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Faire Produkte: Der Schein trügt

Fairtrade (© dpa/Gaetan Bally)
Nicht jedes Nachhaltigkeits-Siegel hält, was es verspricht. (© dpa/Gaetan Bally)

FAIR? Discounter werben gerne mit Siegeln. Doch sind die wirklich glaubwürdig? Oxfam hat eine Bananenplantage in Ecuador besucht. // Leo Frühschütz

Das Flugzeug dröhnt über sie hinweg und spritzt einen giftigen Nebel auf die Arbeiter, die gerade Bananen ernten. „Wir machen uns große Sorgen, weil wir unter dem Pestizid-Regen arbeiten müssen. Wir bekommen Hautausschläge. Aber wenn man sich beschwert, riskiert man, entlassen zu werden“, sagt einer der Arbeiter, der anonym bleiben will. Er hat mit Experten der Organisation Oxfam geredet – und mit dem Profikoch Ole Plogstedt.

Die Ergebnisse der Recherchen auf Plantagen in Südamerika hat die Entwicklungsorganisation in einem Bericht zusammengefasst und im Mai 2016 veröffentlicht: „Süße Früchte, bittere Wahrheit“ beschreibt die Bedingungen, unter denen für deutsche Supermärkte und Discounter konventionelle Bananen in Ecuador und Ananas in Costa Rica angebaut werden: Löhne, die nicht zum Leben reichen, Arbeitsrechte, die nicht eingehalten werden und Pestizide, die Mensch und Natur vergiften. Schon in den Jahren 2008 und 2011 hat Oxfam in beiden Ländern recherchiert: „Doch die Zustände vor Ort haben sich kaum verbessert“, sagt Franziska Humbert, die Autorin der Studie.

Verbessert hat sich lediglich die Nachhaltigkeits-PR der Handelsketten. Alle sind sie Mitglied in der Business Social Compliance Initiative, einem Zusammenschluss europäischer Handels- und Markenunternehmen mit dem Ziel, gute Arbeitsbedingungen entlang der Lieferkette herzustellen.

Doch wie soll das funktionieren, wenn sie den Erzeugern immer weniger zahlen? Laut Oxfam hat sich der Importpreis für Ananas zwischen 2002 und 2014 inflationsbereinigt von 1,34 Euro auf 0,71 Euro pro Kilo fast halbiert. Auch der Bananenpreis sank in den letzten 15 Jahren kontinuierlich. „Während Supermarktketten gegenüber Lieferanten Preise drücken und Kosten senken, brüsten sie sich vor Verbrauchern mit immer mehr Nachhaltigkeitssiegeln“, schimpft Franziska Humbert.

Besonders beliebt als Siegel ist der Frosch der Rainforest Alliance (RA), der auf vielen Bananen und Ananas klebt – aber auch auf Kaffee und Kakao. Ein Großteil der von Oxfam untersuchten Plantagen wurde trotz der Missstände von der RA zertifiziert.

Die Rainforest Alliance ist eine 1987 gegründete internationale Umweltschutzorganisation mit Sitz in New York. Sie zertifiziert Unternehmen, die in tropischen Ländern Land- oder Forstwirtschaft betreiben und dabei die Ökosysteme schützen und das Wohlergehen lokaler Gemeinschaften gewährleisten, heißt es auf der Webseite. Ihr Siegel bezeichnet die RA als „Symbol für ökologische, soziale und ökonomische Nachhaltigkeit.“ Doch damit ist es soweit nicht her, befand die Stiftung Warentest in einem Vergleich der verschiedenen Nachhaltigkeitssiegel. Der Frosch sei ein Label mit „nur mittlerer Aussagekraft“, schreibe keinen ökologischen Landbau vor und auch keine Mindestpreise für Produkte.

Zertifikate reichen nicht

Rainforest Alliance hat drei der im Oxfam-Bericht erwähnten Farmen besucht, um den Vorwürfen nachzugehen und deren Zertifizierung bestätigt. Gleichzeitig teilte die Organisation mit, dass man unabhängig vom Oxfam-Bericht 2016 in Ecuador 20 und in Costa Rica vier Farmen dezertifiziert habe. Auch sei man nun mit Gewerkschaftsvertretern in beiden Ländern im Gespräch. Mit Oxfam ist sich RA einig, dass sich nicht alle Probleme mit Zertifizierungen lösen lassen. Um arbeits- und menschenrechtlich relevante Themen oder Machtungleichgewichte in der Lieferkette zu lösen, brauche es eine Zusammenarbeit verschiedenster Akteure auf allen Ebenen.

