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„Nein danke, ich hab‘ schon“

Judith Holofernes sagt, was sie denkt. Dafür ist die Frontfrau der Band „Wir sind Helden“ bekannt. Ihr Motto in Sachen Konsum: Öfter mal hinterfragen, was man tatsächlich braucht.

(Foto: Olaf Rennecke)

Begegnen - InterviewFrau Holfelder-Roy? Frau Holofernes? Judith? – Wie darf ich Sie eigentlich ansprechen?

Jetzt, da ich quasi in Arbeitskleidung bin: „Holofernes“. Doch ich duze die Leute lieber. Sagen wir also: „Judith“.

Wie kamst du zu dem Künstlernamen „Holofernes“? Bist du so bibelfest?

Nicht wirklich. Ich bin jedoch erstaunlich bibelfest dafür, dass ich überhaupt keinen biblischen Hintergrund habe. Aber meine Mutter, die Übersetzerin und entsprechend der Literatur zugewandt ist, fand es sehr wichtig, dass ich eine Kinderbibel habe und die Geschichten kenne.

Und dort stand die Geschichte von Judith, die den Hauptmann Holofernes tötet.

Ja, die habe ich als Kind gelesen; vielleicht nicht, als ich zehn war, aber so ab 13. Und sie ist mir unheimlich oft erzählt worden. Viele haben mich genervt mit: „Ha, ha, die Judith!“ Irgendwann mit 19 habe ich beschlossen, dass ich den Namen des Widersachers tragen werde.

Deine erste Solo-CD ist raus. Sind die Lieder darauf alle neu?

Ja, sie sind in den vergangenen drei Jahren entstanden, also seitdem „Wir sind Helden“ Pause macht. Nur „Hasenherz“ ist eine ganz alte Idee. Da standen schon zwei, drei Zeilen und auch die Melodie, die ich einfach nie fertiggeschrieben hatte.

Du hast dir drei Jahre Zeit genommen? Das klingt entspannt.

Die CD ist völlig ohne Zeitdruck entstanden. Natürlich kommt irgendwann eine Art Rausch rein: Die ersten Lieder kleckern so, und irgendwann beschleunigt sich das. Ich habe gemerkt, wie viel Spaß mir das macht. Und dann habe ich mich natürlich auch häufiger gezielt hingesetzt und geschrieben.

In deinen Texten geht es immer mal wieder um Konsumkritik und um „Mach’ mal ein bisschen halblang“ …

Mein starker Freiheitsdrang treibt mich ganz natürlich zu einem kritischen Blick. Ich glaube, dass die Haltung „Nein danke, ich hab’ schon“ nützlich ist. Ich habe mich immer dafür interessiert, was man braucht und was man nicht braucht. Und ob Sachen, die man anstrebt, wirklich den Zweck erfüllen, den man ihnen zuschreibt. Aber ich bin nicht besonders demagogisch. Ein Beispiel: Ich mag Mode total gerne. Als ich 25 Jahre alt war, wurde Konsumkritik immer gleichgesetzt mit Klamotten, die aussahen wie Jutesäcke. Das fand ich total beschränkt. Ich lebe meine Lust auf Mode auch aus, kaufe mir also gerne neue Klamotten. Vielleicht sollte ich mal einen Nähkurs machen und upcyclen.

Bevor du Näherin wirst. Wo kaufst du momentan Klamotten?

Wenn ich mir neue Sachen kaufen will, gucke ich im Internet zuerst bei www.etsy.com. Das ist ein Portal nur für selbst gemachte Sachen. Ab und zu kaufe ich auch eine konventionell hergestellte Jacke, weil die meistens wärmer sind als Öko-Jacken. Ich verwende wahrscheinlich ein bisschen mehr Zeit darauf, zu gucken, was ich so kaufe.

Achtest du beim Kauf von Mode auf faire Arbeitsbedingungen?

Ja, ich habe jetzt zum Beispiel eine App auf meinem PC, die in Onlineshops die Sachen ausblendet, die in Kinderarbeit hergestellt werden. Das ist fantastisch, weil es sehr erhellend ist, wenn in vielen Onlineshops alles geblockt ist. Da lernt man so einiges über den Onlineshop seines Herzens.

Kaufst du Essen genauso bewusst?

