Anzeige

Anzeige

Interview mit Wolfgang Heck

Um hierzulande den Hunger auf Fleisch zu stillen, sind in Brasilien gigantische Soja-Felder nötig. Was das für die Indios bedeutet, hat Wolfgang Heck hautnah erlebt. // Stephan Börnecke; Fotos: Andreas Gerhardt

Wolfgang Heck

Herr Heck, Bundespräsident Joachim Gauck war in diesem Frühjahr in Brasilien und zeigte sich angetan von den dortigen Verhältnissen. Er sprach von einer Aufbruchstimmung. Sie selbst waren oft in Brasilien, zuletzt drei Wochen in Begleitung eines Fernsehteams. Können Sie dem Präsidenten zustimmen?

Ja, das kann ich nachvollziehen. Es gibt neue Arbeitsplätze. Die Menschen in Brasilien verdienen jetzt mehr Geld, es schlägt insgesamt ein neuer Puls. Auch die im nächsten Jahr stattfindende Weltmeisterschaft ist ein starker Motor. In den Städten werden die Armenviertel abgerissen und überall wird gebaut. In Brasilien ist Bewegung spürbar. Doch es gibt auch immer die Schattenseiten, wie es uns die Massendemonstrationen und Straßenschlachten zeigen. Auch im Agrarbereich sieht es düster aus. Da wird vieles, ob Artenvielfalt oder der Urwald, der Gentechnik geopfert.

Wie meinen Sie das?

Die Gentechnik ermöglicht es, riesige Flächen mit wenig Menschen aber viel Maschineneinsatz zu bewirtschaften. Es wird auf gigantischen Flächen angebaut, auf denen früher indigene Menschen lebten. Und noch immer drängt man die indigenen Völker aus ihren Lebensräumen hinaus, betreibt Monokultur mit Soja und Mais, opfert damit die Artenvielfalt, um die Europäer und neu nun auch die Chinesen mit gigantischen Rohstoffmengen zu versorgen. Die frühere Politik hatte für Pioniere Anreize geschaffen, immer mehr Land im Inneren urbar zu machen und man hatte zunächst die eigene Versorgung im Blick. Das ist aber einige Zeit her, inzwischen wechselte dieses Land in die Hände von Investoren, gigantische Besitztümer sind entstanden, denen kleinere Bauern kaum noch etwas entgegensetzen können. Es gibt zwar eine Bewegung der Landlosen, man sieht sie überall, aber sie können wenig ausrichten.

Das heißt, es profitieren vom wirtschaftlichen Aufschwung nur einige wenige Großgrundbesitzer, die angestammte Bevölkerung aber nicht?

Genau. Die sozialen Errungenschaften kommen bei den indigenen Stämmen nicht in der Form an. Sie nehmen nicht teil an der Gesellschaft. Ich habe keine reichen Indigenen gesehen. Im Gegenteil. Sie leben manchmal am Müll. Der ganze Stolz eines Indio-Häuptlings ist der Wald. Doch diesen Wald hat man ihm und seinem Volk genommen. Man hat ihnen die Lebensgrundlagen entrissen. Stattdessen wurde ihr Land an Farmer weitergereicht. Diese Entwicklung setzt sich, obwohl es eine Indianerbehörde gibt, die sich um diese Menschen kümmert, bis heute fort. Wenn man hier in Europa ein Stück Fleisch isst, dann muss dem Konsumenten klar sein, dass in Brasilien deshalb irgendwo ein Indio im Müll lebt, weil auf seinem früheren Land heute das Soja wächst, das bei uns in den Futtertrog wandert. Das ist das Traurige an der Geschichte: Ein hier günstig zu bekommendes Konsumgut erzeugt dort Elend.

Wolfgang Rainer Heck

Wolfgang Rainer Heck … 
ist im Badischen aufgewachsen aber auch in der Welt zu Hause. Der Alleingesellschafter des Tofu-Herstellers Life Food, bekannt unter dem Markennamen Taifun (www.taifun-tofu.de), stieg ins Geschäft mit der Sojabohne Mitte der 1980er-Jahre ein. Die Tofurei mit 200 Mitarbeitern bezieht den größten Teil ihrer Sojabohnen aus regionalem und europäischem Anbau.

Als Soja-Experte war der 57-Jährige zusammen mit dem Filmemacher Marco Keller in Brasilien auf den Spuren eines immer gigantischeren Anbaus von Soja als Futtermittel unterwegs. Die Auswirkungen dieser Massenproduktion auf Indios, Kleinbauern und Umwelt hat er hautnah miterlebt.

In Brasilien wird Soja in riesigen Mengen als Futtermittel für Tiere in der ganzen Welt angebaut. Die verheerenden Folgen des massiven Sojaanbaus hat der Filmemacher Marco Keller aus Freiburg mit der Kamera festgehalten. Wolfgang Heck hat das Filmteam als Experte begleitet. Der Dokumentarfilm wird voraussichtlich am Sonntag, 20.10.13, um 14.45 Uhr in der Sendereihe planet e im ZDF gezeigt.