Zu den wichtigsten Akteuren zählen die hiesigen Handelskonzerne. „Die Verantwortung liegt bei diesen Unternehmen, die können sie nicht einfach auf Lieferanten und Zertifizierer abwälzen“, sagt Frank Braßel, der stellvertretende Kampagnenleiter von Oxfam.

Nach Erscheinen des Reports hat Oxfam die Kampagnenarbeit auf den Discounter Lidl konzentriert: Mehr als 70  000 Menschen schickten Protestmails und Postkarten an Lidl, tagelang riefen Aktivisten bei der Lidl-Hotline  an und fragten nach. Im Oktober sprachen sie in den Filialen des Discounters Kunden an. Schließlich traf sich Oxfam mit Vertretern von Lidl und den örtlichen Gewerkschaften auf der Finca Once in Costa Rica, einem der im Report genannten Ananaslieferanten. Das Ergebnis: Die Arbeiter der Finca erhalten nun zumindest den staatlichen Mindestlohn und werden für Überstunden bezahlt.

Auch bei Lidls Bananenlieferanten Matías in Ecuador meldet die Entwicklungsorganisation kleine Verbesserungen: „Die Wiederbetretungsfristen nach Pestizideinsätzen werden mehr beachtet, und alle Arbeiter bekommen endlich kostenlose Schutzkleidung – so wie es das Gesetz vorschreibt.“

Doch an einem der entscheidenden Punkte, dem Preisdruck der Handelskonzerne, werde nicht gerüttelt, sagt Frank Braßel. „Die Preise sind einer der zentralen Gründe dafür, dass sich trotz Zertifizierung immer noch nichts Wesentliches geändert hat.“ Auch in Sachen Gewerkschaftsfreiheit und beim Einsatz hochgiftiger Pestizide bewege sich nichts. Erst vor wenigen Tagen, erzählt Braßel, habe er durch die Gewerkschaft ASTAC ein Handyvideo von einer ecuadorianischen Bananenplantage zugeschickt bekommen, das ein Arbeiter heimlich aufgenommen hatte: „Da donnert ein Sprühflugzeug mehrmals über die Arbeiter, die im Freien unter einem Dach sitzen und essen.“

Menschenrechte

Fairtrade und Menschenrechte - Demo (© Cora-Netzwerk)
(© Cora-Netzwerk)

Gesetz statt Freiwilligkeit

Entwicklungs- und Menschenrechtsorganisationen werfen der Bundesregierung vor, dass sie nur auf Freiwilligkeit setze und verbindliche Vorgaben blockiere. 

Die Organisationen fordern ein Gesetz, das die großen Konzerne verpflichtet, darauf zu achten, dass in ihren Lieferketten die Menschenrechte eingehalten werden. Bei Verstößen würde ihnen dann eine Klage drohen. Zudem sollen europäische Muttergesellschaften haften, wenn Tochtergesellschaften außerhalb Europas die Umwelt schädigen oder Menschenrechte verletzen.

Die Bundesregierung hat zwar einen Nationalen Aktionsplan Wirtschaft und Menschenrechte verabschiedet. Doch über Gesetze will sie erst ab 2020 nachdenken.

www.cora-netz.de

Mehr zum Thema

Weitere Infos zur Oxfam-Kampagne Make Fruits Fair und Mitmach-Aktionen finden Sie auf:

‣ www.makefruitfair.org/de

‣ www.oxfam.de

‣ www.supermarktmacht.de

 

Mugglin, Markus: Konzerne unter Beobachtung – Was NGO-Kampagnen bewirken könnenMugglin, Markus: Konzerne unter Beobachtung – Was NGO-Kampagnen bewirken können.
Rotpunktverlag 2016, 208 Seiten, 27 €

Erschienen in Ausgabe 02/2017
Rubrik: Ernährung

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