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Licht aus!

Licht ist Leben! Aber Dunkelheit auch! Mensch und Tier brauchen beides, doch gerade an Dunkelheit mangelt es oft. Chronobiologen, Naturschützer und Astronomen warnen vor Lichtverschmutzung. // Sylvia Meise

Wolfühlen - Lichtvershmutzung Lichtverschmutzung? Licht ist doch der Motor der Moderne! Symbol für Wohlstand, Zivilisation, Sicherheit … Genau das wird wohl gerade zum Problem. Da wir hell mit positiv verbinden, versammeln wir um uns herum immer mehr Licht. In unseren Zimmern, Straßen, Gebäuden, Schaufenstern verglühen fast 20 Prozent des weltweiten Stromverbrauchs. Unser vermeintliches Positivdenken kostet Geld, sorgt für CO2-Ausstoß und lässt Sterne erblassen. Kaum jemandem ist bewusst, dass uns der Trend zu mehr Helligkeit oft aus dem Takt bringt und Tiere bedroht.

Zur falschen Zeit am falschen Ort

Vor allem Insekten sind betroffen, erläutert Zoologe Julian Heiermann vom Nabu (Naturschutzbund Deutschland e.V.): „Die Hälfte von ihnen ist nachts unterwegs und orientiert sich dabei am Mond. Wenn sie aber stattdessen eine Laterne anvisieren, geraten sie in eine Lichtfalle. Weil sie versuchen, ihren Kurs zu korrigieren fliegen sie automatisch im Kreis. Sie kommen nicht wieder aus dem Bann des Lichts heraus. Sie fressen nicht, schützen sich nicht vor Fressfeinden, suchen keinen Geschlechtspartner. Milliarden gehen dabei zu Grunde.“ Und fehlen im Netz der Artenvielfalt, wo sie gebraucht werden. Als Bestäuber ebenso wie als Futter für Vögel, Fische und Fledermäuse. Fatale Auswirkungen haben vor allem Sky-beamer oder stark beleuchtete Hochhäuser.

Denn sie irritieren und blenden Zugvögel, sagt der Naturschützer: Sehr viele Vogelarten sind nachts unterwegs und auch sie orientieren sich am Sternenhimmel. „Es kommt immer wieder vor, dass ganze Trupps von Kranichen mitten in einer Stadt landen und dort miteinander und mit Gebäuden kollidieren. Aber auch Amphibien sind betroffen. Bei der Krötenwanderung kann man manchmal sehen, dass Frösche oder Kröten im Halbkreis um eine Lampe sitzen, anstatt zum Laichgewässer zu marschieren“.

Im Rhythmus von Tag und Nacht

Weniger offensichtlich ist dagegen die Irritation der biologischen Rhythmen von Mensch und Tier. Alle Lebewesen, sogar Algen oder Plankton leben nach einem inneren Zeittakt. Das besondere an dieser inneren Uhr: Sie entspricht der äußeren Tageszeit nur in etwa und variiert individuell zwischen 20 und 28 Stunden, wenn alle Zeitgeber ausgeschaltet sind. Durch Tageslicht wird der Zirka-Tag dem 24-Stunden-Tag und dem Jahreszeitenrhythmus angepasst. Wenn es allerdings nachts nicht dunkel genug wird, weil etwa Straßenlampen übermäßig strahlen, können Nachtfalter nicht die ebenfalls nachtaktiven Pflanzen bestäuben, zu denen beispielsweise Holunder, Linde oder viele Küchenkräuter gehören.

Menschen wiederum, denen eine Lampe ins Schlafzimmer scheint, können nicht gut schlafen. Der Effekt: Wir durchleben eine Art Jetlag (siehe Interview, S. 54). Erstaunlicherweise gerät das Thema Licht erst langsam in den Fokus. „Naturschutz hörte in Deutschland lange um fünf Uhr auf – wenn alle Feierabend haben“, bedauert etwa Sabine Frank, die sich seit Jahren in der Rhön für weniger Lichtverschmutzung engagiert und 2010 die „Initiative zum Schutz der Nacht vor Ort“ gegründet hat.

