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Der Sojawahn

Europa braucht Eiweiß für seine Tierfabriken. Da es nicht genug hat, wird Soja importiert. Im Gepäck: Umweltzerstörung, Gentechnik … Das muss enden. Ein Standpunkt von Benedikt Haerlin.

„Fleisch der Erde“ nennt man die Sojabohne in China, wo sie seit gut 3000 Jahren angebaut wird. Wegen ihres hohen Eiweißgehalts und ihrer speziellen Aminosäurenkomposition eignet sie sich wie keine andere Pflanze als Fleischersatz. Würden wir unseren Eiweißbedarf mit Soja statt Fleisch und Milch decken, würde dadurch die Umwelt grob gerechnet fünfmal weniger belastet. Tatsächlich werden aber nur zwei Prozent des „Veggi- Fleisches“ heutzutage von Menschen etwa als Tofu oder Milchersatz verzehrt. Der Rest wird verfüttert – an Hühner, Puten, Schweine, Rinder und Fische in Aquakulturen. Deren Höchstleistungsrassen können heute ohne Soja-Kraftfutter kaum noch in der vorgesehenen Höchstgeschwindigkeit zur Schlachtreife heranwachsen oder 10 000 Liter Milch im Jahr geben.

Weil Soja zur „Droge“ industrieller Fleisch- und Milchproduktion geworden ist, hat sich ihre globale Anbaufläche seit 1960 auf 100 Millionen Hektar vervierfacht und deren Ertrag sogar auf 260 Millionen Tonnen verzehnfacht. Nach Weizen, Mais und Reis wurde sie die wichtigste Nutzpflanze.

Soja ist die „Droge“ der industriellen Produktion von Fleisch und Milch

Diese enorme Ausdehnung fand zunächst in den USA, seit den 80er-Jahren in Lateinamerika statt. In Brasilien, Argentinien, Paraguay, Bolivien und Uruguay verdrängten Soja-Monokulturen die traditionellen Agrarsysteme und mit ihnen Millionen von kleinen und mittleren Bauernhöfen. Jahr für Jahr fressen sich die Felder tiefer in den Regenwald. Gigantische Agrarunternehmen betreiben mit Hightech-Gerät eine Extraktions-Landwirtschaft, die Böden auslaugt, Wälder vernichtet und Grünland unterpflügt. Flugzeuge versprühen immer größere Mengen des Totalherbizids Roundup, gegen das die Sojabohnen gentechnisch resistent gemacht wurden. Weil deshalb auch mehr und mehr Unkräuter gegen Roundup resistent werden, steigt die Zahl der zusätzlich beigemischten Gifte.

Soja ist weltweit die einzige Nutzpflanze, von der mehr gentechnische als herkömmliche Sorten angebaut werden; alle patentiert von einer einzigen Firma Monsanto. Die hielt bis 2002 zudem das Patent auf Roundup.

Und Europa? Hier hält sich der Mythos, hocheffiziente europäische Agrar- Produktivität müsse heute und vor allem in Zukunft die Welt ernähren. Das Gegenteil ist richtig: Wir können uns nicht einmal selbst ernähren! Den Ertrag von 35 Millionen Hektar, über das Doppelte der Agrarfläche Deutschlands, importiert die EU netto, in erster Linie Futtermittel für ihre Tierfabriken.

Weil wir fast 30 Millionen Tonnen Soja billig aus Amerika beziehen, kam der Anbau von Eiweißpflanzen hierzulande praktisch zum Erliegen. Der Anbau heimischer Sojabohnen, Futtererbsen und -bohnen, Luzernen und Lupinen ist nach Jahrzehnten der Vernachlässigung nicht mehr konkurrenzfähig. Für den biologischen Landbau sind diese Leguminosen in der Fruchtfolge unentbehrlich. Weil sie in Symbiose mit Bakterien Stickstoff aus der Luft als Dünger verfügbar machen, ersetzen sie ihm synthetisch hergestellten Mineral-Dünger.

