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Grüne Stadt  ?

Umwelt©  plainpicture/Julia Wagner
Stadtnatur braucht die Hilfe ihrer Bürger, denn Artenschutz beginnt vor der eigenen Haustür. © plainpicture/Julia Wagner

UMWELT Städte sind wertvolle Refugien biologischer Vielfalt. Denn viele Arten sind vom Land in die Stadt geflohen. Doch jetzt gerät die Stadtnatur unter Druck. Hartmut Netz

Lebensfeindlich für Mensch und Natur – so beschrieb der Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich die moderne Stadt in seinem 1965 erschienenen Manifest „Die Unwirtlichkeit unserer Städte“. Doch genau diese moderne Stadt hat sich in den vergangenen Jahren zum Hort biologischer Vielfalt entwickelt. Tiere und Pflanzen, die früher auf dem Lande heimisch waren, sind in die Städte umgezogen.

Im Münchner Stadtgebiet findet sich beispielsweise die Duft-Skabiose, eine hellblau blühende Pflanze, die im übrigen Bayern stark gefährdet ist. Berlin ist nicht nur Bundes-, sondern auch Vogel-Hauptstadt; denn mit fast 150 Vogelarten, die dort regelmäßig nisten, kommen beinahe zwei Drittel aller in Deutschland brütenden Arten auch in Berlin vor. Und im Nürnberger Stadtgebiet habe man schon in den 90er-Jahren doppelt so viele Wildpflanzen ermittelt wie auf gleich großen Flächen des Umlandes, schreibt der Ökologe Josef Reichholf, dessen

INTERVIEW

„Unterm Strich sinkt die Artenvielfalt“

Für mehr Wohnraum sollen Städte ihre Flächen nachverdichten. Gerät die urbane Artenvielfalt dadurch unter Druck?

Wo gebaut wird, werden Böden versiegelt. Und je höher der Versiegelungsgrad einer Stadt, desto geringer ihre Artenvielfalt. In geringem Maße lässt sich gegensteuern: mit Fassadengrün etwa oder begrünten Dächern. Doch unterm Strich sinkt die Artenvielfalt.

In München wird momentan besonders massiv nachverdichtet. Welche Auswirkungen beobachten Sie?

Heinz Sedlmeier

Ist Biologe und
Geschäftsführer des Landesbundes für Vogelschutz, Sektion München.

München ist Vorreiter eines negativen Trends mit dichter Bebauung bis an den Stadtrand, artenreiche Übergangszonen von der Stadt ins Umland verschwinden. Was übrig bleibt, ist eine Garnitur städtischer Allerweltsarten ohne Besonderheiten. Die Heidelerche ist im Stadtgebiet bereits ausgestorben; vom Rebhuhn gibt es in München nur noch einige wenige Exemplare, Kiebitz und Feldhase sind weitgehend verschwunden. Sogar typische Stadtvögel geraten unter Druck: Dohlen sind in München fast ausgestorben und in der Innenstadt nistet nur noch eine einzige Spatzen-Kolonie. Geht es mit der Nachverdichtung weiter wie bisher, ist Schluss mit dem Artenreichtum.

Was raten Sie Stadtplanern? Was muss aus Ihrer Sicht dringend berücksichtigt werden?

Fassaden und Dächer müssten begrünt und lebendige, mit Gehölzen bepflanzte Hochhausfassaden gefördert werden. Ihre noch verbliebenen Grünflächen sollte die Stadt mit mehr Rücksicht auf die Artenvielfalt bewirtschaften. Beispielsweise sollte weniger gemäht, mehr Blumenwiesen angelegt und in erster Linie standortgerechte Gehölze gepflanzt werden. Zudem müsste der ruhende Verkehr reduziert werden: Parkplätze beanspruchen enorm viel Platz, der in einer dichtgepackten Stadt wie München künftig Mangelware sein wird.

 

Mehr zum Thema

www.hamburg.nabu.de/tiere-und-pflanzen/garten/naturnaher-balkon/05216.html Tipps für Balkone: So holt man
die Natur direkt vors Fenster.

www.dachgaertnerverband.de Grundlagenwissen für die Natur­­-­Oase auf dem eigenen Dach.

www.duh.de/zielgruppen/kommunen/stadtnatur Wissenswertes über Stadtgrün und Projekte der Deutschen Umwelthilfe.

www.anstiftung.de/urbane-gaerten Die Initiative Anstiftung informiert über Gemeinschaftsgärten.

Kern, Simone: Mein Garten summt. Kosmos-Verlag 2017, 128 Seiten, 16,99 €

Reif, Jonas: City Trop-Projekte und Pflanzen für grünere Städte von morgen,
Eugen Ulmer Verlag 2017, 192 Seiten, 29,90 €

 

Erschienen in Ausgabe 05/2018
Rubrik: Leben&Umwelt

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