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Diese Kohle ist grün

Die neue Hoffnung für unser Klima heißt Pflanzenkohle. Schon die Indios machten damit ihre Ackerböden fruchtbarer. Dabei wird sie lediglich aus Bio-Abfällen gewonnen. // Sylvia Meise

Begegnen - Pflanzenkohle Organische Abfälle könnten unser Klima retten. Denn wird Biomasse, wie Grünschnitt oder Holzreste, in Pflanzenkohle umgewandelt, kann so eine große Menge CO2 als Kohlenstoff gespeichert werden. Pflanzenkohle entsteht, wenn organisches Material zwischen 400 und 800 Grad verschwelt. Was dann hinten heraus kommt, ist ein wahrer Tausendsassa. Schon die Indios in den brasilianischen Regenwäldern mischten Pflanzenkohle unter ihre Ackerböden. Die Erde wurde dadurch deutlich fruchtbarer. Terra Preta heißt diese legendäre Schwarzerde, die ganz ohne Kunstdünger Pflanzen zu Höchstleistungen bringen soll.

Bei den Indios abgeguckt

Doch Pflanzenkohle kann noch viel mehr als die Ernteerträge erhöhen. Das Schweizer Forschungsinstitut Ithaka kennt unzählige Einsatzmöglichkeiten, darunter als Geruchsstopper, Abwasserfilter oder zur Lebensmittelkonservierung. Ein Blick unter das Mikroskop verrät: Pflanzenkohle ist zwar hart und kann nur schwer zerkleinert werden, aber ihre Struktur ähnelt der eines Schwamms. Dadurch kann sie viel Wasser speichern – bis zum Fünffachen ihres Eigengewichtes. Ihre unzähligen Poren eignen sich außerdem hervorragend als Mikroben-WG.

Besonders interessant ist die Klimarelevanz der Pflanzenkohle: Denn sie besteht fast vollständig aus reinem Kohlenstoff. Unter der Erde bleibt ein Großteil ihres Kohlenstoffes für mehr als 1 000 Jahre stabil. Dadurch wird das ursprünglich von Pflanzen assimilierte CO2 langfristig der Atmosphäre entzogen und der Klimawandel abgebremst. Zugleich verbessert Pflanzenkohle insgesamt die Fruchtbarkeit des Bodens. Das ist gut für das Pflanzenwachstum und notwendig dort, wo Böden durch Auswaschung, Übernutzung und den Einsatz von Pestiziden zu Wüsten werden.

Die Bodensanierung mit Pflanzenkohle ist dann besonders wirkungsvoll, wenn sie zuvor mit Mikroorganismen und Hefepilzen aufgeladen wurde. Profis mischen sie deshalb mit ausgereiftem Kompost. Dadurch ist in den letzten Jahren ein ganz neuer Wirtschaftszweig entstanden. Es gibt im Handel mittlerweile verschiedene, fertig gemischte Substrate – und die Hersteller produzieren ihre Pflanzenkohle selbst. Joachim Böttcher vom Hengstbacherhof in Rheinland-Pfalz zum Beispiel gehörte vor fast zehn Jahren zu einer Gruppe von Gärtnern, Biologen und Ingenieuren, die damals entdeckten, warum die brasilianische Schwarzerde Terra Preta so unglaublich fruchtbar ist. Mittlerweile produziert er unter dem Namen Palaterra selbst diesen natürlichen Dünger.

Die dafür notwendige Pyrolyse-Anlage ist das Herzstück der Produktion. In ihr wird die Pflanzenkohle hergestellt. Obgleich natürlich technisch wesentlich fortschrittlicher, funktioniere das aber wie bei den Indios, erklärt Palaterra-Geschäftsführer Böttcher. In seiner Anlage wird die Biomasse ohne Sauerstoff auf 700 Grad erhitzt und innerhalb von wenigen Minuten verschwelt. Das dabei entstehende Gas wird verbrannt und kann anschließend als Strom- sowie Wärmeenergie genutzt werden. Die Kohle wird daraufhin zerkleinert, mit Kompost vom eigenen Hof vermischt und zum Schluss zu Dünger verarbeitet.

