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Umsonst gemolken

MILCHPREIS Konventionelle Landwirte können vom Erlös ihrer Milch nicht überleben. Schuld daran ist auch die auf Export ausgerichtete Agrarpolitik. Bio macht's anders. // Leo Frühschütz

Sie versprühen ihre Milch auf dem Feld oder lassen sie in den Abfluss laufen. Konventionelle Landwirte fürchten um ihre Existenz und greifen deshalb zu drastischen Maßnahmen, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen. Anfang 2014 bekamen sie im Schnitt noch 40 Cent für den Liter Milch, im September 2015 zahlten die meisten Molkereien nur noch zwischen 28 und 30 Cent. Bio-Milchbauern erhielten hingegen rund 50 Cent pro Liter. Was läuft schief? Deutschlands konventionelle Milchbauern produzieren weit mehr Milch als die Menschen im Land verbrauchen. Sie sind daher vom Export abhängig. Doch die Preise auf dem Weltmarkt schwanken stark.

Weil Milch eine leicht verderbliche Ware ist, wird sie bevorzugt in Form von Butter, Käse oder Milchpulver gehandelt. Von Februar 2014 bis Juli 2015 hatte sich der Weltmarktpreis für diese Produkte fast halbiert. Der Wegfall der EU-Milchquote sorgte für steigende Milchmengen, während die Nachfrage in China nachließ und Russland wegen der Ukrainekrise Importe aus der EU stoppte. Im Herbst 2015 erholten sich die Preise ein wenig und stagnieren seitdem – auf sehr niedrigem Niveau.

Fairer Lohn liegt in weiter Ferne

Doch auf Dauer brauchen die deutschen Milcherzeuger deutlich bessere Preise. Die Produktionskosten liegen in Deutschland in den günstigsten Regionen im Norden  bei 40 Cent je Liter und in Bayern mit seinen kleineren Bauernhöfen bei 50 Cent. Die Zahlen stammen aus einer Studie der Agrarsoziologin Karin Jürgens. Sie hat aus amtlichen Buchführungsdaten berechnet, wie viel es die Landwirte kostet, einen Liter Milch zu produzieren. Dabei setzte sie für die Landwirte und mithelfende Angehörige den landwirtschaftlichen Tariflohn an, inklusive Überstunden. Berücksichtigt hat sie auch, dass sich die Bauern als Selbstständige selber versichern müssen. Kurz: In diesen Zahlen steckt ein fairer Lohn. Bio-Bauern haben aufgrund geringerer Erträge und höherer Auflagen mindestens 10 Cent mehr Kosten je Liter Milch. Sie kommen laut Studie auf Erzeugungskosten von 50 bis 60 Cent.

Auch Konrad Stöger bezeichnet 50 Cent für den Liter Bio-Milch als „untere Grenze“. Der Bioland-Bauer ist Vorstand der Milcherzeugergemeinschaft Süd, die die Milch von 500 süddeutschen Bio-Bauern vermarktet. Er kennt die Situation seiner Kollegen gut. „Eigentlich müssten wir unseren Milchpreis so kalkulieren, dass alle Kosten gedeckt sind“, sagt er und meint damit nicht nur den Diesel für den Traktor und das Futter für die Tiere. Die Bauern müssten auch die Abschreibungen für den Stall und die Geräte mit verrechnen und sich und ihren Familien einen angemessenen Lohn zahlen. Schließlich sollte noch etwas Geld für die Weiterentwicklung des Betriebs übrig bleiben. „Im Moment ist das bei vielen Betrieben nicht der Fall.“

Immer mehr und immer billiger

Die Zahlen von Karin Jürgens zeigen, dass die konventionellen Bauern seit Jahren mit ihrer Milch kaum etwas verdienen. In guten Zeiten können sie ihre Unkosten decken und erhalten einen kargen Lohn für 60 bis 80 Stunden Arbeit in der Woche. In Preiskrisen wie der jetzigen zahlen sie für jeden Liter Milch einige Cent drauf. Lohn gibt es gar keinen. Sie müssen sich verschulden und von der Substanz leben. „Die Bauern bluten finanziell systematisch aus“, sagt Hans Foldenauer vom Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM). Verantwortlich dafür macht er „eine Agrarpolitik, die seit Anfang der 90er-Jahre in Deutschland und global das Ziel verfolgt, immer mehr und immer günstiger zu produzieren.“ Diese Politik wolle den bäuerlichen Familienbetrieb zerstören und die Landwirte als reine Rohstofflieferanten in die industrielle Verarbeitung integrieren, kritisiert der Sprecher des BDM.

