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Armes Schwein

© laensch/Photocase
Schweine hinter Gittern: Artgerecht geht anders. © laensch/Photocase

TIERWOHL Prangt ein Label auf dem Fleisch, lebte das Tier besser – wirklich? Ein Überblick über aktuelle Tierwohl-Label und deren Kriterien. Michael Billig

Nicht in Sicht

So soll das staatliche Tierwohl-Label aussehen. Wann es auf Produkten klebt, ist unklar.

Millionen Mastschweine in Deutschland werden zurechtgestutzt und eingepfercht, um sie an die Bedingungen der Massentierhaltung anzupassen. Ihre Ferkel werden ohne Betäubung kastriert, ihre Zähne abgeschliffen, ihre Schwänze gekürzt. Wenn eine Sau Nachwuchs bekommt, steckt man sie wochenlang in einen Kastenstand. Diese Käfige sind so eng, dass sich die Tiere kaum mehr bewegen können. In Schweden ist diese Praxis verboten. In deutschen Ställen aber ist all das Realität und nach der Nutztierhaltungsverordnung auch legal. Und verstößt doch gegen das Tierschutzgesetz, fand Greenpeace und ließ vergangenes Jahr ein Rechtsgutachten erstellen – das genau diese Einschätzung bestätigte.

Das Wohl der Tiere steht auf Platz eins – bei wem?

Inzwischen schlagen nicht nur die einschlägigen Organisationen Alarm. Auch immer mehr Verbraucher sorgen sich, wie dem Ernährungsreport 2018 zu entnehmen ist, den die Bundesregierung vorgelegt hat. Das Meinungsforschungsinstitut Forsa hat für diese Untersuchung mehr als 1000 Bundesbürger befragt. Zwei Drittel der Teilnehmer nannten – gefragt nach ihren persönlichen Erwartungen an die Landwirtschaft – das Wohl der Tiere auf Platz eins. Erstaunlicherweise gaben neun von zehn Bürgern an, dass sie für Lebensmittel aus tierfreundlicher Produktion auch mehr bezahlen wollen. Um das Fleisch, das aus tiergerechterer Haltung stammt, von anderen Erzeugnissen abzuheben, haben eine Reihe von Organisationen Label entwickelt. Die Namen klingen vielversprechend. Aber nicht alle bringen auch Verbesserungen.

Fakt ist: Ein einheitliches und für alle Betriebe verbindliches Siegel existiert nicht. Zwar hat Ex-Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt auf der internationalen Grünen Woche in Berlin im Januar ein staatliches Tierwohl-Label angekündigt. Doch das hat er auch schon vor einem Jahr getan und passiert ist seitdem nicht viel.Bislang ist nur bekannt, dass es sich um ein zweistufiges Label handeln soll und dass die „Eingangsstufe“ Schweinen bis zu 33 Prozent mehr Platz im Stall verspricht. Auch ist vorgesehen, die Zeit im Kastenstand auf vier Tage zu beschränken. Eine Garantie für Verbesserungen ist dieses Label nicht. Zum einen ist es freiwillig. Zum anderen seien die Kriterien zu niedrig.
„Sie sind kaum höher als die gesetzlichen Vorgaben und verdienen den Namen Tierwohl nicht“, sagt etwa Katrin Wenz vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND).

Die Agrarexpertin fordert nicht nur eine verbindliche Kennzeichnung, sie hat auch eine Idee, wie man sie umsetzen könnte. Wenz schlägt vor, sich an der Einstufung der Hühnereier von 0 bis 3 zu orientieren. Für Wurst und Fleisch würde das dann in etwa so aussehen: Stufe 0 für Bio, 1 für Kriterien wie bei Neuland. Stufe 2 müsse den Tieren zumindest mehr Platz garantieren und Stroh vorschreiben. Stufe 3 wäre das, was laut Wenz heute die Mehrzahl der Tiere erleiden muss: der gesetzliche Standard.

Mit dieser Einstufung könne man  die Verbraucher aufklären und so die Haltungsbedingungen für Tiere verbessern. Bei den Eiern habe es auch funktioniert, sagt Wenz: „Diese Kennzeichnung hat zu einem geschärften Bewusstsein geführt und infolgedessen auch dazu, dass Eier aus Käfighaltung ausgelistet wurden.“

Eine Idee, die anderenorts gerade gezündet hat. Das Handelsunternehmen Lidl will für sein Fleisch jetzt
im Alleingang eine vierstufige Tierhaltungskennzeichnung einführen – ähnlich der Eier-Kennzeichnung. Ein Beleg dafür, wie groß das Vakuum sei, das die Politik lasse, findet Peter Röhrig, Geschäftsführer des Bund Ökologische Lebensmittel (BÖLW). Und kommentiert weiter: „Wichtiger noch als die Kennzeichnung ist, dass es strengere gesetzliche Mindestanforderungen gibt, wie Tiere gehalten werden müssen.“ 

Neuland

Das „Neuland“-Siegel tragen Produkte, die unter den sehr strengen Richtlinien des gleichnamigen Verbandes entstanden sind. Für die Schweinemast heißt das: Bestandsobergrenze von 950 Tieren, strohbedeckter Untergrund und Tageslicht im Stall sowie das Verbot von Amputationen. Auch der Kastenstand für Sauen ist nicht erlaubt. Für alle Tiere gilt: Das Futter stammt aus der Region und ist frei von Gentechnik. Bio muss es aber nicht sein. Fleisch und Wurst von Neuland gibt es in ausgewählten Metzgereien und Hofläden sowie auf Märkten.

