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Interview mit Jean Ziegler (Langfassung)

Jean Ziegler kämpft wortgewaltig für das Recht auf Nahrung. Der frühere UN-Sonderberichterstatter schildert seine Erlebnisse in den Hungergebieten dieser Welt – und sagt, was zu tun wäre. (Fotos: Frederik Grötschel)

Jean Ziegler

Sie schreiben, dass alle fünf Sekunden ein Kind unter zehn Jahren verhungert und nennen das Mord. Warum?

Die Zahl stammt aus dem Welternährungsbericht der UNO: Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren. 57.000 Menschen sterben pro Tag am Hunger und eine Milliarde der sieben Milliarden Menschen, die wir sind, ist dauerhaft schwer unterernährt. Derselbe Welternährungsbericht sagt, dass die Weltlandwirtschaft heute problemlos zwölf Milliarden Menschen ernähren könnte. Das Problem heute ist nicht die Produktion der Nahrung. Es ist der Zugang zu dieser Nahrung. Und ein Kind, das jetzt noch an Hunger stirbt, wird ermordet.

Was ist daran Mord?

Es sind mehrere Mechanismen, die die Menschen in den Hungertod treiben. Die treibende Kraft dieser Mechanismen ist die Profitgier. Deshalb nenne ich das Mord.

Jean Ziegler

Jean Ziegler…
… lernte als Student bei Jean-Paul Sartre und chauffierte Che Guevara durch Genf. Er gehörte als Abgeordneter dem Schweizer Parlament an und kritisierte dort vehement das Schweizer Bankensystem. Von 2000 bis 2008 war der inzwischen emeritierte Soziologieprofessor der erste Sonderberichterstatter der UNO für das Recht auf Nahrung.

Seine Erlebnisse hat Jean Ziegler in dem kürzlich bei Bertelsmann erschienenen Buch „Wir lassen sie verhungern – Die Massenvernichtung in der dritten Welt“ beschrieben. „Jetzt kann ich endlich sagen, wer die Halunken sind“, wirbt er für das Buch. Seine klaren Aussagen haben Ziegler zahlreiche Prozesse, aber auch großes internationales Prestige beschert. „Meine Bücher sind meine Waffen“, sagt der kämpferische Soziologe.

Jean Ziegler: Wir lassen sie verhungern - Die Massenvernichtung in der Dritten Welt. Bertelsmann 2012, ISBN: 978-3-570-10126-1, 320 Seiten, 19,99 Euro.

Zum Reinlesen

Wer sind die Mörder?

Ich beschreibe in meinem Buch fünf Mechanismen. Der erste ist die Herrschaft der Konzerne. 85 Prozent aller auf der Welt gehandelten Grundnahrungsmittel werden von zehn multinationalen Gesellschaften kontrolliert. Dazu zählen Cargill, Dreyfuß, Bunge oder AMD. Diese Konzerne kontrollieren Warenströme und Preise. Sie entscheiden jeden Tag, wer isst und wer nicht, wer hungert oder lebt.

Der zweite mörderische Mechanismus ist die Börsenspekulation auf Grundnahrungsmittel. Die Raubritter des globalisierten Finanzkapitals haben erst das Weltfinanzsystem ruiniert und Vermögenswerte in Höhe von vielen Hundert Milliarden Euro vernichtet. Inzwischen sind sie auf Nahrungsmittel und Rohstoffe umgestiegen und realisieren mit legalen Börseninstrumenten astronomische Profite. Goldman Sachs offeriert schon wieder undurchsichtige Derivate, diesmal auf Reis, Mais, Getreide, Soja und Zucker.

Und das lässt die Preise steigen?

Die Spekulation beschleunigt und verstärkt die Preisanstiege. In den Kanisterstädten dieser Welt, in den Slums von Manila und Karachi oder in den Favelas von Sao Paolo, wo die Mütter kaum Geld haben, um die tägliche Nahrung zu kaufen, bedeutet die spekulationsbedingte Explosion der Grundnahrungsmittelpreise den Tod.

Es fehlen noch drei mörderische Mechanismen.

