Anzeige

Anzeige

Dünger heizt dem Klima ein

Dünger (© dpa/Wolfgang Kluge)
Die konventionelle Landwirtschaft setzt auf Kunstdünger – bergeweise. (© dpa/Wolfgang Kluge)

LANDWIRTSCHAFT Zu viel Kunstdünger, Gülle und Kühe setzen auf unseren Feldern tonnenweise Lachgas und Methan frei. Beide heizen dem Klima erheblich ein. Das ließe sich ändern. // Michael Billig

Am Abend des 12. Dezember 2015 hat die Rettung der Welt begonnen. 196 Staaten stimmten in Paris dem Weltklimavertrag zu. Ihr gemeinsames Ziel ist es, die Erwärmung der Erde auf unter zwei Grad Celsius zu begrenzen. Sie einigten sich darauf, dass 1,5 Grad zu erstreben seien. Politiker, Wissenschaftler und Umweltschützer feierten das Abkommen als großen Erfolg. „Paris gibt der Welt Hoffnung“, kommentierte Greenpeace. „Das ist ein historischer Wendepunkt“, jubelte auch Bundesumweltministerin Barbara Hendricks.

Schlüssel für die Klimarettung ist die Energiewende. Doch auch in der Landwirtschaft muss sich etwas tun: „Zur Erreichung der langfristigen Klimaschutzziele wird von der Landwirtschaft ein erheblicher Beitrag notwendig“, sagt Professor Harald Grethe, der Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beirats, der das Landwirtschaftsministerium berät und der im September 2016 ein Klimagutachten vorgelegt hat. Ohne Landwirtschaft ist das Weltklima nicht zu retten. Sie trägt einen erheblichen Teil dazu bei, dass die Fieberkurve unseres Planeten immer weiter ansteigt.

Schlecht fürs Klima: Stickstoff und Tiere

Weltweit sind rund ein Viertel aller Treibhausgase auf den Agrarsektor zurückzuführen. In stark agrarisch geprägten Ländern wie Brasilien und Neuseeland sind es sogar 35 bis 45 Prozent. In Deutschland verursacht die Landwirtschaft  laut Klimaschutzplan der Bundesregierung acht Prozent der Gesamtemissionen. 72 Millionen Tonnen gehen hier jedes Jahr auf ihr Konto. Würde die offizielle Statistik auch Bereiche wie die Herstellung von Kunstdünger in Chemiefabriken und den Transport von Futtermitteln über die Weltmeere einbeziehen, wäre es noch etwas mehr. Die beiden Hauptquellen aus der Landwirtschaft aber sind erfasst: die Überdüngung der Böden mit Stickstoff aus Gülle und Kunstdünger sowie die großen Tierbestände.

Stickstoff ist ein wichtiger Nährstoff für das Pflanzenwachstum. Doch zu viel des Guten ist schlecht fürs Klima. Der Stickstoffüberschuss in Deutschland liegt laut Umweltbundesamt bei knapp 100 Kilogramm pro Hektar landwirtschaftliche Fläche. Im Nordwesten des Landes, wo die intensive Tierhaltung tonnenweise Gülle produziert und auf die Felder kippt, ist es zum Teil deutlich mehr. So viel, dass die Böden und Pflanzenwelt sie gar nicht mehr aufnehmen können. Die Folge: Es entsteht in großen Mengen Lachgas. Lachgas ist fast 300 Mal so schädlich fürs Klima wie Kohlendioxid. Außerdem versauern die Böden und Gewässer werden mit Nitrat belastet.

