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Warum kocht denn keiner?

Was koche ich heute? (© Sammlung Wirtschaftswundermuseum)
Die Rolle der Frau in der Werbung der 1950er-Jahre. (© Sammlung Wirtschaftswundermuseum)

SOZIOLOGIE Kochshows füttern Fantasien, Fertiggerichte den Bauch. Wie Wunsch und Wirklichkeit beim Essen auseinanderklaffen. // Rebecca Sandbichler

Pfannkuchenteig aus der Flasche. Der fällt Ursula Hudson als Erstes ein, wenn sie an sinnlose Fertigprodukte denkt. „Es gibt auch Rührei im Tetrapack. Wer kauft denn so etwas?“, fragt die deutsche Vorsitzende der internationalen Organisation Slow Food. Der Verein setzt sich für genussvolles Essen und qualitätsvolle Lebensmittel ein, viele Fabrikerzeugnisse sind für sie das exakte Gegenteil davon. „Solche Industrieschmähs erzeugen sinnlosen Müll. Sie sind auch viel teurer als ein paar frische Eier und etwas Milch.“

ZEITREISE

Meilensteine des Wandels unserer Ernährungsgewohnheiten zeigt im Rückblick die Internetseite: multimedia.gsb.bund.de/
BMEL/Zeitreise/

Doch das tut dem Erfolg der sogenannten Convenience-Produkte – bequemen Speisen fürs schnelle Essen – überhaupt keinen Abbruch. Der Markt für vorbereitete oder fertige Gerichte vergrößerte sich in den letzten sechs Jahren laut einem Branchenbericht um insgesamt zwanzig Prozent. Denn sie haben eine unschlagbare Eigenschaft: Sie sparen Zeit. Und unsere Zeit verbringen wir Deutschen offenbar nicht gerne in der Küche. Nur 5,4 Stunden verwenden wir laut einer Studie der Gesellschaft für Konsumforschung wöchentlich auf Schnippeln, Brutzeln und Backen. Wir liegen damit unter dem internationalen Durchschnitt von 6,4 Stunden, wobei allerdings auch die Gourmet-Nation Frankreich nicht wirklich besser abschneidet.

Anspruch und Wirklichkeit klaffen eben stark auseinander: Im vorletzten Ernährungsreport des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft sagten immerhin noch 77 Prozent der Befragten, sie würden gerne kochen. Doch nur 39 Prozent der Deutschen tun es täglich. Ein Drittel der Deutschen kocht zwei- oder dreimal pro Woche, etwa jeder Zehnte bereitet überhaupt nie eine Mahlzeit selbst zu.

Keiner kocht für sich allein

Experten sehen die Ursache in unserem veränderten Alltag. „Eine gemeinsame Mahlzeit zuhause ist wegen Schichtarbeit und Pendelei längst keine Selbstverständlichkeit mehr“, sagt Hans Hauner, führender Ernährungsmediziner an der Technischen Universität München. Frühere Familienstrukturen seien aufgelöst: „Fast in jedem zweiten Haushalt lebt nur eine Person.“ Singles stehen am seltensten am Herd, höchstens jeder Dritte bereitet täglich eine Mahlzeit zu. „Für sich alleine will kaum einer mehr kochen“, sagt Hauner.

Die empfohlenen drei Hauptmahlzeiten wurden von einem Mosaik aus Nebenbei-Happen und Außer-Haus-Gerichten abgelöst. So würden wir unbewusst mehr essen als wir sollten, sagt der Adipositas-Experte.

