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„Wir müssen scharf ran“

Renate Künast, Vorsitzende der Bundestagsfraktion der Grünen, über eine radikale Änderung der EU-Agrarhilfen, über Klimaschutz und zu viel Fleisch auf unseren Tischen. // Stephan Börnecke *

KünastDie ehemalige Verbraucherministerin Renate Künast wünscht sich ökologische Kriterien für die gesamte Landwirtschaft.

Landwirte sind fein raus: Sie müssen nichts zum Klimaschutz beitragen. Halten Sie das für gerechtfertigt?

Das ist ungerecht. Die Tatsache, dass die Landwirtschaft nicht einbezogen ist in die Bemühungen zum Klimaschutz, ist der große schwarze Fleck seit dem ersten Weltklimagipfel 1992. Weltweit trägt die Landwirtschaft 14 Prozent zu den Treib-hausgasemissionen bei, in Deutschland sind es immer noch 11 Prozent. Da müssen wir ran – aus Klima- und Gerechtigkeitsgründen.

Die Subventionspolitik der EU ist zwar nicht mehr auf Massenproduktion ausgelegt, sie beinhaltet aber dennoch relativ wenig Umweltauflagen. Muss die Förderung am Klimaschutz orientiert werden?

Den 40 Prozent des EU-Haushaltes, die jährlich als Subventionen in die Landwirtschaft fließen, fehlt heute die Legitimation. Sie wurden als Ausgleich zu den internationalen Agrar- und Rohstoffpreisen geschaffen. Das fällt jetzt weg, denn die Preise sind hoch. Die neue Begründung muss heißen: Wir müssen künftige Zahlungen an die Landwirtschaft an drei Themen knüpfen, und zwar an Artenvielfalt, an Arbeitsplätze und an das Klima. Dazu sollten die Direktzahlungen an die Bauern radikal auf eine Basisprämie heruntergefahren und alle weiteren Zahlungen an ökologische Aspekte gekoppelt werden. Wir plädieren für einen Klima-Bonus für Landwirte.

Die Einhaltung einer klimafreundlichen Wirtschaftsweise ist dann Voraussetzung für Flächen- und Betriebsprämien?

Ja. Das ist der einzig richtige Weg. Es reicht nicht aus, mal hier und da einen Ausgleich aus den Mitteln des ländlichen Raums zu zahlen. Die Grundsatzfrage lautet doch: Wieso zahlen wir Steuerzahler Milliarden, ohne dass die Landwirtschaft auch nur annähernd den Anforderungen an den Klimaschutz gerecht wird? Jedem ist inzwischen klar, dass das eine der Kernherausforderungen der Gesellschaft ist. Die Landwirtschaft ist zudem nicht nur Verursacher, sondern auch Opfer des Klimawandels, und steht von daher unter enormem Anpassungsdruck.

Was müssen Bauern tun, um den Klima-Bonus zu erhalten?

Sie müssen ein Minimum an Klima- und Naturschutz einhalten. Dafür wird es Kriterien geben. Das ist für den ökologischen Landbau sehr einfach: Ökobauern spritzen nicht, verwenden keinen Stickstoffmineraldünger und fördern den Humusaufbau im Boden …

… wodurch sie mehr Kohlenstoff im Boden binden …

Ja. Mir geht es aber nicht nur um Ökolandbau, sondern um ökologische Kriterien für die gesamte Landwirtschaft. Der Chemikalieneinsatz muss scharf begrenzt werden und der Aufbau einer Humusschicht muss zum Kriterium für den Klimaschutz werden.

Künast
Wer mehr Subventionen erhalten will, muss mehr für die Umwelt tun, meint die Agrarexpertin Renate Künast. Direkthilfen will sie drastisch herunterfahren. Stattdessen fordert sie einen „Klima- Bonus“ für klimafreundlich arbeitende Landwirte.

Also haben auch konventionelle Bauern eine Chance, den Bonus zu bekommen?

Natürlich. Wenn wir Veränderungen wollen, müssen wir scharf ran. Aber der Korb darf nur so hoch hängen, dass auch herkömmlich arbeitende Landwirte drankommen, wenn sie sich ordentlich recken. Das wollen wir nicht nur über eine Veränderung bei den Direktzahlungen. Wir müssen auch ordnungspolitisch vorgehen und festlegen, wie viel Dünge- und Pflanzenschutzmittel zulässig sind.

Der Stickstoffverbrauch soll also generell stärker begrenzt werden?

Wir wissen doch, dass die Böden überdüngt sind und dass Emissionen aus der Landwirtschaft nicht nur den Wäldern, sondern auch dem Grundwasser und den Meeren schaden. Schon deshalb müssen wir eingreifen.

80 Prozent der Treibhausgas-Emissionen der Landwirtschaft stammen aus der Tierhaltung, vor allem der Rinderhaltung. Sollen wir weniger Fleisch essen und weniger Milch trinken, um das Klima zu retten?

