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Interview mit Jean Ziegler

Jean Ziegler kämpft wortgewaltig für das Recht auf Nahrung. Der frühere UN-Sonderberichterstatter schildert seine Erlebnisse in den Hungergebieten dieser Welt – und sagt, was zu tun wäre. (Fotos: Frederik Grötschel)

Jean Ziegler

Sie schreiben, dass alle fünf Sekunden ein Kind unter zehn Jahren verhungert und nennen das Mord. Warum?

Das Problem ist nicht die Produktion der Nahrung. Es ist der Zugang zu dieser Nahrung. Es sind mehrere Mechanismen, die den Menschen diesen Zugang verwehren und sie in den Hungertod treiben. Die treibende Kraft dieser Mechanismen ist die Profitgier. Deshalb nenne ich das Mord.

Wer sind die Mörder?

Ich beschreibe in meinem Buch fünf Mechanismen. Der erste ist die Herrschaft der Konzerne. 85 Prozent aller auf der Welt gehandelten Grundnahrungsmittel werden von zehn multinationalen Gesellschaften kontrolliert. Sie entscheiden jeden Tag, wer hungert und wer isst. Der zweite Mechanismus ist die Börsenspekulation auf Grundnahrungsmittel. Die Raubritter des globalisierten Finanzkapitals sind seit der Finanzkrise auf Nahrungsmittel und Rohstoffe umgestiegen und realisieren astronomische Profite.

Und das lässt die Preise steigen?

Die Spekulation beschleunigt und verstärkt die Preisanstiege. In den Slums dieser Welt, wo die Mütter kaum Geld haben, um die tägliche Nahrung zu kaufen, bedeutet die spekulationsbedingte Explosion der Grundnahrungsmittelpreise den Tod.

Es fehlen noch drei mörderische Mechanismen.

Die Agrartreibstoffe, der Landraub und das Agrardumping der Industrieländer. Sie können auf jedem afrikanischen Markt italienisches Gemüse oder deutsches Geflügel zur Hälfte des Preises von afrikanischen Inlandsprodukten kaufen. Ein paar Kilometer weiter rackert sich der afrikanische Bauer unter der brennenden Sonne zwölf Stunden am Tag ab und hat nicht die geringste Chance, auf ein Existenzminimum zu kommen.

Warum sind die europäischen Lebensmittel so billig?

Weil sie subventioniert werden, sowohl der Anbau als auch der Export. Beim Geflügel ist es vor allem die industrielle Geflügelmast, die konkurrenzlos billig ist.

Sehen Sie eine Chance, dass sich diese gemeinsame Agrarpolitik der EU ändern lässt?

Die Agrarkonzerne leisten unglaubliche Lobbyarbeit. Die sind in Brüssel massivstens präsent, mit Millionen, die für die Einflussnahme eingesetzt werden. Ich bin ziemlich pessimistisch.

Folgt man Ihrer Argumentation, begeht eine Agrarministerin, die für den Fortbestand der EU-Agrarpolitik stimmt, …

… Beihilfe zum Mord. Richtig. Aber es geht nicht darum zu sagen, der Chef von Cargill oder die Ministerin sind böse Menschen, und wir bei der UNO oder bei Schrot&Korn sind die Guten. Es geht um die strukturelle Gewalt.

Aber es sind Menschen, die diese mörderischen Strukturen nutzen. Übermannt Sie da nicht manchmal der Zorn?

Einmal. Das war im Niger, vor sechs Jahren. Aufgrund von Dürre und Heuschrecken herrschte eine fürchterliche Hungersnot. Ich versuchte, den damaligen Präsidenten Tanja zu überzeugen, das Welternährungsprogramm der UNO um Hilfe zu bitten. Tanja sagte kalt lächelnd: „Herr Professor, es gibt doch keine Hungersnot bei uns.“ Dieser korrupte Kerl steckte mit den örtlichen Getreidespekulanten unter einer Decke, die ihre Vorräte immer noch horteten. Den hätte ich gerne erwürgt. Aber es hätte nichts genützt. Stattdessen habe ich aus lauter Verzweiflung den damaligen UNO-Generalsekretär Kofi Annan angerufen. Er ist vier Tage später ins Zentrum der Hungersnot im Niger gereist, mit CNN, BBC und den anderen Medien im Gefolge. Schließlich wurde Tanja durch die Weltöffentlichkeit gezwungen, das Gesuch zu stellen und die Hilfe konnte anlaufen. Aber da waren schon Tausende gestorben.