Der dritte Mörder ist das Agrardumping der Industrieländer. Sie können auf jedem afrikanischen Markt italienisches Gemüse oder deutsches Geflügel zur Hälfte des Preises von afrikanischen Inlandsprodukten kaufen. Ein paar Kilometer weiter rackert sich der afrikanische Bauer zusammen mit seiner Frau und den Kindern unter der brennenden Sonne zwölf Stunden am Tag ab und hat nicht die geringste Chance, auf ein Existenzminimum zu kommen.

Warum sind die europäischen Lebensmittel so billig?

Weil sie subventioniert werden, sowohl der Anbau als auch der Export. Beim Geflügel ist es vor allem die industrielle Geflügelmast, die konkurrenzlos billig ist im Vergleich zur bäuerlichen Haltung.

Also hat ein afrikanischer Bauer dasselbe Problem wie ein kleiner Bauer bei uns?

Genau. Die Verlogenheit der Kommissare in Brüssel ist abgrundtief. Einerseits fördern sie durch das Agrardumping den Hunger in Afrika. Andererseits werfen sie mit ihrer Grenzagentur Frontex mit militärischen Mitteln jene Hungerflüchtlinge, die an der Südküste der EU ankommen, zurück ins Meer, wo Tausende jedes Jahr ertrinken.

Sehen Sie eine Chance, dass sich diese gemeinsame Agrarpolitik der EU bei den anstehenden Haushaltsberatungen ändern lässt?

Niemand kann das voraussagen. Was man sagen kann ist, dass die Agrarkonzerne eine unglaubliche Lobbyarbeit leisten. Die sind in Brüssel massivstens präsent, mit Millionen, die für die Einflussnahme eingesetzt werden. Und deren Interessen sind nicht die Interessen der Subsistenz-Bauern und auch nicht die der Bio-Bauern. Gentechnisch veränderte Pflanzen treten einen Siegeszug an in der dritten Welt, nur wegen der nackten Macht und politischen Einflussnahme der Konzerne. Deswegen bin ich ziemlich pessimistisch, was die neue Agrarpolitik der EU angeht.

Wenn man ihre Argumentation aufgreift, dann begeht ein EU-Abgeordneter oder eine Agrarministerin, die für den Fortbestand der derzeitigen EU-Agrarpolitik stimmt, …

… Beihilfe zum Mord. Richtig. Und das ist eine sehr ernste Angelegenheit. Aber es geht nicht um Psychologie. Es geht nicht darum zu sagen, der Chef von Cargill oder die Ministerin sind böse Menschen, und wir bei der UNO oder bei Schrot&Korn sind die Guten. Es geht um die strukturelle Gewalt. Konzerne funktionieren, das ist ganz normal, nach Profitmaximierungsstrategien. Ein Beispiel: Der größte Nahrungsmittel- und Flaschenwasserkonzern der Welt ist Nestlé. Peter Brabeck-Lethmate, der Präsident von Nestlé, ist ein kluger, zivilisierter Mensch. Aber wenn der nicht den Shareholder-Value, also die Rendite aufs Kapital der Nestlé-Aktionäre, jedes Jahr um soundsoviel Prozent hinaufjagt, ist er nach drei Monaten nicht mehr Präsident.

Aber es sind Menschen, die diese mörderischen Strukturen nutzen und verteidigen. Übermannt Sie da nicht manchmal der Zorn?

Einmal. Das war im Niger, einem der ärmsten Länder, vor sechs Jahren. Aufgrund von Dürre und Heuschrecken herrschte eine fürchterliche Hungersnot. Ich versuchte, den damaligen Präsidenten Tanja davon zu überzeugen, das Welternährungsprogramm der UNO um Hilfe zu bitten. Tanja sagte kalt lächelnd: „Herr Professor, es gibt doch keine Hungersnot bei uns.“ Dieser korrupte Kerl steckte mit den örtlichen Getreidespekulanten unter einer Decke, die ihre Vorräte immer noch horteten. Den hätte ich gerne erwürgt. Aber es hätte nichts genützt. Stattdessen habe ich aus lauter Verzweiflung über Satellitentelefon den damaligen UNO-Generalsekretär Kofi Annan angerufen. Er ist vier Tage später ins Flugzeug gestiegen und direkt ins Zentrum der Hungersnot im Niger gereist, mit CNN, BBC und den anderen Medien im Gefolge. Schließlich wurde Tanja durch die Weltöffentlichkeit gezwungen, das Gesuch zu stellen und die Hilfe konnte anlaufen. Aber da waren schon Tausende gestorben.