Wie ist es dazu gekommen?

Diese ganze Entwicklung hat viel mit Korruption zu tun. Wir haben einen Bürgermeister dazu befragt, der dann in jedem zweiten Satz überbetont hat, dass heute alles nach Recht und Gesetz zugeht. Da wurde doch sehr deutlich, dass es in der Vergangenheit nicht so lief. Uns wurde gesagt: „Schau dir doch an, wie das Parlament zusammengesetzt ist.“ Die schustern sich das alles zu. Wer politisch gut unterwegs ist, sprich Einfluss nehmen kann, der verfügt auch über Land.

Daneben gibt es die Kleinbauern, wie geht es denen?

Sie haben ein kleines Besitztum, arbeiten mit einfachen Mittel, sie besitzen keine teuren Maschinen. Sie werden durch ihre Familien getragen. Sie bauen Mais, Zuckerrohr, Soja an, betreiben etwas Tierhaltung. Viele sind Selbstversorger. Ihr Einkommen ist bescheiden, ihr körperlicher Einsatz hoch. Viel ist noch in Handarbeit zu bewerkstelligen.

Ist unter diesen Umständen noch Bio-Anbau denkbar?

Wir kennen einige Kleinbauern, die an ihrem Acker hängen und die biologische Landwirtschaft verinnerlicht haben. Wir hätten sie gerne mit ihren Familien weiter gestützt und entwickelt. Doch es gibt einen limitierenden Faktor: Deren Nachkommen wollen nicht mehr weiter in der Landwirtschaft arbeiten. Sie wollen in die Stadt, sie wollen Technik, sie wollen Geld verdienen, nicht auf dem heißen Acker herumkrebsen. Diese Bauern, die Pioniere, mit denen wir bisher zusammenarbeiten konnten, sterben aus. Zudem ist die Nachfrage nach biologisch erzeugtem Lebensmittel-Soja im Vergleich zum Bedarf an Tierfutter verschwindend gering. Viele Bauern glauben in dieser Situation, mit der Gentechnik besser zu fahren.

Dennoch halten Sie mit Ihrem Tofu-Unternehmen an einem Fair-Trade-Projekt der Schweizer Firma Gebana fest, obwohl es sogar Probleme mit Pestizid-verseuchtem Soja gab. Warum?

Wir hatten schon immer ein Faible für die Kleinbauern. Wir haben in sie investiert, haben Zeit, Geld, Feldberatung eingebracht. Wir wollten im Anbau eine Tofu-Sojabohne entwickeln, die in deren Kultur zu Hause ist. Wir tun das auch weiter. Aber es gibt Einschnitte: Drumherum gibt es wachsende Gentechnik und immer mehr Pestizide. 2009/10 hatten wir solche Probleme mit abgedrifteten Spritzmitteln, dass wir die brasilianische Bio-Ware nicht verwenden konnten. In unserem Herzen unterstützen wir die dortigen Kleinbauern, dennoch wird unser Schwerpunkt auch weiterhin im regionalen und europäischen Anbau liegen. Aktuell beziehen wir gut 85 Prozent unserer Sojabohnen von hier.

Lässt sich dieser unheilvolle Prozess nicht noch umkehren, sollte die Nachfrage in der entwickelten Welt nach biologischem oder wenigstens konventionellem Soja deutlich steigen?

Es sind zwei Welten. Wir in Europa haben zumindest in Teilen ein ökologisches Gewissen entwickelt. Bio ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. In Brasilien ticken die Uhren ganz anders. Dort macht man gerade eine neue Erfahrung mit Gentechnik, mit Massenlandwirtschaft, großen Maschinen. Größer, stärker, mehr – das zählt.

Gibt es denn niemanden, der Einhalt gebietet?

Ja, schon, aber die Städte prosperieren, da hört man auf diese Mahner nicht. Die stecken in einer Phase, die wir bereits hinter uns gelassen haben. Da müssen und wollen die Brasilianer erst noch durch. Jetzt ist erstmal Aufschwung angesagt.

Bei ihrem Treffen in Freiburg sprachen Wolfgang Heck (r.) und Autor Stephan Börnecke auch über die Grenzen des Soja-Imports und Anbaumöglichkeiten in Europa.

Wolfang Heck und Stephan Börnecke

Kommentare

Kommentar­bild via Gravatar

incl. 'http://'
Waltraud Meger
Soja(lecithin) wird schon lange als billiger Fettersatz in vielen Lebens-mitteln (z.B. Schoko- lade) eingesetzt. Schlecht für Allergiker (Bsp. Rheumatiker. Bitte nicht nur über die Fleischesser schimpfen.
Margit Steidl
Es wird echt Zeit, dass alle Gentechnik-hintertüren geschlossen werden!

Ich selbst bevorzuge Nahrung aus biologiscvhem Anbau.



Der Gentechnikschrott soll dor vergammeln und verfaulen, wo er herkommt!