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„Ich bin gegen Menschenversuche“

Der Dokumentarfilmer Bertram Verhaag beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema Gentechnik. Er möchte dazu beitragen, dass Menschen nicht als Versuchskaninchen missbraucht werden. So auch in seinem neuen Kinofilm „Gekaufte Wahrheit“.

Bertram Verhaag

Sie zeigen in Ihrem neuen Film Wissenschaftler, denen massiv Forschungsmittel entzogen wurden, weil sie unbequeme Fragen nach der Sicherheit von genveränderten Nahrungsmitteln gestellt haben. Haben Sie selbst ebenfalls schon Ärger wegen ihrer gentechnik-kritischen Filme bekommen?

Gottseidank keinen. Der Gentechnik-Konzern Monsanto hat einmal erfolglos versucht, mit einer einstweiligen Verfügung die Ausstrahlung meines Films „Leben außer Kontrolle“ zu verhindern. Aber wir sind stolz darauf, dass sie keine Fehler in unserem Film gefunden haben. Denn sonst hätten sie natürlich sofort zugeschlagen.

In den letzten zehn Jahren haben Sie sieben Filme zum Thema Gentechnik gemacht. Was treibt Sie an?

Ich mache seit 35 Jahren Dokumentarfilme und habe zusammen mit meinem Kollegen Claus Striegel 1976 die Produktionsfirma „Denkmal-Film“ in München gegründet. Von Anfang an drehte ich nur Filme, die mir persönlich wichtig waren und die mich als politisch denkenden Menschen hautnah angehen. Zum Beispiel die fünf Filme über die geplante und dann verhinderte Atom-Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf. Oder die Filme über Rassismus. 2001 habe ich mit „Tote Ernte“ den ersten Film über Gentechnik fertiggestellt.

Gab es ein persönliches Schlüsselerlebnis?

Erschüttert hat mich ein Zeitungsartikel, in dem ein sogenanntes „Terminator“-Saatgut beschrieben wurde. Also Saatgut, das nur einmal keimfähig ist und dann nicht wieder neu ausgesät werden kann, weil es sich selbst unfruchtbar macht. Ich brauche kein Wissenschaftler zu sein, um zu beurteilen, dass ich nicht will, dass die Industrie dem Samen, dem Ursprung des Lebens, seine Keimfähigkeit nimmt, nur um ihren Profit zu steigern und Macht über unsere Lebensmittel zu gewinnen. Zudem läuft alles völlig undemokratisch. Die Industrie führt mit gigantischen Folgen etwas in die Gesellschaft ein, aber die Bevölkerung und ihre gewählten Organe werden übergangen.

Bertram Verhaag

Bertram Verhaag ….
… wurde 1944 in Sosnowitz (Oberschlesien) geboren. Er studierte Soziologie und Volkswirtschaft und arbeitete drei Jahre als freier Mitarbeiter im Stadtentwicklungsreferat München. Seine Leidenschaft für den Film mündete von 1972 bis 1975 in ein Studium an der Münchner Hochschule für Film und Fernsehen. 1976 gründete er zusammen mit Claus Strigel die Produktionsgesellschaft Denkmal-Film. In gemeinsamer Arbeit entstanden seither mehr als 100 Filme für Fernsehen und Kino.

www.denkmal-film.de

Ihr neuer Film „Gekaufte Wahrheit“ zeigt, dass die möglichen Gefahren nicht wissenschaftlich untersucht sind. Warum nicht?

Weil 95 Prozent der Wissenschaftler, die im Bereich der Gentechnik forschen, direkt oder indirekt von der Industrie finanziert werden. Diese Zahl nennt der norwegische Wissenschaftler Terje Traavic am Ende von „Leben außer Kontrolle“, ein Film, der inzwischen zum Standardwerk in Sachen Gentechnik avanciert ist. Die Aussage von Professor Traavic hat mich so umgetrieben, dass ich das ­genauer untersuchen wollte. In meinen Gesprä­chen mit den wenigen unabhängigen Wissenschaftlern fand ich heraus, dass es viele offene Fragen gibt, denen man nachgehen müsste. Aber sobald jemand etwas veröffentlicht, das den Interessen der Industrie zuwiderläuft, etwa dass Ratten eine höhere Sterblichkeit, ein schwächeres Immunsystem oder eingeschränkte Zeugungsfähigkeit aufweisen, nachdem sie mit gentechnisch veränderten Pflanzen gefüttert werden, macht die Industrie unglaublichen Druck. Diese Wissenschaftler bekommen keine Forschungsgelder mehr oder werden verunglimpft als interessengeleitete Aktivisten oder verlieren sogar ihren Job.

