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Alles im Lot

Ismakogie (Foto: Rahel Welsen/bio verlag)
Super alltagstauglich: Kleine Übungen, wie die zur Unterstützung des Fußgewölbes, kann man jederzeit und überall machen. (Foto: Rahel Welsen/bio verlag)

BEWEGUNG Genug geschwitzt! „Ismakogie“ setzt auf die sanfte Tour, auf Energiesparen im Muskelhaushalt. Eine Schnupperstunde. Sylvia Meise

Tatsächlich: Ich fühle die kleine Kuppel, spüre, wie sich das rechte Fußgewölbe hebt. Eine kleine Offenbarung! Christiane Röttger, Ismakogie-Lehrerin in Groß-Gerau, erklärt uns vier Frauen im „Dienstagskurs“ die Übung mit den festgeklebten Füßen. Wir sitzen auf Stühlen. Unsere Füße halten Bodenkontakt an drei Punkten: am Groß- und Kleinzehenballen sowie am äußeren Fersenrand. Gleichzeitig ziehen wir die Füße hoch. Die Übung unterstützt die natürliche Fußwölbung. Christiane Röttger ermuntert uns: „Das geht überall – am Schreibtisch, an der Supermarktkasse oder im Bus.“

Ismakogie ist eine Methode, mit der Bewegungen im Sinne der Körperökonomie sinnvoll ausgeführt werden. Sie ist eher Work-in als Work-out: unspektakulär, ohne Hilfsmittel, aber super alltagstauglich. Vielleicht liegt es an dieser Unauffälligkeit, dass die Methode bei uns erst jetzt durchkommt. Entwickelt wurde sie bereits in den 1960er-Jahren von der Wienerin Anne Seidel. In Österreich, den Niederlanden und Frankreich gehört Ismakogie seit Jahrzehnten zum Angebot. Seidel leitete den sperrigen Begriff aus der Idee ab: „Ideale Schwingungsrhythmik der Muskeln im Alltag nach körpereigenen Ordnungsgesetzen.“ Dazu ein angehängtes „gie“ für „Lehre“. 

Sanftes Alltagstraining

Das Ziel dieser Bewegungslehre: Fehlhaltungen und Schmerzen durch Aktivierung natürlicher Bewegungsmuster vermeiden oder beseitigen. Um die Idee auch bei uns weiter zu tragen, pflegt die Deutsche Ismakogie Gesellschaft ein bundesweites Netzwerk von Lehrern und Lehrerinnen, die meisten bislang in Südhessen, rund um das Ausbildungszentrum in Darmstadt. Doch wer genügend Teilnehmer zusammenbekommt, für den reist jemand an. 

Als sanftes Alltagstraining konzipiert, wundert es nicht, dass viele Übungen sitzend ausgeführt werden. Ismakogie-Trainerin Christiane Röttger zeigt uns das „richtige“ Sitzen. Ich stelle fest, dass ich zu weit hinten auf dem Stuhl sitze, weswegen meine Muskeln geklemmt statt flexibel gespannt sind. Ermüdungsfreies Sitzen brauche rechte Winkel: Fuß zu Unterschenkel, Unter- zu Oberschenkel, Oberschenkel zum Rumpf und Rumpf zum Kinn.

Übung: drei Enten

Wie schnell man unsinnige Haltungen einnimmt, zeigt die nächste Übung: Erst heißt es wieder „optimale Sitzposition suchen“, dafür rutschen wir auf unseren Stühlen nach vorn und bewegen den Oberkörper, bis es passt. Die Arme hängen seitlich runter. Christiane Röttger bittet uns, den Rumpf nach vorne zu beugen und fragt belustigt: „Was machen denn Ihre Arme?“ Hm. Ich komme mir vor wie Ente kopfunter und linse nach links – Ha! Auch eine Ente. Nach rechts – Heyho! Meine rechte Übungs-Nachbarin, Marga Flach, lässt die Arme einfach hängen. Das strengt nicht an, muss richtig sein. Langsam wird klar, worauf es ankommt: ein Gefühl für entspanntes Im-Lot-sein. Auf Ismakogie ist Marga Flach wie die anderen hier durch eine Zeitungsmeldung gekommen. Ihr Fazit nach fast einem Jahr? „Wenn man älter wird, hat man ja öfter mal irgendwo Schmerzen. Aber bei mir stimmte irgendwie die ganze Körperstatik nicht mehr. Aber jetzt … Ich könnte mich nicht wohler fühlen.“

