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„Bio darf nicht nur Impulsgeber sein“

Bio für alle – geht das? Nicht so, wie bio jetzt funktioniert, meint Urs Niggli. Der Direktor des Forschungsinstituts für biologischen Landbau denkt über zwei Bio-Standards und Offenheit gegenüber moderner Technik nach. // Interview: Stephan Börnecke, Fotos: Thomas Langreder

Begegnen - InterviewHerr Niggli, ist Bio-Landbau die Antwort auf die Probleme der Menschheit – auf Hunger, Biodiversitätsverluste, Klimawandel?

Bisher taten wir so, als ob Öko-Landbau die eine Lösung für alle Probleme sei. Aber wie sieht die Realität aus? Wir produzieren hochwertige Nischenprodukte für eine Elite und wollen gleichzeitig die Menschheit ernähren. Das funktioniert nicht. Masse und Qualität sind ein Widerspruch per se. Bio für alle sieht anders aus als das Bio für den Feinkostladen. Wir haben die romantische Vorstellung, dass wir die Sorten- und Artenvielfalt erhalten und gleichzeitig Convenience-Produkte erzeugen können. Wir müssen ehrlich sein: Das geht nicht.

Wie kommt man aus dem Widerspruch heraus?

Es gibt zwei Lösungen aus dem Dilemma. Lösung eins: Wir bleiben beim Elite-Bio und in der Feinkost-Ecke. Damit schaden wir dem Nachhaltigkeitsziel nicht, im Gegenteil, wir sind die ideale Kombination zwischen Qualität und ökologisch-sozialer Nachhaltigkeit. Aber wir sind nicht der Königsweg zur Lösung der globalen Probleme.

Das ist der Status quo. Wie aber kommen wir weiter?

In diesem Szenario brauchen wir eine Ökologisierung der mehrheitlichen Landwirtschaft, die wir als Bio-Landwirte nur inspirieren und beraten können. Der Öko-Landbau ist der Impulsgeber, überlässt die Lösung der globalen Probleme aber anderen. Da sind dann Nachhaltigkeitsinitiativen wie Rain Forest Alliance, Fairtrade, ProTerra oder andere agrar-ökologische Methoden gefragt. Das wäre eine Lösung. Als Forscher aber entwickelt man natürlich auch Ehrgeiz und möchte den Planet retten. Und deshalb scheint mir eine andere Variante interessanter: Wir schaffen zwei Standards. Einen goldenen Bio-Standard und ein Volks-Bio, wie es bereits die frühere Landwirtschaftsministerin Renate Künast anstrebte.

Wollen Sie denn etwa den Bio-Standard verwässern?

Nein, das oberste Ziel ist die Ökologie, die Gesundheit, faire Preise für die Produzenten und das Tierwohl. Aber man wäre offener für moderne technische Lösungen. So werden zur Zeit Aufbereitungsverfahren für Phosphor aus Klärschlamm entwickelt, welche Schwermetalle und organische Schadstoffe entfernen. Es wird sicher auch bald Dünger-Stickstoff aus der Aufbereitung von menschlichen Ausscheidungen geben. Eine Möglichkeit wäre auch die konsequente Nutzung moderner, nicht-gentechnischer Züchtungsverfahren, anstatt sie weiter zu beschränken. Ich denke da an die markergestütze Selektion von gewissen Pflanzenmerkmalen wie Resistenz oder Wurzelwachstum mit Hilfe der genetischen Diagnostik. Oder an Hybrid-Saatgut oder den Einsatz der CMS-Züchtungstechnik, die aus meiner Sicht zu Unrecht mit Gentechnik in Verbindung gebracht wird. Ebenfalls denkbar wären Melkroboter für große Kuhherden und die Nutzung von streng geprüfter Nanotechnologie bei Verpackungen, im biologischen Pflanzenschutz oder in der Tiergesundheit.

Verwirren Sie damit nicht den Verbraucher?

Ja, das ist das Problem. Und die heutigen Öko-Richtlinien basieren auf zahlreichen Gesetzestexten. Die bieten wenig Raum für Experimente. Und wer hätte die Definitionshoheit?

Der Bio-Kunde verlangt, dass es den Tieren gut geht, dass die Produkte aus regionalem Anbau stammen und die Arbeitskräfte fair bezahlt werden.

Gute Bezahlung muss sein, das ist völlig klar. Tierwohl muss auch garantiert werden. Hier hat Öko einen grundsätzlichen Handlungsbedarf. Regional? Nein, das ist nur für gewisse Produkte sinnvoll, und die kann man ja mit dem ‚Regionalfenster‘ zusätzlich auszeichnen.

Bio ist nach Einschätzung vieler Menschen in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Laut Demeter Baden-Württemberg zum Beispiel gehört ein gutes Drittel der Deutschen zur

Gruppe der „intensiven Bio-Käufer“.

Das entspricht nicht der Realität. In der Schweiz erreicht der Bio-Verkauf den höchsten Marktanteil weltweit. Doch das sind auch nur knapp sieben Prozent. Die Zahl zeigt: Bio ist nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Natürlich gibt es neben den vielleicht zehn Prozent Kernkäufern eine große Gruppe von Menschen, die das eine oder andere Bio-Produkt kaufen. Mittlerweile gibt es Spezialprodukte wie Kokosnüsse oder Ananas bei Coop nur noch in Bio-Qualität, da könnten sich Verbraucher gar nicht mehr gegen Bio entscheiden. Andere Gelegenheitskunden greifen zu Bio, weil es besser schmeckt oder weil es ein neues Produkt ist, das es anders noch gar nicht gibt. Das sind aber keine Bio-Kunden im eigentlichen Sinne.