Während man auf Satellitenfotos die Rhön jetzt schon kaum sieht, strahlen Berlin oder Ballungszentren wie das Rhein-Main-Gebiet sehr hell. Berlin ist dennoch führend in Sachen intelligentes Licht, denn seit 2011 gibt es ein einheitliches Lichtkonzept für die ganze Stadt, das nun peu à peu Licht reduziert oder ökologisch verträglich gestaltet. Alle Ämter ziehen an einem Strang, koordiniert wird das durch den Lichtbeirat.

Bislang gibt es keine Richtlinien, die vorgeben wie hell es maximal auf unseren Straßen sein darf, bedauert Chronobiologin Annette Krop-Benesch, Koordinatorin beim Forschungsverbund Verlust der Nacht, finanziert durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung und die Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Forschung, Berlin. Es gebe „nur Verordnungen, die Minimalwerte festlegen“ – und die orientieren sich an unserem Sicherheitsempfinden. Dabei wurde bisher noch nie geprüft, wie viel Licht wir brauchen, um uns nachts gut zurechtzufinden.

Hell und dunkel – alles relativ

Tatsächlich kann unser Auge ein sehr breites Lichtspektrum wahrnehmen, kommt aber besser mit gleichmäßig geringer Beleuchtung zurecht als mit harten Hell-Dunkel-Kontrasten. Das gilt insbesondere nachts und für Ältere, deren Augen sich nicht mehr so schnell anpassen können. Ein Hoffnungsschimmer: Im internationalen Vergleich schneiden wir in Sachen Lichtverschmutzung recht gut ab. Und mal ehrlich: Was spricht dagegen, mal das Licht auszuschalten, die Kerze anzuzünden und den Sternenhimmel zu genießen? Mit einem Glas Wein dazu … traumhaft!

So bleibt es dunkler …

Intensität überprüfen
Im Haus sollte man möglichst nur warme Leuchten unter 3 000 Lux nutzen. Erstens reicht das, zweitens irritiert das unser Müdigkeitshormon weniger und wir können besser schlafen.

Insektenfreundlich warm
Für die Außenbeleuchtung gilt: kein kaltweißes, bläuliches Licht verwenden, denn es zieht Insekten an. Besser sind warmweiße LEDs, am besten abgeschirmt und so ausgerichtet, dass sie nur die wirklich wichtigen Punkte erleuchten.

Kein Licht im Bad
Helle Beleuchtung im Bad macht vor dem Schlafen und beim nächtlichen Toilettengang wieder wach. Tipp: mit roter Folie überklebte Taschenlampe nutzen, kaltweiße LEDs aus dem Bad verbannen.

Langsam runterfahren
Die kostenlose Software f.lux passt die Monitor-Farbtemperatur der Tageszeit an. Je später der Abend, desto pinker der Bildschirm, Blauanteile werden peu à peu ausgefiltert. Das stützt den natürlichen Tag-Nacht-Rhythmus.

Interview

„Die Gesellschaft muss ihre zeitlichen Abläufe überdenken“

Annette Krop-BeneschAnnette Krop-Benesch, Chronobiologin und Koordinatorin im Forschungsverbund „Verlust der Nacht“.

Warum kann nächtliches Licht uns eigentlich aus dem Takt bringen?

Licht ist für unseren Körper nicht gleich Licht. Unsere innere Uhr reagiert vor allem auf den Blauanteil in hellem Licht, das in fast allen modernen LED-Leuchten sowie Displays von Handys und Monitoren von PCs und Fernsehern im Einsatz ist. Das Problematische, es gaukelt uns vor, es sei Tag. Normalerweise produziert unser Gehirn das Hormon Melatonin sobald es dunkel ist, damit wir müde werden und schlafen können. Gegen drei Uhr morgens ist der Melatoninspiegel am höchsten, danach sinkt er – und wir werden sanft in die Aktivitätsphase zurückgeholt. Wenn wir aber unseren Tag künstlich verlängern, verlagert sich auch dieser Tag-Nacht-Rhythmus, der durch das Licht gesteuert wird.

Welche Auswirkung hat das?

