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Klaus Töpfer: „Ein ethisches Desaster“

Interview mit Klaus Töpfer (© Gutsche/Bluechild)
Unterwegs für den Umweltschutz: Klaus Töpfer, der ehemalige Bundesumweltminister und Ex-Direktor des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (© Gutsche/Bluechild)

INTERVIEW Klaus Töpfer setzt sich seit Jahrzehnten für die Umwelt, den Boden und eine gerechte Verteilung der Nahrung ein. Im Gespräch redet das populäre politische Urgestein Tacheles und bekennt sich mehr denn je zum Öko-Landbau. // Bernward Geier

Bereits in den 80er-Jahren, als Bio noch eher unpopulär war, sprachen Sie sich als Umweltminister der CDU für den Öko-Landbau aus. Wie kam es dazu?

Es wurde mir damals bereits sehr deutlich, dass sich eine leistungsfähige Alternative zur konventionellen Landwirtschaft entwickeln musste. Die Inanspruchnahme der Natur etwa in der Intensität der Bodenbearbeitung und die Bewirtschaftung mit vielen Pflanzenschutzmitteln haben zu dieser Überlegung beigetragen. Ich hatte auch erkannt, dass die Verbraucher vermehrt wissen wollten, woher die Lebensmittel kommen und wie sie erzeugt werden. Damals wie heute galt, diese Entwicklung in eine gesamtökologische Agenda einzubinden.

Der Boden liegt Ihnen besonders am Herzen. Warum ist das so?

Die Auswirkungen der Bodenkrise werden von der Gesellschaft und vor allem in der Politik und Wirtschaft deutlich unterschätzt – der Boden wird in seinen ökonomischen und ökologischen Leistungen vernachlässigt. Das will ich ändern. Wenn wir sehen, wie viele Milliarden Tonnen fruchtbarer Böden wir jährlich durch Erosion verlieren, muss man von einer Katastrophe reden. Dazu kommen noch gravierende Probleme durch die Kontamination mit Schwermetallen, Agrar-Chemikalien und Kunstdünger.

Was muss für die Böden getan werden?

Es müssen viele mitwirken, die Industrie und auch die Raumplaner, denn wir verlieren noch immer in Deutschland täglich 70 Hektar Boden durch Bebauung und Versiegelung. Eine zentrale Rolle hat die biologische Landwirtschaft. Sie zeigt, wie man den Boden nachhaltig nutzen kann, ohne ihn auszunutzen. Mit verschiedenen Maßnahmen, allen voran die vielfältigen Fruchtfolgen und die Düngung mit Kompost, kann die Bodenfruchtbarkeit sogar gesteigert werden.

Reichen die Gesetze zum Bodenschutz in Deutschland aus?

Es ist ja schon sehr gut, dass wir überhaupt ein Bodenschutzgesetz haben. Weltweit ist das noch nicht der Fall.
Allerdings müssen wir unsere Gesetze weiterentwickeln und etwa den Landverbrauch rigoros einschränken und Kontaminationen vermeiden. Noch wichtiger ist, dass man die Gesetze konsequenter umsetzt. Leider ist in Europa das Thema Boden von der Tagesordnung verschwunden.

Derzeit läuft die europäische Bürgerinitiative People 4 Soil. Sie verlangt ein Bodenschutzgesetz auf EU-Ebene. Macht so etwas Sinn?

Die Petition macht nicht nur Sinn, sondern ist zwingend notwendig und sie wird ihre Wirkung nicht verfehlen. Boden ist keine nationale Angelegenheit. Allein in Deutschland importieren wir Lebensmittel und Rohstoffe für die Ernährung in einer Flächendimension bis zu 60 Millionen Hektar.

Was ist daran schlimm?

Ein konkretes Beispiel sind die Importe von Futtermitteln aus Südamerika. Dafür werden große Flächen benötigt mit zum Teil erheblichen Eingriffen in die Natur. Auch die unsägliche Entwicklung des Landgrabbings muss erwähnt werden. Diese friedensgefährdenden Entwicklungen kann man nicht allein durch Verändern des Konsumverhaltens lösen. Hier braucht es gesetzliche Rahmenbedingungen, die einen ökologisch sinnvollen Umgang mit den Böden
fördern.

Die wohl brutalste Katastrophe ist die Welternährung. Ist Bio-Landbau hier eher das Problem oder die Lösung?

