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Wann kündigt die Natur?

Artensterben - Vögel (© picture alliance/blickwinkel/J. Fieber)
Stark gefährdet: Drei Viertel der Kiebitze haben uns bereits den Rücken gekehrt. (© picture alliance/blickwinkel/J. Fieber)

ARTENSTERBEN Weniger Vögel? Na und! Hauptsache der Mais gedeiht! Doch so einfach ist es nicht. Die Agrarindustrie zerstört die Umwelt. Das ist ein Problem, nicht nur für die Vögel. // Katja Niedzwezky

Haut Ackergift die Pflanzen um, bleiben auch die Vögel stumm“ dichtete das Bundesumweltministerium Anfang des Jahres in einer seiner elf „neuen“ Bauernregeln. Bauernverbände und Agrarpolitiker aus den Unionsparteien gingen auf die Barrikaden und sprachen von Pseudo-Wahrheiten.

Doch die Bauernregeln benannten unbestreitbare Probleme. Oder wann haben Sie zuletzt eine Lerche beobachtet, die hoch über dem Feld tiriliert? Oder einen Schwarm Kiebitze? Es ist still geworden in der Agrarlandschaft. Das belegen zahlreiche Studien aus ganz Europa. Fast alle Feldvogelarten sind deutlich zurückgegangen. Bei den Lerchen sind 30 Prozent verschwunden, bei den Kiebitzen 75 Prozent. Auch der Feldhamster gilt in manchen Bundesländern schon als ausgestorben, dabei war das Tier früher eine Allerweltsart. Und von den Ackerwildkräutern stehen viele auf der Roten Liste. Der WWF warnt bereits vor „einem Arten-Kollaps auf unseren Feldern und Wiesen“.

Mehr Dünger und mehr Pestizide, riesige Äcker mit immer weniger Hecken und Bäumen, häufiges Mähen, weniger Fruchtwechsel, die Umwandlung artenreicher Wiesen in Ackerland für den Anbau von Mais, Weizen und Raps: Die Agrarlandschaft wird immer unwirtlicher für einst typische Arten. Zahlreiche Untersuchungen beweisen den Zusammenhang zwischen intensiver Landwirtschaft und Artenschwund, zuletzt eine Studie von acht europäischen Forschungseinrichtungen. 

Wir brauchen die Natur

Weniger Vögel, Insekten und Wildkräuter, na und? Hauptsache Weizen, Mais und Kartoffeln gedeihen? So einfach ist es nicht. Jede Art, vom Einzeller bis zum Bär, ist ein Rädchen im natürlichen System des Lebens, das sich über Jahrmillionen entwickelt hat – und nicht weniger als unsere Lebensgrundlage ist. Vielfalt der Arten, Vielfalt der Lebensräume und genetische Vielfalt innerhalb der Tier- und Pflanzenarten – diese drei bilden zusammen die Biodiversität. Nur sie garantiert, dass sich die Natur an geänderte Umweltbedingungen wie den Klimawandel anpassen kann. Und sie ist ein gigantischer und unverzichtbarer Dienstleister: Pflanzen speichern Kohlendioxid, produzieren Sauerstoff und schützen Böden vor Erosion, Wälder regulieren das Klima, Moore filtern Wasser und speichern Kohlendioxid.

Besonders deutlich wird der Zusammenhang bei den Bestäubern: Mehr als 80 Prozent der wichtigsten Kulturpflanzen, vor allem Obst und Gemüse, sind auf den kostenfreien Service der Insekten angewiesen. Ohne Bestäubung keine Ernte. Die Honigbiene gilt sogar als das drittwichtigste Nutztier nach Rind und Schwein. Der ökonomische Nutzen der Bestäubung weltweit wurde in einer Studie, an der das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung beteiligt war, auf mehr als 150 Milliarden Euro beziffert. Das entspricht 9,5 Prozent des Werts der jährlichen Weltagrarproduktion an Lebensmitteln. Doch Imker beklagen regelmäßig Bienensterben, und mehr als die Hälfte der über 550 Wildbienenarten in Deutschland steht auf der Roten Liste. Neben der Varroa-Milbe gelten der Mangel an Blüten in Monokulturen und der Einsatz von Pestiziden als Hauptursachen. Insbesondere Neonicotinoide stehen hier in der Kritik. Verschiedene Studien liefern Hinweise, dass diese nicht nur Pflanzenschädlinge töten, sondern auch Bienen und Tagfalter schädigen.

