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Farbige Baumwolle

Ganz ohne Schönfärberei

Wer nur naturbelassene Kleidung an seine Haut lassen möchte, mußte lange Zeit auf bunte Akzente verzichten. Die Entdeckung farbig gewachsener Baumwolle hat in der Öko-Mode neue Wege geöffnet: Schluß mit dem Einheits-Beige, Laufsteg frei für fröhliche Farben, freche Ringel und witzige Karos!

Die pastellfarbenen Kleiderreste, auf die Ethnologe James Vreeland bei Ausgrabungen von peruanischen Inka-Grabstellen stieß, stellten ihn zunächst vor ein Rätsel. Es handelte sich dabei um Baumwolle - daran ließen die Untersuchungen keinen Zweifel. Doch der Blick durchs Mikroskop zeigte ebenso eindeutig, daß die bunten Fasern nicht gefärbt sein konnten. Farbig und doch nicht gefärbt - Baumwollkenner hielten Vreelands These für abwegig.

Im Dschungel entdeckt: farbig wachsende Baumwolle

Der nord-amerikanische Wissenschaftler ließ sich nicht beirren und bestimmte anhand seiner archäologischen Funde das Herkunftsgebiet der Textilreste. Dorthin reiste er und machte sich auf die Suche. Er wurde fündig: Im peruanischen Dschungel stieß er auf wildwachsende Baumwollsträucher. Sie bringen Fasern in unterschiedlichen Farben hervor - eine Eigenschaft, die sich die Menschen offenbar schon vor über 5.000 Jahren zunutze machten. Vreelands Entdeckung liegt nun ungefähr fünfzehn Jahre zurück. Seither hat er sich der Erforschung und Entwicklung der "nativen Baumwolle" gewidmet und gemeinsam mit Bauern vor Ort die Eigenschaften der wildwachsenden, ertragsarmen Sorten verbessert.

James Vreeland vertritt die Ansicht, daß die native Baumwolle ihrer Faserstruktur nach nur aus Peru stammen könne. Diese Auffassung ist nicht unumstritten. Mittlerweile sind die Pflanzen mit der bunten Baumwolle auf jeden Fall schon weit über die Grenzen des Amazonasgebiets hinaus verbreitet. Andere ForscherInnen - wie zum Beispiel die US-Amerikanerin Sally Fox - haben andernorts ebenfalls erfolgreiche Anbauprojekte aufgebaut. So wächst farbig pigmentierte Baumwolle mittlerweile außer in Peru auch in den Vereinigten Staaten, in Israel, Mexiko und Bolivien, zumeist unter kontrolliert ökologischen Bedingungen.

Die farbige Baumwolle wächst in zwei verschiedenen Farbnuancen: in braun und grün. Bei den Brauntönen wird zum Teil nochmals ein bräunlicher von einem rötliche Farbton abgegrenzt. Die native Baumwolle unterscheidet sich von der herkömmlichen weißen bereits im Wuchs der Pflanze: Mit einer Höhe von drei bis vier Metern werden die braunen Baumwoll-Stauden im Schnitt größer als die zumeist eher strauchartigen Pflanzen der weißen Baumwolle. Die Blüten sind außerdem drei-, nicht fünfgeteilt und wachsen nach unten hängend.

Aus Vreelands Forschungsprojekt sind mittlerweile Anbauprojekte entstanden, die für rund 700 peruanische Bauernfamilien neue Wege aufgetan haben. Der Norden Perus gilt als größtes Koka-Anbaugebiet der Welt. Die Kultivierung dieses immergrünen Strauches mit seinen gewinnbringenden Blättern drängt den Regenwald jedes Jahr etwas weiter zurück. In riesigen, intensiv und unter starkem Einsatz von Pestiziden bewirtschafteten Monokulturen wächst der Kokastrauch heran. Die Drogen-Mafia kontrolliert die illegalen Geschäfte mit eiserner Hand.