Klee statt Kunstdünger

Wegen der Umweltgefahren fordern Naturschützer schon seit Längerem ein schärferes Düngerecht. Die Überschüsse an Stickstoff auf 70 Kilo pro Hektar zu reduzieren, wie es der ein Jahr nach Paris verabschiedete Klimaschutzplan der Bundesregierung vorsieht, reicht ihnen nicht. Vor allem vermissen sie in dem Plan konkrete Maßnahmen, wie die Überschüsse abgebaut werden sollen. Ideen gibt es genug, zum Beispiel die sogenannte Stickstoff-Abgabe. Dahinter steckt die Hoffnung, dass, wenn der Dünger teurer wird, die Bauern weniger davon kaufen und somit auch weniger ausbringen. Die mit Wissenschaftlern besetzten Beiräte für Agrar- und für Waldpolitik beim Bundeslandwirtschaftsministerium geben in ihrem Klimaschutzgutachten  auch einen Ratschlag, wie die Bauern ihre Böden dennoch fruchtbar und die Erträge hoch halten können. Sie raten ihnen zum Anbau von Luzernen, Rot- und Weißklee als Futter, denn diese können Stickstoff aus der Luft binden und im Boden fixieren. Für Bauern, die auf ökologischer Basis wirtschaften, allerdings nichts Neues.

Die Lachgas-Emissionen sind nur der eine große Posten in der Klimabilanz der deutschen Landwirtschaft. Der zweite ist das Methan. Dieses Gas befeuert den Klimawandel ebenfalls viel stärker als Kohlendioxid. Fast 40 Prozent aller Treibhausgase aus dem Agrarsektor sind Methan-Emissionen. Sie bilden sich größtenteils in den Mägen von Rindern und anderen Wiederkäuern. Eine Kuh etwa stößt durchschnittlich 500 Gramm Methan am Tag aus.

Forscher tüfteln zwar an Lösungen für dieses spezielle Verdauungsproblem. Sie entwickeln und erproben beispielsweise Futterzusatzstoffe, die die Methanproduktion hemmen sollen. Doch das Klima werden sie damit nicht retten können. Dafür ist das Einsparpotenzial im Bereich der Fütterung, das die Beiräte für Agrar- und Waldpolitik in ihrem Gutachten errechneten, einfach zu gering. Deutlich mehr Einsparungen verspricht eine andere Maßnahme: weniger Rinder, Schweine und Hühner in den Ställen.

Je weniger Nutztiere, desto mehr Vorteile fürs Klima. Weniger Wiederkäuer würden weniger Methan produzieren. Bei weniger Nutztieren insgesamt fiele weniger Gülle an und der Bedarf an Futterpflanzen, die unter Einsatz von viel Dünger angebaut werden müssen, ließe nach.

Um die Klima-Ziele von Paris zu erreichen, empfiehlt das Umweltbundesamt „einen schrittweisen, aber konsequenten Abbau“ der Nutztiere. Der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) fordert, dass die Zahl um die Hälfte reduziert wird. „Entscheidend ist, dass wir die Tierhaltung an die Fläche binden“, sagt BÖLW-Chef Felix Prinz zu Löwenstein. Bauern dürften nur so viele Tiere halten, wie ihre Flächen Gülle vertragen.

Bio: weniger Tiere pro Hektar

Im Bio-Bereich ist die flächengebundene Tierhaltung verpflichtend. Die Öko-Verordnung der Europäischen Union schreibt beispielsweise vor, dass Bauern nicht mehr als zwei Kühe pro Hektar halten dürfen. Die konventionelle Landwirtschaft kennt diese Grenzen nicht. Im Klimaschutzplan gibt es nur eine vage Andeutung, dass die Bundesregierung daran etwas ändern wird. Demnach will sie ihre Fördermaßnahmen stärker darauf ausrichten, „dass die Tierhaltung in den Betrieben in einem Verhältnis von maximal zwei Großvieheinheiten pro Hektar“ erfolgt. Ansonsten will sie die Methan-Emissionen mit Hilfe von Technik und Wissenschaft in den Griff bekommen. So bestehe Forschungsbedarf „zur Entwicklung einer klimaverträglichen Tierhaltung, etwa im Bereich der Fütterung, der Züchtung und des betrieblichen Managements“. An die Tiermenge traut sich die Regierung nicht richtig heran. Umso mehr kommt es auf jemand anderen an: den Verbraucher.

