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Kolumne: Was Müll in tausend Jahren über uns verraten wird

Fred Grimm
Fred Grimm, Autor von „Shopping hilft die Welt
verbessern“, schreibt hier über gute grüne Vorsätze – und
das, was dazwischen kommt.

Ob es wohl in tausend Jahren noch Archäologen geben wird? Diese erstaunlichen Wissenschaftler, die, im Zusammenspiel mit schlauen Historikern, aus Scherben, ein paar Krümelchen Farbpulver sowie verrotteten Holzstämmen ganze Kulturen wieder auferstehen lassen?

Ich frage mich, was sie in der Zukunft aus unseren Hinterlassenschaften herauslesen werden. Aus den Plastiktüten von heute, die der Erde zu Abermillionen Tonnen auch noch in tausend Jahren erhalten bleiben, werden die Wissenschaftler von morgen womöglich auf einen geheimnisvollen, selbstzerstörerischen Kult ihrer Vorfahren schließen. Mumifizierte Tiere, deren Mägen mit Plastikteilchen vollgestopft sind, wird man dann vielleicht als besonders grausame Opfergaben einer aus den Fugen geratenen Kultur ansehen. Am neugierigsten wäre ich allerdings darauf zu erfahren, welchen Reim sich zukünftige Archäologen wohl auf die Überreste der Kaffeekapseln machen.
Die Chance, dass genügend Müll für künftige Forschergenerationen übrig bleibt, ist groß. Jede Minute werden weltweit über 12 000 Tassen Kaffee getrunken, die aus  Kapseln gewonnen wurden. Alle 60 Sekunden entstehen so bis zu 12 Kilogramm Aluminium-Abfälle. Selbst wenn man die optimistischen Angaben der Hersteller zum möglichen Recycling der Alu-Kapseln zugrunde legt, bleiben der Welt jährlich etwa zwei Millionen Tonnen reines, unverrottbares Aluminium als Abfall erhalten. (Korrektur: Bei Recyclingquote von 50 Prozent bleiben dann von den beschriebenen zwei Millionen Tonnen Alumüll "nur noch" 3.153 Tonnen jährlich.) Vom enormen Energieaufwand, mit dem das Leichtmetall zuvor gewonnen werden musste, mal ganz abgesehen.

Vielleicht bleiben ja so viele kleine Alu-Kapseln übrig, dass die Archäologen von morgen sie als eine Art Tauschwährung klassifizieren – so wie die bunten Glasperlen, die unsere Vorfahren indigenen Völkern angedreht hatten, um sich im Gegenzug ihrer schönen Inseln zu bemächtigen.

Zwischen 60 und 80 Euro für ein Kilogramm Kaffee

Der Deal, den Kaffee-Genießer von heute machen, ist nicht viel besser. Zwischen 60 und 80 Euro zahlen sie für ein Kilogramm Kaffee, nur weil dieser vor dem Verkauf in hübsche kleine Portionen umgepackt wurde und dann auch noch in eigens dafür produzierten Spezialmaschinen zubereitet werden muss. In der Reihe der sinnlosesten Produkte, die in den vergangenen Jahren den Weg in unsere Supermarktregale gefunden haben, dürften Kaffeekapseln einen klaren Spitzenplatz belegen, abgesehen vielleicht noch vom Pfannkuchenteig aus der Plastikflasche. Doch, doch, sowas gibt es wirklich.

Egal wie Archäologen in tausend Jahren unsere Hinterlassenschaften deuten – ich hoffe nur, dass sie genügend Fantasie haben, sich für all den Müll eine schlauere Begründung einfallen zu lassen als die traurige Wahrheit. Denn würden zukünftige Wissenschaftler diese tatsächlich herausfinden, wäre mir das schon heute peinlich.