Vreelands Wiederentdeckung der bunten Inka-Baumwolle bietet den Bauern nun eine wirtschaftlich tragfähige Alternative. Die peruanische und US-amerikanische Regierung unterstützen das Projekt, um den Bauern den Weg aus der Illegalität des Koka-Anbaus zu ebnen. Die Umstellung auf Baumwolle erfolgt stufenweise. Nach der Rodung muß das Land mehrere Jahre brachliegen, damit sich der Boden erholen kann. Erst dann wird er für die Baumwoll-Pflanzung wieder urbar gemacht.

Die 1991 gegründete Kooperative "Pakucho Pax", deren Manager Vreeland ist, garantiert den Bauern die mengenmäßig unbegrenzte Abnahme ihrer farbigen Baumwolle. Bis zu viermal im Jahr pflücken sie mit der Hand auf einer Fläche von rund 300 Hektar die Samenhaare der Baumwoll-Pflanzen (siehe Kasten "Algodón"). Die erste Pflückung gilt dabei als die hochwertigste.

Der Ort San Miguel gehört am längsten der Kooperative an. "Rund 20 Bauernfamilien bewirtschaften dort die Felder um das Dorf herum", erzählt Gabriele Kolompar, die sich für den deutschen Naturtextil-Hersteller Engel im Oktober vergangenen Jahres ein Bild von der Situation vor Ort verschafft hat. Zwischen den Baumwoll-Pflanzen gedeihen Bananenstauden, Zuckerrohr und Mais. Sie seien ausschließlich für den Eigenbedarf der Familien bestimmt, erklärt Gabriele Kolompar. Ein Zubrot verdienen sich die Bauern mit den Haustieren, die sie nebenher halten.

Die farbige Baumwolle wächst auf den Feldern von San Miguel ohne Einsatz synthetischer Pestizide, chemischer Dünge- und Entlaubungsmittel in natürlicher Fruchtfolge heran. Gegen die gefräßigen Baumwollraupen führen die Bauern beispielsweise statt Giftspritzen Lockstoffe und Duftfallen ins Feld.

Nach der Ernte wird die Baumwolle in einen Lagerraum gebracht und dort nach Farben verlesen. Anschließend müssen die Bäusche gereinigt und die Samen abgetrennt werden. Die einzelnen Chargen werden bereits jetzt von der unabhängigen Kontrollinstitution Skal überprüft und gekennzeichnet.

In Tücher gezurrt kommt die Baumwolle in die Spinnerei. Engel beispielsweise hat auf Vermittlung der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) hin Kontakte zu vergleichbaren Betrieben in Lima aufgenommen. Die Spinnerei sorgt für die Garne, die in einem Partnerbetrieb in Lima zu Stoff gestrickt und konfektioniert werden. Die Weiterverarbeitung im Land ist ein Teil des Fair-Trade-Konzepts, das die Länder des Südens aus der Ecke der billigen Rohstoff-Produzenten herausholen möchte. Gabriele Kolompar hat die Spinnerei in Lima besucht. "Die Arbeitsbedingungen sind dort deutlich besser als in Peru sonst üblich, die Bezahlung liegt über dem Landesdurchschnitt."

Bunte Fasern: schwieriger zu verarbeiten

Entscheidend für die Qualität der Roh-Baumwolle sind Länge ("Stapel") und Feinheit der Fasern. Während weiße Baumwolle über Jahrhunderte auf eine Länge von 18 bis 42 Millimeter gezüchtet wurde, fallen braune und grüne Fasern mit rund 25 beziehungsweise 18 Millimeter im Schnitt kürzer aus. Sie können deshalb auch nur zu eher groben Garnen ausgesponnen werden. Zumeist ist die braune Faser länger und feiner als die grüne - ein Beleg dafür, daß die Forscher zunächst an der Weiterentwicklung der bräunlichen Faser gearbeitet haben. "Die grüne Faser hat zudem den Nachteil, daß sie nicht so lichtecht ist", gibt Gabriele Kolompar zu bedenken. Bei Sonneneinwirkung verändere sich - genetisch bedingt - die Farbe zu einem eher gelblich-grünen Ton.

