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„Yoga ist voll cool“

Yoga kann schon Kinder in ihrer körperlichen und geistigen Entwicklung unterstützen, das Selbstbewusstsein stärken und Stress abbauen helfen. Im Mittelpunkt stehen immer Spaß und Lebensfreude. // Martina Petersen

Kinderyoga Der elfjährige Kilian ist aufgeregt: Die anderen sieben Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren, die sich im Yogazentrum in Bad Meinberg auf eine der im Raum liegenden Matten plumpsen lassen, haben alle schon Erfahrung in Yoga. Lehrerin Daniela Kusch zündet eine Kerze an, faltet die Hände vor der Brust und stimmt ein „Om“ an. Dann wird jeder Teilnehmer inklusive Schmusehase Hoppel, den Matteo zum Unterricht mitgebracht hat, mit einem kleinen Lied begrüßt. Als ihn die anderen Kinder mit einem „Om, Kilian, Om…“ willkommen heißen, strahlt der Neue übers ganze Gesicht.

Stark mit Ruhe und Gelassenheit

Daniela will heute mit den Kindern ihre liebsten Partner-Asanas, spezielle Yoga-Körperhaltungen, üben. Die siebenjährige Leyla schlägt eine besonders anspruchsvolle Übung vor: den Doppeltisch. Sie winkelt im Liegen die Beine an, setzt die Hände hinter den Schultern auf und hebt den Körper an. Sofort turnt Aina – bei dieser Übung ihre Partnerin – auf sie, einige Kinder geben Hilfestellung. Schließlich türmt sich Aina als Tisch auf Leyla, andere krabbeln fix mal unter Leyla durch. Als der untere Tisch gackernd zusammenbricht, ist das Gejohle groß. Kilian macht als besonders stabile Tischplatte auf die anderen Eindruck. Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet in ihm und dem kleinen Matteo richtig ausdauernde Artisten stecken?

„Beim Yoga kann jedes Kind irgendetwas richtig gut“, hat Yogalehrerin Daniela festgestellt. „Gerade Kinder, die bei den klassischen Wettkampf-Disziplinen durchfallen, sind hier gut aufgehoben. Beim Doppeltisch zeigen die Größeren ihre Kraft und die Kleinen sind mal oben. Vertrauen und Einfühlungsvermögen sind das A und O und die Kinder lernen im Spiel, dass alles leichter geht, wenn man es gemeinsam anpackt.“

Während sich Erwachsene die Jahrtausende alte, ganzheitliche Lehre zur Gesunderhaltung von Körper und Geist eher über den Intellekt aneignen, geht bei Kindern alles über das Gefühl. „Ein Erwachsener steht fest in der Form ‚Hund‘ und bewegt sich nicht“, sagt Yogalehrerin Melanie Eichberger, die seit fünf Jahren Kinder am Yogazentrum in Bad Meinberg unterrichtet. „Bei Kindern erlebe ich Hunde, die schnüffeln, bellen und pinkeln.“

Kinder gehen nach ihrem Gefühl

In der indischen Heimat des Yoga werden traditionell erst Teenager mit Disziplin und Strenge an die Lehre herangeführt, im Westen richtet sich Yoga seit den 1980er-Jahren schon an Kinder ab drei Jahren. Auch wenn es im Vorschulalter ausschließlich spielerisch zugeht, steht schon hier die gezielte Förderung im Mittelpunkt: Die Kinder sollen über Yoga die Freude an Bewegung und Entspannung entdecken, ihre Sinne erfahren und lernen, ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen. „Leider ist in vielen Familien Stille und Rückzug negativ besetzt. Wenn Kinder zur Strafe allein auf ihr Zimmer geschickt werden, können sie das nicht als Wohlfühlzeit erleben“, so Eichberger. Ab der Schulzeit, wenn viele Kinder bereits einen prall gefüllten Terminkalender verwalten, geht es bei den Übungen darum, die Unterschiede zwischen Anspannung und Entspannung körperlich zu erleben, die Konzentrationsfähigkeit zu verbessern und das „Runterkommen“ zu üben. Außerdem lernen die Kinder, ihren Atemraum bewusst wahrzunehmen. „Wenn ich nach der Schule kaputt bin oder Streit hatte, übe ich in meinem Zimmer die Wechselatmung oder mache einfach mal die Kerze“, erzählt der zehnjährige Keanu, der seit fünf Jahren Kinderyoga-Kurse besucht. Im Rahmen eines Schulprojekts hat er sogar in seiner Klasse ein paar Yoga­übungen vorgestellt und Mantras vorgesungen. „Yoga ist voll cool, weil es einem Stärke und neue Kraft gibt“, stellt Keanu fest. Und es sei auf jeden Fall etwas Besonderes.

