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Wer hat sie gezüchtet?

Züchtungen (© Salt Farm Texel)
Knollen, die den Härtetest mit Salzwasser bestehen, bekommen von Marc van Rijsselberghe ein Siegel: „Tested in Texel“. (© Salt Farm Texel)

ZÜCHTUNG Nur mit Gentechnik wird die Welt satt, behaupten Bayer, Monsanto & Co. Doch für die großen Herausforderungen – Salz-Böden und Dürre – haben sie keine Lösung. Andere schon. // Leo Frühschütz

Einer von ihnen ist Marc van Rijsselberghe. Der niederländische Bio-Bauer betreibt seit 35 Jahren bio-dynamischen Anbau. Sein Hof liegt auf der Insel Texel, dort wo Wind und Wellen der Nordsee auf Land treffen und die Luft nach Fisch und Salz riecht. „Versalzene Böden sind überall auf der Welt ein Problem und wir haben die Salzwiesen vor der Haustür. Also fing ich an auszuprobieren.“ Van Rijsselberghe legte Testfelder an, goss Kartoffeln mit verdünntem Meerwasser und schaute, was passierte. Die meisten Pflanzen gingen ein, doch es gab Kartoffeln, die damit zurechtkamen. Er vermehrte sie und entwickelte so über mehrere Jahre zusammen mit zwei Züchtungsunternehmen eine salztolerante Kartoffel.

Gezüchtet wird, seit die Menschen sesshaft wurden. Weizen liefert seitdem mehr Körner, Rapsöl mehr Vitamin E, Tomaten lassen sich länger lagern ...  Die Pflanzenzüchtung ist ein weites Feld mit immer neuen Aufgaben. Aktuell fordern der Klimawandel und die wachsende Bevölkerung die Landwirte und Züchter. Die Pflanzen von morgen müssen mit mehr Trockenheit, Salzböden und immer neuen Krankheiten klarkommen. Und sie sollen mehr Ertrag liefern, damit alle Menschen satt werden. Den Züchtern stehen dabei unterschiedliche Methoden zur Verfügung – vom herkömmlichen Ausleseverfahren hin zur Gentech-Züchtung. Die verspricht seit Jahren Pflanzen, die Dürre, Krankheiten und versalzene Böden aushalten sollen. Tatsächlich wurden solche Pflanzen in den letzten Jahren entwickelt – allerdings ohne Gentechnik.

Abgehängt! 

Auch Marc van Rijsselberghe hat mit Gentech-Züchtung nichts am Hut: „Wir testen Pflanzen nicht im Labor, sondern in der Realität, auf salzigen Böden und mit mehr oder weniger salzhaltigem Wasser zur Bewässerung.“ Neben Kartoffeln sucht van Rijsselberghe nach salztoleranten Möhren, Tomaten und anderen Nutzpflanzen. Unter der Marke Marc Foods verkauft der Landwirt sein „salziges“ Bio-Gemüse vor allem an Feinschmecker. Mit den Kartoffeln aber will er die Welt ernähren. Seit 2014 testen pakistanische Bauern die salztoleranten Knollen. „Sie erzielen Erträge zwischen 0,5 und 3 Tonnen je Hektar, das wollen wir verbessern, doch dazu müssen wir mehr über die Bewässerung dort und den Boden wissen.“ In Pakistan arbeitet er mit größeren Betrieben zusammen, die die Kartoffeln auf dem Markt verkaufen und davon leben müssen.

Kein Interesse an Patenten

In einem zweiten Projekt in Bangladesh hingegen sind es 45 000 Kleinbauern, die Kartoffeln und anderes salztolerantes Gemüse aus Texel anbauen. „Hier geht es darum, dass die Menschen sich weiter von ihren von Versalzung bedrohten Feldern ernähren können“, erklärt Marc van Rijsselberghe. Lizenzen oder gar Patente interessieren ihn nicht: „Es ist wichtiger, die Menschen zu ernähren als viel Geld zu scheffeln“, sagt der Bio-Bauer schlicht. Immerhin sind ein Fünftel aller landwirtschaftlichen Flächen weltweit von Versalzung bedroht. Durch falsche Bewässerung, aber auch durch den steigenden Meeresspiegel nimmt der Gehalt löslicher Salze im Boden zu – und das hindert die Pflanzen am Wachsen. Ägypten oder Pakistan sind davon ebenso betroffen wie die Niederlande.

Neben der Versalzung der Böden bedrohen immer öfter auch Dürren die Ernten der Menschen. Die Hitzewelle im Jahr 2012 ließ in den USA, Osteuropa und Mittelasien Weizen und Mais verdorren; die Preise explodierten und viele Menschen in Entwicklungsländern konnten sich ihr tägliches Brot nicht mehr leisten. Im vergangenen Jahr ließ eine Dürre in Ostafrika 50 Millionen Menschen hungern. Viele Züchter arbeiten deshalb an Pflanzen, die trockene Zeiten besser überstehen.

