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„Es ist noch schlimmer“

Interview Christian Kreiß (© Conny Geiger)
Hat das Buch „Gekaufte Forschung. Wissenschaft im Dienst der Konzerne" geschrieben: Christian Kreiß (© Conny Geiger)

INTERVIEW Professor Christian Kreiß forscht zu einem brisanten Thema. Es geht darum, wie Konzerne Wissenschaftler kaufen und Behörden beeinflussen. // Leo Frühschütz

Der Konzern Monsanto hat einen angesehenen deutschen Toxikologen dafür bezahlt, dass er ein vorgefertigtes Skript zum Thema Glyphosat als eigene Arbeit ausgab. Überrascht Sie das?

Nein. In der Pharmaindustrie handelt es sich nach heutigen Schätzungen bei elf Prozent aller Studien um Ghostwriting. Für die Chemie-Industrie kenne ich keine konkreten Zahlen, aber auch dort dürfte diese Praxis weit verbreitet sein.

Monsanto hätte die Studie auch selbst veröffentlichen können.

Im März 2015 hat die Krebsforschungsagentur IARC der WHO Glyphosat als vermutlich krebserregend eingestuft. Monsanto hat daraufhin in den Jahren eine Flut von Artikeln lanciert, um die Unbedenklichkeit von Glyphosat zu belegen. Die Namen von gekauften Wissenschaftlern sollen dabei Objektivität und Neutralität vermitteln.

Und die Behörden lassen sich von solchen gekauften Arbeiten beeindrucken?

Es ist noch schlimmer. Bis vor Kurzem haben Zulassungsbehörden ausschließlich industrieinterne Studien verwendet. Die wurden nie veröffentlicht und konnten von anderen Wissenschaftlern nicht überprüft werden. Das ist für mich ein Skandal. Denn bei seinen eigenen Studien kann ein Konzern die Rahmenbedingungen so wählen und beeinflussen, dass das gewünschte Ergebnis herauskommt.

Ist es ein Fortschritt, wenn öffentliche Studien herangezogen werden?

Im Prinzip ja: Deshalb ist es so wichtig für Konzerne wie Monsanto, den Tenor solcher Studien vorzugeben, zum Beispiel durch Beeinflussung. Wenn die Genehmigungsbehörde 30 Studien vorliegen hat und 25 kommen zu dem Schluss, Glyphosat sei unbedenklich, dann heißt es 25 zu 5, klare Sache.

Sind die Genehmigungsbehörden ahnungslos – oder sind das Mitspieler?

Sie müssen nur bei lobbypedia.de den Eintrag zur europäischen Lebensmittelbehörde EFSA lesen. Das ist ein Sumpf von Industrieleuten. Das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung BfR ist ebenfalls sehr industrienah. Unabhängige Wissenschaftler sprechen bei der Bewertung von Glyphosat durch das BfR von Irreführung und gravierenden wissenschaftlichen Mängeln.

Wie könnte eine Zulassung aussehen, die solche Vorgänge ausschließt?

Die Behörden dürfen keine industrieinternen Studien verwenden, sondern nur Studien, die publiziert wurden. Arbeiten, bei denen die Autoren Interessenkonflikte offenlegen oder bei denen nachgewiesen wurde, dass sie von den Konzernen finanziert wurden, dürften nicht herangezogen werden.

Und wer macht die notwendigen Untersuchungen, etwa zum Krebsrisiko?

Wir haben viele Biochemielabore an den Hochschulen. Die Genehmigungsbehörde könnte das ausschreiben: Hier ist die Substanz, wer will sie untersuchen? Und dann lässt man zehn Biochemielabore machen, finanziert durch öffentliche Mittel.

Wie kann man vermeiden, dass industrienahe Mitarbeiter in Behörden sitzen?

Das ist nicht einfach. Der Drang der Industrie, in Behörden und ihre Gremien reinzukommen ist groß. Es müsste in solchen Gremien zumindest eine Ausgewogenheit von Interessen herrschen. Aber eine Patentlösung habe ich keine.

Wie bewerten Sie Studien, die von Umweltorganisationen finanziert werden?

Selbstverständlich kommt eine von Greenpeace finanzierte Studie zu dem Ergebnis, dass die Dinge schädlich sind. Das gilt für alle Gruppierungen, die bestimmte Interessen verfolgen. Das Mindeste, was wir brauchen, wäre ein fairer Wettkampf der Meinungen, eine Parität.

Außerdem macht es für mich einen Riesenunterschied, ob Greenpeace oder der BUND eine Studie schreiben. Sie haben das Wohl der Menschen und der Umwelt im Blick, während die Konzerne ausschließlich den Profit ihrer Eigentümer im Auge haben. Denen ist es völlig egal, ob 99 Prozent der Menschen falsche Medikamente nehmen oder sich mit Pestiziden vergiften. Unser Kapitalsystem erzwingt eine Maximierung der Profite auf Biegen und Brechen.

Ganz schön systemkritische Sätze von einem ehemaligen Investmentbanker.