Wir müssen. Wir können nicht länger so tun, als würden wir bei der Arbeit gegen den Klimawandel mit kleinen Korrekturen zurechtkommen und im Übrigen den alten Wohlstand verteidigen. Wir müssen das gute Leben neu definieren. Die erste Frage ist: Wie klimaschädlich ist der Genuss von Rindfleisch? Aus diesem Bereich kommt die höchste Belastung, nicht nur durch Methan, sondern auch durch die Fütterung. Angefangen beim intensiven Maisanbau bis hin zum Flächenverbrauch etwa in Brasilien, wo Regenwald gerodet und Flächen für den Sojaanbau umgebrochen werden. Das wird dann aufwendig nach Europa transportiert, um es hier zu verfüttern. Wir müssen uns die Frage stellen, ob es richtig ist, weiterhin so viel Fleisch zu essen.

Wissen die Menschen, welche Klimafolgen eine fleischbetonte Ernährung hat?

Wir brauchen eine Verhaltensänderung. Aber da stehen wir erst am Anfang. In der Klimadebatte müssen wir mehr darüber reden, wie Lebensmittel produziert werden. Dazu sollten wir den Menschen etwas an die Hand geben. Hilfreich wäre eine CO2-Kennzeichnung auf den Verpackungen, die die benötigte Menge Kohlendioxid für dieses Lebensmittel angibt.

Auf jedem Schnitzel und auf jeder Tomate soll also der CO2-Ausstoß stehen, den Produktion und Transport verursacht haben?

Die Idee gibt es bereits, eine kleine Gruppe in Norddeutschland beginnt damit, Verpackungen derart zu kennzeichnen. Da beginnt jetzt ein neuer Wettbewerb. Die neuseeländische Präsidentin hat angekündigt, ihr Land umzugestalten. Sie ist überzeugt, jeden globalen Nachhaltigkeitswettbewerb zu bestehen. In einem solchen Wettbewerb hätten Vermarkter regionaler Produkte hierzulande eine gute Chance, sich besser zu präsentieren.

Künast

Glaubt man den Bauernfunktionären, steht die deutsche Landwirtschaft vor einem Intensivierungsschub – ausgelöst durch den Anbau von Pflanzenenergie und den weltweit wachsenden Nahrungsmittelbedarf. Das bedeutet doch mehr statt weniger klimaschädliche Emissionen?

Wir können die Welt nicht von Europa aus ernähren. Das ist Aufgabe der jeweiligen Regionen, in denen die Menschen leben. Es gibt nicht zu wenig Lebensmittel, sondern sie sind zu schlecht verteilt. Ein weiterer wichtiger Aspekt: Bei der Nutzung von Pflanzenenergie dürfen wir nicht vergessen, dass wir erst mal Energie einsparen und effizienter nutzen müssen. Zudem sollten wir auch bei den erneuerbaren Energien erst mal die nutzen, die am effizientesten sind. Bei der Pflanzenenergie vom Acker muss man kritisch hingucken, ob deren jeweilige CO2-Bilanz am Ende wirklich stimmt.

Zur Person

Renate Künast, 52, ist Vorsitzende der Bundestagsfraktion der Grünen. Geboren in Recklinghausen, arbeitete die Politikerin zunächst als Sozialarbeiterin im Gefängnis von Berlin-Tegel, studierte später Jura und wurde Rechtsanwältin. Ihr politischer Weg begann 1979 bei der Alternativen Liste in Berlin, sie kam dann zu den Grünen, deren Bundesvorsitzende sie 2000 wurde. Im Januar 2001, auf dem Höhepunkt des BSE-Skandals, erhielt sie vom damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder den Auftrag zur Agrarwende. Damit wurde erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik nicht nur eine Grünen-Politikerin Bundeslandwirtschaftsministerin, sondern jemand, der nicht aus der Landwirtschaft kam.

Klima-KniggeBuchtipp

Renate Künast empfiehlt: „Der Klima- Knigge – Energie sparen, Kosten senken, Klima schützen“ von Rainer Grießhammer, Bestseller-Autor („Der Öko-Knigge“,„Chemie im Haushalt“) und stellvertretenden Geschäftsführer des Öko-Instituts,

Booklett Verlag, 2007, 16,90 Euro

Kommentare

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Carmen Schneider
Hut ab Frau Künast! Diese Frau hat keine Tomaten auf den Augen, sie nennt furchtlos das unaussprechliche beim Namen "Das Fleisch muss weg" und zwar schnell wenn wir in Sachen Klima noch etwas bewirken wollen. Wäre schön wenn Sie der Al Gore Deutschlands wird.

Es macht Hoffnung, dass es auch Politiker mit Verantwortung gibt.
Andrea Rohrmoser
Sehr klar formuliert, informativ. Weiter so. Schade daß Frau Künast nicht mehr Landwirtschaftsministerin ist.