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Spenden mit Herz und Hirn

Gutes tun: Effektive Altruisten spenden mit Plan, nicht dort, wo es sich zufällig ergibt.

GESELLSCHAFT Effektive Altruisten wollen möglichst viele Menschenleben retten, indem sie Geld an die richtigen Projekte spenden. Welche die „richtigen“ sind, zeigen Kosten-Nutzen-Rechnungen. Text: Anja Dilk; Illustration: Nina Eggemann

Als Leon Lang den Effektiven Altruismus kennenlernt, sortiert er seine Prioritäten neu. Statt regelmäßig Flyer für Tierrechte zu verteilen, startet der Mathestudent an der Universität Bonn noch mehr durch. Sein Ziel: bessere Noten. Denn davon verspricht sich der 24-Jährige später ein höheres Gehalt. Das er wiederum dafür nutzen kann, mehr Geld an Organisationen zu spenden, die Leid verhindern. Das, so sagt er, sei effektiver als seine bisherigen Aktionen in der Fußgängerzone. Auf einer Liste im Netz hat er sich verpflichtet, zehn Prozent seines künftigen Einkommens zu spenden.

Als Annalena Tetzner vom Effektiven Altruismus erfährt, schraubt sie ihren Einsatz für das Studium erstmal runter. Als Asienwissenschaftlerin, Schwerpunkt Kultur, ist mit einem hohen Einkommen nach dem Abschluss nicht zu rechnen. Besser sei es, sagt Tetzner, ihre Energie in die Verbreitung des neuen Ansatzes zu stecken. Jetzt engagiert sich die 23-Jährige in der Bonner Hochschulgruppe Effektiver Altruismus und überlegt, ob sie in ihrem Studium zu einem Wirtschaftsschwerpunkt wechseln sollte. Damit hätte sie später, so das Kalkül, mehr Karriereoptionen und damit einen größeren Hebel, in der Welt etwas zu verändern.

Leon Lang und Annalena Tetzner verbindet eines: Sie wollen Gutes tun, „aber nicht einfach, wo es sich zufällig ergibt“. Tetzner fragte sich: Macht es die Welt wirklich besser, wenn ich im Altersheim nebenan helfe? Und Lang wollte wissen: Bringt es wirklich genug, vegan zu essen und Flyer für Veganismus zu verteilen, wenn Millionen weiter in Schnitzel und Steak beißen. Für beide war der Effektive Altruismus ein Wendepunkt. Sie hörten von ihm auf Konferenzen im Sommer 2016. Beide faszinierte seine Kernfrage: Was bringt den höchsten Nutzen? Wie kann ich mit meinen Fähigkeiten am meisten bewegen? Helfen nicht nur mit Herz, sondern auch mit Verstand. Gezielt, rational, wohlkalkuliert.

Altruisten sind Menschen, die erst an andere denken, dann an sich selbst. Effektive Altruisten wollen, dass sich das lohnt. Sie suchen nach dem größtmöglichen „Impact“, wie sie es nennen. „Finde heraus, wie du am meisten Gutes tun kannst, und dann tue es“, schreibt der Oxforder Philosophieprofessor William MacAskill. Der 30-Jährige hat die Bibel der Effektiven Altruisten geschrieben: „Gutes besser tun“.


Jeder Euro zählt – denn er kann Leid, Tod und Krankheiten verhindern.

Wirksam helfen

Was ist Effektiver Altruismus?

Für Effektive Altruisten ist es ethisch zentral, Menschen in Not bestmöglich zu helfen. Sie versuchen, das Leid in der Welt möglichst effektiv zu lindern. Dabei überprüfen sie die Wirksamkeit ihrer Spende mit rationalen, wissenschaftlichen Kriterien: Wie viel bewirkt ein gespendeter Dollar tatsächlich? Für wie viele Menschen? Diese Kosteneffektivität wird anhand von Messgrößen wie verhindertem Leid, weniger Todesfälle oder Krankheiten zu bestimmen versucht und systematisch von Organisationen wie Give Well evaluiert.

