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Kolumne: Total bescheuerte Bekleidungsentscheidungen

Fred Grimm (Foto: Rebecca Hoppe)
Fred Grimm Autor von „Shopping hilft
die Welt verbessern“, schreibt hier
über gute grüne Vorsätze – und das,
was dazwischenkommt.
(Foto: Rebecca Hoppe)

Etwas seltsam wird es bestimmt aussehen: die umgestülpte Hose, das verdrehte Hemd und die Jacke mit dem Futter nach außen. Aber ich habe in meinem Leben mit Sicherheit schon bescheuertere Bekleidungsentscheidungen getroffen als an diesem 24. April. Denn anlässlich des „Fashion Revolution Days“ werde ich meine Kleidung einen Tag lang falsch herum tragen. Das heißt – vielleicht trage ich sie an diesem einen Tag endlich mal richtig.

Die Welt ertrinkt in Mode. 80 Milliarden Kleidungsstücke werden weltweit jährlich produziert. Das berichtet der Dokumentarfilm „True Cost: Der wahre Preis unserer Kleidung“. Wir Deutschen allein kaufen durchschnittlich pro Kopf 70 neue Teile jedes Jahr. Aber nur knapp mehr als die Hälfte ziehen wir öfter als zwei, drei Mal an. Wir schleppen aus den Primarks, H&Ms oder Zaras heute doppelt so viel Kleidung heraus als noch vor zehn Jahren, zahlen dafür jedoch weniger als je zuvor. Möglich ist das nur, weil am Ende der Herstellungskette irgendwo in Bangladesh oder Kambodscha – und bald auch in Äthiopien oder Myanmar – eine Arbeiterin sitzt, die für teilweise nicht mal 15 Cent pro Stunde und bis zu 16 Stunden pro Tag in einer stickigen, baufälligen und nicht selten sogar verschlossenen Textilfabrik sitzt und ihr Leben für uns riskiert.

Vorsicht Lebensgefahr! Produktion von Klamotten

Buchstäblich. Denn der „Fashion Revolution Day“ erinnert an die Katastrophe von Rana Plaza, als 2013 beim Einsturz eines schlampig hingeklotzten Fabrikgebäudes über 1100 Menschen ums Leben kamen. Viele von ihnen hatten Minuten vor ihrem Tod noch darum gefleht, das gefährlich schwankende und knirschende Gebäude verlassen zu dürfen. Vergeblich. Die immer enger getakteten Aufträge der großen Modekonzerne erlauben keinen Aufschub, nicht mal um ein paar Stunden.

Wer am 24. April seine Kleidung mit den Etiketten nach außen trägt, weist darauf hin, dass es ihm nicht egal ist, von wem und unter welchen Bedingungen seine Mode produziert wird. „Mode gibt mir eine Stimme“, hat die große Designerin und Aktivistin Vivienne Westwood einmal gesagt. „Ich kann versuchen, damit die Dinge auszudrücken, die mir wichtig sind.“ Wirklich schöne Mode zeigt die Achtung vor dem verwendeten Material, das der Umwelt nicht schadet, und sie zeigt Achtung für die Menschen, die vom Anbau über die Verarbeitung, Färben und Nähen, bis hin zum Verkauf dafür arbeiten, dass wir gut angezogen sind.

Man kann gar nicht oft genug daran erinnern: Leider drückt sich die Modeindustrie mit ihrem System der Subsubsubproduktion auch drei Jahre nach Rana Plaza noch immer um die Verantwortung für diejenigen Menschen herum, die ihre Profite erst möglich machen. Für diese Menschen und für die Idee einer Mode, die auch innere, ethische Schönheit hat, laufe ich gern mal einen Tag lang „falsch“ herum.

Erschienen in Ausgabe 04/2016
Rubrik: Leben&Umwelt

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