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Kolumne: Vom Wachstum unserer schönen Müllberge

Fred Grimm (Foto: Rebecca Hoppe)
Fred Grimm Autor von „Shopping
hilft die Welt verbessern“,
schreibt hier über gute grüne
Vorsätze – und das, was
dazwischenkommt.
(Foto: Rebecca Hoppe)

Der junge Mann am Stand 5-115 auf der Öko-Messe BioFach strahlt, als habe er gerade das Welternährungsproblem gelöst, sämtliche Kriege beendet und nebenbei die selbstreinigende Bratpfanne erfunden. „Probieren Sie mal!“, lockt er und stellt einen kleinen Pappbecher aufs Pult. Schwungvoll gießt er duftenden Kaffee aus einer innen mit Kunststoff beschichteten Papptüte hinein.

Ein Plastikröhrchen sorgt dafür, dass nichts daneben geht. „Und? Schmeckt er?“ – „Ääääh ...“ Ich kann den Blick nicht von der seltsamen Packung wenden, einer Art mobiler Kaffeekanne. Man gießt heißes Wasser auf das Kaffeepulver in der Tüte, lässt kurz ziehen und hat – Müll. „Was passiert denn mit der Tüte, wenn der Kaffee alle ist?“, frage ich. „Oh, die können Sie auch zweimal benutzen!“ – „Und dann?“ – „Ääääh ...“

Der Kaffee aus dem Grower’s Cup – so fair muss man sein – schmeckt vorzüglich. Aber diese „Innovation“ aus Dänemark versinnbildlicht die totale Gedankenlosigkeit, von der leider auch die Bio-Branche immer wieder erfasst wird, wenn es um Verpackungen geht. Gut, in Österreich konnte man schon mal geschälte Bananen in Plastikfolie kaufen. Bei der amerikanischen Organic-Supermarktkette Whole Foods staunte man neulich über vorgeschälte Mandarinen in Plastikbehältern. Soweit sind wir hier noch nicht.

Gleichwohl scheinen die Müllberge für die meisten Hersteller und Händler kein Problem zu sein: Bio-Obst und -Gemüse im Plastikmantel, Süßigkeiten-„Erlebnisse“, bei denen man fürs Auspacken länger braucht als für das Freilegen einer Pharaonen-Mumie; auch dass man Naturkosmetik immer öfter in Aluminiumdöschen füllt, scheint mir so widersinnig wie eine Koranspende an die AfD.

Was wir hinterlassen, sind leere Verpackungen. Ist das die neue Vererbungsleere?

Wir leben in einer Welt, in der wir Hunderte Euros für Smartphones ausgeben, deren Gehäuse offenbar so empfindlich ist, dass wir auch dafür noch eine Hülle kaufen müssen – die schon bei der nächsten Modellvariante nicht mehr passt. Von den leidigen Kaffeekapseln mag ich gar nicht erst anfangen, wohl aber davon, dass wir seit gefühlt zwanzig Jahren über Müllberge reden – ihnen aber offenbar ungerührt beim Wachsen zusehen. Auf 212,5 Kilogramm Verpackungsmüll kommen wir Deutschen pro Kopf und Jahr, so viel wie nie zuvor und auch mehr als jede andere europäische Nation.

Es stünde gerade der Bio-Branche gut zu Gesicht, wenn sie einen nicht auch noch mit Instantkaffeetüten, Aludöschen, Plastikfolien, -bechern und -schalen überschüttet, sondern ihre Leidenschaft und Innovationskraft darauf lenkt, wie man Waren ökologisch schlau verpacken kann. Wir sind nur so gut wie das, was wir hinterlassen, heißt es. Wir sollten besser sein als ein Berg aus plastikbeschichteten Papptüten, der nach Kaffee riecht.

