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Kann Wasser „bio“ sein?

Drei Jahre lang debattierten Juristen, ob es Bio-Mineralwasser geben darf. Schließlich antwortete der Bundesgerichtshof mit „Ja“. Doch was haben die Verbraucher davon? // Leo Frühschütz

Hintergrund Wasser

Der Ärger war vorprogrammiert. Ende 2008 gründete sich in Nürnberg die Qualitätsgemeinschaft Biomineralwasser e.V. Ihr Initiator war Franz Ehrnsperger, Chef der Bio-Brauerei Neumarkter Lammsbräu. Der Verein erarbeitete besonders strenge Kriterien für Mineralwasser. Abfüller, die diese Standards erfüllen, können sich ihr Wasser als Bio-Mineralwasser zertifizieren lassen und mit einem entsprechenden Logo werben. Als erstes nutzte dies Neumarkter Lammsbräu für seine neu geschaffene Marke Biokris-tall. Kaum standen die ersten Flaschen in den Läden, setzte der Verband Deutscher Mineralbrunnen (VDM) die Zentrale zur Bekämpfung unlauteren Wettbewerbs darauf an. Es folgte ein juristischer Kleinkrieg, bis schließlich der Bundesgerichtshof in letzter Instanz entschied, dass es Bio-Mineralwasser geben darf.

Streit um Wasserqualität

Über 200 Mineralbrunnen gibt es in Deutschland. Zusammen bieten sie über 500 verschiedene Mineralwasser und 40 Heilwasser an. Diese Mineralwasser seien das einzige Lebensmittel in Deutschland mit einer amtlichen Anerkennung, sagt VDM-Geschäftsführer Stefan Seip und verweist auf die Vorgaben der Mineral- und Tafelwasserverordnung. „Mineralwasser ist per se ein gesundes Naturprodukt von höchster Qualität.“ Und dann kommt einer mit der Botschaft: Das geht aber noch besser!

Die Richtlinien der Qualitätsgemeinschaft Biomineralwasser umfassen 44 Kriterien, 44 Anforderungen, die über die gesetzlichen Vorgaben der Mineral- und Tafelwasserverordnung sowie der Trinkwasserverordnung hinausgehen. So ist es zum Beispiel nicht erlaubt, unerwünschte Inhaltsstoffe wie Eisen oder Schwefel mit Ozon zu entfernen oder Fluorid mit Hilfe von Aluminiumoxid auszufällen. Auch darf die zugesetzte Kohlensäure nur aus natürlichen Quellen stammen und nicht chemisch hergestellt worden sein. Denn das Wasser soll möglichst naturbelassen bleiben.

Schadstoffe, Pestizide, Arzneimittel

Außerdem liegen bei der Bio-Richtlinie die Grenzwerte für einige Schadstoffe deutlich unter denen der Mineralwasserverordnung. Rückstände von Pestiziden, deren Abbauprodukte, Arzneimittel oder synthetische Süßstoffe dürfen nicht nachweisbar sein. Denn sie zeigen, dass das Wasser nicht ausreichend vor Außeneinflüssen geschützt ist. Die Unternehmen müssen weit häufiger messen, als es die Mineralwasserverordnung vorgibt. Ein eigenes Kapitel der Richtlinien ist der „Produktsicherheit Mikrobiologie“ gewidmet. Es soll „die fehlenden Vorgaben für Untersuchungshäufigkeit und -umfang durch den Gesetzgeber“ ausgleichen und einen hohen hygienischen Standard des Abfüllbetriebs sicherstellen. Denn eine Verkeimung von Mineralwasser stellt für den Verbraucher ein noch größeres Risiko dar als ein Schadstoff im Spurenbereich.

Besonders ernst nehmen die Richt-linien das Thema Nachhaltigkeit. Die Betriebe sollen nicht nur Wasser in Flaschen füllen, sondern sich auch ökologisch und sozial vorbildlich verhalten. Dazu zählt, dass die Unternehmen ein Umweltmanagementsystem einrichten und regelmäßig über die erzielten Verbesserungen berichten. Sie müssen ihre Treibhausgasemissionen über die Prozesskette erfassen und kontinuierlich verringern. Vorgegeben sind auch eine Ausbildungsquote von fünf Prozent und eine regelmäßige Aus- und Weiterbildung der Mitarbeiter. Um das Wasser als wichtigstes Lebensmittel zu schützen, verlangen die Richtlinien, den ökologischen Landbau im Einzugsbereich des Mineralbrunnens zu fördern. Darüber hinaus müssen sich die Unternehmen in Projekten für den heimatlichen oder weltweiten Wasserschutz engagieren.