Nicht nur die Bienen sterben, bei sämtlichen Insekten und sogar den Mikroorganismen geht es abwärts. Die Bio-Masse aller Fluginsekten ist nach Untersuchungen in Nordrhein-Westfalen seit 1989 um bis zu 80 Prozent zurückgegangen. Dabei ist die Bedeutung der kleinen Tiere im Gefüge der Öko-Systeme enorm: Viele Arten halten Schädlinge in Schach. Springschwänze, Käfer und Regenwürmer zerkleinern und verwerten abgestorbenes organisches Material, das dann von den Pflanzen aus dem Boden wieder als Nährstoffe aufgenommen werden kann.

Niemand kann sagen, wann die Öko-Systeme ihre Dienstleistungen von der Bestäubung über die Klimaregulierung bis zur Versorgung mit sauberem Wasser einstellen. Wenn 30 Prozent der Arten ausgestorben sind? Oder 50 Prozent? In ihrem Halbzeitbericht zur „Biodiversitätsstrategie 2020“ stellt die EU-Kommission fest: „Biodiversitätsverluste zählen zu den Belastungsgrenzen unseres Planeten, die bereits überschritten sind. Zusammen mit dem Klimawandel vergrößert das die Gefahr von unumkehrbaren Veränderungen und beeinträchtigt die wirtschaftliche Entwicklung und die Stabilität von Gemeinschaften.“

Artensterben - Vögel (© Wir haben es satt/Die Auslöser)

Die EU-Agrarpolitik steht seit Jahren in der Kritik. (© Wir haben es satt/Die Auslöser)

Experten fordern Neustart für die Agrarpolitik

Schon jetzt kostet es Milliarden, Schäden auszugleichen, die durch die Landwirtschaft entstehen. Deshalb fordern Experten, Umweltverbände und viele Politiker einen grundlegenden Neustart für die Landwirtschaft. Eine Chance dazu gibt es 2020. Dann beginnt die neue Förderperiode der Gemeinsamen EU-Agrarpolitik (GAP), die Diskussionen laufen bereits auf Hochtouren.

Auch die Mehrheit der Bundesbürger will eine Reform: 78 Prozent der Befragten sprachen sich Anfang des Jahres in einer vom Naturschutzbund Deutschland (Nabu) beauftragten Forsa-Umfrage dafür aus, dass Landwirte Gelder für gesellschaftliche Leistungen erhalten sollten, etwa für Umweltschutz oder tierfreundliche Tierhaltung. Nur neun Prozent wollen eine Beibehaltung des derzeitigen Systems.

Im März ließ der Bauernverband ermitteln, was die Deutschen von der Landwirtschaft wünschen. Am Ergebnis konnte der Verband nicht deuteln und schreibt: „Ethische und ökologische Ansprüche sind in den Augen der meisten Bundesbürger nicht hinreichend erfüllt. Besonders groß ist die Lücke zwischen Soll und Ist in der Landwirtschaft, wie sie von der Bevölkerung wahrgenommen wird, beim verantwortungsvollen Umgang mit den Tieren, dem umweltbewussten Wirtschaften, der Nachhaltigkeit der Produktion und dem Verzicht auf Gentechnik.“

Aber warum fällt die Umweltbilanz der herkömmlichen Landwirtschaft so verheerend aus? Unter dem Druck niedriger Preise mussten die Landwirte ihre Felder vergrößern und für die Bearbeitung mit großen Maschinen zurechtstutzen. Auf der Strecke blieben Hecken, Tümpel, Baumgruppen und Orchideenwiesen – und mit ihnen viele Nützlinge. Aus einem bunten Mosaik wurde öde Einheitsfläche. In diesen Monokulturen haben Unkräuter und Schädlinge leichtes Spiel – in der Folge bringen Landwirte jedes Jahr mehr Pestizide aus. Damit alles schnell und reichlich wächst, landet zudem viel synthetischer Dünger auf den Feldern. Hinzu kommt die Gülle, von der in der Massentierhaltung mehr anfällt, als die Felder und Wiesen vertragen.