Die Deutschen haben einen hohen Fleisch- und Wurstkonsum. Er übersteigt deutlich das von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung empfohlene Maß von 600 Gramm pro Woche. Das liegt vor allem an den Männern, die fast doppelt so viel vertilgen. Würden die Verbraucher weniger Fleisch essen, würden sie nicht nur gesünder leben. Sie könnten auch dafür sorgen, dass weniger Kühe, Schweine und Hühner gehalten und geschlachtet werden. Wenn die Verbraucher zusätzlich den Verzehr anderer tierischer Produkte wie Käse, Milch und Quark reduzieren, ließen sich beträchtliche Mengen an Treibhausgasen vermeiden. Forscher gehen von 11 bis 22 Millionen Tonnen aus.

Doch diese Rechnung ist nicht ohne die hiesige Fleischindustrie zu machen. Denn die würde wohl versuchen, Verluste auf dem heimischen Markt durch mehr Exporte auszugleichen. Schon jetzt gehen mehr als 20 Prozent der in Deutschland produzierten Wurst- und Fleischwaren ins Ausland. Allerdings wandern auch große Mengen an Lebensmitteln in die Mülltonne: Einer WWF-Studie zufolge werfen die Deutschen jährlich 18 Millionen Tonnen weg.

Lachgas wirkt stärker

Von deutschen Äckern werden jährlich mehr als 80 000 Tonnen Lachgas emittiert. Ein Lachgasmolekül wirkt rund 300 Mal so stark wie Kohlendioxid.

Eine Steuer auf Fleisch?

Um Verbraucher von weniger Fleischkonsum zu überzeugen, müssen sie über die Folgen ihres Konsums aufgeklärt werden, sagen Wissenschaftler und Politiker. Doch reicht das? Manche Experten würden am liebsten auch an der Preisschraube drehen. Ihnen sind die Lebensmittel zu billig. Die Preise bildeten nicht die Kosten ab, die mit der Produktion der Waren verbunden sind, argumentieren sie und empfehlen eine Klimasteuer. Insbesondere tierische Produkte würden dann spürbar teurer werden.

Mit Emissionen und Kosten hat noch eine andere Idee zu tun, die ebenfalls dem Klimaschutz dienen könnte: Der BÖLW schlägt vor, landwirtschaftliche Betriebe in den Handel mit CO2-Zertifikaten aufzunehmen, denn Böden verfügen über ein riesiges Potenzial, Treibhausgase zu binden. Das gilt besonders für Grünland und für die humusreichen Böden der Bio-Bauern. Bis zu 1000 Kilogramm Kohlendioxid pro Hektar können diese im Erdreich speichern. Auch so könnte die Landwirtschaft zur Rettung des Weltklimas beitragen.

So wirken Lachgas & Co.

Lachgas- und Methanmoleküle reflektieren die Wärmerückstrahlung der Erdoberfläche und verhindern damit, dass sie ins Weltall entweichen kann. Folglich steigt die Temperatur auf der Erde.

Lachgas, Methan, Co2

 

Lachgas, Methan, Co2

Emissionen aus der Landwirtschaft

  • Die beiden größten Emissionsquellen der Landwirtschaft in Deutschland stellen der Einsatz von Stickstoffdüngern und die Haltung von Wiederkäuern dar. 
  • Die klimaschädlichen Gase, die emittiert werden, sind Lachgas und Methan. Lachgas entsteht beispielsweise bei der chemischen Produktion von Düngemitteln, beim Ausbringen des Düngers und durch mikrobielle Abbauprozesse im Boden. Methan bildet sich insbesondere in den Mägen von Rindern und Milchkühen. Durch Rülpsen stoßen die Tiere das Gas aus.
  • Zu stickstoffreichen Düngemitteln zählen auch Gülle und Mist. Bei Lagerung und Ausbringen werden ebenfalls Lachgas und Methan freigesetzt. Das wird dann problematisch, wenn Gülle und Mist falsch gelagert oder zu viel davon ausgebracht wird.
  • Hauptquelle für CO2-Emissionen ist der vor allem mit Diesel betriebene Maschinenpark. Daneben können Landnutzungsänderungen zu beträchtlichen CO2-Emissionen führen, wenn etwa Grün- zu Ackerland umgewandelt und damit im Boden gespeicherter Kohlenstoff freigesetzt wird.