Nachhaltigkeit – ein wichtiges Kriterium

Bisher ist das Mineralwasser Biokristall der Neumarkter Lammsbräu das einzige von der Öko-Kontrollstelle BCS zertifizierte Bio-Mineralwasser. „Es gibt Interessenten aus dem Inland und dem nahen Ausland“, sagt Manfred Mödinger. Der Mineralwasserexperte hat die Qualitätsgemeinschaft Biomineralwasser mit gegründet und führt ihre Geschäfte. „Es hat sich gezeigt, dass die Kriterien vor allem im Bereich Nachhaltigkeit sehr anspruchsvoll sind.“ Viele Interessenten seien damit beschäftigt, die Voraussetzung für eine Zertifizierung zu schaffen. Deshalb werde es noch etwas dauern, bis weitere Brunnen das Zertifikat erhalten.

Streng genommen kann das Lebensmittel Wasser nicht „bio“ sein, denn die EU-Öko-Verordnung und die Bio-Richtlinien der Verbände gelten per Definition nur für pflanzliche oder tierische Lebensmittel. Deshalb kann Wasser nach diesen Regeln gar nicht zertifiziert werden. Andererseits gab es schon immer Bestrebungen, ebenso strenge ökologische Anforderungen an Produkte jenseits der EU-Öko-Zertifizierung zu stellen. So entstanden etwa zertifizierte Naturkosmetik oder der internationale Standard GOTS für Öko-Textilien. Für Bio-Läden ist zertifizierte Naturkosmetik selbstverständlich. Und führt ein Laden Baby-Strampler in seinem Sortiment, sind diese natürlich aus Bio-Baumwolle.

Wasser: mehr als nur Durstlöscher

Welche Mineralwasser im Bio-Laden verkauft werden dürfen, dafür gibt es bisher keine Regeln. Viele Bio-Kunden bevorzugen Wasser, das aus artesischen Quellen oder Brunnen stammt, also frei fließend zu Tage tritt und nicht aus dem Untergrund gepumpt werden muss. Andere legen Wert auf Wasser, die besonders arm an Mineralstoffen sind. Es gibt Kunden, die Wasser aus der Region vorziehen, um die Transportemissionen niedrig zu halten. Viele Menschen, die im Bio-Laden einkaufen, legen Wert auf ein funktionierendes Mehrwegsystem und würden keine PET-Einwegflasche in die Hand nehmen. Nicht zuletzt ist für viele Bio-Kunden Wasser mehr als ein Durstlöscher. Sie betrachten es darüber hinaus als Träger von Informationen oder energetischen Schwingungen. Ihr Verständnis von Wasser ist ganzheitlich geprägt.

All diesen Wünschen versuchen die Abfüller und Händler von Bio-Läden gerecht zu werden. Auch die Bio-Mineralwasserrichtlinien gehen darauf ein, allerdings jedoch nur teilweise: So ist das Hochpumpen von Wasser erlaubt. Die Entfernung vom Brunnen zum Abfüllbetrieb hingegen soll zwei Kilometer nicht überschreiten, um die Leitungswege kurz zu halten. Ein „ganzheitlicher Qualitätsnachweis“ um eine „lebensfördernde, innere Struktur des Quellwassers auszudrücken, die deutlich besser ist als bei üblichen Leitungswässern“ ist zwar erwünscht, aber nicht zwingend vorgeschrieben. Neben der Glas-Mehrwegflasche sind als Verpackung auch die PET-Mehrweg- und die PET-Kreislauf-Flasche erlaubt. Letztere wird zwar gesammelt, allerdings nicht neu befüllt, sondern geschreddert. Aus diesen und anderen Gründen haben sich die in Bio-Läden vertretenen Anbieter von Mineralwasser bislang eher freundlich-zurückhaltend über die neue Bio-Mineralwasser-Zertifizierung geäußert.

Manfred Mödinger sieht die Zertifizierung nicht auf Bio-Läden beschränkt: „Wir wollen eine Diskussion über die Qualität von Mineralwasser im Bio-Fachhandel und darüber hinaus anstoßen.“ Es gebe viele mittelständische Brunnen, die ihren Kunden deutlich machen müssten, was ihr Mineralwasser von den 19-Cent-für-1,5-Liter-Flaschen der Discounter unterscheide.

Doch ob mit oder ohne Zertifikat: Die Kriterienliste der Qualitätsgemeinschaft ist selbst für manchen Mineralwasseranbieter im Bio-Laden eine Herausforderung. Eine frei fließende Quelle mit gutem Wasser macht eben aus einem Abfüllbetrieb nicht gleich ein ökologisch und sozial nachhaltiges Unternehmen.

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