Rote Wangen, schlanke Gestalt, weißes Haar. Mit 75 ist sie die Älteste im Kurs, kommt auch bei Gegenwind mit dem Rad, außerdem praktiziert sie Yoga. Chapeau! Meine andere Übungs-Nachbarin, Carola Düllmann, knapp über 60, bedauert: „Mein Schweinehund ist leider ziemlich groß – ich mach nur selten Übungen zu Hause.“ Dennoch nehme sie jetzt wahr, wann ihre Haltung entgleist. Seitdem sie mitmacht, habe sie weniger Rückenprobleme – vielleicht weil sie darauf achtet, dass sie beim Stehen nicht mehr wie früher permanent die Knie durchdrückt. „Nach jedem Kurs hab ich Muskelkater.“

Für ermüdungsfreies Stehen, erläutert Christiane Röttger, sollten die Füße V-förmig nach außen weisen. Was daran gut ist? „Probieren Sie mal aus!“ Immer wieder lässt uns die Trainerin den Unterschied zwischen X- und V-Stellung spüren. Und wirklich, X-füßig sacke ich irgendwie zusammen. V-füßig fühle ich, wie sich die Schultern weiten und ich besser atmen kann.

Immer in Schwung

Dass ich nach all meiner Erfahrung mit Yoga, Spiraldynamik und Physiotherapie zum ersten Mal kapiere, wie man die Fußmuskulatur richtig gut aktivieren kann, hängt sicher mit der verständlichen Vermittlung der Basics zusammen: linker Ballen, rechter Ballen, Fersenaußenrand. „Schwingen Sie über beide Füße wie in einer quer liegenden Acht oder einem Kreis auf diesen Punkten – Sie werden das lieben“, sagt Röttger, „beim Schlangestehen, Zähneputzen oder im Aufzug.“ Stimmt, man kommt sich zwar vor wie eine Videospielfigur auf Standby, aber es hat was. Was absolut Meditatives und Konzentrationsförderndes. Gebongt.

Ismakogie (Foto: Rahel Welsen/bio verlag)

Unsere Autorin Sylvia Meise (links) mit Kursteilnehmerinnen (Foto: Rahel Welsen/bio verlag)

INTERVIEW: „Mein Leben ist entschieden leichter geworden.“

Sabine Gutknecht
Sabine Gutknecht: Die Leiterin der EU Projektstudie Ismakogie lehrt in Firmen, im Rehasport und als Personalcoach Ismakogie. (Foto: privat)

Was ist Ismakogie?

Wir vermitteln eine Methode, mit der Bewegungen im Sinne der Körperökonomie sinnvoll ausgeführt werden. Denn: In der Regel setzen wir bei alltäglichen Bewegungen oft die falschen Muskeln ein – und bewirken so unnötigen Verschleiß von Gelenken. 

Was genau wird falsch gemacht? 

Wenn man am Tisch sitzt und zu einem Glas greift, wird meist zuerst die Hand bewegt, obwohl sie noch weit vom Ziel, dem Glas, entfernt ist. Anatomisch sinnvoller wäre es, zuerst den Oberarm zu heben – also die größten und stärksten Muskeln arbeiten zu lassen, danach den Unterarm und erst zum Schluss, direkt am Glas die Finger mit den kleinsten Muskeln.

Was bringt mir das? 

Die Muskulatur ermüdet weniger schnell. Wozu haben wir denn große und kleine Muskeln? Wenn wir immer die kleinen nutzen, sind die irgendwann überlastet und neigen zu Entzündungen, deren Folge Verschleiß sein kann.

Ist das wirklich so häufig?

Wenn bei jeder Fehlbelastung ein Glöckchen erklingen würde, wäre ein Höllenlärm um uns. Wir machen das unbewusst. Für mich ist fehlende Achtsamkeit gegenüber uns selbst die Volkskrankheit Nummer eins. Wenn meine Kursteilnehmer aus dem Raum gehen, sind sie oft mit ihren Gedanken schon bei dem Supermarkt nebenan, weil sie da noch einkaufen wollen. Zu selten nehmen wir wahr, was wir gerade tun.

Hat Sie diese Arbeit verändert?

Mein Leben ist entschieden leichter geworden. Mir fällt auf, dass ich heute schneller Problemlösungen finde als früher. Der Körper wird beweglicher, und durch die harmonisierten Bewegungsabläufe empfinde ich auch innerlich eine angenehme Leichtigkeit. 

Erschienen in Ausgabe 11/2015

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