Die Folgen kann man an den Speckröllchen messen, mehr als die Hälfte der Deutschen ist übergewichtig. Zum Vergleich: Im Jahr 1960 war es noch ein Drittel der Bevölkerung. „Unser Überfluss an Nahrung wirkte sich schon in den Siebziger und Achtziger Jahren ungünstig aus“, sagt die Ernährungssoziologin Jana Rückert-John von der Hochschule Fulda. Aber nicht alles sei schlechter geworden, sagt die Expertin für den Wandel in unserer Ernährung. „Früher gab es eben keine To-go-Salate, heute kann man sich in Städten unterwegs problemlos versorgen“, sagt sie. „Auch die Prioritäten der Menschen haben sich verschoben.“ Rückert-John betrachtet die Kochfaulheit der Deutschen recht milde: Junge Frauen hätten im Vergleich zu ihren Müttern zwar Zeit in der Küche eingebüßt, doch ihr Zugang zu Bildung und Erwerbstätigkeit sei gestiegen. „Sicher war es schön, dass eine Hausfrau jeden Mittag eine warme Mahlzeit auf den Tisch stellte. Aber sie konnte deshalb keine eigene Karriere verfolgen“, sagt die Wissenschaftlerin. Man müsse schon ehrlich fragen: „Will ich wirklich mittags zuhause sein, um zu kochen?“ Rückert-John sagt: „Also ich nicht.“

Der Feinschmecker Mann

Am Herd würden alte Geschlechterverhältnisse sowieso noch sichtbar – obwohl ein Mann, der nicht einmal ein Spiegelei braten kann, selten geworden sei. „Männer kommen jetzt sogar in Lebensmittelwerbung vor“, sagt Rückert-John. „Schauen Sie sich zum Vergleich mal einen Werbespot von Dr. Oetker aus den Siebzigern an. Da liegen Welten dazwischen!“ Dass im aktuellen Ernährungsreport aber 63 Prozent der Frauen auf eine schnelle Zubereitung Wert legten, war für sie keine Überraschung. „Frauen sorgen immer noch für die täglichen Mahlzeiten.“ Männer würden eher zu besonderen Anlässen kochen. „Sie sind fürs Grillen zuständig und fürs Extravagante.“ Feinschmecker-Magazine wie das Heft Beef würden darum die männliche Kennerschaft betonen. Was und wie wir kochen, sei ja nicht zur Nebensache geworden, nur weil Fertiggerichte unsere Kühlschränke erobert haben. „Jeder Trend erzeugt einen Gegentrend“, sagt Rückert-John.

Von Kochshow bis Selbstverwirklichung

Fernsehkochshows auf allen Kanälen haben in den vergangenen Jahren Köche zu Stars gemacht, mit Messersets, die ihren Namen tragen. Eine ungleich höhere Zahl an Kochlustigen befördert den Hype um den Herd im Internet weiter: Auf Rezeptplattformen, in Blogs oder im Bildernetzwerk Instagram veröffentlichen sie perfekt arrangierte Müslischalen, stellen Videos vom Brotbacken online oder berichten von neuen Eiskreationen. Vegan und zuckerfrei am liebsten, denn „clean eating“ – also möglichst unverarbeitetes, gesundes Essen – ist für manche zur Lebensphilosophie geworden.

Unsere Sehnsucht nach Selbstverwirklichung durch Ernährung und der Rückzug ins Private seien die Antwort auf zunehmend komplexe Zusammenhänge in der Welt, glaubt Rückert-John. „Essen war kulturell immer schon mehr als reine Nahrungsaufnahme“, sagt sie. Das Angebot sei heute so ausdifferenziert wie nie zuvor und unsere Entscheidung über das Essen ein Teil der Identität: „Ich treffe mit jeder Mahlzeit eine Aussage über mich und meine Überzeugungen.“ Thermomix oder Smoothie-Mixer für mehrere Hundert Euro sind darum nicht nur Küchenmaschinen, sondern Symbole für das gesunde und disziplinierte Ich. Wenn man sie denn wirklich benutzen würde.