Besonders viele Arten verschwinden bei der Umwandlung von extensiv, also gering bewirtschaftetem Grünland in intensiv bewirtschaftetes Ackerland. Oft wächst danach Mais – als Futter für die Massentierhaltung oder für die Bio-masse-Reaktoren, die über Jahre ebenfalls kräftig von der EU gefördert wurden. „Trotz wiederholter Reformversuche geht die staatlich geförderte Intensivierung der Landwirtschaft weiter“, sagt Till-David Schade, Nabu-Experte für biologische Vielfalt. Die zaghafte Förderung von Naturschutzmaßnahmen, zum Beispiel über Verträge mit Landwirten zur Anlage von Hecken oder Blühstreifen, zeige zwar lokal Erfolge – unter dem Strich werde sie aber aufgewogen durch den ökonomischen Zwang, immer mehr aus den Feldern herauszuholen. „Das meiste EU-Geld gibt es pro Hektar, da lohnt es sich kaum, auf Qualität und Umweltschutz zu setzen.“

Insgesamt fördert die EU die Landwirtschaft mit knapp 60 Milliarden Euro im Jahr. Diese enorme Summe ist tatsächlich an fast keinerlei Bedingungen geknüpft. Das Geld wird einfach mit der Gießkanne verteilt. Pro Hektar gibt es eine festgelegte Summe – in Deutschland sind es rund 300 Euro.

Artensterben - Vögel (© picture alliance/blickwinkel)
Monokulturen machen vielen Tieren das Überleben schwer. Bienen brauchen Blumen Schmetterlinge auch. (© picture alliance/blickwinkel)

Viele Strategien, wenige Erfolge

Die biologische Vielfalt zu bewahren, gilt als Aufgabe der Umweltpolitik, doch oft fehlt ihr die Unterstützung anderer Politikressorts. Rückenwind brachte 1992 die Konferenz zur nachhaltigen Entwicklung in Rio de Janeiro, wo die internationale Staatengemeinschaft die Konvention über die biologische Vielfalt vereinbarte. Doch das Ziel, weltweit bis 2010 die Verlustraten deutlich zu reduzieren, wurde deutlich verfehlt. Als neue Zielmarke gilt nun 2020. In der EU wurde nach Rio die europäische Biodiversitätsstrategie verabschiedet. Danach sollen bis 2020 zum Beispiel drei Viertel aller Vogelarten ungefährdet sein oder es soll ihnen wenigstens besser gehen. Schon jetzt ist klar: Das ist unerreichbar, denn es gab fast auf der ganzen Linie Stillstand oder Verschlechterung.

KIEBITZE

Todesfalle Maisacker

Im Frühjahr halten Kiebitze Ausschau nach niedrig bewachsenen, gern auch feuchten Wiesen und Weiden für ihre Nester – doch immer mehr Grünland wird für den Ackerbau vernichtet. Die Wiesenvögel tappen regelmäßig in die Falle: Sie brüten mangels Alternativen in Maisäckern. Dort wächst ihnen dann der Mais über den Kopf, und wegen der Pestizide fehlen Insekten als Nahrung für die Küken. Viele Gelege werden zudem durch das Ausbringen von Gülle oder große Maschinen zerstört.

Agrarministerium mauert

Auch in Deutschland gibt es seit zehn Jahren eine „Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt“ mit 330 Zielen, darunter die Verringerung des Stickstoffüberschusses. Doch auch hier liegen fast alle Ziele in weiter Ferne. Das Bundesumweltministerium will nun mit der Naturschutz-Offensive 2020 punkten. Sie listet auf, in welchen zehn Handlungsfeldern die größten Defizite bestehen und wo verstärkte Anstrengungen gefordert sind. „Äcker und Wiesen“ stehen gleich an erster Stelle, als Maßnahmen finden sich „Agrarsubventionen nach 2020 abschaffen – Landwirte für konkrete Naturschutz-Leistungen bezahlen“, „Umfassende Stickstoffstrategie“ und „Angemessene Berücksichtigung der Auswirkungen auf die biologische Vielfalt bei der Zulassung von Pflanzenschutzmitteln“.

Allein mit diesen Maßnahmen ließen sich Riesenschritte nach vorn unternehmen – aber Umweltministerin Barbara Hendricks braucht die Zustimmung des Landwirtschaftsressorts. Agrarminister Christian Schmidt sperrt sich jedoch sogar gegen die von Brüssel erlaubte Umschichtung von bis zu 15 Prozent der EU-Gießkannen-Subventionen in die sogenannte „Zweite Säule“ für Umweltmaßnahmen und Tierschutz. Aktuell sind es nur 4,5 Prozent. Der Bundesrat hat im März eine Erhöhung auf sechs Prozent empfohlen, aber selbst das ist Schmidt zu viel. Auch am umstrittenen Glyphosat will er festhalten, und die neue Düngeverordnung wurde so lange verschleppt, bis die Europäische Kommission 2016 vor dem Europäischen Gerichtshof Klage wegen mangelnder Umsetzung der EU-Nitratrichtlinie einreichte.