Investmentbanking war super spannend. Ich habe das sieben Jahre lang gemacht, aber im Laufe der Zeit gesehen, dass der Nutzen daraus nur sehr wenigen zufließt. Die Finanzkrise 2007 war für mich sehr wichtig, um darüber nachzudenken, was da geschieht und welche Kräfte da wirken. Das hat bei mir zu einer Umkehr geführt und ich habe mich für das Leben als Hochschullehrer entschieden. Davor war ich in Forschung und Lehre eher mainstreammäßig unterwegs.

Kommt Ihre systemkritische Haltung auch in den Vorlesungen durch?

Ich zeige den Studenten, dass man bei Investitionen und Wirtschaftlichkeitsberechnungen auch fragen muss, was das für Auswirkungen auf die Umwelt und die Menschen hat. Im Unterricht geht es darum, die Zusammenhänge umfassender darzustellen als nur einseitig im Sinne des Geldes.

Wer zahlt Sie, wenn Sie über gekaufte Wissenschaftler forschen?

Ich bekomme ein gutes Beamtengehalt und habe an der Hochschule die nötige Infrastruktur. Für mein Buch ‚Gekaufte Forschung’ habe ich Drittmittel einer Stiftung eingeworben, die an keine Bedingungen geknüpft waren.

Haben Sie wegen der Aussagen in Ihren Büchern schon mal Ärger bekommen?

Nach einem Interview im Spiegel über geplanten Verschleiß hatte ich eine Klageandrohung eines Herstellers auf dem Tisch. 30 000 Euro, wenn ich eine bestimmte Aussage wiederhole. Damals habe ich gekniffen und die Unterlassungserklärung abgegeben. Das ärgert mich heute noch.

Werden Sie nicht wütend, wenn Sie ständig über die Schattenseiten der Wirtschaft schreiben?

Mein Weg mit der Wut umzugehen ist, sie in die Öffentlichkeit zu tragen. Ich bin Hochschullehrer, Beamter auf Lebenszeit und darf sagen, was ich will. Dennoch muss ich aufpassen, dass ich nicht seelisch aus dem Gleichgewicht komme. Mir helfen dabei meine Familie, meine Kinder, wandern und viele positive Dinge anschauen, sonst wird man depressiv.

Christian Kreiß und Leo Frühschütz (© Privat)Verabredung an Gleis 5a. Unser Autor Leo Frühschütz traf Christian Kreiß (li) am Bahnhof in Ulm.

Zur Person

Interview Christian Kreiß (© Conny Geiger)
(© Conny Geiger)

Christian Kreiß

Der 55-jährige Professor lehrt an der Hochschule Aalen in Baden-Württemberg Finanzierung und Wirtschaftspolitik. Zuvor arbeitete er als Investmentbanker unter anderem für die Bayerische Landesbank und die Dresdner Bank. Kreiß forscht über den Einfluss von Konzernen auf die Wissenschaft ebenso wie über geplanten Verschleiß von Geräten oder die Macht der Werbung. Die Ergebnisse hat er in vier Büchern veröffentlicht und stellt sie auf Vorträgen und seiner Internetseite zur Debatte. Kreiß lebt mit seiner Frau und vier Kindern in der Nähe von München. www.menschengerechtewirtschaft.de

Erschienen in Ausgabe 07/2017
Rubrik: Ernährung

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Silvia

Noch ein Nachsatz:
Art. 20a GG lautet:
"Der Staat schützt auch in Verantwortung für die künftigen Generationen die natürlichen Lebensgrundlagen und die Tiere im Rahmen der verfassungsmäßigen Ordnung durch die Gesetzgebung und nach Maßgabe von Gesetz und Recht durch die vollziehende Gewalt und die Rechtsprechung."

Der Staat hat also die Pflicht, die Lebensgrundlagen zu schützen und muss bei Zuwiderhandeln einschreiten. Die Lebensgrundlagen sind aber bereits angegriffen, beschädigt oder teilweise zerstört, wenn erst die negativen Folgen abgewartet werden. Der Staat hätte hier m. E. die Pflicht, sogar präventiv zu handeln. Und zwar unabhängig von der EU.
Es kann nicht sein, dass der Verbraucher, der ein Dieselfahrzeug fährt, für das er Steuern zahlt, diskriminiert und aus den Städten verbannt wird, und andererseits Konzerne freie Hand haben, die Menschheit und die Flora und Fauna zu vergiften! Gegengutachten, die eindeutig belegen, das Glyphosat nicht sicher unbedenklich ist, liegen vor, z. B. von Pan Germany (2015).

Silvia

Ein guter und wichtiger Artikel! Es müsste einen Aufschrei geben, wie können sich Behörden derart betrügen lassen, zulasten der Verbraucher, die nahezu ohnmächtig sind, den Einsatz von Glyphosat und anderen schädlichen Substanzen zu verhindern? Wem dienen diese Behörden eigentlich? Und der Staat?
Leider regiert wieder und immernoch das Geld, nicht die Vernunft.