Für ausgewogene, gesunde Ernährung brauche man jedoch keine teuren Küchenmaschinen, sagt die Slow-Food-Expertin Ursula Hudson. „Gut kochen kann man mit einfachen Mitteln, wenn man die nötige Erfahrung hat.“ Hudson denkt an ihre Mutter, die aus wenigen Zutaten ein tolles Gericht zaubern könne. „Sie hat fast immer einen leeren Kühlschrank, in dem sie vor allem Reste aufbewahrt.“ Falscher Hase oder Brotsuppe – solche Rezepte entstanden in einer Zeit des Mangels. Essen wegzuwerfen, war für die Nachkriegsgeneration schlichtweg undenkbar. Das bestätigte auch der Ernährungsreport 2016: 67 Prozent der über 60 Jahre alten Deutschen verwerten immer alle Lebensmittel. Doch zwei Drittel der Jugendlichen kippen mindestens einmal wöchentlich Nahrung in die Tonne.

Die Soziologin Rückert-John beobachtet, dass Ernährung erst seit Kurzem zu einem politischen Thema geworden ist. „Die Scheu, in diesen privaten Bereich vorzudringen, war bisher groß.“ Für unser Kochverhalten und unsere Ernährung seien aber große Strukturen mitverantwortlich. Die Stellschrauben dort seien besonders wirkungsvoll, sagt die Soziologin. „Gerade in Kantinen und Schulküchen beobachten wir zunehmend nachhaltige, gesunde Angebote.“

Für Ursula Hudson ist das kein Anlass, den Ofen künftig kalt zu lassen. „Wer selbst kocht, macht sich unabhängiger von den Entscheidungen der Konzerne.“ Das bisschen Arbeit müsse uns die Freiheit schon wert sein. „Essen ist doch neben der Fortpflanzung die zentrale Handlung unseres Lebens.“

Clemens Wilmenrod: Fernsehkoch 1953 (© NDR)
Ab 1953 brutzelte Deutschlands erster Fernsehkoch Clemens Wilmenrod (© NDR)

 

Kühlschrank

DIE LETZTEN 100 JAHRE

Tischlein deck dich schneller

  • 1908: Der erste Brühwürfel kommt auf den Markt. Konservendosen sind zunehmend beliebt und Rübenzucker wird zum günstigen Grundnahrungsmittel.
  • 1953: Clemens Wilmenrod steht als erster Fernsehkoch für die BRD vor der Kamera. Europas erfolgreichstes Schnellrestaurant bewirbt seine Brathähnchen mit dem Slogan: „Heute bleibt die Küche kalt ...“
  • 1959: Kinder im Westen essen die ersten fertigen Tiefkühlfischstäbchen. Das Ketchup dazu kommt aus der Flasche.
  • 1971: Die erste Filiale von McDonald’s eröffnet in München. Supermärkte bieten 24 verschiedene Tiefkühlgerichte an, moderne Haushalte haben nun einen Eisschrank. Exotischer Fruchtcocktail aus der Dose ziert das Partybuffet.
  • 1980: Mehr als 400 verschiedene Tiefkühlgerichte kann die zunehmend berufstätige Frau fürs Abendessen kaufen. Mikrowellen ziehen in die Küchen ein.
  • 2000: Städter schlürfen gesunde Smoothies, gleichzeitig wird das Schnitzel für den Toaster erfunden.

 

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Wrangham, Richard: Feuer fangenWrangham, Richard: Feuer fangen.
Deutsche Verlagsanstalt 2009, 304 Seiten, 7,95 Euro

 

Slow Food: Genussführer – Deutschland 2017/2018Pollan, Michael: Das Omnivoren-Dilemma.
Goldmann 2011, 608 Seiten, 14,99 Euro

 

 

Wolff, Rosa: Arm aber Bio! Das KochbuchSlow Food: GenussführerDeutschland 2017/2018.
Oekom Verlag 2016, 608 Seiten, 24,95 Euro

 

 

Pollan, Michael: Das Omnivoren-DilemmaWolff, Rosa: Arm aber Bio! Das Kochbuch.
Edition Butterbrot 2010, 11,95 Euro

Erschienen in Ausgabe 05/2017
Rubrik: Ernährung

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