Für Effektive Altruisten gibt es drei Strategien der Hilfe:
1. Ethischer konsumieren, um die Schäden durch den Konsum zu minimieren. 2. Zeit investieren, um sich direkt für eine Sache einzusetzen. Und vor allem 3. Effektiv Geld spenden, um eine wichtige Sache voranzutreiben. Teils richten Effektive Altruisten ihr Leben darauf aus, möglichst hoch dotierte Jobs zu haben, viel Geld zu verdienen und durch einen einfachen Lebensstil wenig Geld für sich selbst auszugeben, um möglichst große Summen spenden zu können.

Kosten-Nutzen-Rechnung entscheidet

Was „am meisten Gutes“ heißt, versuchen Effektive Altruisten, kurz EA, mit Kosten-Nutzen-Rechnungen zu ermitteln. Eine davon geht so: Von 10 000 Dollar könnte man einem Blinden hierzulande einen Blindenhund finanzieren – oder 300 Augenoperationen in Afrika, die blinden Kindern wieder das Augenlicht schenken. Wer rational entscheidet, müsse also für Letzteres spenden, sagen Effektive Altruisten. Die Wirkung in der Welt sei größer.

Organisationen wie „Give Well“, „Giving what we can“ oder „Phineo“ klopfen die Arbeit von Hilfsorganisationen danach ab, wie viel Gutes sie für jeden eingesetzten Dollar bewirken. Nur empirische Belege zählen. Wie viele Kinder sterben vor dem Einsatz von Malarianetzen der Against Malaria Foundation in einer Region, wie viele danach? So werden die Organisationen bewertet, es entstehen Ratings ähnlich denen in der Finanzbranche.

Vor zwei, drei Jahren noch war der EA kaum bekannt. Groß ist die Szene immer noch nicht, aber sie wächst beständig. Ihre Zentren liegen in Oxford, San Francisco, Melbourne und der Schweiz. Gut 2000 EA-ler gibt es allein in Großbritannien, weltweit sind es mehrere Tausend. Überall gründen sich Lokalgruppen, mehr als 30 alleine in Deutschland. Die EA-Stiftung, gegründet im Sommer 2015, berät Menschen dabei, wie sie ihre Karriere nach EA-Kriterien ausrichten, und versucht mit inzwischen knapp 30 Mitarbeitern, die von unabhängigen Spendern finanziert werden, diese Idee in den deutschsprachigen Raum zu tragen.

Fakten statt Emotion

Mathegebäude der Uni Bonn, Raum 0.011. Zwei Dutzend Interessenten sind gekommen. Ein Philosophiestudent hat auf Facebook von dem Treffen gelesen. Eine Germanistikstudentin hörte durch eine Freundin davon. Andere wurden über die „Vegane Hochschulgruppe Bonn“ aufmerksam. Alle finden den Ansatz „spannend“. Viel mehr wissen sie nicht. Leon Lang schreibt Zahlen an die Tafel. Welcher Regel folgt diese Zahlenreihe?, fragt er in die Runde. Kulis kratzen auf Papier, Mandarinen werden herumgereicht. Lösungen haben nur wenige, viele raten eher, als systematisch vorzugehen. Lang überrascht das nicht. Mit der kniffeligen Aufgabe will der Mathestudent seine Kommilitonen dafür sensibilisieren: sich der Grenzen ihrer eigenen Rationalität bewusst zu werden. Denn Menschen verhalten sich oft irrational, glauben Effektive Altruisten. Auch beim Spenden. Zum Beispiel wenn sie eher emotionalen Bildern aus Katastrophengebieten folgen als den Fakten. Lang erzählt von „kognitiven Verzerrungen“, „Mindware Gaps“ und anderen „unbemerkten Hindernissen für rationale Entscheidungen, die Studien der Entscheidungsforschung vielfach belegen“.

Debatte nimmt Fahrt auf

Leon Lang hält seinen Vortrag auf Englisch, wie es in EA-Gruppen üblich ist. Man versteht sich als internationale Gruppierung und schließlich sitzen auch Niederländer und Osteuropäer im Seminarraum. Vielleicht liegt es an der Fremdsprache, dass die Diskussion erst nur behäbig in Gang kommt. Vielleicht aber liegen den Studenten einfach praktischere Fragen am Herzen. Denn als es nach den Matheübungen konkret wird, nimmt die Debatte Fahrt auf: Kann ich auch mit kleinem Einkommen ein Effektiver Altruist sein? Brauchen wir, statt über die Methoden rationalen Vorgehens zu diskutieren, nicht erst ein gemeinsames „rationales Ziel“? Gibt es so was überhaupt? Die meisten sind sich einig: Es kann nicht falsch sein, die Wirksamkeit zu hinterfragen, nach anderen Wegen zu suchen und diese kritisch zu diskutieren. Das sei ein EA-Grundsatz, sagt Lang: Wenn dir jemand bessere Argumente liefert, sei bereit, deine Meinung zu ändern. Am Schluss gibt Tetzner eine Kontaktliste rum. „Nächstes Mal machen wir Pläne für die Praxis.“