Auf Bio-Feldern ist die Vielfalt der Ackerwildkräuter bis zu neun Mal größer. Das zeigt eine Analyse vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung im Auftrag des WWF. Untersuchungen zur Vogelwelt belegen bis zu sechs Mal mehr Brutreviere und bis zu achtfach erhöhte Populationsdichten.

LIVING LAND

Die europäische Initiative setzt sich für einen grundlegenden Wandel in der EU-Agrarpolitik ein und sucht Unterstützer. Mitmachen können Einzelpersonen, Organisationen und Unternehmen.
www.livingland.de.

Vorbild Bio-Landbau

Förderlich ist der Öko-Landbau auch für Bodentiere wie Asseln, Milben & Co.: Ihre Masse ist 85 Prozent höher als auf konventionellen Flächen, der Besatz an Regenwürmern kann sogar um ein Vielfaches größer sein. Die wichtigsten Gründe sind der Verzicht auf chemisch-synthetische Pestizide, abwechslungsreiche Fruchtfolgen, die begrenzte Tierzahl pro Hektar und somit eine geringere Nitratbelastung. Viele Bio-Bauern engagieren sich zusätzlich und pflanzen Hecken, säen Blühstreifen oder bewahren Streuobstwiesen.

Auch viele Bio-Firmen engagieren sich für mehr Vielfalt. Um zu zeigen, welchen Nutzen Bio-Produkte für die Vielfalt haben, wirbt die Feinkostserie „Vivasphera“ auf dem Etikett mit einem Tier oder einer Pflanze, die vom Genuss direkt profitiert: Der Rhöner Streuobst-Birnen-Aufstrich von einer kalkreichen Streuobstwiese schützt beispielsweise das Stattliche Knabenkraut. Den Nutzen für die Biodiversität lässt Vivasphera für jedes Produkt durch ein wissenschaftliches Arten-Monitoring messen. Die Bio-Firma Barnhouse unterstützt seine Partnerlandwirte mit Nistkästen für Wildbienen, Voelkel engagiert sich für regionale Streuobstwiesen und sorgt so für den Erhalt des Lebensraums von Steinkauz und Siebenschläfer. LaSelva hat in der toskanischen Hügellandschaft in Zusammenarbeit mit Naturschützern Hecken, mediterrane Wälder und Teiche angelegt.

Und natürlich ist jeder Hektar Land, der biologisch bewirtschaftet wird, an sich schon ein Gewinn für die Vielfalt – frei nach den neuen Bauernregeln: „Bleibt Ackergift den Feldern fern, sieht der Artenschutz das gern.“

Blühstreifen (© AELF/Werner Kuhn)

Blühstreifen mit heimischen Blumen bieten Insekten und Vögeln Nahrung. (© AELF/Werner Kuhn)

 

ARTEN SCHÜTZEN

Das können Sie tun

  • Schaffen Sie mit Hecken, heimischen Sträuchern, Blühpflanzen und „wilden Ecken“ im Garten Lebensraum für Tiere. Auch super: eine Kräuterspirale, Trockenmauer oder Obstwiese.
  • Verzichten Sie auf Pestizide und chemische Dünger. Legen Sie einen Komposthaufen an und fördern Sie Nützlinge von der Schlupfwespe bis zum Igel durch vielfältige Bepflanzung.
  • Passende Nisthilfen unterstützen Insekten, Vögel und Fledermäuse.
  • Auf dem Balkon bieten heimische Blumen und Kräuter Nahrung für Bienen, Hummeln, Schwebfliegen und Schmetterlinge.
  • Kaufen Sie Bio-Lebensmittel, bevorzugt regioal, denn der Öko-Landbau fördert die Artenvielfalt, schützt Böden und Bodenorganismen.
  • Kaufen Sie Gartenerde ohne Torf, denn für den Abbau werden Moore vernichtet, die Lebensraum für viele bedrohte Tiere und Pflanzen sind.
  • Begeistern Sie Kinder für die Natur. Gehen Sie auf Spurensuche, ob am Feldrand, im Wald, am Bach oder im Watt. Viele Organisationen bieten spezielle Familienwanderungen an.
  • Beteiligen Sie sich bis Ende Juni 2017 an der
    Petition der Europäischen Bürgerinitiative (EBI)
    „Glyphosat stoppen“, z.B. unter www.campact.de.
  • Engagieren Sie sich für Lebensräume in Ihrer Region, zum Beispiel für den Erhalt von Streuobstwiesen oder Mooren.