Das spart enorm viel Energie: Zwei Prozent des gesamten Energieverbrauchs der Welt frisst die Synthese von jährlich 120 Millionen Tonnen Stickstoff mit dem Haber-Bosch-Verfahren. Und das aus diesem Kunstdünger entstehende Lachgas – es ist 300 Mal treibhausintensiver als CO2 – macht die Landwirtschaft zu einem der größten Klimakiller. Die natürliche Fixierung von Stickstoff durch Leguminosen könnte im Vergleich dazu den Treibhauseffekt um fast zwei Drittel reduzieren. Dabei ließen sich zudem sowohl Kosten als auch die Nitratbelastung unserer Gewässer reduzieren.

Europa muss seinen Eiweissbedarf wieder selbst decken

Warum geschieht das nicht? Weshalb bemüht sich die EU-Agrarpolitik nicht, die Nährstoffkreisläufe wieder zu schließen? Weshalb wird der Anbau von Soja und anderen Leguminosen nicht gefördert und gefordert? Die EU- Kommission beruft sich dabei gerne auf eine Welthandelsabsprache der EU mit den USA, das sogenannte Blair House Abkommen, das die Fläche subventionierter Ölfrüchte in der EU 1993 auf 5,4 Millionen Hektar begrenzte und Importzölle verbietet. Allerdings vertritt sie selbst die Auffassung, das Abkommen sei überholt, wenn es um ihre Agrar-Sprit-Pläne geht.

An der globalen Arbeitsteilung – Tierfabriken hier, Futtermittel dort – mit ihren fatalen Folgen für Umwelt, Klima, Gesundheit, Bodenfruchtbarkeit und bäuerliche Existenzen verdienen einige wenige große Agrar-, Handels- und Fleischkonzerne hervorragend. Für sie ist die radikale Entkoppelung der Tierhaltung von den vor Ort verfügbaren Ackerflächen die Geschäftsgrundlage für billige und unwürdige Fleischproduktion, deren Kosten auf die Allgemeinheit abgewälzt werden.

Was tun? In Zeiten von „Regional ist erste Wahl“ stellt sich uns Verbrauchern die Frage, woher ein mit Soja gemästetes Schwein oder Hähnchen eigentlich stammt: Aus der Region, in der die Fabrik steht, in der es gemästet wird, oder aus der Region, wo sein Futter wächst und kürzlich vielleicht noch Regenwald stand? Es stellt sich auch die Frage, wie viel Fabrikfleisch und wie viel „Fleisch der Erde“ für jeden von uns die richtige Balance ergibt.

Die Agrarpolitiker in Berlin und in Brüssel müssen sich fragen lassen, was ihre Parole „Öffentliche Mittel für öffentliche Güter“ wert ist, wenn sie nicht einmal willens oder in der Lage sind, der globalen Futtermittel- und Fleischmafia wenigs-tens da Grenzen zu setzen, wo sie so offensichtlich Gesundheit, Bodenfruchtbarkeit, Artenvielfalt und Klimaschutz zu Hause und am Amazonas bedroht.

Das Europäische Parlament forderte unlängst mit großer Mehrheit, Eiweißpflanzen in Europa wieder heimisch zu machen. Die von dem grünen Abgeordneten Martin Häusling entworfene Entschließung des EU-Parlamentes „Das Proteindefizit in der EU: Wie lässt sich das seit langem bestehende Problem lösen?“ finden Sie im Internet unter www.tinyurl.com/leguminosen.

Wir sollten die Politiker beim Wort nehmen.

Benedikt Haerlin …

Benedikt Haerlin… hat am Weltagrarbericht mitgearbeitet und ist Initiator von Save our Seeds, einer Aktion der Zukunftsstiftung Landwirtschaft. Seine Tipps zum Weiterlesen:
http://tinyurl.com/sojawahn
und www.meine-landwirtschaft.de

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incl. 'http://'
Petra Anderson
Ein sehr informativer, wichtiger Artikel, den ich gerne auf Facebook posten werde. Die meisten Menschen wissen davon leider gar nichts!
Daniel Preißler
Wieder einmal ein höchst informativer und sachlicher Bericht! Danke und dieser wird natürlich geteilt!
konrad Schützeneder
Das ist mal ein Bericht, wo Fakten, Daten und Zahlen vorkommen, die man sonst nicht lesen kann. Vielen Dank dafür. Bin selbst Landwirt und bin überrascht über die gut zusammengetragenen und erklärten Zusammenhänge. Bitte mehr von der Art, Aufklärung tut not !