 

Für mehr Tierschutz

Der Deutsche Tierschutzbund hat ein zweistufiges Label für Produkte von Milchkühen, Legehennen, Masthühnern und Schweinen entwickelt und ist damit in Discountern und Supermärkten vertreten. 218 Betriebe halten ihre Tiere nach den Kriterien. Die „Eingangsstufe“ verlangt für jedes ausgewachsene Schwein 45 Prozent mehr Platz im Stall als vom Gesetzgeber vorgegeben. Bei der „Premiumstufe“ ist es doppelt so viel. Kastriert werden darf nur unter Betäubung. Das Kürzen von Schwänzen ist untersagt. Das Futter muss gentechnikfrei sein und Tiertransporte dürfen nicht länger als vier Stunden dauern.

Bio-Siegel

Es gilt für die meisten Nutztierarten und zählt zu den Siegeln mit den strengsten Kriterien. Es ist am bekanntesten und auf Produkten am weitesten verbreitet. Für Schweine wird der meiste Platz vorgeschrieben, außerdem Flächen zum Wühlen. Es gibt strenge Vorgaben zu Transport und Schlachtung, das Futter muss Bio sein. Zu unterscheiden ist zwischen Verbänden wie Biokreis, Bioland, Demeter, Gäa oder Naturland und der Öko-Verordnung der Europäischen Union (EU). Die setzt teils geringere Standards. So sieht die EU keinen Auslauf für Rinder vor. Produkte der Verbands-Bauern sind vor allem in Hofläden und im Bio-Handel erhältlich.

Tierschutz kontrolliert

Ebenfalls streng, aber sehr viel weniger verbreitet ist das Gütesiegel „Tierschutzkontrolliert“ der Stiftung „Vier Pfoten“. Es soll für die artgerechte Haltung von Schweinen, Rindern und Masthühnern stehen. Nach Angaben der Tierschutzstiftung ist derzeit aber nur Rindfleisch von einem einzigen Produzenten mit diesem Label ausgezeichnet. Im vergangenen Jahr lieferten 236 Betriebe insgesamt 3000 Ochsen diesem Hersteller zu. Das Fleisch gibt es in einigen Supermärkten in Süddeutschland zu kaufen.

Initiative Tierwohl LogoInitiative Tierwohl

Die „Initiative Tierwohl“ der konventionellen Lebensmittelbranche verfügt zwar über ein Siegel. Dies wird auch in Supermärkten ausgehängt. Auf Schweinefleisch-Produkte selbst gelangte es bislang aber nicht. Die Kunden können damit nicht sicher sein, dass ihr Fleisch im Korb tatsächlich von einem Betrieb stammt, der sich dieser Initiative angeschlossen hat. Für Geflügelfleisch soll sich das ab April ändern. Die Verbesserungen, die diese Initiative für Schweine und Geflügel anstrebt, reichen kaum über gesetzliche Standards hinaus. Rinder und andere Nutztiere nimmt sie zudem aus.

Erschienen in Ausgabe 04/2018
Rubrik: Ernährung

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incl. 'http://'
Leonie

Danke für den Artikel "Armes Schwein".
Wir müssen endlich begreifen, dass Fleischkonsum mit enormen Tierleid zusammenhängt.
Nicht nur wie im Artikel angemerkt, Kastration ohne Betäubung, Schwänze kürzen usw.
Es ist viel schlimmer, als viele von uns denken.
Im Film H.O.P.E kann sich jeder ein Bild davon machen
kostenfrei anschauen:
YouTube: https://youtu.be/J0YHjPHm-Sc?t=4229

Leider ist aber nicht nur der Konsum von Fleisch, sondern fast aller tierischer Produkte mit Tierleid verbunden.
Ganz oben auf der Liste stehen meiner Meinung nach die Milchprodukte.
Für mich als Mutter ist es unvorstellbar, dass man Kühen tagtäglich kurz nach der Geburt ihre Babys wegnimmt und diese nicht bei ihrer Mutter trinken dürfen und ohne die aufwachen müssen.

Bitte unbedingt weiter so fleißig darüber berichten.
Ich denke nur so begreifen wir es.

Lydia Eberle

was sind wir nur für menschen geworden, billiges Fleisch egal wie es den Tieren geht, hoffe nur das unsere Politiker endlich in die Pötte kommen und sich für die Tiere einsetzen. Auch Tiere fühlen Schmerz und haben sehr viel Gefühl