Viele werden dann durch ihren Wecker mitten aus der Tiefschlafphase geholt und zwingen sich zur Aktivität – und befinden sich dadurch ständig in einer Art Jetlag. Man weiß, dass Jetlag eine enorme Belastung für das Herz-Kreislauf- und das Verdauungssystem ist. Bei Schichtarbeit geschieht dasselbe: Die innere Uhr und die Melatonin-Ausschüttung geraten aus dem Rhythmus.

Was kann man denn konkret tun, um im passenden Takt zu bleiben?

Für den Einzelnen ist ein guter Tipp, abends nicht direkt vom Fernseher oder Computer ins Bett gehen, sondern erst bei warmem Licht ein bisschen runterfahren, das kurbelt die Melatoninproduktion sanft an. Wir brauchen den Wechsel zwischen Helligkeit und Dunkelheit. Sonst kommen wir nicht zu hohen Melatonin-Werten und können nicht so entspannt schlafen.

Wenn man nun aber einfach nicht früher schlafen kann? Gibt es dann einen Ausweg?

Prinzipiell denken wir Chronobiologen, dass die Gesellschaft ihre zeitlichen Abläufe überdenken muss. Es gibt Frühaufsteher und Spätaufsteher, das ist genetisch festgelegt und lässt sich nicht verschieben. Auf der einen Seite wollen wir eine 24-Stunden-Gesellschaft, auf der anderen Seite sind wir nicht bereit, die Folgen zu tragen. Wir sollten akzeptieren, dass manche frühmorgens hellwach sind – andere dagegen noch nach Mitternacht aktiv sind und dafür später anfangen zu arbeiten und trotzdem genauso leistungsfähig sind. In vielen Bereichen ist es gar nicht notwendig, um acht Uhr morgens mit der Arbeit zu beginnen. Wir müssen viel flexibler werden.

Bücher und Links

Roenneberg, Til

Roenneberg, Till:
Wie wir ticken. Die Bedeutung der Chronobiologie für unser Leben.
Dumont Verlag, 2012, 316 Seiten, 9,99 Euro


Posch, Thomas et al.

Posch, Thomas et al.:
Das Ende der Nacht.
Wiley-VCH-Verlag, 2013, 151 Seiten, Euro 29,00

www.lichtverschmutzung.de
Die Webseite der Initiative DARK SKY bemüht sich um Aufklärung. Mit vielen Infos und Tipps, wie wir die nächtliche Artenvielfalt schützen können, ohne auf Sicherheit zu verzichten.

www.verlustdernacht.de
Die Online-Plattform des Bundesforschungsprojekts Verlust der Nacht, in dem Wissenschaftler erstmals fachübergreifend die vielfältigen Auswirkungen, aber auch die Ursachen der zunehmenden Beleuchtung der Nacht erforschen.

www.sciencestarter.de
Unter „Skyglow Berlin“ ist das Projekt des Physikers Christopher Kyba und der Chronobiologin Annette Krop-Benesch zu finden: Schüler „forschen mit“ zum Thema Lichtverschmutzung.

www.rhöner-sternennacht.de
Die Homepage der Initiative zum Schutz der Nacht in der Rhön von Sabine Frank versorgt mit Informationen zum Sternenhimmel. Außerdem: Termine zu Sternführungen sowie Infos zum Projekt Sternenpark im Biosphärenreservat, das von ihr initiiert wurde.

Kommentare

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Nadine Baume
Sehr geehrte Damen und Herren von Schrot und Korn,



erst einmal möchte ich Ihnen mitteilen, dass ich Ihre Zeitschrift sehr gern und aufmerksam lese. So ist mir dann auch in Ihrem Beitrag "Licht aus!" auf Seite 53 aufgefallen, dass sich hier ein Fehler eingeschlichen hat. Im schwarzen Kasten "So bleibt es dunkler…" ist im ersten Absatz von 3000 Lux die Rede. Es geht hier jedoch um die Farbtemperatur und die wird in Kelvin gemessen. Es heisst also richtig: 3000 K (= Kelvin). Lux ist dagegen die Menge des Lichts, die auf einem Objekt auftrifft.



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