Kritische Leserin

Diesen Verdacht habe ich schon lange, dass Wissenschaft missbraucht wird oder gar manipuliert wird, bestes Bsp. die angeblich menschengemachte Klimaerwärmung.
Auch Wissenschaftler sind offenbar käuflich. Man kann auch ihnen nicht mehr trauen. Trotzdem gibt es immer wieder auch Ausnahmen, auch wenn es diese schwer haben im kapitalistischen Deutschland, sobald sie die Wahrheit aussprechen.

Hallo Frank (Kommentar vom 4.7.2017),
entweder ist die Argumentation etwas naiv oder einfach von den Konzernen selbst übernommen (also einfach ein gekaufter oder konzernintern erstellter Kommentar, ausgegeben als Privatkommentar). Jedenfalls sind die Aussagen zu den Anreizen der Konzerne falsch und widersprechen vollkommen allen wissenschafltichen Erkenntnissen unabhängiger Forscher. Die internen Studien manipulieren nach Strich und Faden. Falls herauskommt, dass sie falsch waren gibt es keine Strafen. Kann man nachlesen z.B. bei Goldacre, Ben: Die Pharma-Lüge. Wie Arzneimittelkonzerne Ärzte irreführen und Patienten schädigen, Kiepenheuer & Witsch: Köln 2013 oder "Glyphosate an Cancer - Buying Science: https://www.global2000.at/publikationen/glyphosat-und-krebs-gekaufte-wissenschaft.
Das Argument, dass die Ergebnisse geheimgehalten werden müssen ist richtig, wird aber sehr häufig vorgeschoben, um unbehelligt die Genehmigungen zu bekommen. Geheim gehaltenen Studien, die von keinen neutralen Wissenschaftlern überprüft werden können für die Zulassung zu verwenden ist ein vollkommenes Unding. Da wird allem Missbrauch tür und Tor geöffnet. Das hat sich mittlerweile selbst in der Politik herumgesprochen.
Mit freundlichen Grüßen
Christian Kreiß

Marc

Kreiß spricht nur über die Spitze des Eisbergs, wer konkret den Konflikt zwischen der Nahrungsmittelindustrie und Ernährungsempfehlungen lesen möchte kann sich von Colin Campbell ,,Interessen'' anschaffen.

Frank

Teilweise sind die Vorwürfe von Herrn Kreiß aber arg konstruiert. Zitat: <em>"Bis vor Kurzem haben Zulassungsbehörden ausschließlich industrieinterne Studien verwendet. Die wurden nie veröffentlicht (...) Denn bei seinen eigenen Studien kann ein Konzern die Rahmenbedingungen so wählen und beeinflussen, dass das gewünschte Ergebnis herauskommt."</em>

1.: Es gibt für Konzerne in den USA gar keinen Grund, ein gewünschtes Ergebnis in solche Studien zu schreiben. 2.: Es ist völlig nachvollziehbar, dass sie diese Studien intern halten. Warum?

1 In Europa haben wir das Vorsorgeprinzip, bei dem ein Produkt erst dann auf den Markt gebracht werden darf, wenn Schäden für die Konsumenten und die Umwelt ausgeschlossen werden können. In den USA dagegen kann man - vereinfacht betrachtet - ein Produkt auch so auf den Markt bringen, man hat dann nur das Risiko, dass man zu hohen Strafgebühren verklagt wird, falls das Produkt Schäden auslöst. Um sich gegen solche Klagen abzusichern, lassen US-Firmen deshalb meist Studien erstellen, in denen untersucht wird, ob die eigenen Entwicklungen Schäden auslösen könnten. Warum sollte eine solche Firma diese Studie fälschen lassen, so dass sie also das Ergebnis bringt: "Produkt ist ungefährlich"? Das wäre ja völlig bescheuert, da könnten sie das Geld für die Studie auch gleich ganz einsparen.

2. Da in solchen von den Firmen selbst erstellten Studien oft auch Firmeninterna erwähnt werden, werden diese Studien natürlich nicht veröffentlicht. Sonst könnte ja die Konkurrenz mitlesen. Diese Studien werden nur den Behörden vorgelegt, die für Risikobewertung u.ä. zuständig sind. Diese wiederum sind ebenfalls zur Geheimhaltung verpflichtet. Völlig logisch also, dass da nicht jeder mitlesen darf - egal, ob er Wissenschaftler ist oder nicht. Dazu kommt noch, dass die Firma ja ihre Studie selbst bezahlt hat, also ist es ihr Eigentum. Was sie damit macht, ob sie sie veröffenlicht oder nicht, ist allein ihre Angelegenheit.

Wo ist also das Problem? Eine Firma will sich selbst gegen Schäden absichern, die von ihrem Produkt ausgehen könnte, sie ist also an der Vermeidung solcher Schäden selbst interessiert. Sie bezahlt die dafür notwendige Untersuchung (warum sollte der Steuerzahler das tun?) und die Behörden können es lesen.