Ohne konsequente Ausweitung des Bio-Landbaus werden wir hier nicht vorankommen. Besonders für die Erhaltung der Biodiversität kommt dem biologischen Landbau eine entscheidende Rolle zu. Eine industrialisierte Landwirtschaft wird in den sogenannten Entwicklungsländern erhebliche Auswirkungen auf die Sozialstruktur und das Arbeitsplatzangebot haben. Bei uns ist der Anteil der Beschäftigten in der Landwirtschaft auf unter zwei Prozent gesunken – weltweit bietet die Landwirtschaft Milliarden Menschen eine Lebensgrundlage. Wir müssen vor allen Dingen die Zukunftsfähigkeit der Systeme und Technologien aus der Perspektive der Nachhaltigkeit bewerten.

Braucht es die Gentechnik für die Welternährung?

Ich bin überzeugt, dass wir eine Welt mit neun Milliarden Menschen auch ohne gentechnische Maßnahmen ernähren können. Es besteht somit kein Zwang, die Gentechnik zu nutzen – mit ihren möglichen Folgewirkungen, die wir erst mittel- oder gar langfristig erkennen und die dann von unseren Kindern und Kindeskindern bewältigt werden müssen. Mit unserer Ernährungsweise ist die Welternährung allerdings nicht zu gewährleisten. Wir können uns das ethische Desaster nicht erlauben, jährlich bis zu zehn Millionen Tonnen Lebensmittel wegzuwerfen. Auch die viel zu hohen Ernte- und Lagerverluste in den Entwicklungsländern müssen vermindert werden. Wir müssen einen gerechten Zugang zu Lebensmitteln schaffen und wir müssen die Spekulation mit Lebensmitteln stoppen.

Sie sprechen sich für Lebensmittelpreise aus, die alle Kosten spiegeln.

Unbedingt. Das Abwälzen von Kosten auf die Natur oder auf die Zukunft ist ethisch nicht verantwortbar. Es ist höchst empfehlenswert, hierzu die großartige Enzyklika Laudato Si von Papst Franziskus zu lesen. Ehrliche
Kostenkalkulationen haben auch den Effekt, weiter nach Effizienzsteigerung zu forschen. Effizienter zu werden, ist eine sehr ökologische Tugend.

Ernähren Sie sich Bio?

Meine Familie und ich sind in die Selbstverständlichkeit von Bio hineingewachsen, wobei wir unseren Speiseplan nicht akribisch umgestellt haben. Wichtig ist uns, so einzukaufen, dass wir nichts wegwerfen müssen. Ich bin kein Super-Bio-Bürger, aber ich werde mich weiter engagieren, um auch mit dem Einkaufskorb und mit Messer und Gabel Teil der Lösung zu werden. Dazu gehört bei uns auch regional und saisonal einzukaufen. Wichtig ist uns auch, dass Bauern für ihre Produkte faire Preise bekommen.

Sie schätzen ein gezapftes Bio-Bier. Was kann Sie kulinarisch noch erfreuen?

Ich trinke auch gerne einen guten Bio-Wein. Genuss hat für mich einen hohen Stellenwert. Ich bin kein Vegetarier oder Veganer. Wenn ich Fleisch esse, will ich aber nicht nur den Metzger kennen, sondern auch wissen, wie die Tiere gehalten und ernährt wurden.

Bernward Geier und Klaus TöpferDrei, die sich für die Boden-Petition stark machen: Klaus Töpfer (re.), Bernward Geier und Schrot&Korn. Mitmachen: www.people4soil.de

Zur Person: Klaus Töpfer ...

Interview mit Klaus Töpfer (© Gutsche/Bluechild)
(© Gutsche/Bluechild)

… ist 78 Jahre, verheiratet, hat drei Töchter und lebt wieder in seiner Heimatstadt Höxter. Ruhestand ist für den ehemaligen Bundesminister für Ressourcen, Umwelt, Reaktorsicherheit und Bauwesen sowie Ex-Direktor des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) keine Lebensperspektive. Er ist ein früher Förderer des Bio-Landbaus und hat sich dabei vor allem durch seine internationalen Aktivitäten große Verdienste erworben. Dafür wurde er unter anderem mit dem One World Award „VIP“ der weltweiten Bio-Bewegung IFOAM und der Firma Rapunzel ausgezeichnet.

Erschienen in Ausgabe 03/2017
Rubrik: Ernährung

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Dr. Gerhard Hofmann, Berlin

Klaus Töpfer hat zwei Töchter und einen Sohn.