Weniger Bauern
In den letzten 25 Jahren sank die Zahl der Milcherzeuger in Deutschland von 285 000 auf 75 000.

Die Folgen zeigt ein Blick in die Statistik: Die Zahl der Milcherzeuger sank in den letzten 25 Jahren von 285 000 auf 75 000. Die Zahl der Milchkühe ging in diesem Zeitraum von 6,3 auf 4,3 Millionen zurück. Leicht gestiegen ist dagegen die an die Molkereien abgegebene Milch. Denn die modernen Hochleistungskühe liefern im Schnitt rund 7 500 Liter Milch im Jahr. Vor 25 Jahren konnte ein Landwirt von einer Kuh nur 4  700 Liter melken. Für den Liter bekam er damals – inflationsbereinigt – 50 Cent, also deutlich mehr als heute. Zu den Folgen des „immer mehr“ und „immer billiger“ zählen eintönige Landschaften, begradigte Bäche und überdüngte Wiesen, auf denen nur noch Löwenzahn wächst. Die Hochleistungskühe sind nach drei Jahren so fertig, dass sie zum Schlachter kommen. Dabei könnte eine Kuh mehr als zehn Jahre lang Milch geben.

 

Den Preis bestimmen die Handelsketten

Um diese Entwicklung zu ändern, muss sich die große Agrarpolitik ändern, ist Foldenauer überzeugt. „Das Ziel muss es sein, zu einer vernünftigen auskömmlichen Wertschöpfung für alle Beteiligten zu kommen, auch für die Erzeuger.“ Doch die Bauern haben eine schlechte Ausgangsposition. Die Preise für Molkereiprodukte im Laden bestimmen die fünf großen deutschen Handelsketten. Ihnen stehen als Verhandlungspartner 150 Molkereien gegenüber, die sich gegenseitig unterbieten, um an die großen Aufträge für die günstigen Marken des Handels zu kommen. Die Molkereien machen dabei meist ihren Schnitt. Denn in ihren Lieferverträgen garantieren sie den Landwirten keinen langfristig festen Preis, sondern können diesen je nach wirtschaftlicher Lage anpassen.

Doch die wehren sich. Im Sommer und Herbst 2015  demonstrierten sie vor Discountern und Parlamenten. Daraufhin erhöhten die Discounter schließlich ihre Milchpreise um 4 Cent. Der Liter Vollmilch kostet seither 59 Cent. Doch selbst wenn die Handelsketten diese vier Cent an die liefernden Molkereien durchreichen, hilft das den Bauern wenig. Nur ein Sechstel der Milch kommt als Trinkmilch in den Handel und davon wird nur ein Teil über die Discounter abgesetzt. Weitaus mehr Milch fließt in die Herstellung von Butter und Käse. „Solche Good-Will-Aktionen können die Kräfte des Marktes nicht außer Kraft setzen“, sagt BDM-Sprecher Foldenauer. „Man muss das Problem an der Wurzel anpacken, nämlich am aktuellen Überangebot.“ Der BDM fordert deshalb, in Krisenzeiten die EU-Milchmenge zeitlich befristet einzugrenzen und hat dafür einen Katalog an Maßnahmen entwickelt. Diesen lehnt die Bundesregierung ab. Sie setzt auf mehr Exporte, um die in der EU produzierten Überschüsse loszuwerden.