Professor Arpad Pusztai, einer der Protagonisten Ihres neuen Films, sagt, wir befinden uns in einem großen Menschenversuch ohne Kontrollgruppe. Wie ist das zu verstehen?

Es gibt bis heute keine einzige Studie, die schlüssig erklären würde, welche positiven und welche negativen Eigenschaften eine gentechnisch veränderte Pflanze, etwa eine Gen-Kartoffel, hat. Diese Studien sind nie zu Ende gebracht worden. Es gibt gravierende Fragen, die von unabhängigen Wissenschaftlern seit mehr als zehn Jahren gestellt werden. Arpad Pusztai zum Beispiel hat klar herausgearbeitet, dass die Ratten, die er mit gentechnisch veränderten Kartoffeln gefüttert hatte, zu anderen Tieren wurden als die konventionell gefütterten. Dass sie etwa ein schwächeres Immunsystem hatten und manche Organe größer, andere dagegen kleiner waren als die der Kontrollgruppe. Man hätte weitere Studien machen müssen, um zu endgültigen Ergebnissen zu kommen. Das ist bis heute nicht geschehen. Stattdessen verlor Arpad Pusztai seine Arbeit, nur weil er in einem Fernsehinterview gesagt hat, er würde kein Genfood essen, solange diese Fragen nicht geklärt sind.

Es fällt auf, dass Sie viele Filme über Bio-Bauern und über alternative Landwirtschaft gemacht haben. Welchen Bezug haben Sie zum Landleben?

Man hält es nicht aus, sich immer nur mit Gentechnik zu beschäftigen, man braucht auch Gegenbeispiele. Aktuell drehe ich einen Film über die Öko-Farm von Prinz Charles. Ich habe in meinem Leben erfahren, wie die innere Qualität der Lebensmittel abgenommen hat durch die industrielle Landwirtschaft. Dieses Thema interessiert mich auch, weil ich die ersten sechs Jahre meines Lebens auf einem Bauernhof aufgewachsen bin. Ich möchte Menschen hervorheben, die eine nachhaltige, bodenorientierte, biologische Landwirtschaft betreiben und wirkliche Lebens-Mittel erzeugen, keinen Giftcocktail.

Sie möchten mit Ihren Filmen dazu beitragen, dass Menschen mehr über Gentechnik wissen und sich auf dieser Basis eine Meinung bilden können. Wie beurteilen Sie die Erfolgschancen der Anti-Gentechnik-Bewegung?

Es ist zum Beispiel ein Riesenerfolg, dass die bayerische Staatsregierung im letzten Jahr um 180 Grad umgeschwenkt ist. Es dürfen in Bayern keine gentechnisch veränderten Pflanzen mehr angebaut und zugelassen werden. Sogar der Forschungsanbau im Freien ist verboten. Ebenso erfreulich ist, dass sich der Bayerische Rundfunk an der Finanzierung meines Films „Gekaufte Wahrheit“ beteiligt hat. Dort sieht man diese Aufklärungsarbeit als wertvollen Beitrag für die Gesellschaft.

Wovon hängt es ab, dass ein Film von Ihnen nicht nur im Fernsehen läuft, sondern auch ins Kino kommt?

Man muss für sich selbst entscheiden, ob es ein Film wird, der auch im Kino eine Chance hat. „Leben außer Kontrolle“ war nur vom Fernsehen finanziert, wurde vielfach wiederholt und ist weiterhin enorm erfolgreich in der DVD-Auswertung. Mit diesem Erfolg im Rücken streben wir mit „Gekaufte Wahrheit“ zunächst eine andere Öffentlichkeit im Kino an. Anfang Oktober ist der Kinostart.

Peter Gutting (re) und Bertram Verhaag (Li)

Peter Gutting (re), Schrot&Korn-Autor und Kinofan, traf den Dokumentarfilmer Bertram Verhaag in dessen Münchner Büro und hat dort ein bisschen Filmluft geschnuppert.

Kommentare

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Michael Harengerd
Nach dem Prinzip "ceterum censeo ..." kann man nicht oft genug auf die Unbeherrschbarkeit der "Grünen Gentechnik" hinweisen. Ihre Zeitschrift sollte sich auch einmal den unseligen Verquickungen zwischen Gentech-Firmen und Politik in Deutschland widmen.
karin haneke
ich finde es auch schrecklich, daß es dieses terminatorsaatgut gibt und ich finde, es ist mehr aufklärung darüber nötig.