Durch Kreuzung und natürliche Selektion, ohne gentechnische Eingriffe, haben sich erste Zucht-Erfolge eingestellt: Die farbigen Garne sind hochwertiger geworden und lassen sich besser ausspinnen. Um die vorhandenen Probleme zu mindern, mischen manche Garnhersteller der kurzstapeligen farbig pigmentierten Baumwolle auch längere (natur-)weiße Fasern bei. So entsteht ein robustes Garn, das vielfältiger eingesetzt werden kann. Auch für Engel werden in Lima die braunen Fasern mit weißen vermischt. Die Farbe wirkt dadurch allerdings weniger intensiv und erscheint leicht meliert.

Die fertigen Stoffe werden vor Ort zugeschnitten und konfektioniert. In Polyethylen verschweißt tritt die Ware dann die Reise nach Deutschland an - in einem seperaten Container und durch die Folie gegen weitere Einflüsse geschützt. "Aus ökologischen Gründen haben wir uns für den Transport auf dem Wasserweg entschieden, nur in ganz eiligen Fällen kommt mal eine kleine Menge per Luftfracht zu uns", erläutert Gabriele Kolompar.

Hautnah erleben: Umweltschutz durch Verzicht aufs Färben

Auch wenn farbig gewachsene Baumwolle im Naturtextilbereich immer noch eine Nebenrolle spielt, wissen einige Hersteller ihre Vorzüge durchaus zu schätzen. Durch die natürliche Pigmentierung entfällt - ohne daß auf farbige Akzente verzichtet werden muß - der aufwendige Färbevorgang: ein durch und durch umwelt- und hautfreundlicher Produktionsweg. "Es wird immer noch viel zu wenig Farbe getragen bei Naturtextilien", kritisiert Wolfgang Uhle vom Arbeitskreis Naturtextil e. V., "Kleidung aus farbig gewachsener Baumwolle ist eine Möglichkeit, es doch zu tun und dabei ökologisch konsequent zu bleiben." Gerade für AllergikerInnen bieten die Farben der Natur eine sinnvolle bunte Alternative.

Durch das Waschen der Textilien verändern sich die Farben nochmals. Allerdings verblassen sie nicht, sondern werden dunkler. Eindeutig geklärt sind die Gründe dieser verblüffenden Eigenschaft noch nicht, die besonders stark bei grüner Baumwolle zu beobachten ist. Die Wissenschaftlerin Sally Fox vermutet die Ursache im schichtweisen Aufbau der Fasern: Sie besitzen - ähnlich wie Bäume - sogenannte "Tagesringe". Der äußere Schutzmantel werde beim Waschen entfernt, wodurch die grüne oder braune Pigmentschicht deutlicher zum Vorschein kommt. Eine andere These geht davon aus, daß das Waschen die Faseroberfläche so verändert, daß das Licht anders reflektiert wird. Nach einigen Waschgängen ist die stärkste Intensität erreicht und die Farben der Natur verändern sich nicht mehr.

Christiane Schmitt

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Vielen Dank für diesen sehr informativen Artikel. Ich verwende Stoffe aus dieser wunderbar ursprünglichen Baumwolle gerne wegen ihrer natürlichen Ausstrahlung für meine Nuckel- oder Tuchpuppen für die Kleinsten.

Herzliche Grüße,
Jennifer

Baumwollfreundin

Das ist ein sehr interessanter Beitrag! Gibt es eine Möglichkeit, an Saatgut für diese farbige Baumwolle zu gelangen? Ich bin Hobbyspinnerin und interessiere mich deshalb auch sehr für dieses Thema.

Vielen lieben Dank!

Stefanie S.