Export schadet Bauern in Afrika

„Damit geht die Bundesregierung genau den Weg weiter, der erst zu dieser und den vorherigen Preiskrisen geführt hat“, sagt Tobias Reichert von der Entwicklungsorganisation Germanwatch. „Eine Exportoffensive zu diesen niedrigen Weltmarktpreisen kann keine Lösung für die Bauern hier sein.“ Und sie schadet anderen Bauern, etwa in Westafrika. Seit 2009 hat die EU ihre Milchpulverexporte dorthin um das Zweieinhalbfache gesteigert. „An der Küste ist das EU-Milchpulver ein Drittel billiger als die von Kleinbauern erzeugte Frischmilch“, berichtet Reichert. „Die dortigen Molkereien rühren Milchpulver an anstatt dass sie die Milch heimischer Landwirte kaufen und verarbeiten.“

Bio-Milch wird kaum exportiert. Denn davon gibt es in Deutschland zu wenig.  Rund 70 Prozent stammt von deutschen Bio-Bauern, den Rest steuern Kollegen aus Österreich, Dänemark und den Niederlanden bei. Die Nachfrage steigt stetig. Allein in den ersten neun Monaten 2015 haben die Verbraucher 11 Prozent mehr Bio-Milch und acht Prozent mehr Bio-Käse gekauft als im Vorjahreszeitraum.

Gut für die Umwelt
Jeder Liter Bio-Milch entspricht 2,5 Quadratmeter Wiesen und Weiden, die ein Jahr lang ökologisch bewirtschaftet werden.

Dabei ist Bio-Frischmilch mit Preisen zwischen einem und 1,40 Euro doppelt so teuer wie Billig-Milch aus dem Discount. Das liegt nicht nur am höheren Preis für die Bauern. Die Molkereien haben mit Bio-Milch mehr Arbeit und Kosten, etwa weil sie weiter fahren müssen, um die Milch einzusammeln. Auch der Bio-Fachhandel braucht mehr Geld. Weil er sich nicht auf einige vielgefragte Bio-Lebensmittel beschränkt, sondern ein vielfältiges 100-prozentiges Bio-Sortiment vorhält – und das notwendige Personal.

Die Molkereien suchen händeringend nach Bio-Milch, weiß Bio-Bauer Stöger. Doch trotz des großen Preisunterschieds zwischen bio und konventionell melden sich bisher nur wenige umstellungswillige Landwirte bei ihm. Er erklärt das so: „Wer auf Bio umstellt, braucht, um die gleiche Menge Futter für seine Tiere zu erzeugen, mehr Fläche.“ Zusätzliche Wiesen und Felder aber seien schwer zu bekommen. Doch langsam nehme das Interesse zu. Der steigende Verbrauch werde dafür sorgen, dass der Bio-Milchpreis stabil bleibt „und vielleicht sogar langsam ansteigt“, schätzt Stöger: „Immer mehr Verbraucher erkennen, dass auch der Bauer ein Auskommen haben muss. Das sehen sie bei Bio eher gewährleistet.“

Interview „Stabile Preise geben Sicherheit“

Auch Bio-Milch hatte schon ihre Krise. 2009 stürzten die Preise ab. Was haben Sie daraus gelernt?

Wir unterstützen Bio-Bauern bei der Gründung von Liefergemeinschaften. Diese bündeln und vermarkten die Milch. Dadurch können die Bauern auf Augenhöhe mit den Molkereien verhandeln. Mit unserer Preisberichterstattung sorgen wir zudem für Markttransparenz.

Und was bringt das?

Früher war der Preis für Bio-Milch an den der konventionellen Milch gekoppelt. Für Bio gab es Aufschläge von acht bis zehn Cent. Stürzte der konventionelle Milchpreis ab, bekamen auch die Bio-Bauern weniger Geld. Wir haben durch harte Verhandlungen erreicht, dass die Molkereien die Zuschläge fast flächendeckend durch einen eigenen Bio-Milchpreis ersetzten. Dadurch haben wir seit zwei Jahren einen stabileren Preis und das gibt den Landwirten Sicherheit.

Aber wenn es zu viel Bio-Milch auf dem Markt gibt, kippt auch dieser Preis.

Davon sind wir zurzeit weit entfernt, denn wir decken nur 70 Prozent der Nachfrage. Aber wir können in gewissem Umfang die Milchmengen steuern. Drohen Übermengen, nehmen die Molkereien keine neuen Bio-Bauern mehr auf und wir beraten interessierte Umstellungsbetriebe entsprechend.

Also alles paletti im Bio-Milchland?

