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Ein sensibles Früchtchen

Erdbeeren (© plainpicture/Johner/Matilda Lindeblad)
Wenn die Erdbeeren komplett rot sind, können sie geerntet werden. Bis es so weit ist, hat der Bauer viel zu tun. (© plainpicture/Johner/Matilda Lindeblad)

LANDWIRTSCHAFT Erdbeeren sind anspruchsvoll und empfindlich. Besonders für Bio-Bauern ist der Anbau eine echte Herausforderung. // Leo Frühschütz

Die Erdbeere ist eine verwöhnte Prinzessin. Sie mag es weder zu kalt noch zu nass und reagiert empfindlich, wenn ihr etwas nicht passt. Kurz gesagt: Wer Erdbeeren anbaut, hat es nicht leicht und braucht viel Gefühl für die roten Früchte.

Das fängt mit dem Boden an: Durchlässig muss er sein und locker. Denn wenn sich die Nässe staut, bekommen die Erdbeerpflanzen nasse Füße und die Wurzeln beginnen zu faulen. Deswegen mögen die Prinzessinnen auch nicht zu viel Regen auf einmal. Ein bisschen feucht darf es aber schon sein. Am bes-ten frühmorgens, damit die regennassen Blätter schön in der Sonne trocknen können. Und noch etwas: Bitte keinen Frost während der Blüte. Nicht so einfach, wenn die Hoheiten schon Anfang April die ersten Knospen aufmachen.

Behütetes Aufwachsen unter Folientunneln

Das launische Frühlingswetter macht den Erdbeeranbau sehr risikoreich. Manche Landwirte, auch einige Bio-Bauern, setzen deshalb auf den sogenannten geschützten Anbau. Ihre Erdbeeren wachsen in zumeist begehbaren Folientunneln. Sie halten die Wärme besser und schützen vor zu starkem Regen. Stattdessen teilt eine Tröpfchenbewässerung den Pflanzen die optimale Wasserration zu. Alles sehr aufwendig und teuer. Doch die Erträge sind sicherer, die Erdbeeren kommen als erste auf den Markt und erzielen gute Preise.  Je nach Witterung gibt es diese ersten deutschen Erdbeeren Mitte bis Ende Mai zu kaufen. Ab Mitte Juni beginnt dann die Saison so richtig. Für die Erzeuger zeigt sich dann, ob sich die viele Arbeit auch gelohnt hat.

Denn die heranwachsenden Prinzessinnen sind sehr anfällig für Schädlinge und Krankheiten egal, ob sie unter Folientunneln oder im Freiland aufwachsen. Das fängt mit dem Erdbeerblütenstecher an, ein Käfer, der seine Eier in die Knospen der Erdbeerpflanze legt. Die Spinn- und Erdbeermilben lassen die Blätter welken und über die Früchte, die dennoch heranwachsen, machen sich dann die Schnecken her. Folientunnel schützen zwar teilweise gegen Insekten, doch bei den Krankheiten helfen sie kaum. Hier sind es vor allem diverse Pilze, die den Erdbeeren schaden. Im Boden lassen sie die Wurzeln faulen. Über der Erde greifen sie die Pflanzen an oder legen sich als Graufäule über die heranreifenden Früchte. Schnecken und Pilze freuen sich über einen verregneten Mai – für den Erdbeerbauern gibt es wenig Schlimmeres.

Pestizidrückstände in konventioneller Ware

Konventionelle Erzeuger spritzen gegen Schädlinge und Pilze synthetische Pestizide. Und zwar reichlich: Das niedersächsische Landesamt für Verbraucherschutz LAVES fand in 96 Prozent aller konventionellen Proben Pestizidrückstände, und zwar bis zu zehn Wirkstoffe in einer Erdbeere.

Bio-Anbauer müssen ihre Erdbeeren ohne Pestizide verteidigen. Sie decken die Kulturen mit Vlies ab, damit Schädlinge nicht rankönnen, lassen Lauf-enten auf die Schnecken los und Raubmilben oder Schlupfwespen auf schädliche Insekten. Als Spritzmittel kommt Schmierseife gegen Milben zum Einsatz. Gegen Pilze wie Graufäule helfen widerstandsfähige Sorten und frische Luft. Deshalb lassen Bio-Bauern mehr Platz zwischen ihren Erdbeerreihen. Das verringert allerdings die Erntemenge je Hektar und zwischen den Reihen hat das Unkraut mehr Platz zum Wachsen. Da hilft nur hacken, in kleinen Feldern mit der Hand, in größeren maschinell. Kurz bevor die Früchte sich zu Boden neigen, bekommen sie eine Strohschicht untergelegt, quasi als Matratze. Sie liegen dadurch trockener und bekommen nicht so leicht die Fäule, gleichzeitig unterdrückt das Stroh das Unkraut und zur Ernte lässt sich das Feld auf den Strohpfaden gut begehen. Das ist wichtig, denn das Ernten ist Handarbeit und ins Körbchen kommen jeden Tag nur die reifen Erdbeeren.