Smart Breeding-Züchtung bringt schnell Erfolge

In Afrika haben Wissenschaftler aus 13 Ländern mehr als 180 neue trockentolerante Maissorten gezüchtet. Zum Einsatz kam das sogenannte Smart Breeding, eine biotechnologische Methode aus der herkömmlichen Züchtung. Die Züchter suchten im Erbgut alter Maissorten, die gut mit Trockenstress fertig werden, die Gen-Abschnitte, in denen diese Eigenschaft verankert ist. Die Abschnitte wurden markiert und die Pflanzen anschließend mit gängigen Maissorten gekreuzt. Aus den Nachkommen wählten die Forscher anhand der Markierungen diejenigen aus, die viele der gewünschten Eigenschaften der gängigen Sorten sowie die Trockentoleranz der alten Sorten besaßen. Mit diesen Pflanzen arbeiteten sie weiter.

Smart Breeding hat mit Gentechnik nichts zu tun, denn das Erbgut wird dabei nicht verändert, es wird nur analysiert. Die Methode verlegt die Selektion, für die traditionell arbeitende Züchter wie van Rijsselberghe ein volles Jahr auf dem Feld benötigen, zum großen Teil ins Labor und verkürzt die Zeit auf wenige Tage. Das beschleunigt die Züchtung und erhöht die Erfolgsquote. Nur neun Jahre brauchten die Forscher für das Projekt. Ansonsten dauert es oft 15 Jahre, eine neue Sorte zu züchten. Inzwischen nutzen fünf Millionen Kleinbauern die neuen Maissorten.

An trockentolerantem Mais probierten sich auch die Agrarkonzerne Monsanto und BASF. 2009 stellten sie eine mit Hilfe von Genmanipulation entwickelte Sorte vor. Seit 2012 wird sie in den USA angebaut, doch die Ergebnisse sind bescheiden: Der Gentech-Mais lieferte bei Dürre nur sechs bis zehn Prozent mehr Ertrag im Vergleich zu herkömmlichen Sorten. Der gentech-freie afrikanische Mais brachte bei Dürre 20 bis 30 Prozent mehr Ernte.

Dass Gentechnik-Konzerne sich bei Salz- oder Dürretoleranz so schwer tun, liegt daran, dass diese Eigenschaften im Erbgut der Pflanze nicht an einer Stelle verankert sind und dort nach Belieben manipuliert werden können. Sie verteilen sich auf zahlreiche Gen-Abschnitte, über deren Zusammenwirken wenig bekannt ist. Bei den Resistenzen gegen Pflanzenkrankheiten wie Braunrost oder Mehltau gibt es beides. Manche Resistenzen sind polygen veranlagt, verteilen sich also auf mehrere Gene, andere Resistenzen sind monogen, werden also nur von einem einzigen Gen gesteuert – hier setzen Gentechniker gerne an. Die großen Konzerne verkaufen bisher vor allem Saatgut von Mais und Soja, das gegen bestimmte Herbizide resistent ist, die der Landwirt dann gleich zusammen mit dem Saatgut kaufen kann. Für die Firmen ist das doppelt lukrativ.

Züchtung neu denken: Auf die alten Sorten setzen

Von monogenetischen Züchtungsansätzen hält Hans-Joachim Bannier nichts: „Es ist absehbar, dass solche Strategien in der Praxis scheitern werden.“ Bannier ist Bioland-Obstbauer und Apfelforscher. „Bei einer monogen basierten Resistenz kann sich der Krankheitserreger relativ schnell anpassen und die Resistenz durchbrechen“, erklärt er und nennt als Beispiel die gegen Schorf resistenten Apfelsorten. Deren Resistenz beruhte auf einem einzigen Gen eines Wildapfels, das eingekreuzt wurde. „Inzwischen ist es dem Schorfpilz in vielen Anbauregionen gelungen, diese Resistenz zu durchbrechen.“ Ohne chemischen Pflanzenschutz funktionieren diese Sorten dann nicht. Das ist für Bio-Obstbauern oft ein Problem, weil sie nur Kupfer und Schwefel einsetzen dürfen.