Es sind nicht nur einzelne Menschen, die nach der Wirksamkeit sozialer Arbeit fragen. Auch im professionellen Hilfssektor breitet sich die Idee aus, nicht zuletzt, weil öffentliche Gelder knapper werden und zunehmend mehr Philanthropen und Investoren den sozialen Sektor für sich entdecken. 

Mittagszeit. Im „Soy“ am Berliner Rosa-Luxemburg-Platz duftet es nach Gemüse und Sojasoße. Stefan Torges, Sprecher der EA-Stiftung, nimmt einen Schluck Ingwertee und beißt in seine Reisrolle. Er liebt die Berliner Szene, sagt er. Nirgendwo sonst fiele die Idee des Effektiven Altruismus auf so fruchtbaren Boden wie hier. Vor zwei Jahren ist der 25-Jährige deshalb nach seinem Philosophiestudium in Magdeburg hierher gezogen. Seitdem organisiert er Veranstaltungen, diskutiert mit Journalisten, pariert Einwände.


Kritisch: Wie kann man eigentlich Leid vergleichen?

Statistik des Glücks

Etwa: Wie, bitteschön, lässt sich berechnen, ob es sinnvoller ist, Geld für die Krebs-Therapie eines Deutschen auszugeben oder für einen HIV-Erkrankten in Afrika? Bei Fragen wie dieser zieht Torges den „Qaly“ aus der Tasche. Das Kürzel steht für „Quality Adjusted Life Year“, was häufig mit „Qualitätskorrigiertes Lebensjahr“ übersetzt wird. Es ist ein in der Gesundheitsökonomie verwendeter Kennzahlen-Katalog, der versucht, mithilfe statistischer Methoden Kriterien für Glück zu entwickeln. Mit dem Qaly, sagt Torges, ließen sich rationale Antworten auf ethische Fragen finden. Er lacht. „Was ist die Alternative? Auslosen, wem man hilft?“ Er hält EA für die beste Lösung.

Das sehen nicht alle so. Die junge Bewegung ist umstritten. Ulrike Kostka, Caritasdirektorin für das Erzbistum Berlin, sagt, der „Leistungsdruck beim Helfen“ bereite ihr Sorgen, ebenso wie die Fixierung auf das „Diktat des größten Glücks der größten Zahl“. Wo führe es hin, die Einzelhilfe für den Obdachlosen gegen die strukturelle medizinische Hilfe in Afrika aufzurechnen? „Würden wir nur nach diesen Kriterien handeln, hätte der Obdachlose keine Chance auf Hilfe“, sagt Kostka. „Und wie will man den Wert von Beziehungen berechnen, die in der sozialen Arbeit so wichtig sind?“

Der Wirkungsforscher Volker Then, Direktor des Centrums für soziale Investition und Innovation in Heidelberg, nickt. „Nicht überall lässt sich eine  einzelne klare Ursache-Wirkungskette konstruieren“, so Then. „Wir müssen immer wieder fragen: Welche Werte stecken hinter den Kriterien, mit denen wir Wirkung zu messen versuchen? Wie können wir die Wirkung am besten annäherungsweise erfassen?“. Sonst rette sich die Wirkungsmessung schnell wieder ins betriebswirtschaftliche Aufrechnen: Wie viel bekomme ich für mein Geld? Statt: Wie viel verändert das, was ich für mein Geld bekomme?