Erschienen in Ausgabe 11/2014
Rubrik: Leben&Umwelt

Kommentare

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incl. 'http://'
Clemens Ratte-Polle

in 1k Jahren werden sie sich über unsere vermeintlichen "Archäologen" wundern, die dem Totenkult huldigten und Pflanzenfossilien ausgruben, die viele dann zu Hause, im Auto und einige auch in Riesen-Opfer-Meilern verbrennen durften :DD
.
<Zeitsprung>
"Alte, tote, fossile Organismen aus ihren Gräbern holen und zur Sicherheit verbrennen, nochmal töten? Wollten diese Humanoiden sich an deren Seelen wärmen?!"
</Zeitsprung>
:))

wolfgang wimmer

Sg Herr Grimm,

vielen Dank für Ihre Antwort - auch mir ist ein Fehler passiert. Bei meinem Beispiel mit dem Strom habe ich TW und GW verwechselt - somit stimmt auch meine Berechnung mit dem Stromverbrauch nicht (es ist "nur" der Strom von ca. 30.000 Haushalten).
Die Zahlen sind trotzdem schlimm und der Marktführer der seine Kapsel in Alu verpackt, verkauft ja mittlerweile 8 Mrd Kapseln, ergibt somit 8 Mio Kg Primäralu - und die Recylingquoten sind meiner Meinung nach weit von 50 % entfernt (ausser im Heimatland des Anbieters). Wären diese bereits so hoch - ich bin mir sicher, man würde das sehr sehr LAUT kundtun.

Ich freue mich schon auf Ihre nächste Kolumne.

Wolfgang Wimmer

Fred Grimm

Sehr geehrter Herr Wimmer,
vielen Dank für Ihre aufmerksame Lektüre. Sie haben natürlich völlig recht - in der Kolumne steckt ein peinlicher Rechenfehler. Ich bin da einem Artikel aus der eigentlich seriösen Wirtschaftswoche
aufgesessen (was die Sache nicht besser macht)
(http://green.wiwo.de/frage-der-woche-wie-grun-ist-der-kaffee-aus-der-kapsel/), den ich peinlicherweise nicht mehr nachgerechnet habe. (Zitat daraus: » Bei mehr als sechs Milliarden Kapseln, die Nespresso Expertenschätzungen zufolge jährlich weltweit verkauft, entspricht das einem Aluminiumabfall von rund 1,6 Millionen Tonnen jährlich.«) Auf die zwei Millionen Tonnen kam ich, da mittlerweile ungefähr zehn Milliarden Kapseln verkauft werden. Pro Kaffeekapseln fallen 1,13 gr. Alumüll an.
Das ist natürlich - trotz Recyclingquoten von 50 bis 75 Prozent - immer noch zuviel, macht den Fehler aber nicht besser. Normalerweise rechne ich Zahlen immer nach, bei dieser Quelle habe ich das schlicht übersehen, bitte entschuldigen Sie! Aber ich freue mich, dass wenigstens SIE nachrechnen und auf Mokka umgestiegen sind. Der schmeckt sowieso besser, finde ich! Herzliche Grüße, Ihr Fred Grimm

wolfgang wimmer

ergänzung:
sorry, ich sehe gerade, der artikel ist geändert.
der niedrigere alumüll ergibt sich aber nicht wegen der 50 % recylingquote). dadurch würden aus 2 mio tonnen auch nur 1mio tonne werden). der rechenfehler liegt bei den 2 mio tonnen.

wolfgang wimmer

wolfgang wimmer

Sg Herr Grimm,
danke für diesen kritischen und unterhaltsamen Artikel. Er hat mich wirklich dazu bewogen, von Kapselkaffee (einen sehr großen Anbieters) auf türkischen Kaffee umzusteigen. Bei mind. 5 Kaffee am Tag freut sich auch die Brieftasche.
ABER
Sie haben - meiner Meinung - einen Rechenfehler.
12 kg Alu pro Minute (passt, 1 Kapsel hat 1 Gramm Alu), ergeben
720 kg in der Stunde, ergeben 17280 kg am tag, oder 17,3 tonnen, mal 365 tagen ergibt das 6,3 Mio Kilogramm oder 6300 tonnen Alu (ohne Recyclingquoten) und nicht 2 Millionen tonnen.

Ich habe weitergerechnet. Für 1 Kilo Alu benötigt man 14kwh Strom. Somit wird für das Kapselalu der Stromverbrauch von allen österreichischen Haushalten mal 6 verbraucht.

Wolfgang Wimmer