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Kolumne: Es summt und brummt nicht mehr

Fred Grimm (Foto: Rebecca Hoppe)
Fred Grimm Autor von „Shopping hilft
die Welt verbessern“, schreibt hier
über gute grüne Vorsätze – und das,
was dazwischenkommt.
(Foto: Rebecca Hoppe)

Hatten Sie dieses Jahr Zeit, mal auf einer richtig schönen Sommerwiese zu liegen und ein bisschen herumzuträumen? Für mich gehört das zu den Kindheitsvergnügen, die jeder ins Erwachsenenleben hinüber retten sollte. Einfach so daliegen, Grashalme kauen, Wildblumenfarben zählen, den Himmel anglotzen, in den Wolken, die vorüberziehen, Gesichter und Formen erkennen – es gibt kaum etwas Besseres. Doch seit ein paar Jahren wird es immer leiser auf unseren Wiesen, von denen es auch immer weniger gibt. Es summt und brummt, zwitschert und raschelt einfach nicht mehr so wie früher. Die Tiere fehlen.

Vom atemberaubenden Niedergang unserer Bienenvölker haben Sie alle sicher schon mal gehört. Beinahe hat man sich schon daran gewöhnt, Meldungen zu lesen, nach denen es diesen Winter wieder einmal ein Fünftel aller Bienen in Deutschland dahingerafft hat. Ein Fünftel? Naja, geht ja irgendwie doch immer weiter, könnte man meinen. Dass wir den Bienen mit der Ver-ödung unserer Landwirtschaft systematisch Lebensräume rauben und ihre schleichende Ermordung durch den massiven Gifteinsatz auf den Feldern noch immer durchgehen lassen, ist relativ unfassbar, wenn man bedenkt, dass wir ihnen jeden dritten Bissen und jeden dritten Schluck verdanken, den wir zu uns nehmen.

Aber es sind ja nicht „nur“ die Bienenvölker, die Hummeln, Wespen. Auch Schmetterlingen, Spinnen, Käfern und Abertausenden anderen Kleintierarten machen wir die Welt zur betonierten, verseuchten, mit öden Monokulturen wie Raps oder Mais durchsetzten Hölle. Und wo die Kleintiere fehlen, finden irgendwann auch die Vögel keine Nahrung mehr. Und wo die Vögel nicht mehr fliegen und singen ...

Ein Vogelstimmenkonzert, bei dem die Hälfte des Orchesters fehlt

Die amerikanische Wissenschaftsjournalistin Elizabeth Kolbert hat ein aufwühlendes Buch über „das sechste Sterben“ geschrieben, über den größten Niedergang irdischen Lebens seit dem Aussterben der Dinosaurier. In einem „Stern“-Interview zog sie eine Schreckensbilanz der vergangenen Jahre:  „Ein Drittel aller Korallen, ein Viertel aller im Süßwasser lebenden Weichtiere, ein Drittel der Haie und Rochen, ein Viertel der Säugetiere, ein Fünftel der Reptilien, ein Sechstel der Vögel. Sogar die Amphibien stehen vor dem Ende.“ Jeden Tag verschwinden auf der Welt bis zu 130 Tier- und Pflanzenarten, haben Forscher errechnet. Durch Europa fliegen heute beinahe eine halbe Milliarde Vögel weniger als noch in den achtziger Jahren.

Es ist ein leiser Tod. Die plötzliche Stille auf einer Sommerwiese, der traurige Frühlingsmorgen mit einem Vogelstimmenkonzert, bei dem auf einmal die Hälfte des Orchesters fehlt. Wir sind die erste Menschheitsgeneration, die so ein massenhaftes Artensterben miterlebt. Wir sind die letzte Generation, die es verhindern kann.

Erschienen in Ausgabe 10/2015
Rubrik: Leben&Umwelt

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Ursula Wedel-ostwald

Da muss was dagegen unternommen werden

Dieser Text ist mir aus dem Herzen geschrieben! Da ich gern in der Natur unterwegs bin, habe ich zudem auch bemerkt, dass es dieses Jahr hier um Freiburg i,. Breisgau nur ganz wenige Schmetterlinge gab. Meine Beobachtung machte man auch im Saarland und in Berlin. Es ist wirklich ein stilles Sterben und findet deshalb wohl auch nicht die Beachtung, die es bräuchte. Traurig!

Nicht traurig sei meine Bemerkung, dass ich diese Kolummne sehr gern lese und Ihre Art zu schreiben schätze, bester Herr Grimm!

Mit sonnigen Grüßen,
Silbia