Wie verarbeiten sie die schrecklichen Bilder, die sie auf ihren Missionen gesehen haben?

Wenn man die Opfer sieht, die halbverhungerten Kinder mit den großen Augen, dann denkt man sofort an die eigenen Kinder und Enkel. Da muss man einen Schutzschild aufbauen, Distanz halten, so wie es auch die Ärzte machen. Trotzdem, die Bilder kommen wieder – in der Nacht.

Und mit ihnen die Wut?

Zorn und Vernunft sind der Motor meiner Arbeit. Doch ich muss mir immer wieder sagen, es geht um Effizienz. Die Hungernden kümmern sich einen Dreck um die Psychologie des Kleinbürgers aus Genf. Der liebe Gott hat mich nicht hingestellt, dass ich mich beklage. Es geht um Wirksamkeit. Wir sind so privilegiert, Sie ja auch, Sie reden zu 800.000 Lesern. Diese Privilegien schaffen Verantwortung.

Wie können wir ihr gerecht werden?

Gleich. Ich bin ihnen noch zwei Mörder schuldig: Die Agrartreibstoffe und der Landraub. Die USA haben 2011 138 Millionen Tonnen Mais, 40 Prozent ihrer Ernte, und Hunderte Millionen Tonnen Weizen in Bioethanol umgewandelt und dann als Treibstoff verbrannt. 50 Liter Bioethanol im Tank, dafür braucht man 352 Kilogramm Mais. Davon lebt ein Kind in Sambia oder Mexiko ein Jahr lang. Nahrungsmittel als Agrartreibstoff zu verbrennen, was immer auch die Argumente dafür sind, etwa Klimaschutz, ist angesichts des Hungers in der Welt ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Trotz der vielen pessimistischen Fakten nennen Sie Ihr Buch ein Buch der Hoffnung. Woher kommt die?

Mein Buch heißt „Wir lassen sie verhungern – Die Massenvernichtung in der Dritten Welt“. Wir sind die stillen Komplizen dieses täglichen Massakers, wir können es auch beenden. Morgen früh können wir den Bundestag zwingen, das Börsengesetz zu ändern und die Spekulation mit Nahrungsmitteln zu verbieten. Wir könnten die Agrarministerin zwingen, in Brüssel für einen Stopp des Agrardumpings zu stimmen. Wir können Herrn Schäuble zwingen, bei der Jahresversammlung des Weltwährungsfonds in Washington im Februar diesmal nicht für die Gläubigerbanken in Frankfurt und anderswo zu stimmen, sondern für die Totalentschuldung der 50 ärmsten Länder der Welt. Nur dann können diese Länder in ihre Landwirtschaft investieren. Das Grundgesetz gibt uns alle Waffen in die Hand, um das fürchterliche tägliche Massaker des Hungers zu stoppen.

Das Grundgesetz lässt uns alle vier Jahre wählen.

Deshalb müsste der Hunger in der Welt ein Hauptthema sein im nächsten Bundestagswahlkampf. Die Solidarität mit den Hungernden. Was uns von den Opfern trennt, ist doch nur der biologische Zufall der Geburt. Warum sind Sie ein weißer Intellektueller mit geregelter Arbeit, geschützt vor Armut und nicht ein Zuckerrohrarbeiter in Nordostbrasilien mit Würmern im Magen und einer Lebenserwartung von 38 Jahren? Che Guevara hat gesagt: „Auch die stärksten Mauern fallen durch Risse“. Überall kämpfen Bauern, die ihr Land zurückhaben wollen. Und hier bei uns: Attac, die Bio-Bauernbewegung, Greenpeace, in den Kirchen regt sich etwas. Der Aufstand des Gewissens steht bevor, davon ich bin überzeugt.

Und landet dann bei den Wahlen bei fünf bis zehn Prozent.