Bei seinen Forschungen hat Bannier herausgefunden, dass die meisten Äpfel Nachkommen der fünf gängigen Sorten Golden Delicious, Cox Orange, Jonathan, McIntosh oder Red Delicious sind. „Wir haben seit rund 90 Jahren eine massive genetische Verarmung mit teilweise Inzucht-ähnlichen Verhältnissen“, ist sein Fazit. Die Stammeltern der modernen Apfelsorten seien wegen ihrer Lagerfähigkeit, ihres Geschmacks und anderer guter Eigenschaften interessant. „Aber sie sind auch besonders krankheitsanfällig und geben dies an ihre Nachfahren weiter.“

Bannier geht bei seinen Züchtungen andersherum vor. Er setzt nicht auf die fünf Stammeltern, sondern auf vitale alte Sorten, die vielen Krankheiten trotzen, da die Resistenzen hier polygen verankert sind. Solche Sorten will sich der Apfelforscher züchterisch vornehmen, damit sie noch besser schmecken und sich gut lagern lassen. Denn hier besteht meist noch Nachholbedarf. Dazu arbeitet er mit einigen Bio-Obstbauern und Züchtern im Projekt „Apfel:gut“ zusammen. Das Projekt wird neben zahlreichen weiteren Öko-Züchtungsprojekten vom Bundesverband Naturkost Naturwaren BNN gefördert (siehe Interview). Denn Marc van Rijsselberghe und Hans-Joachim Bannier sind nicht die einzigen Bio-Züchter, die an ertragreichen und robusten Sorten für die Welt von morgen arbeiten – mit der Natur, nicht gegen sie.

Interview: „Für uns ist Saatgut ein Kulturgut“

Elke Röder (© Florian Arp/BNN)
Elke Röder ist Geschäftsführerin des
Bundesverbandes Naturkost Naturwaren
(BNN). Er vertritt die Interessen von
Naturkost- Herstellern und -händlern.
(© Florian Arp/BNN)

Der BNN fördert die ökologische Saatgutzüchtung über fünf Jahre mit einer halben Million Euro. Warum ist dem Verband das Thema so wichtig?

Der Öko-Landbau braucht Pflanzen, die an die klimatischen Bedingungen der jeweiligen Region angepasst sind. Sie müssen widerstandsfähig gegen Krankheiten und Schädlinge sein und sich gut gegen Unkraut durchsetzen können.

Und die großen Saatgutkonzerne können solche Pflanzen nicht liefern?

Deren Produkte orientieren sich an den Anforderungen der konventionellen Landwirtschaft. Uns ist es wichtig, dass der Öko-Landbau unabhängig von den Strukturen der Agrarkonzerne bleibt und nicht in deren Abhängigkeit gerät. Wir wollen einen Öko-Landbau, der immer besser wird, aber nicht indem er sich der konventionellen Landwirtschaft anpasst, sondern indem er eigene Wege geht, die zu ihm passen.

Öko-Züchter entwickeln ausschließlich samenfeste Sorten. Warum?

Samenfeste Sorten sind für uns eine wichtige Voraussetzung für die ökologische Landwirtschaft. Es gehört zum Kreislaufgedanken, dass der Landwirt Saatgut aus seiner Ernte gewinnen und im nächsten Jahr wieder aussäen kann. Er verfügt dann über eine stabile Ressource und braucht keinen Input von außen mehr.

Das funktioniert aber nur, wenn das Saatgut kein Privatbesitz etwa von Konzernen ist.

Für uns ist Saatgut ein Kulturgut. Es muss von Bauer zu Bauer weitergegeben und auch weiter züchterisch bearbeitet werden können. Das ist vergleichbar mit einem Open-Source-Programm beim Computer. Leider hat sich bei uns der Staat vor Jahren aus der Züchtung und der Sortenzulassung zurückgezogen und diesen Bereich der Privatwirtschaft übereignet. Dort gibt es für Saatgut als Kulturgut kein Verständnis.

Mehr zum Thema

www.saltfarmtexel.com
Hier werden salztolerante Pflanzen getestet.

www.saat-gut.org 
Der saat:gut e.V. engagiert sich für ökologische Pflanzenzüchtung.

www.kultursaat.org
Kultursaat e.V. ist ein Verein bio-dynamisch arbeitender Pflanzenzüchter.

www.zukunftsstiftung-landwirtschaft.de 
Die Zukunftsstiftung Landwirtschaft fördert ökologische Pflanzenzüchtung.

www.bingenheimersaatgut.de 
Das Unternehmen bietet eine Vielfalt ökologisch gezüchteter samenfester Sorten an.

www.dreschflegel-verein.de
Dreschflegel kümmert sich besonders um den Erhalt alter und regionaler Gemüsesorten.

www.keine-gentechnik.de/dossiers/neue-technologien
Infos über neue gentechnische Verfahren bei der Pflanzenzüchtung.

Banzhaf, Anja: Saatgut. Wer die Saat hat, hat das SagenBanzhaf, Anja: Saatgut. Wer die Saat hat, hat das Sagen.
Oekom Verlag 2016, 272 Seiten, 19,95 Euro

MultiWatch (Hrsg.): Schwarzbuch SyngentaMultiWatch (Hrsg.): Schwarzbuch Syngenta,
Edition 8, 2016, 320 Seiten, 25,80 Euro

Erschienen in Ausgabe 01/2017
Rubrik: Ernährung

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