Trotzdem halten beide den Blick auf die Wirkung für sinnvoll. Kostka: „Er zwingt uns, genauer auf das Ergebnis unserer Arbeit zu schauen.“ Then: „Wir beobachten einen generellen Paradigmenwechsel im Engagement: Viele Menschen fragen nach der Effektivität und wollen unternehmerisch mitgestalten.“ Zu erwarten ist, dass sich etablierte Wohlfahrtsorganisationen künftig mehr Fragen nach dem Nutzen ihrer Arbeit gefallen lassen müssen.

EA-Stiftungs-Mann Stefan Torges sagt, er schätze solche Debatten. Auch Kritik an seiner Haltung. „Das macht uns besser und hilft bei der Selbstreflexion.“ Und beim Umgang mit den Zweifeln. Denn die existieren. Wäre es nicht besser, sich mit einem mitgebrachten Brot im Park zu treffen, statt zum Businesslunch im Restaurant? Was mache ich, wenn mein Partner ein Auto kaufen will statt zu spenden? „Solche Fragen treiben viele bei uns um“, sagt Torges. „Letztlich ist jede Entscheidung eine persönliche Abwägung.“

Alle sprechen von einem „Herzensbedürfnis“

Redet man mit EA-Anhängern über ihre Motive, sprechen alle von „einem Herzensbedürfnis,“ etwas gegen die Missstände in der Welt zu tun. Sie wollen sicher sein, dass ihr Engagement wirklich etwas verändert und spüren, wie sie wirksam werden. So wie Jonas Müller. Der 31-Jährige spendet etwa 60 Prozent seines Brutto-Einkommens. Das fällt ihm nicht schwer, sagt er. „Ich brauche nicht viel.“ Mit seiner Freundin lebt er in einer Drei-Zimmer-Wohnung, viele Möbel bekam er umsonst von Kollegen oder Freunden, Klamotten kauft er günstig. Dass manches T-Shirt unter schlechten Arbeitsbedingungen hergestellt sein mag, nimmt er hin. „Das gesparte Geld, das ich dadurch für eine effektive Hilfe spenden kann, tut mehr für die Arbeiter als jeder Fair-Trade-Kauf.“ Auto, Urlaubsreisen oder Essen gehen sind nicht sein Ding. „Wir überschätzen die Bedeutung von Konsum für unser Glück“, sagt er und zitiert die Glücksforschung: „Nach einem kurzfristigen Kick pendeln wir uns wieder auf das ursprüngliche Glücksniveau ein.“

Die Geschichte vom ertrinkenden Kind

Es ist nicht so, dass sparen, um zu spenden schon immer Jonas Müllers Strategie war. Früher half er, wo es sich ergab, unterstützte Austauschstudenten an der Uni, arbeitete nach dem Informatikstudium bei einer NGO. Dann fiel ihm das Buch „Leben retten“ des australischen Philosophieprofessors Peter Singer in die Hände. Darin las er die Geschichte vom ertrinkenden Kind.

Sie geht so: Ein Mann, der sich gerade neue Schuhe gekauft hat, geht durch einen Park. Er kommt an einem Teich vorbei, in dem ein Kind zu ertrinken droht. Wird er es retten, auch wenn es seine Schuhe ruiniert? – Natürlich! Aber was, fragt der Philosoph, unterscheidet dieses Kind von all den anderen, die irgendwo auf der Welt gerade in Lebensgefahr schweben? Muss man nicht ebenso, wie man am Teich bereit war, auf die Schuhe zu pfeifen, auch von seinem Einkommen abgeben bis an die finanzielle Schmerzgrenze?

„Die Geschichte hat mich nicht mehr losgelassen“, sagt Müller. Er erkannte: „Es ist falsch, mich auf die physische Nähe zu konzentrieren, wenn ich helfen will.“ Seine Arbeit bei der NGO konnte genausogut jemand anderes machen. Wenn er, Müller, aber mit einem Topjob in der Wirtschaft Geld scheffelte, würde Geld gespendet, das sonst nicht gespendet worden wäre. Und die Welt wäre ein kleines bisschen besser.