Viel Arbeit also und ein hohes Risiko bei unpassendem Wetter. Kein Wunder, dass viele Bio-Bauern ihre Finger von den Erdbeeren lassen und weniger kapriziöse Früchte anbauen. Zwar reicht das Angebot noch aus, um die Lust der Verbraucher auf frische und regionale Bio-Erdbeeren zu decken. Doch die Bio-Erdbeeren im Joghurt, im Fruchtaufstrich oder in der Gefriertruhe stammen nur selten aus Deutschland. Zwergenwiese, Annes Feinste und die Beerenbauern zählen zu den wenigen Bio-Herstellern, die auf deutsche Erdbeeren setzen. In den meisten anderen Fällen kommen Bio-Erdbeeren für die Verarbeitung aus Polen, aber auch aus Serbien oder der Türkei – zu deutlich günstigeren Preisen.

Die Bio-Erzeuger aus Spanien und Italien dagegen vermarkten ihre Erdbeeren frisch. Weil das Klima dort günstig ist, sind ihre Früchte oft schon ab Mitte März in den Regalen zu finden und kosten meist weniger als deutsche. Das liegt an günstigeren Löhnen und Produktionsbedingungen, aber auch daran, dass die spanischen Erzeuger spezialisierte Betriebe sind. Die meisten deutschen Bio-Bauern sehen Erdbeeren als nur eines von mehreren Standbeinen an. In der Öko-Bilanz schlagen bei den Importerdbeeren die langen Transportwege negativ zu Buche und der wegen des trockenen Klimas höhere Wasserverbrauch bei der Bewässerung.

Im Vorteil sind die roten Früchte aus dem Süden, wenn es darum geht, all die leckeren Rezepte auszuprobieren, die Erdbeeren mit Spargel kombinieren. Denn wenn Mitte April der erste Spargel gestochen wird, sind die heimischen Erdbeeren noch kleine grüne Knöpfchen. Und wenn am Johannestag, am 24. Juni, die Spargelsaison offiziell zu Ende ist, haben die deutschen Erdbeeren Hochsaison. Das Zeitfenster für ein regionales Spargel- und Erdbeer-Gericht ist also nur klein – und umso größer der Genuss.

Erdbeerfeld (© Colourbox/FotoStudioMegg)

Die Strohschicht schützt die Erdbeeren vor Nässe. (© Colourbox/FotoStudioMegg)

ERDBEEREN

Wo kommen die Früchte her?

  • 2016 haben nach Angaben des Statistischen Bundesamtes in Deutschland 347 Bio-Betriebe Erdbeeren angebaut. Die Pflanzen wuchsen auf 454 Hektar Fläche im Freiland und auf 64 Hektar in Folientunneln. Insgesamt erbrachten sie einen Ertrag von 3352 Tonnen Bio-Erdbeeren, das waren lediglich 2,3 Prozent der in Deutschland geernteten Erdbeeren.
  • Fast die Hälfte der Bio-Früchte wurde in Bayern angebaut. Es folgten Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen.
  • Rund ein Drittel der frischen Bio-Erdbeeren wird importiert, vor allem aus Spanien. Die dortigen Bio-Erzeuger ernteten 2015 laut Eurostat 3863 Tonnen, die sie in zahlreiche EU-Staaten verkauften.
  • Für Polen und die Türkei verzeichnet die EU-Statistik jeweils rund 6000 Tonnen Bio-Erdbeeren,
    die vor allem tiefgefroren und weiterverarbeitet werden.

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Heilmeyer,  Marina (Hrsg);  Erdbeeren für  Prinzessinnen: Potsdamer Pomologische  GeschichtenHeilmeyer, Marina (Hrsg); Erdbeeren für Prinzessinnen: Potsdamer Pomologische Geschichten
Vacat Verlag, 2008, 104 Seiten, 17 Euro

Erschienen in Ausgabe 06/2017
Rubrik: Ernährung

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