Erschienen in Ausgabe 05/2016
Rubrik: Leben&Umwelt

Kommentare

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incl. 'http://'

Chapeau. Ich glaube, Sie haben den richtigen Ansprechpartner bzw Hoffnungsträger für das überfällige Verpackungs-material-substitutions-programm identifiziert. Hoffen wir, dass in diesem Fall die soziologisch definierten Kriterien - OFFENHEIT - VORREITERSCHAFT - helfen werden - das Ganze in die Breite zu tragen, damit endlich die längst vorhandenen Materialien für abbaubare Obst- und Gemüsebeutel und dergleichen im Einzelhandel eintreffen. Dank facebook und der unermüdlichen Community ist ja nun inzwischen die letzte Diskrepanz zwischen der Aussendarstellung der Unternehmen und den Maßnahmen zum nachhaltigeren Konsum enttarnt und tausendfach fotografisch -medial verbreitet. Wer also jetzt den Knall noch nicht gehört hat, gehört ins Lebensmittelkundemuseum, falls es so etwas gibt.

Marie Becker

Fred Grimm hat uns mal wieder aus der Seele gesprochen. Es ist höchste Eisenbahn umzudenken, doch es kommen immer neue Absurditäten auf den (Bio-)Markt. Immer wieder ärgere ich mich über vermeidbaren Verpackungsmüll, gerade auch in der Bio-Branche. Ein Beispiel von leider vielen: Neulich gab es in unserem Bio-Laden eine Verköstigung von Chia-Shots eines namenhaften Bio-Herstellers. Eine Packung voll kleiner Tütchen mit je 5 Gramm Chiasamen. Neben dem unnötigen Müll wird dem Kunden hier auch noch die Fähigkeit abgesprochen 5 Gramm selbstständig abwiegen zu können.
Unverständlich sind mir auch Kunden im Bioladen, die ihren losen Obst- und Gemüse-Einkauf dann doch in Plastiktüten verschnüren, anstatt die Äpfel und Möhren lose in den Korb zu legen. Ob sie Angst haben, dass es dann Möpfel und Ähren gibt? Auch Papier- und Mais-Plastiktüten müssen hergestellt und entsorgt werden!!
Doch der allergrößte Quatsch sind meiner Meinung nach die sogenannten "Quetschies", die sich leider auch in der Biowelt größter Beliebtheit erfreuen. Für diesen überteuerten in Alu-Beuteln abgefüllten Obstbrei finde ich wirklich keinerlei Verständnis. Das kommt bei mir nicht in den Einkaufskorb, wissen auch meine drei Kinder. Drei mal gesaugt und schon wandert die Alu-Verpackung in den Müll. Zumdem ist das Aluminium gesundheitlich und ökologisch höchst umstritten. Wo bleibt da die ökologische und soziale Verantwortung sowohl beim Kunden, als auch bei den Firmen?? Das ist für mich weit entfernt vom Bio-Gedanken!

Sybille Jahn

Hallo Redaktion,
warum verwenden Bioproduzenten so wenig Sonnenblumen- und Rapsoel
Viele Gruesse
Sybille

Christoph Meixner

Sie treffen den Nagel auf den Kopf - und bei mir einen Nerv. Als Student der Ökologischen Agrarwissenschaften und aktives Mitglied im Cradle to Cradle e.V. ("Welt ohne Müll", "vollständige Kreisläufe") beschäftigen mich diese Entwicklungen sehr. Braucht es wirklich ein "Müsli2go", halb gefüllt, mit Löffel im Deckel? Müssen Verpackungen immer Müll sein? Warum dürfen Verpackungen, auf denen "kompostierbar" draufsteht auch aus Erdöl hergestellt sein? Und was bringt mir "kompostierbar", wenn sie nicht in die Biotonne dürfen, da die Bedingungen in einer Kompostieranlage nicht für solche Produkte ausgelegt sind?
Solche fragwürdig "innovativen" Produkte wo man nur hinsieht, auch, und immermehr, im Bioladen. Der Begriff "Innovation" hat ja lediglich den Begriff "Fortschritt" abgelöst und ist zugleich völlig inhaltsleer. Da frage ich mich doch: wo ist bei solchen Produkten die "Fortschrittlichkeit"?