Jetzt arbeitet Jonas Müller bei einer Firma in Zürich. Er verdient doppelt so viel wie zuvor. Ohne nette Kollegen und „ein moralisch tragbares Geschäftsmodell“ würde er den Job kaum durchstehen. Aber eine Finanzsoftware für Berater von Häuslebauern zu entwickeln, damit kann er leben. Mit seinen Spenden schafft er „mehrere Vollzeitstellen“ bei der EA-Stiftung und engagiert sich seit einem Jahr im Vorstand einer Tierschutzorganisation. „Das“, sagt Müller, „ist Glück für mich.“

Fertig ist er damit noch lange nicht. Sein Ziel: Noch mehr verdienen, noch mehr spenden. „Wenn ich mit ein paar Hundert Euro mehr statt 18 Kinder 20 retten kann – dann werde ich doch nicht sagen, ach, jetzt reichts.“ 

Unsere Autorin Anja Dilk war beeindruckt, wie zufrieden, locker und ohne jeden Zeigefinger die Protagonisten dieser Geschichte von ihrer Entscheidung, effektiv Gutes zu tun, erzählten.

 

 

Mehr zum Thema

www.ea-stiftung.org Die Stiftung für Effektiven Altruismus stellt sich vor. Mit transparenter Auswertung der Aktivitäten 2017 und Skizze der Pläne für 2018.

www.effektiveraltruismus.de Die Info-Seite erläutert die Philosophie des rationalen Helfens, gibt Anregungen, wo man aktiv werden kann, verweist auf Lektüre, Videos, Organisationen und Veranstaltungen.

www.givewell.org Wo kann ein Dollar am meisten bewirken? Das erforscht Give Well systematisch und gibt einen Überblick über verschiedene Wege zur effektiven Spende. 

Singer, Peter: Effektiver Altruismus. Eine Anleitung zum ethischen Leben. Suhrkamp Verlag, 2016, 240 Seiten, 24,95 €

 

MacAskill, William: Gutes besser tun: Wie wir mit effektivem Altruismus die Welt verändern können. Ullstein Verlag, 2016, 288 Seiten, 14,99 €

 

INTERVIEW

„Es kostet Kraft, das Leid anderer zu verdrängen“

Herr Ebeling, Effektive Altruisten richten ihr Leben darauf aus, anderen zu helfen. Was raten Sie Menschen, die solch einen rigorosen Schritt nicht schaffen, aber trotzdem möglichst wirksam Gutes tun wollen?

Martin Ebeling

Als promovierter Philosoph ist Dr. Martin Ebeling davon überzeugt, dass die Philosophie viele kluge, praktikable Lehren für ein gutes Leben bereithält. Er arbeitet als
Dozent an der Berliner School of Life.

Klein anfangen. Man muss ja nicht gleich zehn Prozent seines Einkommens spenden, sondern kann mit zwei Prozent beginnen. Wie fühlt sich das an? Wo muss ich deshalb zurückstecken? Fehlt mir wirklich was? Auch testhalber einen Monat lang auf Fleisch zu verzichten, hilft, sich über die eigenen Bedürfnisse klar zu werden. Danach kann man gewohnte Muster auf den Prüfstand stellen.

Viele Menschen tun ja bereits etwas – aber vielleicht nicht maximal effektiv.

Deshalb rate ich zu einer Bestandsaufnahme: Was tue ich schon? Wie viel Zeit oder Geld investiere ich? Auf dieser Basis kann ich überlegen: Wie könnte ich effektiver helfen ...

... also das Engagement im Flüchtlingswohnheim gegen eine Spende bei Give Well eintauschen?

Möglicherweise. Allerdings gebe ich dann zwischenmenschliche Beziehungen zugunsten der Effizienz auf. Glücklich werden damit wohl nur Hyperrationalisten. Ich halte zwischenmenschliche Beziehungen für den Zusammenhalt und die Moral in unserer Gesellschaft für sehr wichtig.   

Kann es denn glücklich machen, das Leben aufs Helfen auszurichten?

Durchaus. Die Glücksforschung nennt das „Authentic Happiness“. Der Mensch braucht Sinn im Leben, um glücklich zu sein. Wir müssen uns mit dem Leid anderer auseinandersetzen, um selbst seelisch im Gleichgewicht zu bleiben. Es kostet Kraft, das Leid anderer zu verdrängen, obwohl wir davon wissen. Wir brauchen dann viel Energie, um unsere eigene moralische Integrität aufrechtzuerhalten. Schließlich wissen wir, dass wir etwas Falsches tun. Glücklich macht das nicht.

 

Erschienen in Ausgabe 04/2018
Rubrik: Leben&Umwelt

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