Jean Ziegler

Jean Ziegler…
… lernte als Student bei Jean-Paul Sartre und chauffierte Che Guevara durch Genf. Er gehörte als Abgeordneter dem Schweizer Parlament an und kritisierte dort vehement das Schweizer Bankensystem. Von 2000 bis 2008 war der inzwischen emeritierte Soziologieprofessor der erste Sonderberichterstatter der UNO für das Recht auf Nahrung.

Seine Erlebnisse hat Jean Ziegler in dem kürzlich bei Bertelsmann erschienenen Buch „Wir lassen sie verhungern – Die Massenvernichtung in der dritten Welt“ beschrieben. „Jetzt kann ich endlich sagen, wer die Halunken sind“, wirbt er für das Buch. Seine klaren Aussagen haben Ziegler zahlreiche Prozesse, aber auch großes internationales Prestige beschert. „Meine Bücher sind meine Waffen“, sagt der kämpferische Soziologe.

Wie verarbeiten Sie die schrecklichen Bilder, die Sie auf Ihren Missionen gesehen haben?

Wenn man die Opfer sieht, die halbverhungerten Kinder mit den großen Augen, dann denkt man sofort an die eigenen Kinder und Enkel. Da muss man einen Schutzschild aufbauen, Distanz halten, so wie es auch die Ärzte machen. Trotzdem, die Bilder kommen wieder – in der Nacht.

Und mit ihnen die Wut?

Der Zorn und die Vernunft sind der Motor meiner Arbeit. Doch ich muss mir immer wieder sagen, es geht um Wirksamkeit. Die Hungernden kümmern sich nicht um die Psychologie des Kleinbürgers aus Genf. Wir sind privilegiert, Sie ja auch, Sie reden zu 800 000 Lesern. Diese Privilegien schaffen Verantwortung.

Wie können wir ihr gerecht werden?

Wir sind die stillen Komplizen dieses täglichen Massakers. Wir können es auch beenden. Morgen früh können wir den Bundestag zwingen, die Börsenspekulation mit Nahrungsmittel zu verbieten. Wir könnten die Agrarministerin zwingen, in Brüssel für einen Stopp des Agrardumpings zu stimmen. Das Grundgesetz gibt uns alle Waffen in die Hand.

Das Grundgesetz lässt uns alle vier Jahre wählen.

Deshalb müsste der Hunger in der Welt ein Hauptthema sein im nächsten Bundestagswahlkampf. Che Guevara hat gesagt: „Auch die stärksten Mauern fallen durch Risse“. Überall kämpfen Bauern, die ihr Land zurückhaben wollen. Und hier bei uns: Attac, die Bio-Bauernbewegung, Greenpeace, in den Kirchen regt sich etwas. Der Aufstand des Gewissens steht bevor, davon bin ich überzeugt.

Und landet dann bei den Wahlen bei fünf bis zehn Prozent.

Wie ist die Französische Revolution entstanden, man weiß es nicht. Plötzlich erwachen die Menschen. Bei jedem meiner Vorträge hebt jemand die Hand und sagt: „Sie haben ja recht, aber ich kann doch nichts tun gegen Monsanto und Cargill.“

Was antworten Sie?

Es gibt drei Ebenen, auf denen der freie Bürger Verantwortung trägt. Die erste ist die humanitäre Soforthilfe wie sie die Deutsche Welthungerhilfe, Brot für die Welt und andere leisten. Auf der zweiten Ebene kann ich mich als Verbraucher vegetarisch ernähren und meinen Teil der 500 Millionen Tonnen Getreide freigeben, die jährlich in die Tiermast gehen. Die dritte Ebene sind die Waffen, die der Bürger hat, um Strukturreformen durchzusetzen. Der französische Schriftsteller George Bernanos hat gesagt: „Gott hat keine anderen Hände als die unseren.“ In der Demokratie gibt es keine Ohnmacht – und keine Entschuldigung, nichts zu tun.