 

Interview: „Bio ist für den Naturschutz ein Mittel der Wahl“

Barbara Hindricks (© BMUB/Susie Knoll)
Barbara Hendricks Bundesministerin für
Umwelt, Naturschutz, Bau und
Reaktorsicherheit (© BMUB/Susie Knoll)

Sie fordern einen neuen Gesellschaftsvertrag für die Landwirtschaft. Wie soll der aussehen?

Wir wollen eine neue Ausrichtung der EU-Förderung. Wir müssen weg von der pauschalen Flächenförderung. Stattdessen sollen Leistungen belohnt werden, die Landwirte zugunsten des Gemeinwohls erbringen. Dazu gehören zum Beispiel Natur-, Klima-, Umwelt- und Tierschutz. Wir können keine Form der Landwirtschaft akzeptieren, die das Gemeineigentum an guter Luft, gutem Wasser und ordentlichen Böden zerstört. Dafür müssen Landwirte, die Gemeinwohlleistungen erbringen, aber auch fair entlohnt werden. Gewissermaßen als zweites Standbein in ihren Betriebskonzepten. Aber wenn ich von einem neuen Gesellschaftsvertrag spreche, dann will ich auch die Verbraucher ansprechen. Denn natürlich hat das auch was damit zu tun, wie wir mit Lebensmitteln umgehen und was wir bereit sind, dafür zu bezahlen.

Gibt es Verbündete in der EU?

Es gibt durchaus Verbündete, wenngleich das eine schwierige Debatte ist. Aber dass wir eine andere Art von Agrarpolitik und Agrarförderpolitik bekommen werden, liegt auf der Hand. Eine Neuausrichtung der Förderpolitik kann nicht auf einen Schlag umgesetzt werden, die Landwirte müssen sich darauf einstellen können. Wichtig ist, dass wir damit endlich anfangen. Deshalb ist es mehr als ärgerlich, dass mein Kollege Landwirtschaftsminister Schmidt vollständig verweigert, wenigstens einige Prozentpunkte der pauschalen Agrarförderung in die zweite Säule für eine konkrete nachhaltige Landwirtschaft umzuschichten.

Nehmen Sie persönlich den Verlust der Artenvielfalt wahr?

Ja, natürlich – dazu eine Anekdote aus meiner Jugend. Als Schülerinnen trugen wir in der Fronleichnamsprozession der Stadt Kleve Kornblumenkränze. Wir gingen also an den Feldrand zum Kornblumenpflücken. Versuchen Sie heute mal, Kornblumen für 500 Schülerinnen zu finden!

Ist Bio ein Gewinn für die Artenvielfalt?

Eindeutig ja, aber auch bei Bio kann es Einschränkungen der Artenvielfalt geben. Trotzdem ist Bio für Umwelt-, Klima- und Naturschutz ein Mittel der Wahl. Ich würde es begrüßen, wenn sich noch mehr Landwirte Bio zuwenden würden, das hat ja durchaus Marktpotenzial und gibt langfristig mehr Ertragssicherheit.

Mehr zum Thema

www.wwf.de/themen-projekte/biologische-vielfalt
Alles rund um die Biodiversität, ihren Wert und ihre Bedrohung

www.nabu.de/landwirtschaft
Infos zur EU-Agrarförderung, zur Initiative „Living Land“ für eine neue Landwirtschaftspolitik und zum Artenschwund durch Spritzmittel

www.bluehende-landschaft.de
Das Netzwerk will das Nahrungsangebot für Bienen und Insekten verbessern. Mit vielen Infos, Kontakten von regionalen Initiativen, Blühpatenschaften

Hohberger, Frauke;  Lüder, Rita: Selfie mit LöwenzahnHohberger, Frauke; Lüder, Rita: Selfie mit Löwenzahn.
Haupt Verlag 2016, 128 Seiten, 24,90 Euro

 

Goulson, Dave: Wenn der Nagekäfer zweimal klopftGoulson, Dave: Wenn der Nagekäfer zweimal klopft.
Carl Hanser Verlag 2016, 320 Seiten 21,90 Euro.

Erschienen in Ausgabe 06/2017
Rubrik: Leben&Umwelt

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