Wie ist die Französische Revolution entstanden, man weiß es nicht. Plötzlich erwachen die Menschen. Man kennt die Früchte der Bäume nicht, die man pflanzt. Bei jedem meiner Vorträge, bei denen ich mein Buch und meine Thesen vorstelle, hebt jemand die Hand und sagt: „Sie haben ja so recht, aber ich kann doch nichts tun, gegen Monsanto und Cargill, mit ihren Lobbyisten und Millionen.“

Was antworten Sie?

Es gibt keine Ohnmacht in der Demokratie. Und Deutschland ist die lebendigste Demokratie dieses Kontinents und drittgrößte Wirtschaftsmacht der Welt. In Honduras lägen Sie und ich schon lang im Straßengraben, mit einer Kugel im Kopf. Da gibt es keine Freiheiten, auch in Peking nicht. Das ist eine korrupte, kommunistische Einparteiendiktatur und Raubtierkapitalismus in reinster Form. Aber in Deutschland gibt uns das Grundgesetz alle Möglichkeiten. Was es braucht ist die Mobilisierung, das Erwachen - und Schrot&Korn ist ein wichtiges Erweckungsinstrument.

Was also kann der Einzelne tun?

Es gibt drei Ebenen, auf denen der freie Bürger Verantwortung trägt. Zuerst auf der Ebene der humanitären Hilfe. Deutsche Welthungerhilfe, Brot für die Welt, Care, Oxfam, Caritas, Terre des Hommes und andere, das sind großartige Organisationen, die humanitäre Soforthilfe bei Hungersnöten leisten. Da geht es nicht gegen Cargill oder Syngenta, das geht es darum, Menschenleben zu retten, jenseits aller Politik.

Auf der zweiten Ebene kann ich mich als Verbraucher vegetarisch ernähren und damit meinen Teil der 500 Millionen Tonnen Getreide freigeben, die jährlich in die Tiermast gehen. Ich kann fair gehandelte, regionale und saisonal erzeugte Lebensmittel kaufen.

Die dritte Ebene, das sind die Waffen, die der Bürger zur Hand hat, um Strukturreformen durchzusetzen. Der französische Schriftsteller Georges Bernanos hat gesagt: „Gott hat keine anderen Hände als die unseren.“ Wir müssen diese kannibalische Weltordnung ändern, sonst tut es niemand.

Sie beschreiben die weltweite Diktatur des Finanzkapitalismus mit all ihrer Macht. Kommt man dagegen mit demokratischen Mitteln an?

Es muss. Sonst geht der ganze Planet kaputt und wir gehen zugrunde. Es klingt dramatisch, aber es ist so. Es muss möglich sein, der Aufstand des Gewissens muss kommen.

Einst wollten Sie mit Che Guevara Afrika befreien. Haben Sie dem bewaffneten Kampf abgeschworen?

Nein, so kann man das nicht sagen. Che Guevara hat gesagt: „Der Guerillero ist ein bewaffneter Lehrer“. Dort wo es keinen Freiheitsraum gibt, um den anderen zu überzeugen, ist die bewaffnete Notwehr der einzige Weg. Die Attentäter des 20. Juli 1944 gegen Hitler sind ein Beispiel. Sie hatten keine Möglichkeit, den Naziterror zu brechen ohne Gegengewalt. Man kann daher nicht generell sagen, Gewalt ist schlecht, das wäre falsch, absolut idealistisch. Es braucht Gegengewalt. Wie in Indien, wo sich Bauerngewerkschaften mit Gewalt das Land zurückholen, das ihnen von Großspekulanten in Allianz mit korrupten Gouverneuren entrissen worden ist. Hier bei uns sind es die zivilgesellschaftlichen Kräfte, die den Wandel bringen werden. Deshalb sage ich immer wieder. In der Demokratie gibt es keine Ohnmacht – und keine Entschuldigung, nichts zu tun.

Sprachen bei ihrem Treffen auch über Agrosprit, den Präsidenten von Nestlé und gewaltsamen Widerstand: Jean Ziegler (l.) und unser Autor Leo Frühschütz.

Jean Ziegler und Leo Frühschütz

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