Landwirtschaft muss wieder in Stoffkreisläufen denken

Am sinnvollsten ist die Nutzung von Pflanzenkohle in einem regionalen Kreislaufsystem. Deswegen hat das Schweizer Ithaka-Forschungsinstitut freiwillige Qualitätsstandards für Unternehmen entwickelt und vergibt entsprechende Zertifikate. So soll zum einen verhindert werden, dass für die Herstellung etwa osteuropäische Wälder abgeholzt und als „Biomasse“ oder „Grünschnitt“ an die Anlagenbetreiber verkauft werden. Zum anderen soll eine neue Form des CO2-Ablasshandels vermieden werden. Die Qualitätsstandards ermöglichen es demnach nicht, dass ein Bauherr mit geschickten Tricks folgenlos Wald abholzen und auf diese Weise CO2 freisetzen kann. Während sich die Befürworter von Pflanzenkohle für geschlossene Stoffkreisläufe und mehr Nachhaltigkeit aussprechen, argumentieren Kritiker, dass es einfach nicht genug Pflanzenkohle gebe, um die Idee der alten Indios auf die moderne Landwirtschaft zu übertragen. Hans-Peter Schmidt zufolge gehe es in erster Linie jedoch darum, wieder Kreislauf-Systeme zu installieren: Die Landwirtschaft, insbesondere die ökologische, sei durch den Zwang zum Wirtschaftswachstum in einer absurden Situation, sagt der Ithaka-Leiter. „Auf einem Feld kann ich aber nur begrenzt immer mehr produzieren. Da kann ich dann nur reagieren wie die Autoindustrie, indem ich die Arbeitskosten senke und satellitenbetriebene Maschinen einsetze.“ Wenn dann da ein Baum mitten auf dem Feld steht, schränkt das die Effizienz ein. „Aber“, gibt Schmidt zu bedenken, „der Kohl ist kein Auto.“

Begegnen - Pflanzenkohle

Ein Tausendsassa: Pflanzenkohle macht den Boden fruchtbar und filtert Wasser. (Foto links Oben: Hengstbacherhof, links unten: Fotolia.com, rechts: Andreas Thomsen)

Optimal sei hingegen die sogenannte Kaskadennutzung, erklärt der Ökologe und meint damit die mehrfache Nutzung eines Rohstoffs. So würde die Pflanzenkohle an seinem Forschungsinstitut als erstes in der Tierhaltung eingesetzt. Denn als Zusatz zum Futter fördere sie die Tiergesundheit. Eingestreut im Stall und in der Gülle verhindere die Pflanzenkohle zudem, dass es stinkt. Am Schluss gelangt die Kohle über Mist und Gülle in den Kompost und wird zu Bodensubstrat verarbeitet.

Auch bei Entwicklungshilfeprojekten hat sich gezeigt, dass mit Filterkohle erst das Trinkwasser gereinigt und anschließend die Trockentoiletten geruchsfrei gehalten werden können. Der Kompost ist dann auch hier wieder das Ende des Kreislaufs. Mit einem Anteil von rund 20 Prozent Kohle sei dieser besonders fruchtbar, sagt Schmidt. Kleine Mengen davon im Boden genügten bereits –„damit die Pflanzen ihren Job machen können.“

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Sehr guter Artikel,
Da ist nur ein Satz der aufzeigt, daß es doch noch nicht ganz klar war welche wichtige Rolle die Biochar - Pflanzenkohle im Kompostierungsprozess hat" Profis mischen sie deshalb mit ausgereiftem Kompost."

Nein, genau da sitzt der Schmerzpunkt, ...
Die Pflanzenkohle sollte der noch zu kompostiernden Biomasse zugeführt / beigemischt warden.
Dabei laufen eine ganze Reihe von Faktoren ineinander.
Der Geruch von Fäulnis wird vermieden wenn Biochar eigemischt wird und gleichzeitig der pH wert auf unter 5.5 gesenkt wird.
Dies kann mit beigabe von Sauerkrautsaft oder Silagewasser geschehen.

Waltraud Meger
Einige Gartencenter verkaufen diese Erde.