In Deutschland geht die Schere immer weiter auf: Die Nachfrage wächst weiter deutlich, Zahl und Fläche des Öko-Landbaus nehmen aber nur sehr bescheiden zu. Was sind die Gründe?

Das ist eine dramatische Entwicklung, dass ausgerechnet Deutschland Teile einer landwirtschaftlichen Öko-Produktion mit hoher Wertschöpfung ins Ausland verlagert. Der Grund ist einfach: Die staatliche Förderung differenziert zu wenig zwischen konventioneller und ökologischer Erzeugung. Das ändert sich auch mit der neuen EU-Agrarpolitik nicht. Ein zweiter Grund lautet: Konventionelle Landwirtschaft kann zu billig produzieren. Das müsste man dringend ändern, etwa mit einer Umweltabgabe auf Pestizide und Mineraldünger. Und drittens: Der Zuwachs an neuem produktionstechnischem Know-how nimmt rapide ab. Wir brauchen aber einen Schub, um die noch bestehenden Schwachstellen zu überwinden.

Welche Schwachstellen müssen noch überwunden werden?

Pflanzenkrankheiten sind so ein Problem. Sie schmälern den Ertrag. Um aber robustere Sorten zu züchten oder Pflanzen-extrakte zum Schutz zu entwickeln, benötigt man ungeheure finanzielle Mittel. Normalerweise erledigt das die Industrie aus eigenem Interesse. Solange der Öko-Landbau aber klein ist, gibt es dieses Interesse nicht. Ähnliche Defizite sieht man in der Tiergesundheit. Ohne mehr Forschungsgelder sind diese Schwachstellen nicht zu lösen. Doch nur so wird der ökologische Landbau in der Lage sein, den Ertrag um die fehlenden 20 bis 30 Prozent zu steigern. Aber es gibt auch hausgemachte Hindernisse. Wegen der vielen Verbände ist die Marktmacht der Öko-Bauern geteilt – und damit geschwächt. Dadurch geraten die Preise unter Druck. Es wäre besser, vereint zu verhandeln.

Urs Niggli …

.. ist seit 1990 Direktor des Forschungsinstituts für biologischen Landbau FiBL in Frick (Schweiz). Er gilt als einer der profundesten Kenner des Öko-Landbaus und ist immer dann gefragt, wenn es um die Forschung und Zukunft der biologischen Landwirtschaft geht. Unter Niggli reifte das FiBL zu einem weltweit führenden Zentrum für Öko-Landbau. In der Schweiz, in Deutschland und Österreich arbeiten 190 Wissenschaftler und Berater gemeinsam an der Weiterentwicklung dieser landwirtschaftlichen Methode. Der 60-Jährige ist seit einigen Jahren auch Honorarprofessor an der Uni Kassel/Witzenhausen. Dort bringt er seine Erfahrung im Bereich der angewandten Forschung, in der EU-Forschungszusammenarbeit und in der internationalen Agrarforschung ein. www.fibl.org

Stephan Börnecke, Urs NiggliAutor Stephan Börnecke (li) setzt sich schon lange mit der Entwicklung von Bio auseinander. Urs Nigglis Ideen und Ansätze findet er genial.

Kommentare

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Biobauer
"Es wäre besser, vereint zu verhandeln"??? Hat Herr Niggli schon mal was vom Kartellrecht gehört? Außerdem läßt er bei der Nennung der Gründe für zu wenig Zuwachs in der Umstellung auf Ökolandbau außer Acht, dass über das EEG hohe Summen von Förderung in die Fläche fließen und die Kosten für Pacht in die Höhe treiben. Die Landwirte können auch als Energiewirte gut verdienen. Es gehört schon sehr viel Idealismus dazu, jährlich auf beträchtliches Einkommen zu verzichten, damit man Ökolandbau betreiben kann. Da grenzt es eher an ein Wunder, dass die Ökoanbaufläche trotzdem wächst!! Große Umstellungswellen haben wir nur, wenn man mit Ökolandbau nicht nur besser lebt, sondern auch besser verdient.
BioFairVerein
Warum ausgerechnet die CMS-Technik (cytoplasmatische männliche Sterilität) dabei helfen kann, den Ökolandbau in die Mitte der Gesellschaft zu bringen, ist nicht verständlich. Mit der CMS-Technik werden zwei artfremde Zellen verschmolzen - und diese Zellfusionstechnik kann durchaus mindestens als Vorstufe zur Gentechnik angesehen werden. CMS-Saatgut ist für andere (ökologische) Saatgutzüchter als Ausgangsmaterial nicht nutzbar, da nur der Ursprungszüchter weiß, welche Befruchterpflanze genommen wurde. Leider gibt es noch zu wenig ökologisches Saatgut, so dass der Ökolandbau teilweise auf konventionelles Saatgut zurückgreifen muss. Für ihn ist es schon jetzt immer schwieriger CMS-freies Saatgut zu bekommen. Damit werden der Erhalt und der Ausbau der genetischen Vielfalt bei Gemüse und Getreide erheblich gefährdet und die Monopolisierung in der Saatgutzüchtung weiter vorangetrieben. Ein ausführliches Interview zu dem Thema von der Züchterin Barbara Maria Rudolf ist hier nachzulesen: http://www.biofair-vereint.de/praxisbeispiele-klima-umwelt-und-tierschutz/cms-saat-gut.html#.Uzv40lfn18E