Auch der neunjährige Steffen, bei dem vor vier Jahren die Aufmerksamkeitsdefizit-Störung ADHS diagnostiziert worden ist, hat schon mehrmals an Kursen im Yoga Vidya-Zentrum teilgenommen. Hibbelig kommentiert er immer wieder bei der angeleiteten Fantasie-Reise die Ansagen. Als ihn die Yogalehrerin liebevoll zudeckt, sich neben ihn setzt und ihm ihre warme Handfläche auf die Brust legt, entspannt er sich sofort. „Steffen saugt die liebevolle Atmosphäre in den Kursen auf wie ein Schwamm“, sagt seine Mutter Monika. „Sein Körperbewusstsein hat sich verbessert und das Üben macht ihn tatsächlich ruhiger. Abends hören wir öfter mal zusammen eine Entspannungs-CD. Manchmal klappt es, dass er dabei einschläft.“

Kilian sitzt nach der Fantasie-Reise in der Abschlussrunde und berichtet davon, wie er „mit einem riesigen, bunten Vogel“ zu seinem persönlichen Kraft-Ort unterwegs gewesen ist. „Ich habe mich freier gefühlt, es war toll“, sagt er. Seine beiden Wangen glühen, die Augen glänzen. Und sein Entschluss steht fest: „Yoga probiere ich gerne mal weiter aus.“

Stress ade – Yogatipps für Kids

Mond-Atmung
Wir haben eine aktive und eine passive Seite, wenn wir atmen. Wenn du
Entspannung brauchst, halte dir das rechte Nasenloch mit dem rechten Daumen zu, atme ein paar Mal nur durch die linke Seite und entspanne dich. Das fällt im Alltag gar nicht auf.

Der Löwe
Willst du Wut herauslassen? Setze dich auf die Fersen, lege die Hände auf
die Oberschenkel und drehe die Handfläche nach oben. Strecke die Arme wie Löwenpranken nach vorn. Beim Ausatmen fauche lange vom Bauch durch den Mund aus. Mache die Übung drei mal hintereinander.

Die Kerze
Lege dich auf den Rücken. Die Arme liegen mit den Handflächen nach unten neben dem Körper, die Beine sind geschlossen. Jetzt hebe ganz langsam die Beine, dann das Becken in die Luft und stütze den Rücken mit den Händen ab. Eine kurze Zeit in der Kerze beruhigt dich.

Interview

„ Wir steuern auf Burnout bei Kindern zu“

Dr. med. Markus WiesenauerProf. Dr. Marcus Stück: Der Psychologe untersucht seit 1994 die Wirkung von Yoga auf Kinder.

Warum ist Yoga für Kinder gut geeignet?

Im Vergleich zu anderen Entspannungstechniken besitzen die Asanas – spezielle Körperhaltungen beim Yoga – für Kinder eine große Attraktivität. So sind sie motiviert, auch zu Hause zu üben und die Übungen in der Praxis anzuwenden.

Welche Wirkung von Yoga auf Kinder konnten Sie in Ihren Forschungen nachweisen?

Kinderyoga bewirkt durch die Konzentration auf die Asanas eine vegetative Umschaltung im Körper: Herz- und Atemfrequenz sinken, Stresshormone wie Cortisol werden abgebaut. Es ist eine wirksame Methode zur Selbstregulierung, was die Voraussetzung für emotionale Stabilität, Konzentration und Leistungsbereitschaft ist. Schon eine kleine Atemübung kann bewirken, dass die Kinder ruhiger in Klassenarbeiten gehen. Durch regelmäßiges Üben nehmen psychosomatische Störungen ab, das Sozialverhalten verbessert sich. Nicht zu vergessen ist auch die motorische Stimulierung durch die Asanas, die die Skelettmuskulatur kräftigt und die Koordinationsfähigkeit verbessert.