Sprachen bei ihrem Treffen auch über Agrosprit, den Präsidenten von Nestlé und gewaltsamen Widerstand: Jean Ziegler (l.) und unser Autor Leo Frühschütz. Nachzulesen:
schrotundkorn.de/interview

Jean Ziegler und Leo Frühschütz

Kommentare

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incl. 'http://'
Babs Lan
Danke Herr Jean Ziegler, sie sprechen mir aus der Seele Ich habe mich vor zwei Jahren zum Vegetarier entschieden und habe es nie bereut, im Gegenteil, je mehr ich über diese Welt lerne umso mehr hat dies meinen Beschluss bestärkt. Viel Kraft in ihrem weiteren Kamp, die Welt braucht Menschen wie sie die aufrütteln und die Missstände anprangern.
Kritiker des Kritikers
Alles richtig. Aber:



1. Als echter Kritiker bekommt man keine Posten bei der UNO. Warum wohl kann Jean Ziegler "jetzt erst" sagen, wer die Halunken seien??? Ohne Amt kommt der Verstand.



2. Ziegler war Freund von einem uns öl-liefernden Diktator aus Nordafrika bis zu dessen Sturz in der Arabellion und hat das dann ganz schnell vergessen...



3. Che Guevara?? Wollte der nicht auch Homos in Umerziehungslager stecken und war BefreiungsNATIONALIST???



Nur mal zum Nachdenken. Ziegler war und ist die krude Mischung von Establishment und Verklärung seiner ideologishen Faves. Im Ergebnis hat er recht, aber Seinesgleichen verdient in Rente Geld mit Büchern und buckelte während die Macht im Amte da gewesen wäre.
eufrosine
Jean Ziegler ist natürlich auch nicht fehlerfrei ("wer es ist, hebe den ersten Stein"),er hatte jedoch schon viele Prozesse mit den Konzernen und dadurch Schulden.
Albrecht Schnabel
Toller, sehr berührender Artikel! - Kompliment, Herr Frühschütz! Mir fällt da sofort das Gedicht von Bert Brecht ein (lesen Sie die letzte Strophe. Dieses Verdienst gebührt Ihnen, Herr Frühschütz. Prima gemacht!!)



Als er siebzig war und war gebrechlich

Drängte es den Lehrer doch zur Ruh.

Denn die Güte war im Lande wieder einmal schwächlich

Und die Bosheit nahm an Kräften wieder einmal zu

Und er gürtete den Schuh.



Und er packte ein, was er so brauchte:

Wenig. Doch es wurde dies und das.

So die Pfeife, die er immer abends rauchte

Und das Büchlein, das er immer las.

Weißbrot nach dem Augenmaß.



Freute sich des Tals noch einmal und vergaß es

Als er ins Gebirg den Weg einschlug.

Und sein Ochse freute sich des frischen Grases

Kauend, während er den Alten trug

Denn dem ging es schnell genug.



Doch am vierten Tag im Felsgesteine

Hat ein Zöllner ihm den Weg verwehrt:

„Kostbarkeiten zu verzollen?“ – „Keine.“

Und der Knabe, der den Ochsen führte

Sprach: „Er hat gelehrt.“

Und so war auch das erklärt.



Doch der Mann in einer heitren Regung

Fragte noch: „Hat er was rausgekriegt?“

Sprach der Knabe: „Daß das weiche Wasser in Bewegung

Mit der Zeit den mächtigen Stein besiegt.

Du verstehst, das Harte unterliegt.“



Daß er nicht das letzte Tageslicht verlöre

Trieb der Knabe nun den Ochsen an.

Und die drei verschwanden schon um eine schwarze Föhre

Da kam plötzlich Fahrt in unsern Mann

Und er schrie: „He, du! Halt an!



Was ist das mit diesem Wasser, Alter?“

Hielt der Alte: „Interessiert es dich?“

Sprach der Mann: „Ich bin nur Zollverwalter

Doch wer wen besiegt, das interessiert auch mich.

Wenn du’s weißt, dann sprich!



Schreib mir’s auf! Diktier es diesem Kinde!

Sowas nimmt man doch nicht mit sich fort.

Da gibt’s doch Papier bei uns und Tinte.

Und ein Nachtmahl gibt es auch: ich wohne dort.

Nun, ist das ein Wort?“



Über seine Schulter sah der Alte

Auf den Mann. Flickjoppe. Keine Schuh.

Und die Stirne eine einzige Falte.

Ach, kein Sieger trat da auf ihn zu.

Und er murmelte: „Auch du?“



Eine höfliche Bitte abzuschlagen

War der Alte, wie es schien, zu alt.

Denn er sagte laut: „Die etwas fragen

Die verdienen Antwort.“ Sprach der Knabe: „Es wird auch schon kalt.“

„Gut, ein kleiner Aufenthalt.“



Und von seinem Ochsen stieg der Weise.

Sieben Tage schrieben sie zu zweit.