Was wir als Verbraucher tun können und auch sollten? Den entsprechenden Herstellern schreiben. Oder die Läden ansprechen. Wenn das ein paar Kundinnen und Kunden machen, werden sich die Einkaufsverantwortlichen in Zukunft vielleicht zweimal überlegen welche Produkte sie listen.

Tatjana

Welche Packmittelalternativen gibt es denn bei Kosmetikprodukten zu Alu, ausgenommen Glas und Plastik?

Mein liebster (Teil-)Satz aus dieser kurzen Kolumne: "bei denen man fürs Auspacken länger braucht als für das Freilegen einer Pharaonen-Mumie". Besser kann man das sicherlich nicht in Worte fassen. Ich bekomme regelmäßig gleichzeitig Gänsehaut und einen innerlichen Wutanfall, wenn ich in der Supermarktabteilung (die ich genau aus solchen Gründen immer seltener aufsuche - s. verpackungsfreier Supermarkt oder der regionale Wochenmarkt) Biobananen in Plastikfolie oder Gurken im sogenannten "Plastikkondom" sehe. Die Begründung der Märkte lautet dann jeweils, dass das so müsse, damit man die Bioware besser erkennen könne. Ich finde das so verdammt schade. Es geht auch anders.

P.S.: Vielleicht schreiben Sie in der nächsten Ausgabe, was es für plastikfreie Alternativen gibt? :)

Liebe Grüße!

Herr Grimm hat mir aus der Seele gesprochen, auch ich stehe immer wieder kopfschüttelnd vor den Regalen im örtlichen Bio-Markt. Durch einen Selbstversuch habe ich (bestmöglich versucht) 3 Monate auf Plastik zu verzichten. Da war die Lebensmittelauswahl sehr beschränkt. An Nudeln oder Reis war gar nicht zu denken, diese stechen leider immer nur in bunten Plastikverpackungen hervor. Schön ist es, das viele Aufstriche in Gläsern zu kaufen sind und auch die meisten Bäcker die Papiertüte bevorzugen, aber auch das mit dem Kaffee zum Mitnehmen ist wirklich unsinnig. Auch die Werbung seitlich der Artikel in der Schrot&Korn ist voll von in Platik verpackten Produkten. Schade..

wally

Aludöschen können wahrscheinlich leichter recycled werden, als die Plastikverpackungen für Kosmetik, die nur vollständig geleert werden können, wenn man die Verpackung aufschneidet und den Inhalt in eine kleine Dose umfüllt. Außerdem weiß ich immer noch nicht, ob ich die Glasverpackung für Kosmetik in den Glaskontainer werfen kann oder in den Restmüll. Ansonsten: D'accord.

Margot Jordan

Fred Grimme hat mir mal wieder aus der Seele gesprochen (vielen Dank an dieser Stelle für diese wunderbare Kolumne!).
Die Biobranche ist genauso gedankenlos bezüglich Verpackungsmüll wie der Rest der Welt.
Auf der Kornkraft-Hausmesse im April haben die BesucherInnen - allesamt BetreiberInnen von Bioläden - Panna Cotta mit Himbeeren von der Weißenhorner Milchmanufaktur zum Messeprodukt des Jahres gewählt: ungefähr gleich viel Verpackung (teils Alu) wie Inhalt.
Leider gab es nicht die Möglichkeit, ein "Buh!-Produkt" zu wählen.

wally

Neulich in einer Bäckerei. Nein, mein Thermobecher darf nicht direkt mit Kaffee gefüllt werden. Der Kaffee wird in einem Pappbecher gefüllt und dann umgefüllt. Der Steingutbecher der Bäckerei kann nicht verwendet werden, da er gespült werden muss?