88 Ländern im Februar in Nürnberg an Neuheiten präsentierten, begegnet einem vielleicht schon morgen in den Regalen des liebsten Bio-Händlers. In diesem Jahr erinnerte der sympathische Branchentreff teilweise an einen Mix aus Öko-Apotheke und Tierfutterschau. Überall Kapseln, Pulver, Hochleistungsriegel aus getrockneten exotischen Beeren, Samen, Getreidekörnern oder was auch immer das mal gewesen sein soll. Die Botschaft war eindeutig: vorbei die Zeit der unschuldigen Nahrungsaufnahme, einfach, weil man Hunger hat oder weil es schmeckt. Nein, Miss und Mister Superbio sollen sich fortan auch beim Essen optimieren und den Zumutungen des Daseins mit weit gereisten, hochkomplex verarbeiteten Supermitteln trotzen.

Muss wirklich immer alles super sein?

Ich bin immer etwas skeptisch, wenn man der „Moderne“ das „Natürliche“ als hehres Ideal entgegensetzt. Im Gegenteil, ich freue mich darüber, dass wir eben nicht mehr essen wie vor hundert Jahren, sondern ausprobieren dürfen, was uns die ganze Welt an Genüssen bietet. Und warum sollte ein afrikanischer Baobab-Baumfäller nicht von der Einkaufskraft des Westens profitieren, wenn er damit nicht sein eigenes Land zerstört? Aber muss wirklich immer alles „super“ sein? Und steckt im Namen „Superfood“ nicht auch jener Optimierungszwang, gegen den sich die Öko-Bewegung einmal wehren wollte? Man kann das aber auch ganz entspannt sehen. Denn vergleicht man die Nährwerte von Grünkohl, Leinsamen, Kürbis oder Heidelbeeren mit denen ihrer exotischen Verwandten, drängt sich eine schöne Kampagne für stolze Öko-Bauern auf: „Bio-Grünkohl – Superfood seit über 100 Jahren“. Vielleicht ja auf der nächsten BioFach.

Erschienen in Ausgabe 05/2017
Rubrik: Leben&Umwelt

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