Und der Zöllner brachte Essen (und er fluchte nur noch leise

Mit den Schmugglern in der ganzen Zeit).

Und dann war’s soweit.



Und dem Zöllner händigte der Knabe

Eines Morgens einundachtzig Sprüche ein.

Und mit Dank für eine kleine Reisegabe

Bogen sie um jene Föhre ins Gestein.

Sagt jetzt: kann man höflicher sein?



Aber rühmen wir nicht nur den Weisen

Dessen Name auf dem Buche prangt!

Denn man muß dem Weisen seine Weisheit erst entreißen.

Darum sei der Zöllner auch bedankt:

Er hat sie ihm abverlangt.
Mario Sedlak
Sind jetzt die Spekulanten die Bösen, weil sie (angeblich!) die Preise erhöhen, oder die EU, weil sie unsere Überschüsse an die Armen in Afrika verkauft? Dieser Widerspruch hätte in dem Interview meines Erachtens angesprochen werden sollen. So einfache Lösungen, wie Jean Ziegler und andere immer wieder suggerieren, gibt es wohl nicht.
Nicola
Mich beschäftigt z.Zt. die Frage nach den Ursachen globaler Krisen und warum diese so unterschiedlich wahrgenommen werden. Z.B. finde ich dass die Aussage des früheren UN-Sonderberichterstatters Jean Ziegler zwar wert ist vernommen zu werden, doch zu kurz greift. Entgegen seiner Einschätzung gibt es viel Ohnmacht in der Demokratie!

Denn real existierende Demokratie ist m.E. das effektive System zur beliebigen Teilung der Gesellschaften mittels informativer Gewalt und deren Beherrschung mittels Lobbyismus. Dank dieser - der Akkumulation von Macht dienenden - Regeln sorgt jeder „Aufstand des Gewissens“ bloß für weitere Risse in der Gesellschaft und ist zum Scheitern verurteilt. Die bestimmende Mehrheit folgt der suggerierten Ideologie des „American Dream“. Und Streben nach Reichtum ist eine sehr exklusive Moral. Echte Demokratie – in der informative Gewalt politisch, sozial und ökologisch korrekt und ausschließlich vom Volk ausgeht und jede Form von Lobbyismus eliminiert ist – sollte primäres Ziel von Zorn werden!
Heinz Mülders
Sehr gut...



Fast mein ganzes Leben habe ich für eine Welt mit Herz und Charakter

eingesetzt.

Wir müssen uns ändern,

sonst ändert sich nichts. Sensibel im für und miteinander, ohne Gefühl, Herz und Werte fällt das Töten leicht.
Heidi Weisbach
Ich habe dieses Buch schon gelesen und auch "Die neuen Herrscher dieser Welt und ihre globalen Widersacher".Es macht mich wütend u.stark. Unserem Präsidenten Gauck haben diese Verbrecher auch schon das Maul gestopft, als er im vergangenen Jahr die Spekulation auf Nahrungsmittel kritisierte. Schade.
Dietrich Schwägerl
Max Putzler (1915 - 1998) sagt: "Die halbe Wahrheit ist die gefährlichste Lüge."

Wie wahr! Über den wahren Anteil in Zieglers Text, nämlich die destruktive Rolle der Groß-Agrarindustrie, wissen mittlerweile alle Bescheid, die überhaupt etwas wissen wollen.

Dass er aber behauptet, die Erde könne 12 Mrd. Menschen ernähren, ist ökologisch ebenso destruktiv. Dass dieser Unsinn im WFP steht, macht ihn nicht besser. Die Erde ist weit über die Grenzen ihrer ökologischen Dauertragfähigkeit überbevölkert, immer mehr Wildtieren wird der Lebensraum geraubt, wertvollste Biotope werden menschlicher Expansion geopfert.

Wir treten doch für naturverträglichere Strukturen ein! Dann sollte man sich an ökologischen Fakten orientieren, wie sie z.B. fachkundig und verständlich auf

http://www.biologicaldiversity.org/campaigns/overpopulation

präsentiert sind. Weshalb reden Soziologen und Ernährungskundler immer wieder in ökologische Themenbereiche hinein, von denen sie keine Ahnung haben??? Das richtet nur Schaden an.
Jörg Unger
panem et circenses-oder alle sind für Aldi da!

Die Regierungen stellen die Wähler mit vermeidlich billiger Nahrung und Dummen-fernsehen ruhig, damit sich 1% bereichern kann auf Kosten der Armen!