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Kolumne: 68 Prozent heiße Luft

Fred Grimm (© Rebecca Hoppe)
Fred Grimm Autor von „Shopping hilft
die Welt verbessern“, schreibt hier
über gute grüne Vorsätze – und das,
was dazwischenkommt.
(© Rebecca Hoppe)

Neulich hat die Verbraucherzentrale Hamburg mal wieder nachgemessen. Regelmäßig überprüfen die Experten, wie Kosmetik- und Lebensmittelhersteller durch die Verpackungen mehr Inhalt vortäuschen als drin ist. Der Trick ist simpel: Man lässt Zahnpastatuben oder Frühstücksflockenkartons so groß wie vorher oder vergrößert sie, packt aber weniger rein. Fertig ist die versteckte Preiserhöhung. Wer liest schon ameisenschissgroße Mengenangaben auf der Packung? Besonders unverschämt zeigte sich diesmal der Anbieter einer Augencreme, deren Dose erstaunliche 68 Prozent Luft enthielt.

Übertriebene Verpackung, 68 Prozent heiße Luft – und schon sind wir bei Christian Schmidt. Der Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft sorgt unter anderem dafür, dass die Folterfleischindustrie hoch subventioniert und ungestört „Nutztiere“ in lichtlosen Wurstfabriken quälen und giftige Gülle in die Böden leiten darf. Die Kosten für das verseuchte Grundwasser übernehmen die Steuerzahler. Herr Schmidt hält auch wenig davon, etwas gegen den Antibiotika-Missbrauch in der Tierhaltung zu tun – durch den wir allmählich resistent werden gegen lebensrettende Medikamente.

Und weil man ohnehin nicht zu viel regeln sollte, sorgte Herr Schmidt auch mit dafür, dass der Gentechnik-Anbau in Deutschland nicht verboten ist. Meine Güte, soll man sich denn überall einmischen? Überhaupt bevorzugt der Fachminister eher „freiwillige Lösungen“. Die „Lebensmittelampel“ zum Beispiel, die Supermarktkunden leicht verständlich auf den Packungen anzeigen würde, ob die Sachen zu viel Fett, Salz oder Zucker enthalten, die mag der Herr Minister so gar nicht.

Im Handel hat sich offenbar eine art Veggie-Mafia eingeschlichen

Nun aber hat Christian Schmidt plötzlich doch den Lebensmittelpolizisten in sich entdeckt. Von der breiteren Öffentlichkeit unbemerkt, hat sich im Handel offenbar eine Art Veggie-Mafia eingeschlichen, die nichtsahnenden Bürgern unter Namen wie „Veggie-Schnitzel“ oder „vegetarische Currywurst“ pflanzliche Produkte unterjubelt. Dies sei „komplett irreführend und verunsichert die Verbraucher“, wütete Schmidt und setzte sich dafür ein, dass der „arglistige“ Tofu-Terror „im Sinne einer klaren Verbraucherkennzeichnung verboten“ wird. Man sieht sie vor sich, die zahllosen geprellten Fleischesser, die beim Biss in ein Veggie-Schnitzel spontan das Vertrauen in eine Industrie verlieren, die ihnen doch sonst zuverlässig Elendsfleisch von tierfeindlich gehaltenen Lebewesen garantiert. Mein Vorschlag: Wir erfüllen Minister Schmidt seinen Wunsch und verzichten auf die Aufschrift „vegetarische Currywurst“. Dafür kommen auf sämtliche Echtfleischprodukte ehrliche Fotos aus der Tierfabrik und nicht mehr die Lügenbilder von saftigen Weiden. Im Sinne „einer klaren Verbraucherkennzeichnung“, versteht sich.

Erschienen in Ausgabe 03/2017
Rubrik: Leben&Umwelt

Kommentare

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Annette Thelen

Die Kolumnen von Ihnen Herrn Grimm, sind immer das erste , was ich lese, danach löse ich das Rätsel. Diese Kolumne ist die Beste, Aussagekräftigste, die ich seit langem gelesen habe, Dickes Lob und herzlichen Dank für Ihre Worte. In einer Talk Sendung sagte Barbara Rütting zu Ihrem Fleischessenverteidigendem Gegenüber: "Man sieht Ihnen an, wie und wovon sie sich ernähren."; Das sagte damals alles ! Daran musste ich beim Anblick des Landwirtschaftsministers gleich denken :(

Sehr geehrter Herr Grimm, Ihre Kommentare sind immer sehr genau, ziekstrebig und treffen auf den Punkt. Herzlichen Dank dafür! Es ist immer schön, seine eigenen Gedanken in so geschliffener Form nachlesen zu dürfen. Sie vestehen es sehr gut, Mißstände in deutlichen Worten zu benennen, ohne jemals verletzend zu sein. So kann auch manch ein "Zweifler" Ihren rgenten folgen. Herzlichen Dank auch für die Kolumne im Arilheft!

Heinrich Schmid

Herrlich sarkastisch, wunderbar treffend, genial entlarvend! Ganz herzlichen Dank und Glückwunsch!
Das muss ich sofort für meine Leser verlinken!
Liebe Grüße aus Östzerreich

Maria K.

Ich bin hin und weg...
Dieser Artikel spricht mir zu 100% aus der Seele.
Herr Grimm nennt die Dinge beim "Namen" spricht
mit Offenheit und Klarheit diese brisante Thematik an.
Meine Hochchtung,♥-lichen Dank dafür (:-))

Britta Schneemann

Super geschrieben! :) Wäre doch ein netter offener Brief an den Minister. Würde ich unterschreiben.

Tanja

Toller Artikel! Danke das sie es so auf den Punkt gebracht haben.

martin bauer

Da ist wohl, vollkommen zu recht, jemand richtig sauer.so habe ich den herrn grimm noch nie erlebt. Klare worte zu verbraucher und umwelt schadender klientelpolitik.

Mechthild Welling

Lieber Herr Grimm,

besser kann man es nicht ausdrücken, bravo, mit so viel Herzblut geschrieben - ich ziehe den Hut vor Ihnen!