Ich versuche, zu Hause gut zu essen. Deshalb kaufen wir immer im Bio-Laden. Wenn ich auf Tour oder unterwegs bin, muss ich allerdings andere Standards anlegen: Dann ist man oft auf Raststättenessen angewiesen. Das ist nur mit Humor zu ertragen. Ich habe schon immer unheimlich viele Nahrungsmittelallergien und bin dadurch sehr eingeschränkt. Deshalb ist es für mich auch so wichtig, zu wissen, was wo wirklich drin ist. Das bestärkt mich natürlich noch mehr darin, Produkte im Bio-Laden zu kaufen. Da habe ich zumindest die Chance, zu verstehen, was darin enthalten ist.

Wie stehst du zur Gentechnik?

Ich gehöre sicherlich zu den Ersten, die gegen so etwas auf die Barrikaden gehen. Als Allergikerin muss ich einfach wissen, was in den Sachen drin ist. Allein die Geschichte mit den Nuss-Genen, die dann irgendwo enthalten sind, wo sie nicht hin gehören, das ist schon hochgradig beunruhigend.

Deine Kinder sind acht und vier Jahre alt. „Drängst“ du sie in Richtung gesunde Ernährung?

Ich bin nicht demagogisch. Das müssen die Kinder selber entscheiden. Ich war als Kind selber ein totaler Schnäker (Anm. der Redaktion: im Essen sehr wählerisch): Ich habe fast nichts gegessen, meine Eltern waren total verzweifelt. Ich hätte mich wahrscheinlich, wenn man nicht sehr viel Druck angewendet hätte, nur von Spaghetti ernährt. Ich wollte nichts essen, von dem ich nicht jede einzelne Zutat kannte. Im Nachhinein denke ich, dass ich schon damals – das war in den 80er-Jahren – ohne es zu wissen gegen alles Mögliche allergisch war. Deshalb habe ich dann jedem Essen misstraut, von dem ich nicht wusste, was drin ist. – Aber zurück zur Kindererziehung: Ich glaube, dass man das erzieht, was man ist, nicht, was man will. Was Pola und ich unseren Kindern – auch in dieser Beziehung – vorleben, ist eine gute Voraussetzung, denke ich.

Im Internet kann man noch die Auftritte von „Wir sind Helden“ bei „Rock am Ring“ sehen. Wenn du daran denkst, welches Gefühl hast du: Sehnsucht, Stolz, Melancholie?

Damals lag ich gefühlsmäßig immer zwischen Euphorie und Panik. Ich kann aus eigener Erfahrung bestätigen: Es gibt eine Gleichzeitigkeit von Euphorie und Panik. Das war toll, aber ich weiß nicht, ob ich das wieder machen will.

Man sieht dir die Panik nicht an.

Die verfliegt auch ganz schnell. Ich kann meinen Beruf natürlich auch nur machen, weil ich ein ganz gutes Angst-Management habe. Der Drang, aufzutreten, ist stärker als die Angst.

Wird die Band „Wir sind Helden“ wiederkommen? Ihr habt euch ja nicht aufgelöst, sondern sprecht von einer Pause.

Wir wissen es nicht, schließen es aber nicht aus. Wir müssen uns auch nicht dramatisch auflösen und zehn Farewell-Touren vom Stapel reißen, da es gut sein kann, dass wir in drei Jahren wieder etwas zusammen machen. Wir haben uns ja nicht zerstritten und sind musikalisch auch nicht am Ende.

Judith Holofernes …

Judith Holofernes… wurde vor 37 Jahren als Judith Holfelder geboren. Sie war Songschreiberin, Sängerin und Gitarristin von „Wir sind Helden“, einer der erfolgreichsten und be­lieb­testen deutschen Bands im ersten Jahrzehnt dieses Jahrtausends. Die „Helden“ gewannen unter anderem fünfmal den Echo. Dann gab die Band bekannt, eine Pause einzulegen. Judith Holofernes schreibt im Internet einen Blog – auch um den von ihr kritisierten Mainstream-Medien etwas entgegenzu­­setzen. 2011 stritt sie sich mit BILD, weil sie für das Boulevardblatt keine Werbung machen wollte. Im Februar hat sie ihr Solo­album „Ein leichtes Schwert“ veröffentlicht.

Foto: Melissa Jundt)
www.judithholofernes.com

Manfred Loosen und Judith HolofernesSchrot&Korn-Redakteur Manfred Loosen traf Judith Holofernes kurz vor dem Start ihrer Solo-Tour in Köln.

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