Woran können Eltern erkennen, dass es sich um qualifiziertes Kinderyoga handelt?

Die Sitzung muss eine klare Struktur haben aus Einstimmung, Yoga-Teil und Abschluss-Übungen. Die klassischen Asanas können spielerisch weitergegeben werden, aber sie sollten nicht durch andere Komponenten verwässert werden, weil sich dann die Wirkung der „Medizin Yoga“ nicht entfalten kann.

Sie setzen sich für Yoga-Praxis in Bildungseinrichtungen ein. Kann dadurch der Schulstress reduziert werden?

Yoga allein kann die Probleme nicht lösen. Die Bildungspläne wollen Gutes, doch der kindliche Alltag wird immer stärker rationalisiert. Wir müssen Freiräume schaffen, sodass ein Erzieher einfach nur einmal Mensch sein darf. Eltern und Erzieher sollten dem Kind so liebevoll begegnen, wie es im Kinderyoga gelebt wird.

Warum wurde als Motto des 6. Kinderyoga-Kongresses 2013 (vom 7. bis 9. Juni in Bad Meinberg) der Appell „Lasst Kinder wieder Kinder sein!“ gewählt?

Erwachsene übertragen ihre Belastungen und ihre Konflikte zunehmend auf ihre Kinder. Wir können bestimmte wissenschaftliche Parameter wie Hypersensibilität der Haut, eines der Anzeichen von Burnout, mittlerweile schon bei Kindern nachweisen. Sofern sich an den Verhältnissen nichts ändert, steuern wir auf Burnout bei Kindern zu.

Bücher und LinksStück, Marcus

Stück, Marcus:
Wissenschaftliche Grundlagen zum Yoga mit Kindern und Jugendlichen.
Schibri-Verlag, 2011, 104 Seiten, 9,80 Euro

    Pilguj, Sabina

Pilguj, Sabina:
Yoga mit Kindern.
Urania-Verlag, 2011, 128 Seiten, 12,90 Euro

www.kinder-yoga.cc
Kinderyoga-Community von Yoga Vidya, Europas größtem gemeinnützigen Verein für Yoga.

www.matangi-yoga.com
Auf der Web-Seite von Kinderyoga-Lehrerin Melanie Eichberger geht es um Hintergründe zum Thema Yoga. Hier gibt es auch Infos zum Kinder-Yoga-Kongress Juni 2013.

www.bildungsgesundheit.de
Das Zentrum von Psychologe Marcus Stück informiert über Kinder­yoga und den Masterplan „Gesunde Bildung“.

www.kinderyoga.de
Plattform mit Infos über Kinderyoga, Aus- und Fortbildungen und Kurse im deutschsprachigen Raum.

www.kinderyoga-akademie.de
Infos zur Aus- und Weiterbildung im Bereich Kinderyoga. Mit einer Datenbank, in der Kinderyoga-Lehrende der Region gesucht werden können.

www.karmakids.de
Wie sehen Kinderyoga-Stunden in der Praxis aus? Viele Infos und Ideen rund um den Unterricht.

Kommentare

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incl. 'http://'
Thomas Bannenberg
Jede Menge schöne Stundenbilder gibt es online auf www.Kinderyoga-Onlinebuch.de
Brigitte
Ich unterrichte ebenfalls Kinderyoga und kann das Gesagte nur unterstreichen.Wir kommen aus den Stunden immer sehr erfüllt und die Kinder fragen immer ob es denn mit den Yogastunden auch weitergeht. Ein Zeichen das es ihnen was bringt!
Anne
Ich möchte noch eine Buch-Empfehlung FÜR KINDER hinzufügen: Inga Bohnekamp »Jaspers Reise zu den Yoga-Tieren« 7, 90 €, ISBN 978-3-938531-71-6

Das Buch erklärt anhand einer sehr schön geschriebenen und bebilderten Geschichte für Kinder Yoga und die verschiedenen Asanas.