Vernässen statt trockenlegen

Moorschutz ist Klimaschutz

Moore sind fleißige Klimaschützer. Sie können besonders viel Treibhausgas speichern. Dafür muss man sie heutzutage aber
erst renaturieren.

Um neue landwirtschaftliche Flächen zu erschließen, wurden in der Vergangenheit Hunderttau-sende Hektar Moorlandschaft in Deutschland trockengelegt – und damit Millionen Tonnen klimaschädlicher Emissionen freigesetzt. Weil aber viele gefährdete Arten in den sumpfigen Gebieten leben und geschützt werden müssen, hat bereits vor 20 Jahren ein Umdenken eingesetzt. Es wurden und werden Moore wiedervernässt. Davon profitieren nicht nur bedrohte Pflanzen und Tiere, sondern auch das Klima.

Das Potenzial ist enorm, wie Wissenschaftler im Klimaschutzgutachten vorrechnen: Würde Deutschland 300 000 Hektar Land zurückversumpfen, ließen sich die Emissionen der Bundesrepublik um sieben Millionen Tonnen absenken. Die landwirtschaftliche Nutzung dieser Flächen muss dann allerdings stark reduziert oder sogar ganz aufgegeben werden.

Vernässung ist außerdem nicht ganz billig. Doch Moorschützer haben für das Finanzierungsproblem eine clevere Lösung:
den freiwilligen Handel mit Zertifikaten. Die Vernässung des 64 Hektar großen Polder Kieve im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte etwa kostet rund 500 000 Euro. Die Ersparnis an Treibhausgasen, die dafür winkt, liegt bei 14 325 Tonnen. Für jede Tonne gibt es ein Zertifikat, das vor allem Unternehmen erwerben und damit ihre Klimabilanz auf-bessern wollen. Ein Zertifikat vom Polder Kieve kostet 35 Euro. Mehr als 12 000 Stück wurden bislang davon verkauft.

Mehr zum Thema

www.bmub.bund.de
Unter „Service (Downloads)“ steht der Klimaschutzplan 2050 der Bundesregierung

www.moorland.de, www.moorfutures.de
Hier kann man in Moorschutz investieren

www.umweltrat.de
Gutachten „Stickstoff: Lösungsstrategien für ein drängendes Umweltproblem“ vom Sachverständigenrat für Umweltfragen

www.boelw.de
Stellungnahme des Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft BÖLW zum Entwurf des Klimaschutzplanes 2050. Zu finden unter „Themen/Umwelt und Klima“

www.aid.de
7 Tipps zum Thema „Ernährung und Klimaschutz“. Außerdem sind dort auch Unterrichtsmaterialien zum Thema erhältlich

www.umweltbundesamt.de
Unter „Publikationen“ findet man die Studie „Umweltschädliche Subventionen in Deutschland 2016“

www.bmel.de
Das Klimagutachten des wissenschaftlichen Beirats für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz finden Sie unter dem Stichwort „Klimagutachten“

 

Heinrich Böll Stiftung: BodenatlasHeinrich Böll Stiftung: Bodenatlas: Daten und Fakten über Acker, Land und Erde.
2015, kostenloser Download unter www.boell.de

 

Ertl, Gerhard;  Soentgen, Jens:  N. Stickstoff – ein Element schreibt WeltgeschichteErtl, Gerhard; Soentgen, Jens: N. Stickstoff – ein Element schreibt Weltgeschichte,
Oekom Verlag, 2015, 272 Seiten, 24,95 €

Erschienen in Ausgabe 03/2017
Rubrik: Ernährung

Kommentare

Kommentar­bild via Gravatar

incl. 'http://'