Sorgen macht uns die zunehmende Konzentration bei den Molkereien. Auf Augenhöhe verhandeln können Bio-Bauern nur, wenn sie realistische Alternativen, also andere potenzielle Abnehmer für ihre Milch, haben. Voraussetzung dafür ist, dass viele mittelständische Molkereien erhalten bleiben. In Bayern gibt es sie noch und da ist der Milchpreis auch höher. In Nord- und Ostdeutschland ist die Molkereilandschaft bereits ziemlich ausgeräumt. Dort bauen Bio-Bauern inzwischen ihre eigenen Molkereien.

Mehr zum Thema:

‣ www.biomilchpreise.de
Hier steht, was Bio-Bauern für ihre Milch bekommen.

‣ www.milch-marker-index.de
So viel kostet der Liter Milch den konventionellen Bauern.

‣ www.bdm-verband.org
Der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter vertritt die Interessen der Milcherzeuger.

‣ www.germanwatch.de
Was EU-Milchpulverexporte anrichten.

 

Busse, Tanja: Die WegwerfkuhBusse, Tanja: Die Wegwerfkuh.
Verlag Karl Blessing, 2015, 288 Seiten, 16,99 Euro

 

Schaber, Romuald: Blutmilch - Wie die Bauern ums Überleben kämpfenSchaber, Romuald: Blutmilch - Wie die Bauern ums Überleben kämpfen
Pattloch Verlag, 2010, E-Book, 288 Seiten, 6,99 Euro

Erschienen in Ausgabe 01/2016
Rubrik: Ernährung

Kommentare

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incl. 'http://'

Die Tierhaltung, und damit der Konsum tierischer Produkte, ist einer der Hauptverursacher für die größten Probleme unserer Zeit: vom Klimawandel über die Rodung der Wälder, bis hin zur Ressourcenverschwendung und Trinkwasserproblematik. Wenn Ihnen etwas an unserem Planeten liegt, leben Sie vegan.

T. Schröder

Ich finde den Artikel relativ gut recherchiert. Doch ganz pauschal zu meinen, „Bio macht's anders“, ohne dabei zu untersuchen, wie es genau in der Bio-Milchbranche aussieht und diese differenziert darzustellen, finde ich zu einfach und zu oberflächlich.
So habe ich erst diese Woche in der Süddeutschen Zeitung lesen können, dass ein Bio-Milchbauer zurück auf konventionelle Bewirtschaftung umgestellt hat, und zwar aus dem Grund, dass die Andechser Molkerei Scheitz einen Liefermengenzuschlag eingeführt habe. Dieses Prinzip, dass ein Großteil der konventionellen Molkereien anwendet, scheint auch von einigen Bio-Molkereien Zuspruch zu finden. Solche Maßnahmen und Entwicklungen kritisieren Bäuerinnen und Bauern, die im Bundesverband deutscher Milchviehhalter (BDM) oder Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) organisiert und aktiv sind, seit langem. Also, auch in der Bio-Milch-Branche ist nicht alles Friede Freude Eierkuchen. Wie auch unter dem Marktdruck und verschiedenen Interessen (der ErzeugerInnen, der VerarbeiterInnen, der VerbraucherInnen).

Wer den gesamten Artikel in der Süddeutschen Zeitung nachlesen möchte, der_die findet ihn unter http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/landwirtschaft-ein-aussteiger-steigt-aus-1.2804133

U.Neumann

Traurig, aber wahr. Leider haben unsere Politiker noch nicht gemerkt, dass hier Handlungsbedarf besteht. Genausowenig ist ein Ausweichen in die Bio-Produktion möglich, da diese nicht wie in anderen Ländern gefördert wird. Und dies, obwohl der Trend in Richtung Bio-Ware zunimmt. Durch die Preisdiktate der Discounter bleiben zahlkreiche Betriebe auf der Strecke. Und zum Schluss werden dann doch die Preise in den Supermärkten angehoben, damit der Profit wieder stimmt. Zumindestens bei den Multis.


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#3 system/modules/core/classes/FrontendTemplate.php(330): Contao\Search::indexPage(Array)
#4 system/modules/core/classes/FrontendTemplate.php(124): Contao\FrontendTemplate->addToSearchIndex()
#5 system/modules/core/pages/PageRegular.php(190): Contao\FrontendTemplate->output(true)
#6 system/modules/core/controllers/FrontendIndex.php(267): Contao\PageRegular->generate(Object(Contao\PageModel), true)
#7 index.php(20): Contao\FrontendIndex->run()
#8 {main}